Dienstart – die Kunstkolumne: Die Frau der Stunde heißt Hilma af Klint

Die Pionierin der Abstraktion ist weiblich und ihr solltet ihren Namen kennen

Als Hilma af Klint im Jahr 1906 ihre ersten abstrakten Bilder malte, betrat sie ein noch völlig unbekanntes Terrain moderner Kunst. Heute wissen wir, dass die schwedische Künstlerin zu den ersten Kunstschaffenden der Abstraktion zählte. Schon klar, im öffentlichen Kanon galten lange Zeit Künstler wie Wassily Kandinsky, El Lissitzky oder Piet Mondrian als Begründer der modernen Kunstrichtung, Hilma af Klints Name war hingegen jahrzehntelang unbekannt. Wie kann es sein, dass eine so wichtige Künstlerin über 100 Jahre lang in Vergessenheit gerät?

Die schwedische Künstlerin wurde 1862 in Stockholm geboren und studierte dort an der Akademie der Bildenden Künste. Neben Porträt- und Landschaftsmalerei beschäftigte sie sich hauptsächlich mit naturwissenschaftlichen Studien. Die konventionelle Malerei, die sie in diesen Jahren erlernte, wurde im Laufe der Zeit ihre Haupteinnahmequelle. Erst im Alter von 44 Jahren wandte sie sich von der akademischen Malerei der abstrakten Kunst zu.  

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Courtesy: Hilma af Klint Foundation

Abstraktion und Spiritismus 

Die Abstraktion als Kunstrichtung kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf und lässt sich relativ gut mit „Gegenstandslosigkeit“ zusammenfassen. Die Darstellungen zeigten keine realen Objekte mehr und Künstler*innen widmeten sich neuen Formen, Farben und  Anordnungen. Dahinter steckte die Suche nach innovativen künstlerischen und politischen Positionen und Kompositionen zu Beginn der Jahrhundertwende. Selbstverständlich war Hilma af Klint nicht die einzige Künstlerin der Moderne: Die russisch-französische Malerin Sonia Delaunay-Terk und die Schweizerin Sophie Taeuber-Arp sind nur zwei von vielen wichtigen Wegbereiterinnen abstrakter Kunst in Europa. 

In Stockholm traf af Klint auf Anna Cassel, mit der sie später in der Künstlerinnengruppe „The Five“ (schwedisch: De Fem) zusammenarbeitete. Neben af Klint und Cassel waren auch Cornelia Cederberg, Sigrid Hedman und Mathilda Nilsson Teil der Arbeitsgruppe. Sie alle teilten ähnliche Überzeugungen und nahmen gemeinsam an Séancen teil, in denen sie Kontakt zu den sogenannten "High Masters" aufnahmen. „The Five“ setzten sich also intensiv mit dem Übersinnlichen auseinander und hielten die Botschaften höherer Geister schriftlich fest. Af Klint beschreibt in ihren Notizbüchern sehr detailliert, wie die Séancen ihr Eingebungen und Aufträge zu neuen Arbeiten einbrachten.

Durch diese Herangehensweise entwickelte Hilma af Klint schon vor 1900 eine experimentelle Art des Zeichnens. In tranceähnlichen Zuständen malte sie fast automatisiert, die dabei entstandenen geometrischen Formen und Schemata sollten innere und äußere Eindrücke vereinen. Spiritismus spielte für sie eine essenzielle Rolle: Sie wollte das Unsichtbare auf der Leinwand sichtbar machen und das System der Welt und des Universums darstellen. Was einigen vielleicht esoterisch vorkommt, war Hilma af Klints Versuch, die Welt mit allen Sinnen zu begreifen. In ihrer Malerei verbanden sich natürliche Formen mit Mathematik und komplexen philosophischen Ideen. Nebenbei besaßen die bunten Kreise, Helices und Spiralen aber auch einen hohen ästhetischen Wert. Besonders eindrucksvoll ist die zehnteilige Serie „The Ten Largest“, die af Klint 1907 auf drei Meter hohen Leinwänden malte. 

War Hilma af Klint ihrer Zeit voraus?

Eine Tatsache verwundert: Hilma af Klint legte testamentarisch fest, dass ihre Werke erst 20 Jahre nach ihrem Tod 1944 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Warum hat sie so entschieden? 

