DienstArt – Die Kunstkolumne: Im Museum bitte unwohl fühlen

Über Uncomfortable Art Tours und lückenlose Lebensläufe

Einen entspannenden Sonntagsausflug ins Museum unternehmen, verträumt vor den Alten Meistern sinnen und die Schönheit jahrhundertealter Kunst genießen? Fehlanzeige! Zumindest für die Personen, die eine der geführten Touren von Alice A. Procter buchen.

Die Kunsthistorikerin führt ihr Publikum unter anderem durch das Victoria & Albert Museum, die Tate Britain oder die National Portrait Gallery in London und verspricht eine nervenaufreibende Tour durch die dunkle Vergangenheit der Museen. Den Namen „Uncomfortable Art Tours“ haben sich ihre Führungen hart erarbeitet: Procter geht der imperialistischen und rassistischen Vergangenheit der Museen auf den Grund und thematisiert die kolonialen Verhältnisse, unter denen die beliebtesten Kunstwerke der Britinnen und Briten in die jeweilige Sammlung gelangt sind. 

Copyright: George Procter

Damit legt sie gleich mehrere Finger in die Wunden der Museen, die derartige Umstände ungern bis gar nicht thematisieren. Procter möchte auf diese Weise festgefahrene Strukturen aufbrechen und die geschichtlichen Zusammenhänge verdeutlichen. Denn die Kontextualisierung als wichtiger Teil der Kunstvermittlung kommt in vielen Museen häufig viel zu kurz.

Ein lückenloser Lebenslauf? Auch für Kunstwerke wünschenswert! 

Mit der Geschichte eines Kunstwerks beschäftigt sich die Provenienzforschung. Zur Herkunftsgeschichte zählen Fragen wie: „Woher stammen die Werke ursprünglich?“, „Wer waren frühere Besitzer*innen?“ und „Sind die Objekte auf legale Art und Weise in den aktuellen Besitz gekommen?“ Die Spuren von Kunst über mehrere Jahrhunderte oder sogar –tausende zurück zu verfolgen ist häufig eine schwierige und undurchsichtige Prozedur, die jedoch essenziell für einen lückenlosen Lebenslauf der Werke ist. Teilweise werden dabei jedoch Leerstellen ignoriert oder bewusst verschleiert. 

In den letzten Jahren wurden immer wieder Forderungen nach Restitution laut. Darunter versteht man die Rückgabe von Kulturgütern, deren Geschichte von Kunstraub, kolonialen Plünderungen, illegalem Kunsthandel oder Enteignung geprägt ist. Ein beträchtlicher Teil der Raubkunst wurde im Nationalsozialismus gestohlen: In Deutschland oder auch dem besetzten Frankreich wurde unzähligen Menschen ihr Besitz und auch ihre Kunstwerke gestohlen. 

Eine zeitgenössische Installation, die sich mit den Enteignungen des nationalsozialistischen Kunstraubs auseinandersetzt, ist „La loi normale des erreurs“ von Raphaël Denis (*1979). Die schwarzen Leinwände verdeutlichen, dass viele der gestohlenen Bilder nach Kriegsende nicht wieder aufgetaucht sind. Stattdessen wurden sie auf Auktionen verkauft oder von Museen und Privatpersonen in alle Welt verstreut, viele von ihnen wurden zerstört. Mittlerweile gibt es viele Forschungsprojekte und Online-Datenbanken wie Looted Art oder Lost Art, die  die „Vermisstenfälle“ genau dokumentieren und den unfassbaren Zahlen an Raubkunst Herr werden wollen. Leider kennen aber auch sie nicht alle verlorenen Kunstschätze dieser Welt. Theoretisch könnte ein verloren geglaubtes Kunstwerk jahrzehntelang unbehelligt über dem Kamin von Oma Erna hängen, die noch nicht mal von dem Unrecht weiß, das den ursprünglichen Besitzer*innen widerfahren ist. 

