Die Kunst zu Sammeln – Das Interview mit Thomas Olbricht

Passend zur Berlin Art Week haben wir Kunstsammler und Mäzen Thomas Olbricht getroffen und mit ihm über Seh- und Sehnsucht gesprochen

Die tatsächliche Größe seiner Sammlung kenne er nicht genau, gesteht Thomas Olbricht, Kunstmäzen und Gründer des me Collectors Room in Berlin. Seit 2010 sind wechselnde Teile seiner privaten Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich. Hier stehen die berühmtesten Werke der Gegenwartskunst neben wertvollen Artefakten des 16. und 17. Jahrhunderts.

Die aktuelle Ausstellung „The Moment is Eternity - Works from the Olbricht Collection“ rückt die fotografischen Werke der Sammlung in den Fokus. Den thematischen Schwerpunkt bilden Vergänglichkeit, Augenblick und Ewigkeit. Gezeigt werden unter anderem Arbeiten von Juergen Teller, Helmut Newton und Cindy Sherman. Aber auch Werke von Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner und Jan Brueghel d.J. sind Teil der Ausstellung, die in gewohnter Manier den obskuren Objekten aus der Wunderkammer Olbricht gegenüber gestellt werden. Die Galeristin und Kuratorin Annette Kicken präsentiert eine abwechslungsreiche Inszenierung von Artefakten der Renaissance, über Röntgenfotografie bis hin zur Gegenwartskunst.

Dass wir all diese Werke nebeneinander sehen können, verdanken wir der Sammelleidenschaft eines einzelnen Mannes: Thomas Olbricht. Kunstsammeln ist so etwas, was man irgendwo zwischen Beruf, einem sehr teuren Hobby und jeder Menge Verrücktheit einordnen muss. Etwas, was man als normaler Mensch vielleicht einfach nicht verstehen kann – und will. Wir verzweifeln schließlich schon beim Gedanken an den Kauf einer Eigentumswohnung an der jahrelangen finanziellen Verpflichtung. Olbricht, studierter Arzt und Chemiker, nimmt das locker – und das kann er auch.

Wir haben mit ihm, der sich lässig in T-Shirt und Turnschuhen mit uns bei sauren Gurken und geschmierten Stullen im hauseigenen Café des me Collectors Room trifft, über seine große Leidenschaft gesprochen.

me Collectors Room Berlin, Photo: Bernd Borchardt

„Ich wollte eigentlich mit dem Sammeln aufhören.“

Kann man denn überhaupt mit dem Sammeln aufhören?

(Olbricht winkt ab) Nee, das klappt nicht. Wie sage ich immer? Das ist schon ein bisschen Sucht, es ist aber auch Sehsucht und Sehnsucht, eine Mischung. Aber Sucht ist dabei.

Wie sieht es bei Ihnen Zuhause aus? Trennen Sie zwischen beruflichem und privatem Sammeln?

Ich sammle nur privat, ich sammle nicht beruflich. Die Institution hier ist professionell, darum kümmert sich aber Julia Rust. Ich stehe ja nur dahinter und muss das Geld geben (lacht). Meine Initiative hier ist mehr die Stiftung. Ich möchte den Leuten zeigen, was Kunst bedeutet und ihnen nicht zeigen, was ich habe. Ich mache das nicht, um mich selbst darzustellen.

Ja, das ist ja auch eine urdeutsche Eigenschaft, hinter allem etwas Prahlerisches zu vermuten.

Total! Schrecklich, sage ich Ihnen. Und man kann nichts dagegen machen, das ist das Schlimme.

Was würden Sie jungen Menschen mit kleinem Budget raten, die gerne anfangen würden, Kunst zu sammeln?

