Heteromänner sind heute schwul

Wie stark sollten wir uns über Queerbaiting aufregen?

Lesbische Love Triangles hier, non-binäre Charaktere dort – LGBTQ-Repräsentation wird heute auch im Mainstream groß gefeiert. Und wie bei jeder guten Party gilt: Irgendwann erscheinen Gäste, die niemand eingeladen hat. Darf ich vorstellen: die Queerbaiter. Nachdem Instagram-Kanäle wie @gayswhomemewell oder @blockedongrindr queere Meme-Imperien kreiert haben, war es nur kapitalistisch-logisch, dass seelenlose Influencer ohne kritisches Denkvermögen früher oder später das TikTok-Trittbrett besteigen würden. Cis-hetero Personen imitieren oder eigenen sich queeren Content auf Social Media an, um damit neue Zielgruppen zu erreichen. Konkret: Brandon mit Frau und Kind reibt seinen Schritt ohne Taktgefühl in die Kamera, untertitelt wird mit „Who wants to be my bottom tonight?“. Es entstehen hunderttausende Views, viel Hass und die Frage: Ist das sein Ernst?

Disclaimer: Der Vorwurf des Queerbaitings bezieht sich nicht nur auf cis Männer, er trifft genauso auf einige Frauen zu. Da sich der Diskurs jedoch hauptsächlich an cis Männern aufhängt und ich zudem zu ihrer (desinteressierten) Beute zähle, fokussiert mein Artikel diese Perspektive.

Geteilte Lager, ungeteilte Aufmerksamkeit

Es ist also offiziell: Auch Heteromänner wollen 2021 schwul sein. Solange die Klicks stimmen zumindest. Innerhalb der Community ist das Geschrei entsprechend groß. Teils sind es lustvoll quiekende Gays, noch mehr jedoch Aktivist*innen, die von offensive bis harmful das gesamte Repertoire akademisch verbalisierten Entsetzens leidenschaftsvoll abspulen. Das schlecht gemachte Scharade spielen sei eine schamlose Zurschaustellung von Hetero-Privilegien. Die Illusion der Lebensrealität von LGBTQ-Personen würde für Aufmerksamkeit kreiert, im Alltag aber nicht mit den negativen Aspekten dieser, der Diskriminierung, umgegangen werden müssen. Auf der anderen Seite gibt es genug schwule Männer, die gut und gerne 12,99 Euro für ein schlampig geführtes Onlyfans-Abo ihres liebsten Queerbaiters ausgeben. Obwohl oder gerade weil der Typ eigentlich hetero ist und in Micaela-Schäfer-esquer Manier unverfängliche Zärtlichkeiten mit Queerbait-Kollegen unter der Dusche abfilmt. Wie gilt es diese kulturelle Skurrilität also zu bewerten?

Seit wann ist Social Media echt?

Habe ich was verpasst oder glauben wir neuerdings, TikToker*innen persönlich zu kennen? Nach meinem letzten Kenntnisstand waren die sozialen Medien noch ein Sammelbecken aufgeplusterter Mindfulness und ausgehöhlter Persönlichkeiten, die ihren Feed mit zunehmender Audienz exponentiell kuratierten. Während dieser Umstand für Jugendliche und Kinder zweifelsohne gefährlich ist, sprechen wir hier mit und über Erwachsene. 

