Der Soft Launch in der Kunstgeschichte

Der Soft Launch in der Kunstgeschichte

Unerkannt Hand in Hand - damals und heute

Auf Instagram gibt es gerade ein Phänomen: Soft Launch – Also das uneindeutige Ankündigen von (Beziehungs)-News mit Rate-Faktor. Warum das gar nicht so neu ist, wie wir denken, erklärt Julia in ihrer Kunstkolumne

Ein fremdes Knie, eine unbekannte Hand, zwei Gläser vor dem Sonnenuntergang – alles versteckte Hinweise auf eine neue Beziehung? Sogenannte Soft Launches haben auf Social Media nach wie vor Konjunktur. Aber dieser Trend ist keinesfalls ein reines Phänomen der Gegenwart. Ganz im Gegenteil: Viele Künstlerinnen und Künstler der Geschichte haben sich einer ganz ähnlichen Methodik bedient, um die Betrachtenden vor einige Rätsel zu stellen. „Häh?“, fragt ihr euch jetzt vielleicht ebenfalls. Kein Problem: In zwei Minuten versteht ihr.

Vielleicht seid ihr beim Scrollen auch schon mal auf solche Bilder gestoßen: Ein fast beiläufig platzierter Schuh, der ins Bild ragt, zwei verschlungene Hände oder eine unbekannte Person, die nur von hinten zu sehen ist. Die Kunst ist es, gerade so viel zu zeigen, dass Familie, Freund*innen und Schaulustige neugierig werden – und nach Details fragen.

Natürlich funktioniert ein Soft Launch mit jedem neuen Sub- oder Objekt, das in eurem Leben ist. Ich habe zum Beispiel den Hund, mit dem ich ab und an spazieren gehe, bei Instagram gesoftlaunched. Aber auch eine neue Wohnung, ein neuer Job oder ein Urlaubsort eignen sich für diese Form von Geheimniskrämerei.

Meine Art von Soft Launch. Wichtig: Auf keinen Fall das Gesicht zeigen!

Im Gegensatz zum Soft Launch ist der Hard Launch eine offizielle Bekanntmachung der Neuigkeiten, etwa ein Kuss-, Hochzeits- oder sogar Babyfoto. Aber wer braucht schon die Hau-drauf-Botschaft, wenn man die News auch auf geheimnisvolle Art und Weise publik machen kann? Vielleicht ist ein Soft Launch auch ein kurzes digitales Vorfühlen, was wohl die Community zu einer mittelschweren Veränderung im eigenen Leben sagen würde.

Ich gebe zu, der ganze Zirkus wirkt wie ein Trend, den sich Gen-Z und Millenials mal schnell zwischen Tür und Angel ausgedacht haben, um sich gegenseitig bei Laune zu halten. Doch weit gefehlt: In der Kunstgeschichte hat man das schon immer so gemacht. Glaubt ihr nicht? Ich habe euch zwei Beispiele mitgebracht, die zeigen, dass die hohe Kunst des Soft Launches so alt ist wie die Geschichte selbst.

Soft Launch in der Badewanne

Schwangerschaftsverkündungen gibt es auf Instagram zur Genüge – ich bin mir aber sicher, dass ihr so eine noch nicht gesehen habt. An diesem Gemälde rätseln Kunsthistoriker*innen schon seit Jahrhunderten herum, denn viele Dinge sind nach wie vor unklar. Immerhin wissen wir, dass das Bild ungefähr im Jahr 1595 entstanden ist und Gabrielle d'Estrées zeigt, die Geliebte von König Heinrich IV. von Frankreich. Die Person links von ihr ist vermutlich ihre Schwester Julienne-Hippolyte, Herzogin von Villars. So viel zu den harten Fakten.

Nun zum Merkwürdigen: Beide Frauen stehen nackt in einer Badewanne. Das ist erstmal nichts Ungewöhnliches, im 16. Jahrhundert hat man bei dieser Tätigkeit öfter mal gestanden statt gelegen. Die ausdruckslosen Gesichter der beiden Schwestern sind perfekt frisiert, geschminkt und geschmückt und schauen uns direkt an. Julienne-Hippolyte kneift ihrer Schwester in die Brust und die Vorhänge rahmen die ganze Szenerie stimmungsvoll ein – ein perfekt arrangiertes Bild für ein voyeuristisches Publikum. 

