Memojis: Oh, du süße Unverbindlichkeit

Julia hat den Hype um Memojis unter die Lupe genommen und herausgefunden, warum auch die größten Kritiker*innen auf personalisierte Avatare abfahren

Zuerst einmal: Nein, es ist nicht schlimm, wenn euch das Wort Memoji nichts sagt. Dieser Artikel ist selbstverständlich auch für diejenigen geeignet, die sich bewusst hinter dem digitalen Mond versteckt haben. Das Ansammeln von unnützen Fakten kann schließlich nicht schaden und wer weiß, wann ihr das nächste Mal mit Stammtisch-Wissen glänzen könnt.

Bei dem Wort „Memoji“ handelt es sich um eine sogenannte Kontamination. Das ist sprachwissenschaftlicher Slang für „Kofferwort“ oder „Schachtelwort“. Weitere schöne Kofferworte sind zum Beispiel Brunch, Brangelina und Brexit. Das ist zwar ein ganz anderes Thema aber so habt ihr, ohne den Artikel überhaupt gelesen zu haben, immerhin schon einen Nutzen daraus gezogen.

Back to Topic: „Memoji“ setzt sich aus den Worten „Me“ und „Emoji“ zusammen und bezeichnet personalisierte, animierte Emojis, die als Sticker verwendet werden können. Durch Facetracking wird das eigene Gesicht zum Mini-Klon, der die unterschiedlichsten Ausdrücke annehmen kann. Anders als bei herkömmlichen Emojis müsst ihr euch bei den Memojis auf kein Geschlecht festlegen. Durch Infrarot wird euer Gesicht mit Tiefenwahrnehmung gescannt und auf einen Avatar projiziert, der zuerst einmal wenig Ähnlichkeit mit eurem Ebenbild hat. Anpassen und modifizieren könnt ihr eure Visage dann aber nach Lust und Laune: Durch die neuen Updates gibt es Piercings, Sommersprossen, Kopfbedeckungen sowie Haut- und Haarfarben in allen erdenklichen Nuancen. Glatze, blaue Haut und Hexenhut? Kein Ding der Unmöglichkeit.

Memojis funktionieren allerdings, aufgrund der Facetracking-Funktion und weil es sonst nicht Apple wäre, erst ab dem iPhone X (oder älter) und dem Betriebssystem iOS 12 (oder älter). Wer sich nicht zum Club der Auserwählten zählen darf, kann zumindest auf diverse Augmented-Reality-Filter auf Instagram zurückgreifen, die unsere Gesichter in starr operierte Fratzen oder süße Kätzchen verwandeln. Die teilweise von echten AR-Künstler*innen erstellten Effekte versüßen einem so manche Wartezeit. Apropos süß: Da gibt es noch das Animoji, bei dem sich unser Gesicht, ebenfalls per Facetracking, in ein Affen- oder Schweinegesicht verwandelt. Als Ferkel können wir dann zum Beispiel unsere Eltern facetimen und zu Tode erschrecken. Hihi, wie niedlich. Und nun ist, als Vollendung der Ich-Verniedlichung und Höhepunkt der Abstraktion, das Memoji entwickelt worden. Was schnell ins Auge fällt, ist das unumgängliche Kindchenschema: Kugelrunde Augen, großer Kopf und Stupsnase sind vorgegeben, daran kann ich beim Erstellen nichts ändern. Ecken und Kanten? Fehlanzeige! Während die FaceApp, bei der man sein zerknittertes, rasend schnell gealtertes Gesicht mit der Welt teilen konnte, noch lauwarm vor sich hin köchelt, macht nun eine Armee glattgebügelter Kindergesichter die Gruppenchats unsicher.

Zu alt für den Scheiß?

Natürlich gibt es wie üblich auch Kritik an dem ganzen Grimassenwahnsinn. Auf Giga zum Beispiel ist die Rede von der „Verblödung des Homo Sapiens“. Frustriert wird dort postuliert, man sei „zu alt für den Scheiß“. Dieses Argument zieht allerdings nicht, denn gerade Personen im Alter der eigenen Eltern scheinen großen Spaß daran zu haben, ihre aktuelle Befindlichkeit fröhlich mit Memojis zu untermauern. Frei nach dem Motto: „Glaubt man's denn, wozu die Technik heutzutage fähig ist?“

Okay, ich gebe zu, der Sache wohnt ein Zauber inne. Plötzlich habe auch ich Lust, meinen eigenen kleinen Klon zu erstellen und ihn meinen Freund*innen unverhohlen in den Chatverlauf zu droppen. Es ist eben doch unterhaltsam, sein eigenes Ebenbild in Stein … äh in Pixel zu meißeln.

Das Erstellen von Avataren im Stil der eigenen Persönlichkeit ist natürlich kein neues Phänomen. Schon bei Sims konnten wir Personen basteln, die zumindest entfernt aussahen, wie unser Ebenbild. Etwas später konnten unsere Mini-Klone auf Online-Plattformen wie dem Habbo Hotel dann sogar miteinander interagieren. Nun gibt es das Ganze im Taschenformat auf dem Smartphone und die lustigen Trollgesichter haben nebenbei auch noch Emotionen, können weinen und Küsschen verschicken, Hüte und lustige Brillen tragen.

Morgens zerknittert, ungeduscht und von Augenringen gezeichnet? Keine Sorge, mit dem weichgespülten, ewig jungen Kindergesicht aus der Hosentasche lassen sich alle vermeintlichen Makel verbergen. Selfie-Kritiker*innen können an dieser Stelle beruhigt sein: Mit Selbstdarstellung haben Memojis nichts zu tun, stattdessen stellen sie distanzierte Stellvertreter*innen des eigenen Gesichts dar.

Unsere eigenen Gesichter hinter dem Filter der Ironie

Aber wieso fasziniert diese Funktion Jung und Alt, Technikfans und –kritiker*innen? Als ich in meinem Bekanntenkreis nach Erfahrungsberichten frage, ist das Feedback verhalten. Niemand will jemals ein Memoji benutzt haben und der Großteil der Befragten gibt sogar vor, die Funktion nicht zu kennen. Ein bis zwei ehrliche Personen kann ich trotzdem aufspüren, die verschicken ihre Mini-Transformation nach eigener Aussage allerdings „nur ironisch“. Und in dieser Unverbindlichkeit vermute ich die Auflösung:

Das Memoji ist perfekt für diejenigen, denen das Tippen von Worten zu anstrengend, das Senden von klassischen Emojis zu basic und ein Selfie zu aufwändig ist. Memojis sind ideal für die Menschen, die sich nicht festlegen wollen, denen das eigene Gesicht irgendwie zu intim ist. Durch ihre süße, unverbindliche Art sind sie die perfekte Reaktion auf schwierige Fragen und lange Gesprächspausen. Während das klassische Selfie irgendwie narzisstisch daher kommt, ist das Memoji stets der passende, triviale oder ironische Lückenfüller, der gleichzeitig Freundlichkeit und Desinteresse ausdrückt. Mit Memojis sagt man eigentlich nur: „So wichtig ist es mir nicht“ - aber in süß.

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