DienstArt – Die Kunstkolumne: Die künstlerische Intelligenz

They just can’t get enough: Eine Kolumne über malende Maschinen und die Kunst, andere für sich arbeiten zu lassen

Im Oktober vergangenen Jahres gab es im New Yorker Auktionshaus Christie’s eine Premiere: Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein Kunstwerk versteigert, das vollständig von einer Künstlichen Intelligenz (KI) gemalt wurde. Für die Entstehung des Gemäldes, das sich „Edmond de Belamy“ nennt, ist unter anderem das Pariser Kollektiv „Obvious“ verantwortlich, das den Algorithmus programmierte. Versteigert wurde das Werk für einen Zuschlagpreis von umgerechnet 380.000 Euro.  

„Edmond de Belamy“, 2018, Quelle: wikimedia commons

Auf den ersten Blick erscheint das Bild eher unscheinbar: Dargestellt ist ein Mann in dunkler Kleidung mit weißem Kragen, sein Gesicht und seine Umrisse sind verschwommen und das Gemälde wirkt unvollendet. In diesem Fall ist die Entstehungsgeschichte des Werkes die Besonderheit: 

Produziert wurde das Gemälde durch einen sehr selbstkritischen Algorithmus, der aus zwei Instanzen besteht und sich fortlaufend selbst überprüft: In den malenden Teil, den „Generator“, wurden vor dem Produktionsprozess mehrere tausend Porträts eingespeist, von denen er lernen konnte. Die Gemälde stammen aus den letzten sieben Jahrhunderten und lieferten somit eine große Bandbreite an Vorbildern. Der „Generator“ beginnt dann mit dem Malen neuer Werke und versucht den kontrollierenden Teil des Algorithmus, den sogenannten „Discriminator“, davon zu überzeugen, dass diese von Menschenhand stammen. Letzterer bewertet und prüft die neu entstandenen Kunstwerke dann auf ihre Individualität. 

In diesem Fall hat der Algorithmus unterschrieben

Diese Technologie nennt sich GAN (Generative Adversarial Networks) und wurde von dem amerikanischen Informatiker Ian Goodfellow (*1987) erfunden. Der Name „Belamy“, den die Herren von „Obvious“ ihrer Werkreihe gaben, ist Goodfellow zu Ehren an seinen Nachnamen angelehnt. Aus seiner Feder stammt auch der Code, mit dem das versteigerte Werk unten links signiert ist: „min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]“. In der konventionellen Kunstgeschichte bürgt die Signatur für den/die Künstler*in – in diesem Fall hat der Algorithmus unterschrieben. 

Eine weitere Person, die an der Entstehung des Werkes beteiligt war, ist der Künstler Robbie Barrat, der selbst mit KI arbeitet und den besagten Code als Open Source Lizenz öffentlich zugänglich gemacht hat. Die Versteigerung des Werkes und den damit einhergehenden Trubel um das Kollektiv „Obvious“ verfolgte er mit Skepsis. Seine Bekanntheit hat „Edmond de Belamy“ also mehreren Personen zu verdanken: Den Entwickler*innen des Codes, Forscher*innen in der ganzen Welt, die mit künstlicher Intelligenz  arbeiten und jene, die daraus ihre eigene Marketing-Strategie entwickeln und verkaufen. 

„The Next Rembrandt“, 2016, Quelle: thenextrembrandt.pr.co

Die Idee einer „künstlerischen“ Intelligenz ist jedoch nicht neu. Schon 2016 machte das Projekt „The Next Rembrandt“ Schlagzeilen. Ein Computer wurde mit 3D-Scans von Gemälden des niederländischen Malers gefüttert und ein Algorithmus erstellte im Anschluss ein Bild, das ebenfalls aus der Feder des Künstlers hätte kommen können – wenn er nicht schon im Jahr 1669 verstorben wäre. In diesem Fall hat die KI einfach sehr genau abgeguckt – im Gegensatz zur Belamy-Serie ging es hier nicht darum, ein völlig neues Gemälde zu erstellen, sondern eines, das wichtige Eigenschaften der gescannten Rembrandt-Vorbilder vereint. Auch hinter diesem Projekt steht selbstverständlich ein ganzes Team von Programmierer*innen, Wissenschaftler*innen und Expert*innen.

Wer kann als rechtmäßige*r Urheber*in des Werkes bezeichnet werden? Kann ein Computercode geistiges Eigentum sein? Nicht nur bei Kunst, die in Gemeinschaftsarbeit entstanden ist, stellt sich die unromantische aber notwendige Frage nach dem Urheberrecht.

„I want to be a machine“

Andy Warhol

Die Idee, dass Künstler*innen andere Personen für sich malen lassen, existiert schon seit mehreren Jahrhunderten. Bleiben wir doch beim Beispiel von Rembrandt van Rijn: Zur so genannten Rembrandtschule zählen all jene Maler, die sich der Malweise des Barockkünstlers verpflichteten. Viele Künstler, die in seiner Werkstatt arbeiteten, stellten ihre eigenen Fähigkeiten in seinen Dienst und kopierten, um sich seinen Stil perfekt anzueignen, gezielt seine Werke. Aus diesem Grund ist es heutzutage oft mit viel Arbeit verbunden, herauszufinden, ob ein bestimmtes Bild wirklich vom Maler selbst oder von einem seiner zahlreichen Schüler gemalt wurde. Obwohl es qualitativ kaum einen Unterschied macht, steigt und fällt der Wert des Werkes durch ebendiese Information. 

