DienstArt – Die Kunstkolumne: Kunstbetrachtung für Dummies

Planlos durch die Kunstwelt? Nicht mit unserer Beige-Checkliste inklusive Selbstversuch. Edition 1: Zeitgenössische Kunst

Weiße Wände, helles Neonlicht, in der Mitte des Raumes steht eine Skulptur aus Kunsthaar und einem Gymnastikball – und das soll Kunst sein? Für diejenigen, die auch schon mal ratlos in einer Ausstellung standen, die bei kunstwissenschaftlichem Geschwafel abschalten und für alle Fans von klaren Worten haben wir eine sechsteilige Checkliste aufgestellt, an der man sich beim nächsten Museumsbesuch entlang hangeln kann: Kunstbetrachtung für Dummies (und Fortgeschrittene), sozusagen!

Zugegeben, kunstwissenschaftliche Analysen können unglaublich verwirrend und deprimierend sein. Kryptische Ausstellungstexte und herunter gebetete, leere Phrasen von Kunstexpert*innen geben uns leider viel zu oft das Gefühl, einer Fremdsprache zu lauschen. Die Zeitgenössische Kunst treibt es dabei auf die Spitze: An Abstraktion kaum zu überbieten, bekommen wir häufig keinerlei Antworten auf die Fragen, die sich uns bei der Betrachtung aufdrängen. Im Gegenteil: Oft werden wir mit noch mehr Fragezeichen im Kopf zurückgelassen.

Zuerst einmal: Ihr seid nicht allein! Viele Menschen scheuen die nagende Ratlosigkeit, die sie in Museen überfällt. Und natürlich sind auch (angehende) Kunsthistoriker*innen nicht vor aufbrandender Ahnungslosigkeit in Ausstellungsräumen gefeit. Generell sollte die Aufgabe von Institutionen darin bestehen, zwischen den Besucher*innen und der Kunst zu vermitteln, also eine Verbindung herzustellen. Für die Galerien und Museen ist es von Vorteil, einem breiten Publikum zuzusagen, nicht nur einem elitären Kreis an Kunstkennern*innen. Niemand möchte am Ende enttäuschte Gesichter bei seinen Besuchern sehen. Und dennoch wirkt Zeitgenössische Kunst oft einschüchternd, unnahbar oder undurchdringbar auf die Betrachtenden – und das führt zu Ablehnung. 

Unsere Checkliste soll die Annäherung an zeitgenössische Kunst erleichtern und richtet sich an Kunstinteressierte und absolute Neulinge, an Liebhaber*innen und an diejenigen, die normalerweise keinen Fuß in Galerien setzen. Eine Bedingung gibt es jedoch: Die Frage „Gefällt mir das Kunstwerk oder gefällt es mir nicht?“, sollte vorerst hinten angestellt werden. Dass die Ästhetik eine Rolle spielt, steht außer Frage. Versucht jedoch trotzdem, diese Frage erst ganz am Ende zu beantworten. 

1. W-Fragen stellen

Fangen wir ganz einfach an: Womit begannen nochmal die Analysen damals in der Schule? Genau, mit den W-Fragen. Es mag albern klingen, hilft aber wirklich. Versprochen. Logik ausschalten, Kunstwerk betrachten, W-Fragen durchgehen:  

Was sehe ich eigentlich vor mir? Welches Material, welche Größe hat das Werk, wie ist es geformt? Welche Farben fallen mir auf, gibt es eine bestimmte Anordnung?

Wie wirkt das auf mich? Empfinde ich irgendwelche Emotionen bei der Betrachtung oder im Ausstellungsraum? (An dieser Stelle muss natürlich nichts gefühlt werden. Auch wenn euch das Werk absolut kalt lässt, ist das vollkommen okay.)

Welche Assoziationen habe ich? An was erinnert mich das vielleicht? (Aber Achtung: diese Feststellungen sind absolut subjektiv und deuten nicht unbedingt auf die Intentionen des Künstlers oder der Künstlerin hin.)

