DienstArt – Die Kunstkolumne: Wie riecht die Venus von Milo?

Ist die Kooperation zwischen dem Louvre und dem Pariser Parfum-Label Buly 1803 ein olfaktorischer Geniestreich oder stinkt diese Marketing-Aktion zum Himmel?

Von der Presse hochgelobt wird derzeit die Zusammenarbeit zwischen dem meistbesuchten Museum der Welt, dem Pariser Louvre, und dem ebenfalls aus der französischen Hauptstadt stammenden Label Officine Universelle Buly, auch Buly 1803 genannt. Unter dem Motto „From Museum to a Perfume“ wurden acht internationale Parfümeur*innen beauftragt, Düfte zu kreieren, die von wichtigen Werken der Pariser Kunstinstitution inspiriert sein sollen.

Wer wollte nicht schon immer wie die Venus von Milo riechen – ja, wer eigentlich?

Die als Vorlagen dienenden Kunstwerke durften frei gewählt werden und die Entscheidung fiel auf waschechte Klassiker: Unter anderem kommen die Venus von Milo, die Nike von Samothrake oder die Badende von Valpinçon in den Genuss einer eigenen Duftlinie. Des Weiteren suchten sich die Parfümeur*innen zum Beispiel „Conversation in a Park“ von Thomas Gainsborough oder „Joseph als Zimmermann“ von Georges de la Tour als bildliche Ideengeber für ihre Kreationen aus. Die Abbildungen zeigen Männer, Frauen und Personengruppen - es handelt sich also durchaus um Unisex-Düfte, wenn man die Unterscheidung in männlich und weiblich überhaupt vornehmen möchte.

Die Parfums kosten je 150 Euro und sind im Eingangsbereich des Louvres und auf der Website erhältlich. In dem vom Einrichtungsstil des 19. Jahrhundert nachempfundenen Shop im Foyer des Museums kann man außerdem parfümierte Postkarten, Duftkerzen und Seifen erstehen.

Nun stellt sich die Frage: Wer wollte nicht schon immer wie die Venus von Milo oder die Nike von Samothrake riechen – ja, wer eigentlich? Die teuren Düfte werden natürlich nicht nach jahrhundertealter Leinwand oder antikem Gestein müffeln. Auch, wenn diese Vorstellung durchaus lustig ist, griffen die Parfümeur*innen tiefer in die Assoziationskiste: Die Statue der Nike von Samothrake beispielsweise kommt ursprünglich von der griechischen Insel Samothraki. Nun ja, der von ihr inspirierte Duft enthält Noten von Myrrhe, Tuberose und Magnolie und die wachsen schließlich auch in Griechenland – klingt logisch, oder? In diesem Fall ging es den Macher*innen wohl um den Vorbildcharakter der Nike: Die griechische Siegesgöttin verkörpert Macht, Kampfgeist und natürlich Erfolg. Klar, danach möchten wir alle gerne riechen. Abgesehen davon ist die Statue, das hat sie mit der Venus von Milo gemeinsam, seit geraumer Zeit Diskussionsobjekt bezüglich Rückführung von Kulturgut. Statt, wie seit Jahren von Griechenland gefordert, in ihre ursprüngliche Heimat zurückgebracht zu werden, hat sie nun immerhin ihren eigenen Duft bekommen. Das sollte sie für die nächsten Jahre ruhig stellen.

Wir können Kunst sehen und manchmal berühren - warum also nicht auch riechen?

Das Gemälde „The Bolt“ von Jean-Honoré Fragonard wird ebenfalls olfaktorisch interpretiert. Das Parfum beinhaltet Noten von Lilie, Kastanie und Apfel. „The Bolt“ wurde 1777 gemalt und wird oft als Szenerie stürmischer, verbotener Liebesspiele interpretiert. Viel diskutiert wird dennoch, ob die Dargestellte wirklich ebenso große Leidenschaft empfindet wie ihr Partner, der hier den namensgebenden Riegel vor die Tür schiebt. Der gewaltsame Aspekt der Handlung, der zum Beispiel durch die angedeutete Flucht oder den umgeworfenen Stuhl angedeutet ist, wird bei der Beschreibung oft vernachlässigt. Dass es sich bei der Darstellung vermutlich um eine Vergewaltigungsszene handelt, wurde auch von den Parfumeur*innen geflissentlich übersehen. Stattdessen kann man nun wie ebenfalls abgebildete Apfel riechen und ich frage mich unweigerlich, ob ich die Botschaft dieses Kunstwerks tagtäglich auf der Haut tragen möchte.

Grundsätzlich spricht natürlich nichts gegen die Idee, sich Gedanken über den Geruch eines Bildes (oder besser eines Bildinhalts) zu machen. Kunst als multimediale Erfahrung ist sogar etwas sehr Erstrebenswertes: Wir können Kunst sehen und manchmal berühren - warum also nicht auch riechen? In der Kunstgeschichte hat schon Marcel Duchamp mit Düften experimentiert. Auch die zeitgenössische Künstlerin Sissel Tolaas nutzt Gerüche als wirkungsvolles Motiv ihrer Arbeiten. Eine gute Idee wäre zum Beispiel gewesen, die entwickelten Düfte direkt im Ausstellungsraum zu präsentieren – quasi als direkte Erweiterung des Bildes. So könnten alle Besucher*innen Teil haben an den kreativen Kreationen und selbst die Brücke zwischen Sehen und Riechen schlagen. Stattdessen ist dieser Genuss aber denjenigen vorbehalten, die das Privileg besitzen, sich im Museumsshop parfümierte Postkarten oder teure Flakons zu kaufen. Sicherlich werden sich einige gutbetuchte Besucher*innen dieses Erlebnis nicht entgehen lassen wollen – Prestige ahoi!

„Drinks mit der Mona Lisa“

Die Schiene, mit bedeutenden Labels zu kooperieren, fährt der Louvre schon länger. Seit Anfang 2019 werden in Zusammenarbeit mit Airbnb unterschiedliche Aktivitäten in dem geschichtsträchtigen Gebäude verlost – unter anderem auch eine komplette Nacht im Museum. Ein weiteres Beispiel ist die im Frühjahr erschienene gemeinsame Uhren-Kollektion mit Swatch. Auch als Kulisse für den Videodreh zu „Apesh!t“ von Jay-Z und Beyoncé stand der Louvre bereitwillig zur Verfügung und bekam auf diese Weise die popkulturelle Publicity des Jahres. Bei der Kollaboration mit Buly 1803 ist nun eine weitere sinnliche Erfahrung entstanden, die die eigentliche Kunst allerdings nur entfernt betrifft. Hierbei handelt es sich, das muss man der Marketingabteilung des Louvres zugestehen, um eine ziemlich unverhohlene Strategie, Merch unter die Leute zu bringen. Ein bisschen viel Chichi um Accessoires, die nicht das Kunstverständnis fördern, sondern nur eins: den Konsum.

Was haltet ihr von der Kooperation und welches Kunstwerk würdet ihr gerne als Duft auf der Haut tragen? Verratet es uns gerne in den Kommentaren.

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...