Auch Michelangelo begann seine Karriere in einer Werkstatt, nämlich der des italienischen Malers Domenico Ghirlandaio in Florenz. Dort wurden mehrere Assistenten gleichzeitig beschäftigt, die Kopien anfertigten, einfache Arbeiten übernahmen und nebenbei als Lehrlinge das Handwerk der Freskomalerei erlernten. Einerseits galt es natürlich als Ehre, für einen so bedeutenden Maler tätig zu sein. Auf der anderen Seite gab es selten die Möglichkeit zur Selbstentfaltung und die in der Werkstatt entstandenen Arbeiten wurden unter dem Namen des Meisters veröffentlicht.  

Ähnlichkeiten zu den Werkstätten der Renaissance gibt es auch im 20. Jahrhundert: Zu den berühmtesten Produktionsorten von Kunst zählen wohl Andy Warhols New Yorker Studios „The Factory“. Warhol vertrat die Überzeugung, dass Kunst ein Geschäft sei und die Produktion immer mehr von Maschinen übernommen werde. So verwundert es nicht, dass er einst gesagt haben soll: „The reason I'm painting this way is that I want to be a machine” Die Möglichkeit der technischen Vervielfältigung erleichterte die serielle Produktion von Kunst. Andy Warhol beschäftigte zahlreiche Assistent*innen, die sich in seiner Factory mit der Herstellung von Drucken beschäftigten. Nebenbei war der Ort Treffpunkt für die Kunst- und Kulturszene der 1960er Jahre - musikalische Größen wie Bob Dylan und Jim Morrison oder die Künstlerin Yoko Ono waren häufiges Publikum.  

Olive Oil, © Jeff Koons, 2003, Quelle: wikiart

Auch heute noch brummt das Geschäft mit der Kunst: Jeff Koons beispielsweise ist bekannt für seine „Kunstfabriken“, in denen er bis zu 100 Assistent*innen und Handwerker*innen für sich arbeiten lässt. Koons übernimmt die Rolle des Ideengebers, der die Produktion überwacht, nach seinen eigenen Entwürfen ausführen lässt und am Ende seinen Namen für das Kunstwerk hergibt. Auf diese Weise entstehen innerhalb kürzester Zeit große Werkserien im Stil des Künstlers. Es handelt sich um eine regelrechte Massenfabrikation von Kunst, die natürlich sehr gewinnbringend ist - Kunst und Kapitalismus geben sich hier wohlwollend die Hand. Nicht ohne Skandale: 2016 wurde laut, dass einige von Koons Mitarbeiter*innen sich gewerkschaftlich organisieren wollten und daraufhin entlassen wurden, das behauptet diese Quelle. Auch andere zeitgenössische Künstler wie Damien Hirst oder Antony Gormley sind dafür bekannt, keinesfalls allein für die Produktion ihrer Werke verantwortlich zu sein. Was am Ende zählt, sind die Signatur und die Idee – zumindest die sollten vom Künstler stammen. 

Wir wollen ein bisschen Seelen-Striptease!

Andere die eigene Arbeit erledigen zu lassen, hat mehrere Vorteile: Zeitersparnis, höhere Produktion und im Endeffekt mehr Gewinn. Die Idee einer Kunst kreierenden Maschine ist zumindest originell und zeitgemäß. Sie verdeutlicht, wozu Computer fähig sein können und gibt uns vielleicht auch einen Einblick in die Zukunft der Kunstproduktion. Gleichzeitig wird uns der Spiegel vorgehalten und wir sehen, wozu Massenproduktion und ein unerschöpfliches Interesse an neuen, innovativen Ideen führen können. Im Falle vieler Factories ist das Ergebnis Ausbeutung von Arbeitskräften und ein unterbezahlter Job ohne Anerkennung. 

Hier liegt der Haken: Wollen wir denn überhaupt ein Kunstwerk von der Stange? Ein Bild, das anonyme Künstler in einer Fabrik hergestellt haben oder ein Gemälde, das durch einen Algorithmus erzeugt wurde? Man mag es für eine hoffnungslos naive Idee halten, Kunst zu wollen, die nicht dreimal durch den kapitalistischen Fleischwolf gedreht wurde. Vielleicht ist die Vorstellung überholt, dass Bilder uns Hinweise auf die vermeintlichen Gefühle und Umstände des Künstlers oder der Künstlerin offenbaren. Aber wir wollen eben doch ein bisschen Seelen Striptease! Artifiziell erstellte Kunst ist zwar bemerkenswert und kann sicherlich auch auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten werden. Ob sich die KI gegenüber dem Individuum dauerhaft durchsetzen wird, ist fraglich, da es eben doch um menschliche Kreativität geht, abseits der vorprogrammierten Absehbarkeit. 

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    Flowers, Andy Warhol, 1970, Quelle: wikiart.org

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