Wer ist der Künstler oder die Künstlerin?

Wann wurde das Werk oder die Installation erstellt?

Wie würde ich selbst so eine Arbeit umsetzen? Welche Technik wurde angewendet und welche Hürden wurden wohl in Kauf genommen?

2. Abstrahieren

Da jetzt die groben Punkte abgehakt sind, kann abstrahiert werden: 

Kenne ich eventuell ein vergleichbares Kunstwerk? Oder ein ähnliches Objekt aus meinem Alltag? Inwiefern ähnelt oder unterscheidet sich das Werk von den Dingen, die ich bisher gesehen habe? Was ist ungewöhnlich oder neu?

3. Austauschen

Einer der spannendsten Aufgaben: Der Austausch. Ob mit der Begleitung oder – für die Mutigen – mit fremden Besucher*innen. Im Gespräch wird einem oft erst bewusst, wie viele unterschiedliche Interpretationen und Standpunkte es tatsächlich gibt. Was für Assoziationen hat der*die Begleiter*in? An was fühlt sich die Frau erinnert, die so interessiert guckt? Warum schüttelt der Mann am Fenster so vehement den Kopf? 

4. Interesse zeigen

Nach erklärenden Wandtexten oder Audioguides (die sind übrigens oft unglaublich nützlich, wenn auch verpönt) suchen wir in kleineren Galerien oder Offspaces häufig vergeblich. Daher ist es immer eine gute Lösung, Mitarbeitende, Aufsichten oder die Personen am Einlass anzusprechen. Bei der Vernissage kann natürlich auch direkt mit dem*der Künstler*in gesprochen werden – euer Interesse kommt dabei sicher gut an. 

5. Kontextualisieren

So, jetzt kommt ein bisschen Kontextualisierung dazu: Auf welche Umstände des Künstlers oder der Künstlerin könnte das Werk verweisen? Was sagt es zum Beispiel über die Gesellschaft aus, in der er*sie lebt oder gelebt hat? Lässt die Umgebung des*der Künstler*in einen Schluss auf die Arbeit zu? Auch hier ist wieder Vorsicht geboten: Subjektivität und schnelle Schlüsse sind hier unumgänglich, küchenpsychologische Analysen à la „Die Künstlerin war depressiv, deswegen überwiegt die Farbe Schwarz“ können zwar zutreffen, sind aber Interpretationssache.

6. Weitere Informationen finden

Informiert euch darüber, ob die Galerie oder das Museum ein Vermittlungsprogramm anbietet. Durch Führungen, Workshops und andere Events rund um die Ausstellung kommt man mit anderen Kunstinteressierten in Kontakt und nähert sich dem Thema Kunst auf entspannte Art und Weise an. Gesetzt den Fall, dass man sich unbedingt weiter mit der*dem Künstler*in auseinandersetzen möchte, gibt es sicherlich eine Publikation zur Ausstellung oder weitere Literatur zum Thema zu erwerben.

Und dann, nach erfolgreicher Abarbeitung der vorangehenden Punkte, darf dann auch die Gretchenfrage gestellt werden: Gefällt euch das Kunstwerk oder gefällt es euch nicht? Und hat vielleicht die intensive Beschäftigung mit dem Werk einen Einfluss auf eure Beurteilung?

Mein Selbstversuch in Sachen Kunstbetrachtung für Dummies

Erhobener Zeigefinger schön und gut – leere Phrasen zur Betrachtung von Kunst loswerden kann ich ganz offensichtlich. Aber hilft die Checkliste mir auch, wenn ich selbst ins kalte Wasser geschmissen werde? Um das herauszufinden, habe ich das Szenario am eigenen Leib erprobt: Ich habe eine Ausstellung besucht, von der ich absolut nichts wusste – und ich kam mir zwischenzeitlich ganz schön blöd vor.

Da ich das Gefühl der absoluten Ahnungslosigkeit nicht ausstehen kann, musste ich den Drang, mich im Voraus über die Ausstellung zu informieren, unterdrücken: Ich wollte an Ort und Stelle so ahnungslos wie möglich sein. Die Galerie meiner Wahl ist die noch junge Exgirlfriend Gallery im Südwesten Berlins.

