Kunst kaufen – aber wie? Im Gespräch mit Diandra Donecker

Welche Tipps geben Expert*innen zum Kunstkauf?

Investments und Wertanlagen scheinen momentan in aller Munde zu sein. Ob eigene Wohnung, Gold oder Aktienfonds – die Devise lautet: Kapitalanlage ist Key! Aber was tun, wenn für die Immobilie das nötige Kleingeld und für Börsenspekulationen das Insiderwissen fehlt? Die Antwort lautet Kunst! 

Die Vorteile? Für den Kauf von Kunst müsst ihr keine Millionen auf dem Konto haben und könnt mit eurem Geld Künstler*innen aus eurem direkten Umfeld unterstützen. Ganz nebenbei schafft ihr euch neben dem sachlichen auch einen emotionalen Wert ins Haus. Aber bevor es hart auf hart kommt, schwirren euch sicher noch einige Fragen durch den Kopf: Wie und vor allem wo kaufe ich denn nun Kunst? Sollte ich dabei strategisch vorgehen oder auf meinen eigenen Geschmack hören? Und geht das Ganze vielleicht sogar online? 

Mit der Mini-Serie „Kunst kaufen – aber wie?“ möchten wir gerne Licht ins Dunkel bringen, einen Überblick über verschiedene Möglichkeiten des Kunstkaufs bieten und euch im besten Fall auf dem Weg vom ersten Werk bis hin zur eigenen Sammlung begleiten. Dazu haben wir uns Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen des Kunstmarkts geschnappt und ihnen alle wichtigen Fragen gestellt. 

Den Anfang macht CEO Diandra Donecker vom Auktionshaus Grisebach. Neben ihrer Position als Geschäftsführerin und Partnerin arbeitet die Kunsthistorikerin als Expertin für Fotografie in dem Berliner Stammhaus, dessen Schwerpunkt auf der Klassischen Moderne, der Zeitgenössischen Kunst und der Kunst des 19. Jahrhunderts liegt. Grisebach wurde 1986 gegründet und ist eines der umsatzstärksten Auktionshäuser des Landes. Im Jahr 2019 erzielte das Unternehmen in seinen Auktionen ein Gesamtergebnis von 35 Millionen Euro. Aber keine Sorge, das Mitbieten muss den Geldbeutel nicht automatisch sprengen. In der Kategorie „Third Floor Online Only“ werden zum Beispiel Werke mit Schätzpreisen bis 3.000 Euro angeboten. Na, neugierig geworden?

Diandra, für viele Menschen hat der Kunstmarkt ein „snobby“ oder verstaubtes Image. Wie kann man deiner Meinung nach mehr junge Menschen für Auktionen begeistern? 

Auktionen sind ganz und gar nicht „snobby“. Da kommen Bilder aus Funk und Fernsehen dem echten Live-Erlebnis in die Quere. Auktion, das heißt vor allem: Das echte Abbild von konkreter Nachfrage und Angebot. Transparenter und direkter geht es kaum. Alle, die zum Bieten zugelassen sind, können mitmachen. Was niemand möchte, fällt gnadenlos durch. Es treffen sich auch nicht nur Millionär*innen und die „Schönen und Reichen“ – meist sind es viele verschiedene Gruppen der Gesellschaft, auch unterschiedliche Altersgruppen.

Bei Grisebach versuchen wir durch ein ganzjähriges Veranstaltungsprogramm neue Gruppen und neue Klientel zu aktivieren. Von Student*innen, die wir abends nach der Öffnungszeit durchs Haus führen, über Ausstellungsprojekte mit Galerien und Künstler*innen bis hin zu Lectures und Salon-Gesprächen. Wer einmal bei uns war, leckt Blut und versteht auch: hier wird Kunst diskutiert, bestaunt, erklärt und lebendig gemacht. Da ist nichts und niemand angestaubt!

„Bei uns ist es ein bisschen wie bei dem gut sortierten Secondhand Laden um die Ecke.“

Welchen Vorteil bieten Auktionen gegenüber einem Kauf in der Galerie oder direkt bei den Künstler*innen?

Auktionen bilden den sogenannten Sekundärmarkt. Das heißt, dass es bei uns ein bisschen wie bei dem gut sortierten Secondhand Laden um die Ecke ist: Wir bieten Gutes und Kostbares, Rares und Arbeiten von exzellenter Qualität an. Der Preis, zu dem eine Arbeit aufgerufen wird, liegt meist unter dem Galeriepreis. Ab und zu schaukeln sich zwei oder mehr Bieter*innen in die Höhe, dann kann es natürlich auch zu Rekordsummen kommen, die wiederum den Galeriepreis weit hinter sich lassen. Grundsätzlich besteht aber die Chance, dass man eine tolle Arbeit zu einem guten Preis bekommt.  