Unbekannt, Gabrielle d'Estrées and one of her sisters, ca. 1595. Via Wikimedia Commons

Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich hier um eine queere Darstellung. Das Abbilden gleichgeschlechtlicher Beziehungen ist in der Kunstgeschichte keine Seltenheit und obwohl jede Form von Queerness gesellschaftlich verteufelt wurde, war sie hinter dem Schleier der hohen Künste ein beliebtes Motiv. Auch dieses Gemälde spielt ganz bewusst mit der Annahme, es könnte sich um eine lesbische Beziehung handeln. Trotzdem wäre eine rein queere Lesart des Werks falsch: Von Erotik kann keine Rede sein. Die Blicke sind starr, die Gestik steif. Besonders intim wirkt das Bild nicht.

Heute wird angenommen, dass das Gemälde eine ganz andere Botschaft vermitteln sollte. Denn der Ring in Gabrielles Hand ist dort nicht zufällig, sondern verweist auf König Heinrich. Es ist sein Krönungsring. Historiker*innen glauben, dass wir hier eine bildliche Ankündigung von Gabrielles Schwangerschaft sehen. Verkündet wird diese durch den Nippel-Zwicker, die Brust ist ein Zeichen für Fruchtbarkeit. Im Hintergrund sehen wir eine nähende Amme, die Kleidung für das Neugeborene herstellen könnte – ein weiteres Symbol, das für die Baby-These spricht. Da Heinrichs Ehe bisher kinderlos geblieben war, ist dieses Gemälde von großer Bedeutung: Gabrielles Kind könnte Thronfolger werden!

Unbekannt, Gabrielle d'Estrées and one of her sisters, ca. 1595 (Detail). Via Wikimedia Commons

Tatsächlich wurde im selben Jahr Gabrielles und Heinrichs Sohn geboren – das erste von insgesamt vier Kindern. Das Bild ist also gleichzeitig eine verschlüsselte Schwangerschaftsankündigung, eine sexuelle Fantasie des Malers (und des Publikums) und ein ziemlich ikonischer Soft Launch.

Heutzutage würde man sich vermutlich nicht mehr ganz so viel Arbeit machen. Ein Foto von zwei Baby-Söckchen oder ein beiläufig platziertes Ultraschall-Foto wären Hinweis genug, dass bald Nachwuchs ins Haus steht. Wobei ich so ein Gemälde in der Badewanne auch ziemlich cool finde. Baby-News derart zu erotisieren, scheint heute vielleicht absurd – aber immerhin gab es keine blauen und pinken Luftballons.

Soft Launch per Brief

Mein zweites Beispiel ist weit weniger sexy – zumindest auf den ersten Blick. Denn auch die „Briefleserin am offenen Fenster“ strotzt nur so vor versteckten Botschaften und weist vermutlich auf eine geheime Liebschaft hin. Aber der Reihe nach: Johannes Vermeer hat das Gemälde vermutlich zwischen 1657 und 1659 gemalt. Wer ein paar seiner Werke kennt, weiß, dass er quasi der Meister der subtilen Andeutungen ist.

Das Gemälde zeigt eine junge Frau, die an einem geöffneten Fenster steht und einen Brief liest. Sanftes Licht beleuchtet ihr Gesicht und ihren Oberkörper. Außerdem steht da noch ein Tisch mit einer Obstschale, im Hintergrund hängt ein Bild an der Wand. Die ganze Szene wirkt ruhig und intim.

Johannes Vermeer, Briefleserin am offenen Fenster, ca. 1957-1959. Via Wikimedia Commons

Zentrales Element von diesem Soft Launch ist einerseits der Brief, den die Frau in den Händen hält. In der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts waren Briefe oft Symbole für Liebesbotschaften. Forscher*innen nehmen an, das Schreiben könnte persönliche oder intime Inhalte enthalten. Der nachdenklich-konzentrierte Ausdruck der Frau unterstreicht ihre These. Andererseits gibt es da noch das offene Fenster. Es stellt nicht nur eine Lichtquelle dar, sondern kann auch als Metapher für eine Verbindung zur Außenwelt interpretiert werden. Quasi als Symbol dafür, mit dem Kopf ganz woanders zu sein – vielleicht beim Verfasser oder der Verfasserin des Briefes? Dann wäre da noch die Schale mit dem Obst: Äpfel und Pfirsiche könnten auf die Versuchung hinweisen, denn besonders diese Früchte wurden häufig als Symbole für sinnliche Freuden verwendet.