1.

Ich fühle mich etwas hilflos, als ich die kleine Galerie betrete und mich im Raum umgucke. Ich verbiete mir jedwede vorschnelle Einschätzung und beginne damit, wie eine Grundschülerin meine W-Fragen abzuarbeiten:

Was sehe ich eigentlich vor mir? Es handelt sich um eine raumfüllende Installation, die Wände sind weiß gestrichen. Zuerst springen mir die beiden Handtuchhalter ins Auge, die an zwei gegenüberliegenden Wänden angebracht sind. An einem von beiden hängt ein Synthetikhandtuch, hinter dem anderen ist ein türkises Nackenkissen eingequetscht. In der Mitte des Raumes befindet sich eine Skulptur aus einem aufgeblasenen Gymnastikball (Stichwort Schwangerschaftssport) und einer Plexiglasplatte. An der Konstruktion ist ein platinblonder Kunsthaarzopf befestigt. An der Wand mir gegenüber befinden sich zwei Fernsehbildschirme, auf denen sich zwei Drohnen psychedelisch verformen. Eine von ihnen spricht mit leiernder Stimme auf Englisch mit mir. Durch die Verzerrung erinnert sie mich an einen winkenden Kraken. 

Wie wirkt das auf mich? In diesem Moment kann ich die vorurteilsbehaftete Ablehnung von Zeitgenössischer Kunst absolut verstehen. Im hellen Neonlicht der Deckenstrahler und dem weiß gestrichenen, spärlich bestückten Raum fühle ich mich ziemlich verloren. Außerdem wirken die beiden Handtuchhalter ziemlich albern auf mich. Die computergenerierte Stimme aus dem Fernseher lässt die ganze Szenerie noch abstrakter wirken. Die Installation wirkt sehr steril und unnatürlich. 

Welche Assoziationen habe ich? Ein bisschen fühle ich mich an ein Fitnessstudio erinnert: Das Handtuch, der Fitnessball, das kalte Licht. Die elektronische Stimme könnte mir auch Anweisungen zur nächsten Pilatesübung zuraunen, alles aufgezeichnet von den beiden wabernden Kameradrohnen. Irgendwie habe ich die Assoziation „Körper“, weil die Kissenrolle wie ein eingequetschter Arm aussieht und der lange Kunsthaarzopf so menschlich erscheint.

Wer ist der Künstler? Die Schaufensterbeschriftung verrät es mir: Der Künstler heißt Mit Borrás. Mehr muss ich noch herausfinden. 

Wann wurde die Installation erstellt? Das einzige, was ich auf Anhieb feststellen kann, ist der Name der Installation: Mother Machine.

Wie würde ich selbst so eine Arbeit umsetzen? Welche Technik wurde angewendet und welche Hürden wurden wohl in Kauf genommen? Theoretisch kann ich all diese Produkte im nächstgelegenen Baumarkt erwerben. Die Kombination macht die Musik. Ich habe viele offene Fragen.

2.

Da jetzt die groben Punkte abgehakt sind, kann abstrahiert werden: 

Kenne ich eventuell ein vergleichbares Kunstwerk? Nein.

Ein ähnliches Objekt aus meinem Alltag? Alle diese Objekte sind mehr oder weniger Alltagsgegenstände. 

Was ist ungewöhnlich oder neu? Die Anordnung der Gegenstände lässt mich weiterhin im Dunkeln. Langsam gewöhne ich mich allerdings an die sonore Drohnenstimme im Hintergrund.

3.

Austausch: Der Austausch mit anderen Gästen fällt in meinem Fall flach, da ich die einzige Besucherin der Galerie bin – schade eigentlich. Ich finde keine Texte oder Audioguides.

4.