Oft wird vermutet, af Klint hätte die öffentliche Aufmerksamkeit gescheut. Diese Theorie scheint jedoch nicht zuzutreffen – im Gegenteil: Mit ihrem „Museum im Koffer“ reiste sie unter anderem nach London und Amsterdam und versuchte, internationale Bekanntheit zu erlangen. Das „Koffermuseum“ bestand aus Schwarz-Weiß-Fotografien ihrer metergroßen Werke, die sie nachträglich koloriert hatte. Die Fotos waren deutlich handlicher als die schweren Leinwände und gaben die visuellen Eindrücke auf kleinem Format wieder. Alle 193 Werke, die in den Jahren zwischen 1906 und 1915 entstanden sind, ließ af Klint auf diese Weise als Miniaturversion reproduzieren und stellte sie zu Alben zusammen. Sie bezeichnete ihre Arbeit als „bahnbrechend“, war stolz auf ihre Malerei und wollte sie auch außerhalb Schwedens präsentieren. Statt Erfolg erlebte sie jedoch vor allem Rückschläge: 1913 stellte sie einige ihrer Werke bei einer Gruppenausstellung in Stockholm und 1928 sogar in London aus, die öffentliche Resonanz war allerdings mäßig und ihre Enttäuschung darüber groß.

Die Kunstgeschichte hat ein Problem

Obwohl af Klints Arbeiten parallel zu den abstrakten Werken männlicher Künstler wie Mondrian, Malevich und Kandinsky entstanden sind, wurde ihre Malerei lange Zeit missachtet und unterschätzt. Ihre Bilder wurden nicht auf dem Kunstmarkt gehandelt oder ausgestellt und schon gar nicht wurde die Künstlerin als „Wegbereiterin der Abstraktion“ betitelt. Ich gebe zu, dass es in diesem Kontext frech erscheinen mag, dass ich sie im Titel als „Frau der Stunde“ bezeichnet habe. Diesen Titel hätte Hilma af Klint schließlich schon zu Lebzeiten verdient. 

Vielleicht fragt ihr euch, wie Kunstgeschichte und Öffentlichkeit die Künstlerin so lange verdrängen konnten. Und vermutlich ahnt ihr bereits die Antwort: Strukturelle Benachteiligungen in der Gesellschaft machen leider auch vor dem Kunstbetrieb nicht Halt. Bereits 1971 hat die amerikanische Kunsthistorikerin Linda Nochlin in ihrem Essay „Why Have There Been No Great Women Artists?“ die „Unsichtbarkeit“ von Künstlerinnen thematisiert. Obwohl es sie schon immer gegeben hat, fehlte es Akteurinnen in der Kunstwelt häufig an Förderung, Aufmerksamkeit, Zugang zu Kunstinstitutionen und Ausbildung. Hier zeigt sich ein großes Problem der Kunstgeschichte: Sie ist extrem männlich dominiert. Hilma af Klint ist dafür ein bezeichnendes Beispiel: Gerade weil ihre Geschichte nicht erzählt und ihr Werk nicht erforscht wurde, interessierte sich auch die Öffentlichkeit nicht für sie. 

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Mittlerweile hat sich zumindest ein bisschen was getan. Feministische Bewegungen haben dafür gesorgt, dass Frauen in einigen Teilen der Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit bekommen und ihre Rechte einfordern können. Auch Hilma af Klint bekommt nun die Wertschätzung, die sie verdient hat. Trotzdem sind noch immer große Teile der Kunstwelt von Männern beherrscht. Das betrifft nicht nur bildende Künstler, sondern auch Kuratoren, Museumsleiter oder Kunstkritiker. Immer noch werden Frauen übersehen, nicht ernst genommen oder nur addierend zu ihren männlichen Kollegen genannt. Die Kunstgeschichte muss nicht nur umgeschrieben werden, sie sollte auch aus Fällen wie Hilma af Klint lernen und ihren Umgang mit zeitgenössischen Künstlerinnen hinterfragen. Statt sich also allzu sehr für die „Wiederentdeckung“ von Malerinnen zu rühmen, müssen strukturelle Probleme angegangen und nicht aufgeschoben werden – sonst geht uns morgen die nächste Pionierin durch die Lappen.

Denjenigen, die mehr über Hilma af Klint erfahren möchten, empfehle ich die wunderbare Biographie „Die Menschheit in Erstaunen versetzen: Hilma af Klint" von Dr. Julia Voss. Zusätzlich ist dieses Jahr auch der Film "Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint" erschienen. Da die Kinos aktuell geschlossen sind, könnt ihr euch den Streifen hier ansehen.

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