Kunstsympathisch #7 – Künstler*innen über Kunst

Fabienne Meyer über Nachhaltigkeit im Verlagswesen und den Tapeten-Tapir

Fabienne Meyer hat Publizistik studiert und arbeitet seit zwei Jahren als PR-Agentin. Ende 2019 hat sie außerdem das Kinderbuch „Der Tapeten-Tapir“ in ihrem eigenen Verlag veröffentlicht, das sie selbst geschrieben und illustriert hat. Nebenbei ist die Wahlberlinerin auch noch in ihrem Kreuzberger Atelier kreativ. Dort hat sie uns bei Weihnachtskeksen und Tee von ihrem Leben als Verlagschefin und Künstlerin erzählt.

Schön hast du es hier! War es eine bewusste Entscheidung von dir, dass dein Atelier Teil deiner Wohnung ist?

Für kurze Zeit hatte ich mal ein von meiner Wohnung unabhängiges Atelier, habe aber schnell gemerkt, dass ich dort weniger zum Arbeiten komme. Die Hürde, abends oder am Wochenende extra dorthin gehen zu müssen, war mir zu hoch. So ist es nun perfekt: Ich komme hier trotz 40-Stunden-Woche sehr oft zum Arbeiten. Meistens sperre ich mich am Samstagmorgen mit Netflix im Atelier ein und komme erst abends wieder heraus. Leider vergesse ich dabei immer zu essen und zu trinken, das muss ich mir unbedingt abgewöhnen. 

Wie lässt sich deine künstlerische Tätigkeit mit deiner Vollzeitstelle in der Agentur verbinden?

FM: Wenn ich 24/7 kreativ sein müsste und nicht nebenbei noch einen normalen Job hätte, würde mir das Ventil fehlen. Auf der anderen Seite ist Kunst für mich neben dem Beruf eine sehr entspannende Tätigkeit. 

Hattest du denn jemals den Gedanken, dich nur noch der Kunst zu widmen?

In der Form nicht. Ich habe mit 19 mit meinen Eltern unseren Verlag „Wind und Sterne Verlag“  gegründet und überlegt, mich vollkommen auf dieses Projekt zu konzentrieren. Aber ich wollte nicht direkt in diese von mir selbst kreierte Welt einsteigen, sondern erstmal Erfahrungen sammeln und herausfinden, was in der Realität so abgeht. 

„Meine Wochenenden sind immer reserviert fürs Atelier.“ 

Wie kam es dazu, dass du so jung einen Verlag gegründet hast? 

Mein Vater ist Autor und hat in anderen Verlagen publiziert, in denen man extrem wenig Mitspracherecht hat. Als Autor kriegt man 8 Prozent vom Verkaufspreis und darf zum Beispiel das Cover nicht mitgestalten. Das Lektorat verfälscht natürlich auch deine eigentliche Arbeit. Aus diesem Grund haben wir die Rechte der Bücher zurückgekauft und sie dann mit Künstlern zusammen neu gestaltet. Bei uns gibt es auch immer Innenillustrationen, was für Belletristik eher unüblich ist. Mittlerweile haben wir sechs Autoren, die bei uns publizieren. 

Dann hast du die Kreativität also in die Wiege gelegt bekommen? 

Meine beiden Brüder und ich haben sie mit der Muttermilch aufgenommen. Meine Mama hat bei uns zu Hause ein kleines Atelier und ich war als Kind nie reiten, sondern zeichnen oder töpfern. Nebenbei habe ich schon immer gemalt.

„Es war niemals meine Intention, mit 30 noch zu studieren und mich nebenbei von meinen Eltern bezahlen zu lassen.“

Wobei dein Wirtschafts- und später Publizistikstudium ja auch deutlich macht, dass du wirtschaftlich denkst und deine Arbeit zu Geld machen möchtest.

Man kann ganz gut davon leben und mir ist es sehr wichtig, finanziell unabhängig zu sein. Es war niemals meine Intention, mit 30 noch zu studieren und mich nebenbei von meinen Eltern bezahlen zu lassen.

Verkaufst du deine Kunst auch?

Einige Anfragen hatte ich, allerdings habe ich keine Galerie, die mich promotet. Das lief größtenteils über Instagram. Aber fürs nächste Jahr möchte ich gerne eine Serie starten und diese dann auch über eine Galerie verkaufen. 

Wenn man sich hier so umschaut, wirkt es, als wärst du nicht bloß auf eine Technik festgelegt.