Aus diesem Grund spreche ich die Dame an, die mich gleich zu Anfang freundlich begrüßt hat, und erfahre, dass die Begleittexte zur Ausstellung gerade neu kopiert werden. Also frage ich sie ganz plump, ob sie mir was zu der Ausstellung erzählen kann. Und das tut sie: Der Künstler, Mit Borrás, ist 1982 in Spanien geboren und wird von der Galerie in Deutschland vertreten. Alle Werke, die ich sehe, wurden 2018 angefertigt. Mit Borrás geht es in seiner Arbeit um die Selbstoptimierung des Körpers,  um Ästhetik im Zusammenhang mit Fortschritt und Technologie. Künstliches und Natur stehen für ihn in keinem Gegensatz, sondern sind sogar untrennbar miteinander gekoppelt. Er beobachtet voll Faszination, wie die Technologie die Formen der Natur nachahmt. Ich muss unmittelbar an die Drohne denken, die mich durch die Verzerrung an einen Kraken erinnerte. 

Durch diese Beobachtungen, so die Dame, habe der Künstler eine Idee von Unsterblichkeit, Harmonie und Einklang entwickelt, die sich in seinem Werk widerspiegle. Borrás nutzt für seine Installationen künstlich hergestellte Produkte, die dem Menschen das Leben vereinfachen sollen – zum Beispiel den Gymnastikball oder das Nackenkissen. Der Gegensatz von Synthetik und dem stark körperlichen Bezug verschwimme auf diese Weise. 

Ich verstehe, was sie sagt. Obwohl ich ähnliche Assoziationen hatte, bin ich doch überrascht über die Grundidee des Künstlers. Ich kann nicht alle Punkte nachvollziehen, bin aber von der Umsetzung fasziniert. 

5.

Kontextualisierung? Schwierig! Vielleicht drückt die Installation die schwierige Balance zwischen Körperlichkeit und Künstlichkeit aus, die Mit Borrás selbst in der Gesellschaft erlebt. Vielleicht ist der Künstler auch einfach nur fasziniert von unterschiedlichen Formen und Gegensätzen. Eventuell sieht er eine Widersprüchlichkeit zwischen dem Drang zur Selbstoptimierung und unserer Natur? Zumindest scheint er sich täglich mit moderner Technologie zu umgeben, da sie in seiner Arbeit eine zentrale Rolle einnimmt. 

6.

Da die Galerie sehr klein ist, gibt es kein Vermittlungsprogramm oder regelmäßige Events zu der Ausstellung. Ich blättere aber eine Weile in den zahlreichen Katalogen zu weiteren Künstler*innen, die von der Galerie vertreten werden. Außerdem bin ich kurz nach meinem Besuch Fan der Facebook-Seite geworden und werde so über kommende Ausstellungen informiert. Vielleicht verspricht die kommende Vernissage ja eine weitere Erprobung der Checkliste.  

Und nun die Gretchenfrage: Mir gefällt die Ausstellung, ja. Ich mag die ungewöhnliche Anordnung, ich habe noch einige Tage über die Intention des Künstlers nachgedacht. Ich finde eine gewisse körperliche Ästhetik in zerknautschten Nackenrollen und prall gefüllten Gymnastikbällen. Hätte ich mich nicht so intensiv mit der Installation auseinander gesetzt, wäre mein Urteil sicher anders ausgefallen. Zeitgenössische Kunst erklärt sich selten von selbst. Wer in Zukunft seltener planlos in Ausstellungsräumen stehen möchte, muss Fragen stellen. Ob die Antworten dann gefallen, kann jede*r für sich entscheiden.

Habt Ihr noch Tipps und Tricks zur Kunstbetrachtung, die Ihr mit uns teilen wollt? Dann schreibt sie gerne in die Kommentare!

Ein großes Dankeschön geht an mein „Versuchskaninchen“ für diesen Artikel, die Exgirlfriend Gallery. Alle Informationen zur kommenden Ausstellung findet Ihr hier:

Double speaker
Ewa Doroszenko and Jacek Doroszenko
17. November - 07. Dezember 2018

Exgirlfriend Gallery
Holsteinische Straße 18, Berlin

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