DienstArt – Die Kunstkolumne: Unsichtbares sichtbar machen

Julia hat sich mit der Thematisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in der Kunst beschäftigt – und erschreckend wenig Material gefunden

„Ich habe dreimal abgetrieben, weil ich überzeugt war, dass es ein Desaster für meine Arbeit wäre.“ Diesen Satz, natürlich ursprünglich auf Englisch, sagte Marina Abramović in einem Interview mit dem Tagesspiegel vor drei Jahren. Für Liebe, Familie und Kinder gehe laut der Performance-Künstlerin einiges an kreativer Energie flöten. Obwohl solche Statements in der Kunstwelt selten zu finden sind, ist die Künstlerin kein Einzelfall: Im Durchschnitt entschließt sich jede vierte Frau bis zu ihrem 45. Lebensjahr zu einem Schwangerschaftsabbruch.

Abtreibungen gibt es schon so lange wie es Schwangerschaften gibt: Bereits aus dem 7. Jahrhundert existieren Abbildungen, die Schwangerschaftsabbrüche mithilfe von Tinkturen oder Kräutern zeigen. Die Praxis ist in fast allen Kulturen verbreitet und wird häufig ebenso stark diskutiert. Leider haben oft vor allem diejenigen etwas zu sagen, an denen zu Lebzeiten kein Schwangerschaftsabbruch möglich sein wird. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn 25 männliche Republikaner geschlossen für den sogenannten Alabama Abortion Ban abstimmen. Oder dann, wenn in den Diskussionen um das „Werbeverbot“ für Schwangerschaftsabbrüche Männer an vorderster Front gegen Informationsverbreitung von Ärzt*innen kämpfen. Und nicht zuletzt auch dann, wenn Jens Spahn eine Studie zu den seelischen Folgen von Abtreibungen durchführen lassen will, statt das dafür veranschlagte Geld in die Vor- und Nachsorge der Patientinnen zu stecken. Auf diese Weise wird das Recht auf Selbstbestimmung zu einer regelrechten Fremdbestimmung.

Schwangerschaftsabbrüche in der Kunst? Die Debatte wird verhalten geführt

Obwohl die Debatte in den Medien sehr präsent ist, reagiert die Kunst eher zurückhaltend auf das Thema Abtreibung. Ein Grund dafür ist vermutlich, dass Tätigkeiten, die allein Frauen betreffen, generell weniger thematisiert werden. In diese Kategorie fallen zum Beispiel auch Geburt, Menstruation, Stillen und eben auch Schwangerschaftsabbrüche. Da Kunst ein Spiegel der Gesellschaft ist, können wir daraus eine Menge ableiten: Wenn weibliche Stimmen und Perspektiven in der Öffentlichkeit nicht präsent sind, werden sie auch in der Kunst weniger behandelt. Zudem ist eine Abtreibung leider noch immer eine Scham behaftete Angelegenheit, über die ungern gesprochen wird. Und somit herrscht zu diesem Thema auch in der Kunstgeschichte eine große Stille.

Dabei gäbe es einiges darzustellen: Wut, Trauer, Furcht, Erleichterung – die Empfindungen und Gründe für eine Abtreibung sind individuell unterschiedlich und somit auch nicht verallgemeinerbar. An vielen Orten der Welt sind Schwangerschaftsabbrüche strafbar und/oder nicht unter hygienischen, medizinischen und vertrauenswürdigen Verhältnissen durchführbar.

Ja, die DienstArt ist eine Kunstkolumne, aber Kunst ist auch immer politisch und spiegelt kulturelle Umstände wider. Heute soll es also um die Thematisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in der Kunst gehen. Wie werden persönliche Erfahrungen behandelt, die sonst kaum sichtbar gemacht werden? Wie reagiert die Gesellschaft darauf? Und welchem Zweck dient die Veröffentlichung dieser Erfahrungen? Einige Antworten auf diese Fragen findet ihr hier.

© Deutsches Historisches Museum, Berlin

Die Debatte um den Paragrafen 218 begann bereits in der Weimarer Republik

Tatsächlich wird über den Paragrafen 218 nicht erst seit Kurzem diskutiert: Die politische Debatte wurde bereits vor 100 Jahren heftig geführt. Die KPD warb 1924 mit einem Plakat mit der Aufschrift „Nieder mit dem Abtreibungsparagraphen“ um Stimmen. Die Künstlerin Käthe Kollwitz entwarf die Abbildung der von Elend geplagten Mutter und thematisierte damit den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Nöten und Kinderreichtum: Viele Frauen sahen in einer Abtreibung den einzigen Ausweg. In der Weimarer Republik wurde die Streichung des Paragrafen 218 oder zumindest ein legaler Abbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten gefordert. Eine 1927 erfolgte Reform erlaubte eine Abtreibung allerdings nur im Falle medizinischer Notwendigkeit.

