DienstArt – Die Kunstkolumne: Nymphen, Nacktheit, No-Go?

Wieso heißt es eigentlich Nymphomanie und warum sind hier alle nackt? Julia wagt einen kritischen Blick auf die Mythologie

Wenn ich im Studium der Kunstgeschichte eines gemacht habe, dann sind es ausgiebige Bildanalysen. Stundenlang standen wir in Grüppchen vor riesigen Gemälden, auf denen Szenen abgebildet waren, die man ohne Hintergrundwissen nur schwer verstehen konnte. Dann wurde tief in der Symbolik-Kiste gekramt und anhand einiger Merkmale erschloss sich nach und nach die Bedeutung des Bildes.

Auf diese Weise habe ich nicht nur viel über die Mythologie gelernt, sondern auch verstanden, dass die eigentliche Geschichte gar nicht zwangsläufig auf dem Bild gezeigt werden muss – und kann. Es reicht zum Beispiel das Abbilden eines Schwans und die geübte Kunsthistorikerin weiß: Auf dem Bild wird mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Bezug zu Leda und dem Schwan hergestellt. Eine Geschichte, in der Zeus in Gestalt eines Schwans die junge Leda vergewaltigt. So können kleine Symbole große Geschichten erzählen und doch wichtige Details der eigentlichen Story auslassen.

Leda und der Schwan von Correggio, circa 1532

Nun besteht aber die Gefahr, dass die eigentliche Geschichte hinter der Darstellung vergessen wird. Oder dass wir Dinge, die wir sehr häufig gesehen haben, einfach annehmen und nicht hinterfragen. Wir kennen zum Beispiel fast alle Medusa, die Frau mit den Schlangenhaaren. Aber kennen wir auch den Grund für ihren tierischen Kopfschmuck? Und weshalb sieht sie eigentlich immer so wahnsinnig grimmig aus?

#EverythingWrongWithArtHistory ?

Das brachte mich auf eine Idee: Unter dem Hashtag #EverythingWrongWithArtHistory habe ich in den letzten Wochen auf Instagram einige Mythen über die Mythologie aufgedeckt. Dabei ging es nicht nur um Medusas ungerechtes Schicksal, sondern auch um die Gestik der Aphrodite und um Leda und den Schwan.

Gut, wahrscheinlich habt ihr schon davon gehört, dass die griechische Mythologie ganz schön verquer ist und Zeus als misogyner Vergewaltiger auftritt. „Das sind eben Geschichten, die spiegeln ja nicht die Realität wider!“, lautet häufig das Argument, wenn man auf die Missstände mythologischer Erzählungen hinweist. Aber sind diese Geschichten wirklich nur Mythen oder ist ihr Einfluss auf die Welt, in der wir heute leben, doch größer als gedacht?

Lasst uns das doch mal genauer anschauen: Heute soll es um Nymphen gehen. Nymphen, Fledermäuse und die Herkunft des Wortes „Echo“. Verrückte Mischung? Ich verspreche euch, dass ihr am Ende dieser Kolumne mindestens drei Nymphen und ihre Lebensgeschichte kennen werdet.

Das griechische Wort „nýmphē“ bedeutet ursprünglich so viel wie „junge, heiratsfähige Frau“. In der griechischen und römischen Mythologie werden Nymphen als Naturgeister beschrieben, die häufig höhere Gottheiten begleiten oder beschützen. Oft schweifen sie relativ frei umher, zum Beispiel als Wasser-, Berg- oder Waldnymphen. In der europäischen Kunstgeschichte wurden sie daher meistens in der Natur dargestellt, außerdem überwiegend jung und nackt. Häufig räkeln sie sich verführerisch im Gebüsch, tanzen unbekleidet durch die Landschaft oder verwirren verzückte Jünglinge. Die Maler (ja, hier wird mit Absicht nicht gegendert) übertrugen ihre Fantasien direkt auf die Leinwand. Überwiegend männliche Künstler fertigten mythologische Gemälde für ein überwiegend männliches Publikum an. Die Darstellungen trafen Aussagen über Frauen und ordneten sie in Kategorien. Und so stellte man sich Nymphen eben vor, lieblich und verführerisch, jung und zart und dennoch irgendwie verhängnisvoll.

Die wahren Geschichten der Nymphen

Im starken Kontrast dazu trugen Nymphen in den Mythen ziemlich unschöne Schicksale: Die Nymphe Echo zum Beispiel war von Zeus beauftragt worden, seine Frau Hera mit dem Erzählen von Geschichten zu unterhalten, während sich Zeus außerhäuslich vergnügte. Als Hera dieses Komplott bemerkte, bestrafte sie Echo – wen auch sonst? Die Nymphe musste also fortan ständig die letzten an sie gerichteten Worte wiederholen. Aus diesem Grund sprechen wir übrigens auch heute noch von einem „Echo“, wenn wir vom Widerhall von Schallwellen reden.

Ähnlich erbarmungslos erging es der Nymphe Alcathoe, die mit ihren beiden Schwestern in Fledermäuse verwandelt wurde. Ihr Vater Minyas war dafür bekannt, mit seinem Gefolge wilde Feste in den angrenzenden Wäldern zu feiern. Seine Töchter hingegen hatten eher weniger Lust auf Wein und Gesang und wollten stattdessen lieber zu Hause bleiben und ihrer Arbeit nachgehen. Diese Haltung erzürnte Dionysos, den Gott der Ekstase, des Weines und der Fruchtbarkeit, so sehr, dass er die drei Schwestern kurzerhand zu Fledermäusen werden ließ und ihre Arbeit in Wein verwandelte. Bis heute zeugt der Name der Nymphenfledermaus von dieser Geschichte – ein Gruß geht raus an alle Biolog*innen, die diese Kolumne lesen.