Das Sammeln von Kunst hat sich für meine Begriffe dramatisch verändert, weil die Auktionshäuser und einige führende Galerien die Pace machen und es da nur ums Geld geht. So rückt das Sammeln in den Hintergrund. Mich persönlich als Sammler hat das seit zehn Jahren sehr negativ verändert. Wie eine bösartige Infektionskrankheit. Es gibt in den Auktionen nur noch rund 200 Künstler, die sind teuer und jeder will sie haben. Und plötzlich kommt die Frage auf: "Is it worth it?" Du musst so viel Geld ausgeben, das kannst du nicht einfach herausschmeißen. Es muss ja auch was übrig bleiben und das wird immer schwieriger. Die Leidenschaft, die Passion, die früher da war, die ist bei mir leider fast verschwunden. Deswegen kann ich Ihre Frage kaum noch beantworten.

Versuchen Sie es trotzdem.

Was ich sagen kann, ist: Jeder, der wirklich sammeln will, hat Zeit. Und es gibt diesen Gedanken, der auch mich manchmal noch überfällt, das gebe ich zu: Wenn ich das jetzt nicht kriege, dann kriege ich es nie mehr! Diesen Moment wird es aber nie geben. Sie kriegen vielleicht das nicht mehr, aber Sie kriegen etwas adäquates. Sie kriegen jeden Tag etwas Neues. Und bevor man jetzt einfach sagt: „Ich fange jetzt an zu Sammeln!“, muss man sich als junger Sammler die Basis erarbeiten. Das bedeutet: schauen, schauen, schauen. Gute Turnschuhe anziehen und los. Auf Messen, in Museen, in Galerien, überall gucken und sich seinen eigenen Geschmack bilden. Was man liebt, weiß man eventuell schon vorher, aber die Qualität zu erkennen, das muss man sich erarbeiten. Ich gehe nicht auf Messen, um zu gucken, wo etwas Gutes ist, sondern genau umgekehrt: Ich gehe auf Messen, um zu erfahren: „Where is the trash?

„Der Künstler, den du heute gemocht hast, kann morgen scheiße arbeiten.“

Sollte man rein strategisch sammeln oder nach dem eigenen ästhetischen Empfinden vorgehen?

Es gibt zwei Richtungen: Entweder du sammelst etwas, wo du eine gewisse Vollständigkeit erreichen kannst, das ist intellektuell leichter, da das Ende vorgegeben ist. In diesem Falle bist du ein Sucher, das ist allerdings nicht so mein Ding. Oder du bist ein dynamischer Sammler, der sich wie ein genetischer Code verbessern will und auch mal was abgibt. In der zeitgenössischen Kunst verändert sich alles sehr schnell. Der Künstler, den du heute gemocht hast, kann morgen scheiße arbeiten. Und dann sagst du „Was soll das?“ Dann darf man auch wieder etwas abgeben, um sich zu verbessern. Wie bei einer Mutation, die man rausschneidet, um wieder gesund zu werden. Das macht mir großen Spaß. Es dauert immer mindestens 20 Jahre, bis die Entscheidung gefallen ist, ob ein Kunstwerk und damit auch der Künstler arriviert oder nicht. Wenn Sie zu wenig ästhetisches Verständnis haben, haben Sie halt nur Scheiße gesammelt. Dann ist es auch auf dem Markt nichts wert, das ist dann sehr bescheiden. Oder Sie haben Glück, wenn Sie sich Zeit gelassen haben, Qualität erkannt haben und nicht einfach Quantität haben sprechen lassen. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft. Erst gucken – take your time. Schau erst, kauf nicht gleich irgendwas! Morgen und übermorgen ist die Chance genauso wie heute. Und man sollte auch nicht mit den Ohren kaufen, sondern mit den Augen. Sonst engt sich das Feld enorm ein und dann kann es kein junger Sammler bezahlen.

Ed van der Elsken, Courtesy Galerie Kicken Berlin

Sie bieten im „me Collectors Room“ ein sehr breit gefächertes Programm für Kinder an. Betrachten Kinder die Sammlung, insbesondere die Kunst in der Wunderkammer, anders, als Erwachsene?