Ich würde gar nicht sagen „entweder Galerie oder Auktionshaus“, sondern es ganz und gar vom Werk abhängig machen. Manches, gerade von jungen zeitgenössischen Künstler*innen, gibt es so nur beim Galeristen oder auf einer Messe. Wir als Auktionshaus treten erst dann auf, wenn der oder die Künstler*in etablierter ist und die Werke schon mehrfach in Ausstellungen gezeigt wurden.

Copyright: René Fietzek

Bei Grisebach gibt es mittlerweile auch die Möglichkeit des Mitbietens via Online-Auktion.  Wird dieses Format in Zukunft immer mehr genutzt werden? 

Auf jeden Fall. Bislang waren wir ziemlich eingeschossen auf die Präsenzauktionen, auch weil das ein unglaublich schönes und spannendes Erlebnis ist. Der Saal kann richtig vibrieren, alles läuft auf diesen Punkt hin, in dem der Hammer runtersaust und ein Kunstwerk dem glücklichen Bieter zugeschlagen werden kann. Wer das erleben will, sollte sich mal in unsere Abendauktion setzen und staunen wie es knistern kann. Nun beginnen wir aber, das Live-Erlebnis mit Online-Auktionen zu verbinden und gehen diesen Sommer zum ersten Mal mit einer „Online Only“-Auktion an den Start. 

Wie kommt das? 

Der Mensch bewegt sich heute mehr. Bezüge zu festen Orten und Uhrzeiten, wo alles zu einem festen Punkt passieren muss, beginnen sich aufzulösen. Stattdessen ist ein hohes Maß an Flexibilität und Individualität gefordert. Das bedeutet: bieten, wann es einem passt und von wo auch immer.

Der Adrenalinkick beim Bieten ist ja nicht für jede*n etwas – gibt es noch andere Möglichkeiten für einen angstfreieren Kauf? 

Unbedingt! Wie auch im Leben gilt hier: viele Wege führen nach Rom. Wer nicht in den Saal kommen kann oder live am Telefon dabei sein möchte, kann – ganz gemütlich und weit im Voraus zur Auktion – ein schriftliches Gebot hinterlegen. Das ist das Maximalgebot, das man schriftlich bei uns einreichen kann. Wir bieten dann im Auftrag der Kund*innen bis maximal zu dieser Höhe mit. Natürlich reizen wir dieses Maximalgebot nicht voll aus, sondern nur soweit wie nötig, um erfolgreich zu sein und das Werk zu bekommen.

„All das, was einen bremst, eine Galerie oder ein Auktionshaus zu betreten, sollte man sofort hinter sich werfen!“

Wie kann ich einen transparenten und unabhängigen Überblick darüber bekommen, wie der Marktwert eines Kunstwerkes zustande kommt? 

Man kann Preise und Ergebnisse über die Datenbanken artprice oder artnet einsehen, das ist aber kostenpflichtig. Es hilft, sich viele Kataloge der internationalen und nationalen Auktionshäuser zur Brust zu nehmen, und am Tag der Auktion zu schauen und zu lernen, was welche Arbeit bringen kann. 

Hast du weitere Tipps für Anfänger*innen, die gerne mit dem Sammeln von Kunst beginnen wollen? 

All das, was einen bremst, eine Galerie oder ein Auktionshaus zu betreten, sollte man sofort hinter sich werfen!  Jeder Mensch, der in diesem Bereich arbeitet, ist Dienstleister*in und Verkäufer*in, also per se über Besuch und Nachfrage erfreut und darauf angewiesen. Ein weiterer Tipp: So viel sehen und  dazu lernen wie man nur kann. Sei es in Form von Magazinen, Flohmärkten, Ausstellungen im Museum, Besuch von Galerien oder Scrollen durch Instagram. Jede Galerie und jedes Auktionshaus hat dort ein Profil.  

Und wie sollte man bei der Kaufentscheidung vorgehen?

Wichtig ist, dass man das Kunstwerk wirklich mag - vielleicht träumt man sogar davon. Dann sollte man die Qualität und den Zustand der Arbeit überprüfen und checken, was der oder die Künstler*in sonst so gemacht hat, und ob einem das auch gefällt. Gut kann auch die Selbstüberprüfung sein, in dem man sich mit einem Menschen über die eigene Begeisterung austauscht. Ein guter Start zum Sammeln – auch für kleinere Budgets – sind Fotografien, Editionen und Grafik. Viel Spaß!

Vielen Dank für das offene Gespräch!

Vom 17. Juni bis 8. Juli finden bei Grisebach in Berlin die Vorbesichtigungen zu den Sommerauktionen statt. Alle Infos dazu findet ihr hier. Bei „Online-Only“ könnt ihr vom 19. Juni bis 5. Juli mitbieten. Hier könnt ihr euch schon mal Appetit holen:

  • Bilder Titelbild
    Portrait: Markus Jans. Candida Höfer: Grisebach GmbH / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

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