Jupiter in Gestalt der Diana und Callisto von Jean-Simon Berthélemy, 19. Jh

Na kommt, eine noch: Callisto war eine Begleiterin und gleichzeitig die Lieblingsnymphe der Jagd- und Naturgöttin Diana. Die beiden pflegten der Erzählung nach eine extrem intime Beziehung zueinander. Diesen Umstand nutzte Zeus, immer auf der Suche nach einem sexuellen Opfer, schamlos aus. Ohne vorher mit ihr in Kontakt zu treten, wartete er, bis Callisto sich zum Ausruhen hingelegt hatte. In Gestalt von Diana näherte er sich ihr und offenbarte erst während des Aktes sein wahres Gesicht. Die aus dieser Vergewaltigung entstandene, ungewollte Schwangerschaft hielt Callisto geheim. Bei einem gemeinsamen Bad mit Diana und den anderen Nymphen kam jedoch die Wahrheit ans Licht. Bestraft wurde natürlich nicht Zeus, sondern Callisto: Unverzüglich wurde sie von Diana verstoßen. Später verwandelte Zeus‘ Ehefrau Hera Callisto aus Rache noch in eine Bärin. So viel zum Opferstigma.  

Die drei Geschichten von Echo, Alcathoe und Callisto zeigen, dass man es als Nymphe eigentlich nicht richtig machen konnte. Sowohl ein eigener Wille aber auch vollkommene Willkür konnte zu harten Strafen führen. In der europäischen Kunstgeschichte waren Mythendarstellungen sehr beliebt, auf vielen Gemälden zeigt sich aber das gewaltige Problem der Verklärung: Callisto scheint gar nicht mehr so abgeneigt, die Vergewaltigung wird zur Liebesszene und Zeus zum Verführer.

In modernen Darstellungen wurden Nymphen immer mehr sexualisiert. Als Abbild der sogenannten „Femme fatale“ waren sie immer auf der Suche nach der nächsten Liebschaft und ihr Sexualtrieb galt als hexisch. Das sehen wir zum Beispiel in den beiden Gemälden von John William Waterhouse. Der Sage nach kam Hylas auf der Suche nach dem Goldenen Vlies an einem Gewässer vorbei, in dem die liebestollen Nymphen schon auf ihn warteten. Sie zogen ihn ins Wasser und er verschwand auf nimmer wiedersehen.

Was ist eigentlich Nymphomanie?

Aus diesem Grund spricht man übrigens auch von „Nymphomanie“, ein Begriff, der sich im 19. Jahrhundert in der Psychologie durchgesetzt hat und übermäßiges sexuelles Verlangen beschreibt. Heute ist er auch in der Popkultur verbreitet: In Lars von Triers Film „Nymphomaniac“ geht es um die zahlreichen sexuellen Abenteuer der Protagonistin, Justin Timberlake und 50 Cent besingen in „Ayo Technology“ die stets bereite Frau: „She always ready, when you want it she want it, like a nympho [..]“ und in Nabokovs Lolita wird der Begriff „Nymphchen“ für junge Frauen verwendet, die der Protagonist sexuell attraktiv findet.

Filmplakat Nymphomaniac, 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Nymphen sind also Frauen mit eigenem Willen und eigenem Lustempfinden. Frauen, die nicht gehorchen wollen oder aus eigenem Antrieb Sex haben. Frauen, die selbst entscheiden möchten, mit wem sie schlafen. In fast allen Erzählungen werden sie für ihr selbstbestimmtes Verhalten bestraft, sei es durch Verwandlung, Stigmatisierung oder Gewalt. Man kann sich ja vorstellen, welchen Einfluss diese Geschichten auf junge Frauen gehabt haben müssen, die von Nymphen erzählt bekamen.

Was hat das mit uns heute zu tun? Die Darstellungen und Erzählungen von Nymphen transportieren mehr oder weniger unterschwellig gesellschaftliche Richtlinien, die das Ansehen und Verhalten von Frauen bestimmen wollen. Was wir sehen, beeinflusst, wie wir denken. Und die Kunstgeschichte ist daran nicht ganz unschuldig: Wir adaptieren ganz unbewusst Denkmuster und Verhaltensweisen. Lernen oft schon in früher Kindheit, was sich „gehört“ und was nicht. Glauben, zu wissen, was Schuld und Unschuld bedeutet, wie Frauen Männer „reizen“, was eine gute und was eine schlechte Frau ist.

Natürlich ist nicht #EverythingWrongWithArtHistory und nackte Frauen sind auch nicht automatisch ein No-Go. Vielleicht habe ich aber neben Bildanalysen noch etwas Weiteres im Studium gelernt: Es ist sehr wichtig, die Kontexte zu kennen und zu verstehen, warum Frauen auf diese Weise abgebildet wurden. Fragt euch immer, wer die Bilder produziert hat und für welches Publikum sie gemacht wurden. Und jetzt hoffe ich, dass ihr keinen Ohrwurm von „Ayo Technology“ habt und euer Nymphenwissen beim nächsten Museumsbesuch anwenden könnt!

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    Etienne-Barthélemy Garnier: Diana und ihre Nymphen / Filmplakat Nymphomaniac, 2014 Concorde Filmverleih GmbH / John William Waterhouse: Hylas und die Nymphen

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