Vielleicht ist das ein wenig romantisiert, aber wenn ich die Kinder sehe, die so begeistert sind von der Wunderkammer, da passiert es mir manchmal, dass mir die Tränen kommen. Ich bin nahe am Wasser gebaut, auch wenn ich nicht so aussehe. Da denke ich: „Du machst doch was richtig.“ Das mache ich sehr gerne. Klar ist das auch schön, wenn man jetzt hier diese Ausstellung zeigt und das alles gehört einem. Jeder Sammler will ja auch besitzen, sonst würde man das nicht machen – wofür?

Thomas Olbricht verabschiedet sich von einer Besucherin und gibt sich geheimnisvoll: Es gibt ein neues Objekt, das demnächst in der Wunderkammer gezeigt wird. Diesmal ein Spiegel, aus der Renaissance-Zeit: „Ganz selten. Ganz, ganz toll. Geschnitzt, aus Buchsbaum.“

Besucherin: Wo haben Sie ihn her? Ein Geheimnis?

Olbricht: (zögert) Ja ...

Gutes Stichwort. Wie kann man sich das vorstellen? Haben Sie in Ihrem Handy dann die Nummer von Juergen Teller, rufen ihn an und fragen nach neuen Werken?

Nein, nein (winkt ab). Du kannst jetzt nicht einfach zu Juergen Teller gehen. Da sagt der: „Halt, stopp, geh mal schön zu meiner Galerie!“ Das sind alte Geschichten, diese Kanäle nutze ich nicht mehr. Ich kaufe heute nur in den Galerien, ich trete nicht direkt an die Künstler heran.

Welcher Künstler kriegt in Ihren Augen zu wenig Aufmerksamkeit?

Peter Halley, das ist so ein Kandidat. Da würde ich sagen: upcoming star!

Gerade in der zeitgenössischen Kunst existiert ja auch viel Performance-Kunst ...

... da kann ich gar nicht mit! Das kannst du ja auch nicht sammeln. Anne Imhof zum Beispiel oder Marina Abramovic, die erste, die Performance gemacht hat. Das sind sicherlich große Künstlerinnen, aber sie sind nicht sammlungsmöglich. Die beiden machen jetzt zwar auch Kunst, die man sammeln kann, aber das würde ich nicht machen.

Ist Sammeln eigentlich etwas antiquiertes? Heute leben ja viele nach dem Prinzip, sich auf ein Minimum reduzieren zu wollen, aus einem Koffer leben zu können.

Ja, wahrscheinlich bin ich altmodisch.

Nachlass Otto Steinert, Museum Folkwang, Essen

"Unsere Kultur und unsere Empathie gehen verloren."

Machen Sie sich Sorgen, dass das, was Sie machen, nicht von Bestand ist?

Ich würde genau das Gegenteil einimpfen wollen. Eben weil heute alles nur oberflächlich ist, weil kein vertieftes Wissen mehr vorhanden ist. Man braucht ja nichts mehr wissen, man muss nur nachgucken und kann dann sofort wieder vergessen. Weil niemand mehr etwas anfassen kann, weil er es nicht besitzt, sondern nur auf dem Bildschirm sieht. Unsere Kultur und unsere Empathie gehen verloren. Gerade dann finde ich das Sammeln notwendig, es ist die totale Medikation dafür. Natürlich gibt es Menschen, die damit gar nichts anfangen können. Aber die Kinder, die zwar nicht sammeln, aber unsere Wunderkammerobjekte abgemalt und gebastelt haben und sich damit beschäftigen – das ist wichtig. Kreativ sein! Ich bin davon überzeugt, dass die Beschäftigung mit Kultur und Kunst unser Leben verlängert. Es gibt uns Freude, eine andere Dimension und kann uns auch innehalten lassen. Das geht gerade alles perdu in unserer schnellen Welt. Hört sich altmodisch an, könnte aber richtig sein.

Ist Sammeln auch mit Sorgen verbunden?