© Guerrilla Girls

Im Jahr 1992 einen Rückschritt zu traditionelleren Abtreibungsgesetzen fordern? Dieses Plakat stammt ausgerechnet von der progressiven Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls. Die Erklärung folgt natürlich prompt im Kleingedruckten: Bis ins 19. Jahrhundert herrschten an vielen Orten der Welt tatsächlich verhältnismäßig lockere Gesetze gegen Schwangerschaftsabbrüche. So mussten die betroffenen Frauen etwa eine Geldstrafe zahlen. Dies galt allerdings nicht überall und die Todesstrafe oder mehrere Jahre im Zuchthaus waren übliche Alternativen. Die kampagnenartige Aufmachung des Plakats, mit dicken Lettern und provokanten Sprüchen, ist typisch für die 1985 gegründete Guerrilla-Gruppierung, die mit ihren Aktionen häufig Rassismus oder Sexismus in der Gesellschaft thematisiert.

© Laia Abril

Die spanische Fotografin Laia Abril dokumentiert in ihrem Bildband On Abortion (2018) die Auswirkungen illegaler Schwangerschaftsabbrüche. Mit dem gesammelten Material möchte sie darauf aufmerksam machen, dass heutzutage jährlich rund 47.000 Frauen an den Folgen von Abtreibungen sterben. Da es sich um ein sehr sensibles Thema handelt, geht Abril dokumentarisch vor: Das Buch ist gefüllt mit Fotografien, Zeitungsartikeln und Erzählungen von Überlebenden. Die Künstlerin zeigt Gegenstände und Pflanzen, mit denen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt wurden und werden, Hinterzimmer, die zu provisorischen OP-Räumen umfunktioniert wurden und Porträts zahlreicher Frauen aus der ganzen Welt. Einige Jahre vor Erscheinen des Buches, im Jahr 2014, wurde in Abrils Heimatland Spanien darüber diskutiert, Abtreibungen grundsätzlich zu illegalisieren.

Allein in Texas sind über 5 Millionen Frauen von verschärften Gesetzen betroffen

© Chi Nguyen

Chi Nguyen realisierte 2016 ihr Projekt 5.4 Million and Counting. Ganze 5,4 Millionen Nadelstiche symbolisieren die Anzahl der Frauen, die die zur der Zeit diskutierten verschärften Texanischen Abtreibungsgesetze betreffen könnten, nämlich alle Frauen des Bundesstaats im gebärfähigen Alter. Von Nguyen initiiert, wurden in zahlreichen Städten sogenannte Stitch-Ins abgehalten und wer wollte, konnte gemeinsam mit der Künstlerin Striche sticken. Am Ende wurden alle Stoffe gesammelt und zu einer großen Decke zusammengefügt, die bei der Demonstration gegen die neuen Verordnungen als Transparent zum Einsatz kam. Tatsächlich wurde das Gesetz vor dem Supreme Court abgelehnt. Nichtsdestotrotz gelten in Texas verschärfte Abtreibungsgesetze: So müssen beispielsweise abgetriebene Föten seit 2018 eine Beerdigung oder Einäscherung erhalten und dürfen nicht mehr durch die Krankenhäuser entsorgt werden.

© Aliza Shvarts

Eine der kontroversesten Performances zum Thema Abtreibung stammt wohl von der amerikanischen Künstlerin Aliza Shvarts. Ihre erste große Arbeit Untitled (Major Thesis) ist hauptsächlich unter dem Namen Yale Student Abortion Art Controversy bekannt und wurde von einer heftigen internationalen Debatte um das Selbstbestimmungsrecht begleitet. Im Jahr 2008, Shvarts war zu der Zeit 22 Jahre alt, veröffentlichte die damalige Studentin Videos einer Performance. Sie hatte sich über mehrere Monate hinweg mit gespendetem Sperma befruchten lassen und führte dann, unwissend, ob sie schwanger war oder nicht, eine durch pflanzliche Medikamente herbeigeführte Fehlgeburt herbei. Bei dieser Tätigkeit und den darauf folgenden Blutungen filmte sie sich und machte so ihren Körper zum Mittelpunkt der Performance. Was folgte, war eine Welle von Entrüstung, Einschüchterungsversuche seitens der Universität Yale und Protesten von Abtreibungsgegner*innen, aber auch Pro-Choice Aktivist*innen. Die Universität fühlte sich zusätzlich genötigt, eine offizielle Erklärung abzugeben, in der sie die Performance als Fiktion entlarvte und im Namen der Kunstfreiheit verteidigte. Hier können wohl vor allem die Reaktionen von außen als wichtiger Teil des Kunstwerks gesehen werden, die der Aktion erst ihre entscheidende Bedeutung geben.