Wird das Werk aber zum Beispiel bei einem großen Auktionshaus zum Verkauf angeboten oder öffentlich ausgestellt, könnte es plötzlich im Rampenlicht stehen. Die rechtmäßigen Erb*innen der damals enteigneten Personen haben nämlich Anrecht auf das jeweilige Werk. Das verdeutlicht ein Fall aus Österreich: 

Copyright: wikimedia commons, gemeinfrei

„Adele Bloch-Bauer I“ (1907) heißt eins der bekanntesten Werke von Gustav Klimt und zeigt die gleichnamige Unternehmergattin, die um 1900 die Grande Dame des Wiener Salons gewesen ist. Maria Altmann, die Nichte der Dargestellten, musste 1938 bei der Konfiszierung des Gemäldes durch die Nazis zusehen und floh einige Jahre später in die USA. Das Gemälde kam jedoch mit einigen anderen Werken in den Besitz der Belvedere-Galerie in Wien. Erst ein jahrelanger Rechtsstreit und das 1998 in Kraft getretene österreichische Kulturgüter-Rückgabegesetz, das den Museen die Rückgabe der von Nazis gestohlenen Kunstgegenstände vorschreibt, brachte Maria Altmann das Bild ihrer Tante zurück. Auf ihren Wunsch hin wird das Gemälde in den USA seit 2006 öffentlich ausgestellt. 

Wie kommt die Kunst in unsere Museen?

Der illegale Handel mit antiken Kulturgütern ist nach dem Drogen- und Waffenhandel der drittgrößte illegale Markt der Welt. Viele Museen kaufen aus dubiosen Quellen Kunstwerke an oder haben diese Taktik zumindest in den letzten Jahrhunderten eifrig betrieben. Besonders in Ägypten, Syrien und dem Irak finden heute noch großflächige Raubgrabungen statt, wodurch archäologische Fundstätten zerstört und die ausgegrabenen Objekte in alle Welt verstreut werden.

Für die jeweiligen Herkunftsländer ist die UNESCO-Konvention gegen illegalen Handel mit Kulturgut von 1970 ein wichtiges Argument für die Forderungen und gegen den Antikenhandel. Die Konvention verpflichtet die Vertragsstaaten zur Rückgabe von unrechtmäßig angeeigneten Objekten. Im Klartext bedeutet das: Wenn die Herkunft des Objekts nicht eindeutig - vor allem nicht eindeutig legal – ist, darf ein Kunstwerk auch nicht weiterverkauft werden. 

Benin Bronzen im British Museum, London. Wikimedia Commons, Joyofmuseums, CC BY-SA 4.0 

Aber wie reagieren die Regierungen auf die Forderungen nach Restitution? Ende 2018 machte Emmanuel Macron mit seinem Rückgabe-Versprechen Schlagzeilen: Nach einem von Expert*innen vorgelegten Kolonialismusbericht sprach er sich für die Restitution von 26 westafrikanischen Benin-Bronzen aus, die 1892 von französischen Truppen nach Frankreich gebracht wurden und mittlerweile symbolisch für die koloniale Erniedrigung Benins geworden sind. Laut Bericht sollen insgesamt zehntausend Objekte in die afrikanischen Herkunftsländer zurückgegeben werden, sie alle wurden in der Kolonialzeit zwischen 1885 und 1960 geraubt. Von offizieller Seite aus wird oft argumentiert, die Kunstwerke seien „in den Herkunftsländern nicht sicher“ oder die „angemessene konservatorische Pflege“ sei dort nicht gewährleistet. Aber verdeutlicht diese Haltung nicht gerade die entmündigende Haltung der Museen und Länder gegenüber den Herkunftsstaaten? 

Quelle: AfricAvenir International e.V.

Die wichtige Debatte zum Thema Kolonialkunst findet mittlerweile nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland, Großbritannien und vielen weiteren Ländern statt. Das in Berlin gebaute Humboldt Forum in wird laut Bericht ganze 75.000 Werke ausstellen, deren Rückgabe gefordert wird. Eine Organisation, die das Konzept des Humboldt Forums stark kritisiert, ist AfricAvenir International . Die von ihr entwickelte Posterkampagne kritisiert die geplante Präsentation von Kolonialkunst im Berliner Schloss, indem sie besonders umstrittene Kunstwerke abbildet und auf deren Herkunft aufmerksam macht: 

AfricAvenir International e.V. 

Was können also Institutionen, unabhängig von politischen Beschlüssen, tun? Sinnvoll, so sieht das auch der Kolonialismusbericht, sind ein respektvoller Dialog zwischen den Staaten und eine intensive Kommunikation untereinander. Museen und Kunstsammlungen sollten laut werdende Kritik an- und ernst nehmen, ihre Ausstellungskonzepte überdenken und sich Fehler eingestehen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Objekte muss gefördert werden und der Prozess sollte im besten Fall öffentlich gemacht werden.

Würdet ihr an einer „Uncomfortable Art Tour“ teilnehmen oder kennt ihr selbst weitere Beispiele für Kunst mit zweifelhafter Vergangenheit? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen!

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