Ich habe Schwierigkeiten damit, vermeintlich queerbaitenden Männern akute Heterosexualität zu unterstellen, wenn wir diese Menschen nicht kennen. Ich wiederhole: Wir. Kennen. Diese. Leute. Nicht. Eine Frau und Kind auf dem separaten, thirst-trap-losen Account beweisen nicht die Sexualität eines Mannes. Sie beweisen, dass er eine Frau und ein Kind hat. (Und selbst das kann man nicht wirklich nachprüfen.) Hat unsere Community plötzlich das Konzept des closeted Seins (Anm. d. Redaktion: Closeted und in the closet sind Metaphern für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle und LGBTQ+-Personen, die ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität und deren Aspekte, einschließlich der sexuellen Identität und des Sexualverhaltens, nicht offengelegt haben. Der Begriff kann auch verwendet werden, um jemanden zu beschreiben, der einen Teil seiner Identität aufgrund von sozialem Druck verbirgt)vergessen? Ist Bi-Curiosity mittlerweile illegal? Sicherlich sind die meisten der angeprangerten Queerbait-Männer in der Tat heterosexuell. Und arrogant, weil sie genau wissen, was sie da tun. Doch in welch bizarre Doppeldeutigkeit gelangen wir als Community, indem wir anderen eine konkrete Sexualitätsnorm zuweisen? Was, wenn einige der Queerbait-Videos verschrobene Experimente mit demselben Geschlecht sind, die anders kodiert nicht möglich wären? Wieso fällt uns das Tolerieren von Uneindeutigkeit so schwer? Identitätspolitik ist kein schmutziges Wort, nur hat sie zu oft ‘nen Stock im Arsch.

Wo endet Queerbaiting und wo beginnt Pornographie?

Die Grenzen zwischen TikTok-, Instagram-Profilen und den dort verlinkten OnlyFans-Accounts verschwimmen in der Welt des Queerbaitings. Denn wo genau fängt Pornografie an? Beim fast nackten Tanzen, mit eindeutigen Moves auf TikTok, oder bei allem, was auf OnlyFans zu sehen ist, und sei es ein angezogenes Selfie im Fahrstuhl? Die Frage ist relevant, da die Pornobranche anhand des aktuellen Diskurses ein Paralleluniversum fernab möglichen Queerbaitings zu sein scheint.

Gay for Pay ist hier seit Jahrzehnten gang und gäbe: Heteromänner drehen aufgrund der vielfach besseren Bezahlung (und Nachfrage) schwule Sexfilme. Problematisch fand dies zuletzt Tyra Banks in ihrer Talkshow von 2009, als das Thema Gay for Pay dort einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Auch diese Sexarbeiter geben vor, schwul zu sein, um damit Geld zu verdienen. Ja, viele von ihnen aus finanzieller Not, entgegen der typischen Queerbait-Verdächtigen auf Social Media. (Auch das ist jedoch nur gemutmaßt.) Doch wendet man dieses Argument an, entspinnt sich vielmehr eine Klassismus bezogene Problematik und weniger der Bedarf nach Festnagelung der wahren Sexualität jener Performer. Warum verstehen wir Pornografie als offensichtlich unwahr, während das Queerbaiting auf Instagram und TikTok nahezu ausschließlich soft-pornografischen Content pusht?

@killerpumpkins

i’m sick of this discourse. queerbaiting is NOT celebs/influencers (perhaps closeted!) following what you believe to be a “gay stereotype”

♬ original sound - justina

Fazit: So stark rege ich mich über Queerbaiting auf

Ohne Aufregen und Stress bewegt sich nichts. Doch wer sich nur aufregt und stresst, geht daran zugrunde. Die Zwickmühle des gesellschaftlichen Aktivismus wird am Beispiel des Queerbaitings wieder einmal deutlich. Ist es absurd und überheblich, mit queer-gefaketen Online-Präsenzen Aufmerksamkeit und Geld zu verdienen? Auf jeden Fall. Doch ist es unbedingt vertretbar, vermeintliche Queerbaiter anhand ihres Instagram-Profils zu verurteilen? Ich denke nicht. Die Diskussionen um das Anlocken der queeren Beute sind anhand der Ambivalenz von Sexualität im Dschungel der sozial-medialen Unwahrheiten nicht eindeutig entscheidbar. Und wollten wir es entscheiden, wie bewerten wir dann Baiting-Pornografie?

Fest steht: Auch durch laute Kritik entstehen Klicks und Erfolg. Und durch das vehemente Verbieten werden auch jene Baiter geshamet, die ein authentisches Interesse an sexuellen Experimenten haben. Ich empfehle daher meinen Umgang in Sachen Queerbaiting: sehen, lachen, weiter scrollen.

Let the kids be queer for a day!

  • Fotos
    Wikicommons und Unsplash

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