Johannes Vermeer, Briefleserin am offenen Fenster, ca. 1957-1959 (Detail). Via Wikimedia Commons

Noch wichtiger aber ist der Hintergrund, besser gesagt: der ursprüngliche Hintergrund. Denn Vermeer hat das Bild von Amor, das wir dort an der Wand sehen, eigentlich übermalt. Amor, der römische Gott der Liebe, ist nun wirklich ein sehr deutlicher Hinweis auf eine romantische Beziehung. Warum der Künstler diesen Hinweis dann doch nicht mehr so gut fand, ist nicht bekannt. Vielleicht kam ihm dieses Indiz etwas zu unmoralisch vor. Das Übermalen ist ein bisschen vergleichbar mit dem Löschen eines zu konkreten Posts auf Instagram, meint ihr nicht auch?

Mittlerweile wurde das Gemälde in den Originalzustand zurückgebracht und Amor ist wieder zu sehen. Denn nicht nur das Internet, auch die Restaurierung vergisst nicht.

Wenig Aufwand, viel Aufmerksamkeit

Auch wenn wir alle Informationen zusammentragen, die wir im Laufe der Zeit zu einem Künstler und seinem Schaffen gesammelt haben, wissen wir oft nicht, was er uns mit dieser oder jenen Darstellung sagen wollte. Was wir aber wissen, ist, dass solche Rätsel das Werk nur noch spannender machen. Wenn ich höre, dass sich seit Jahrhunderten Menschen mit der Entschlüsselung eines Gemäldes beschäftigen, möchte ich das Mysterium ebenfalls decodieren.

Ganz ähnlich funktioniert die Taktik auch in den sozialen Netzwerken. Hier gilt ebenfalls: Andeutungen sind oft viel spannender als das bloße Zurschaustellen. Damals wie heute bewirkt ein Soft Launch oft das Gegenteil seiner ursprünglichen Idee. Alle wollen mitreden, von allen Seiten wird gemunkelt und wilde Theorien werden gesponnen. So wie Influencer*innen auf diese Weise eine Menge digitalen Traffic generieren, machten auch die Künstler*innen der Geschichte durch dieses Vorgehen von sich reden. Manche noch viele Jahrhunderte später.

Soft Launch but make it artsy?

Nun seid ihr neugierig geworden und möchtet das mit dem Soft Launch auch mal ausprobieren? Gleichzeitig wollt ihr die Welt wissen lassen, dass ihr diesen Artikel gelesen und die Verbindung zur Kunstgeschichte komplett nachvollzogen habt? Für diesen Fall habe ich natürlich vorgesorgt. Damit ihr euren nächsten (oder ersten) Soft Launch angemessen zelebrieren und so artsy wie möglich gestalten könnt, kriegt ihr hier alle notwendigen Tipps:

  1. Die Location
    Ihr habt gerade keine Stehbadewanne parat? Kein Problem! Mit einem Besuch im Museum macht ihr nichts falsch und die Person eurer Wahl als Rückenansicht vor einem Gemälde zu fotografieren, macht mindestens genauso viel Eindruck wie das mittelalterliche Planschbecken.
  2. Der Bildausschnitt
    Die erste Regel des Soft Launches lautet: keine Gesichter! Alles Weitere bleibt euch überlassen. Für Schüchterne empfehle ich den guten alten Susi-und-Strolch-Trick. Fotografiert einen Teller Spaghetti, in dem zwei Gabeln stecken. Alle werden wissen, dass man sein Essen nur mit sehr wichtigen Menschen teilt.
  3. Die Körpersprache
    Keine Sorge, ihr müsst niemandem in den Nippel kneifen, wenn ihr das nicht wollt. Hände sind aber schon mal ein guter Anfang. Ob verschränkt, verknotet oder anderswie verheddert – man wird die Andeutung verstehen. Auch eine einzelne Hand kann (an der richtigen Stelle platziert) große Überraschung hervorrufen.
  4. Das Licht
    Licht ist nicht gleich Licht. Die untergehende Sonne lässt auf eine Urlaubsromanze schließen, Blaulicht schreit „Bonnie und Clyde“, Neonlicht könnte auf eine Affäre am Arbeitsplatz hinweisen und mit Kerzenschein bedient ihr jedes Klischee. Vielleicht probiert ihr mal was ganz Neues aus und wählt Schwarzlicht oder Laserstrahlen?

Ich wünsche viel Spaß beim Ausprobieren und bin gespannt auf eure Soft Launches.

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    Unbekannt, Gabrielle d'Estrées and one of her sisters, ca. 1595 (Detail). Via Wikimedia Commons

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