Schwangerschaftsabbruch als aufrüttelnde Art Performance?

Die portugiesische Malerin Paula Rego schuf 1998 eine Serie namens Untitled, die später den Zusatz The Abortion Pastels erhielt. Rego reagierte damit auf ein im selben Jahr stattfindendes portugiesisches Referendum, durch das die Abtreibungsgesetze gelockert werden sollten und das in ihren Augen zu wenig Zuspruch erhielt. Jedes der Bilder zeigt eine Frau kurz vor oder nach einer nicht unter ärztlicher Aufsicht durchgeführten Abtreibung. Rego verarbeitet eigene Erfahrungen, sowie die von Freundinnen und Bekannten. Die un-idealisierten Darstellungen verdeutlichen die Tatsache, dass Schwangerschaftsabbrüche Teil der Realität sind, ob legal oder illegal. Die Frauen werden dabei jedoch nicht als Opfer dargestellt, sondern blicken den Betrachtenden direkt ins Gesicht. Ihre Emotionen werden nicht offensichtlich dargestellt, wodurch sie unheimlich stark wirken.

© Tracey Emin

Tracey Emins Arbeiten drehen sich häufig um Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit, sie basieren auf ihrer eigenen Emotionalität und Verletzlichkeit. Terribly Wrong (1997) ist eine von mehreren Zeichnungen, die sich mit einer „Höllenwoche“ beschäftigen, die die Künstlerin im Jahr 1994 durchlebte. In dieser Zeit hatte Emin nach eigenen Berichten eine Zahn-OP, eine Abtreibung und trennte sich von ihrem Lebensgefährten. Die Zeichnungen wirken schnell ausgeführt, Emin hat sie mit kurzen Texten ergänzt, die Schrift wirkt fahrig. Dadurch spiegeln die Bilder ihre Gefühlswelt eindrucksvoll wider.

Ebenfalls beteiligt war Tracey Emin an der Serie Do Not Abandon Me (2009 - 2010) von Louise Bourgeois. Hier zu sehen ist eine der Arbeiten namens Looking for the mother. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Künstlerinnen: Während Bourgeois die Aquarellvorlagen lieferte, die männliche und weibliche Torsos ohne Köpfe zeigen, stammen die eingefügten Zeichnungen aus Emins Feder. Unterschiedliche Themen wie Sexualität, Mutterschaft und Weiblichkeit werden hier behandelt – besonders in diesem Werk zeigt sich aber der starke Kontrast zwischen dem runden Schwangerschaftsbauch und der außerhalb liegenden Gebärmutter samt Eierstöcken. Diese Gegenüberstellung verdeutlicht den Umstand der Verletzlichkeit, sei es durch einen Abbruch oder eine Fehlgeburt.

Die „Höllenwochen“ kennt nicht nur die Künstlerin Tracey Emin

2017 fand ein beeindruckendes Kunstprojekt in Südafrika statt, an dem gleich mehrere Künstler*innen beteiligt waren: Die Organisation Fem initiierte einen Kunstwettbewerb, bei dem regionale Künstler*innen ihre Projekte vorstellen konnten, in denen es um die offene Kommunikation von Tabus ging. Fem bot eine mobile Gesundheitshotline an, die betroffenen Frauen medizinische Unterstützung bei ihrem Schwangerschaftsabbruch zusicherte. Die Gewinner*innen des Wettbewerbs entschlossen sich, eine fiktive WhatsApp-Unterhaltung zu kreieren, die das Angebot der Organisation verdeutlicht. Die Werke wurden an mehrere Mauern der südafrikanischen Provinz Gauteng angebracht und warben im öffentlichen Raum für das Angebot von Fem. Abtreibung ist in Südafrika zwar legal, dennoch finden 50 Prozent der Abbrüche in unsicheren Settings statt. Leider ist das Netzwerk Fem mittlerweile nicht mehr aktiv.

Ich würde mir wünschen, dass es mir in 10 Jahren leichter fällt, eine Vielzahl unterschiedlicher Künstler*innen zu finden, die zu diesem Thema gearbeitet haben. Ein wichtiger Schritt in Richtung „mehr Gehör“ ist „mehr Gerede“ –Erfahrungen zu teilen, nachzufragen und verschiedene Perspektiven einzunehmen, ist ein guter Anfang hin zur Enttabuisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Falls Euch noch weitere Künstler*innen einfallen, die ich vergessen habe, oder ihr einfach nur eure Meinung zu der Thematik loswerden wollt, tut das gerne in den Kommentaren.

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