Die Kunst ist zwar Leidenschaft, aber auch Leiden. Wenn man es so weit treibt, wie wir das hier machen. Wir haben 18 Mitarbeiter*innen, das ist ein schwarzes Loch. Manchmal sitzt man hier und fragt sich: „Warum ist die Kaffeemaschine so laut? Hoffentlich gibt es keine Fruchtfliegen! Warum gehen die Leute wieder raus und setzen sich nicht hin?“ Man will eben immer das Beste! Man denkt, es ist toll, was man macht und dann läuft der Nächste nur draußen vorbei. Dann fragt man sich, weshalb man es nicht anders gemacht hat. Darum drehen sich 1000 Gedanken. Und man fragt sich, warum man es überhaupt macht. Aber nun ist es zu spät! (lacht)

Noch eine Frage zum Werk „Antlitz der Zeit“ von August Sander, das auch in der neuen Ausstellung zu sehen ist. Sander bildet in mehreren Fotografien von 1928 ein Porträt der damaligen Gesellschaft ab. Wenn Sie in der heutigen Zeit ein derartiges Porträt zeigen wollten: Wie würde die Wand aussehen?

Tolle Frage, aber schwierig zu beantworten. Natürlich kommt es auf den Künstler an, der das macht. August Sander zeigt ja ganz klare Berufsgruppen und Eindrücke, die es mittlerweile alle nicht mehr gibt. Es gibt auch fast keine Krawatten mehr, ich trage schon seit 20 Jahren keine mehr. Deswegen sehen heute alle Leute ähnlich aus, es ist alles eine Soße. Es gibt von Sławomir Elsner, einem Berliner Künstler, ein Werk, in dem er sich selbst immer wieder in anderen Berufspositionen darstellt. Der Mensch ist immer der gleiche, nur das Umfeld ändert sich. Und niemandem fällt es auf. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich würde eine Gang fotografieren, ein paar coole Typen, ein paar Nerds am Computer, aus der Gegend. Als Antityp würde ich einen Banker wählen. Aber auch einen Metallarbeiter. Natürlich auch einen Farbigen, einen Vorderasiaten – das sind ja auch alles Deutsche. Es ist ganz schrecklich, was uns da gerade suggeriert wird. Natürlich kann man nicht sehen, ob jemand „deutsch“ aussieht oder einen deutschen Pass hat. Für mich gehören die alle dazu. Ich bin Weltbürger.

Klingt nach einer schönen bunten Welt. Vielleicht gibt es ja sogar eine Frauenquote?

Eine erhöhte Frauenquote, unbedingt! Unsere Sammlung ist schließlich auch dafür bekannt, dass wir fast mehr Künstlerinnen als Künstler zeigen. Das ist aber nicht gewollt, eher intuitiv. Meine Beziehung zu Cindy Sherman oder Taryn Simon besteht schon sehr lange. Taryn Simon ist eine unglaublich intelligente Künstlerin, ich habe ein Projekt von ihr unterstützt, als sie noch ein No Name war. Die Fotos sind zwar schwer zugänglich für einen Normaldenkenden und vielleicht auch nicht so nett zum ins Wohnzimmer hängen. Aber Museumskunst. Mit ihr bin ich heute befreundet. Und da gibt es natürlich noch viele andere Künstlerinnen. (Olbricht hält kurz inne und überlegt). Was ich mir gerade überlegt habe, wahrscheinlich gibt es das alles schon: Einen Blog zu machen. Ich spreche darin genau darüber, was Sie wissen wollen. Wie man sammelt oder wo es neue Entdeckungen gibt, wo man nachhaken soll. Das ist aber auch wieder Arbeit. Ich kann ja nichts dafür, dass ich von manchen Menschen als auratisch angesehen werde.

Hmm … also wir hätten da eine Idee, wo Herr Olbricht sein Wissen preisgeben könnte …

"The Moment is Eternity - Works from the Olbricht Collection" im me Collectors Room

26.09.2018 – 01.04.2019

  • Porträt:
    me Collectors Room Berlin, Foto: Jana Ebert

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