Das stimmt! Ich habe immer eine Million Sachen im Kopf, die ich gerne machen möchte. Deswegen will ich nicht nur klassisch malen, sondern auch digital. Oder eben töpfern oder schreiben. Auf eine Tätigkeit möchte ich mich nicht beschränken. 

Apropos schreiben: Wie bist du nun dazu gekommen, ein Kinderbuch zu veröffentlichen?

Eigentlich habe ich ursprünglich gar keine Kindergeschichten geschrieben. Erst durch meine Illustrationen habe ich irgendwann gemerkt, dass daraus ein Kinderbuch werden könnte. Angefangen hat es ehrlich gesagt mit dem iPad: Die App Procreate hat mich in ihren Bann gezogen. Während man bei analoger Kunst limitierter ist, gibt es im digitalen Bereich unendlich viele Möglichkeiten und die Stile unterscheiden sich stark. Das Schöne ist, dass man so auch mal im Zug arbeiten kann. Kinderbuchillustration fand ich schon immer wunderschön und spannend, auch weil sie häufig für Erwachsene ansprechend ist. So etwas wollte ich auch kreieren. 

Der Protagonist deines ersten Buches ist ein Tapir. Wie kam es dazu?

Ich wusste, dass es eine Tiergeschichte werden soll und ich fand den Namen „Tapeten-Tapir“ so süß, dass ich die Geschichte um die Idee herum gesponnen habe. 

Worum geht es denn genau?

Die Geschichte handelt von einem Schabracken-Tapir, der im Zoo seinen Halbgeburtstag feiert. Im Alter von etwa 6 Monaten verlieren Tapir-Kinder ihre Maserung und bekommen einen weißen Bauch. Als sich der Tapir morgens so verändert im Wasserloch sieht, ist er dementsprechend traurig. Überall im Zoo sieht er wunderschöne Musterungen von Zebras, Tigern und Giraffen. Zum Glück hat seine beste Freundin, ein Affenmädchen, eine Idee: Sie leiht sich Farben vom Zoodirektor und malt ihm ein neues Muster. Der weiße Tapir-Bauch ist also eine Art Leinwand.

Klingt fast wie eine Coming-of-Age-Geschichte: Groß werden, sich verändern und die eigene Identität suchen. 

Als es regnet, wird das Fell natürlich wieder weiß und die Aufmerksamkeit, die der Tapir durch die bunten Farben bekommen hat, verschwindet ebenso wieder. Freundschaft, Kreativität und eben dieses Selbstfinden und -erfinden stehen im Vordergrund, der Rest hält nur bis zum nächsten Regen.

Tapire sind ja medial eher unterrepräsentierte Tiere. Wie kommen sie bei deinen Leser*innen an?

Auf meinen bisherigen Lesungen musste ich tatsächlich viel erklären und Bilder zeigen. Ich möchte gerne bald ein Malbuch gestalten, in dem die Kinder ihre eigenen Tapire nach Lust und Laune anmalen dürfen.

Plötzlich musst du für dich selbst die PR-Trommel rühren – was ist das für ein Gefühl?

Es ist absolut spannend, meine PR-Erfahrungen auf die Öffentlichkeitsarbeit um mein eigenes Buch zu übertragen.  Ich habe schon oft gedacht: „Hey, das klappt ja wirklich!“. Der Buchhandel kriegt 55 Prozent der erwirtschafteten Erlöse, das ist eine ganze Menge. Dafür muss ich aber auch wie eine Vertreterin mit Büchern bepackt in die Buchhandlungen gehen und ihnen den Tapeten-Tapir vorstellen. Dieser Teil des Geschäfts ist anstrengend, macht aber auch Spaß.

Kannst du dir vorstellen, in Zukunft noch mehr Kinderbücher zu schreiben?

Ja, im Moment ist aber noch keines geplant. Kinderbuchillustration ist auch nicht primär das, was ich machen möchte. Trotzdem war es wunderbar, das Projekt Tapeten-Tapir umzusetzen, da ich von Anfang bis Ende alles selbst machen konnte.

Ist es nicht problematisch, keinen kritischen Gegenpol zu haben, der einem Feedback gibt? Zum Beispiel in Form eines unabhängigen Verlags?

Da habe ich zuerst auch gezweifelt. Natürlich ist das ein wichtiger Aspekt in der Entstehung von Literatur. Auf der anderen Seite konnte ich bei meinem eigenen Buch wirklich genau das umsetzen, was ich gerne haben wollte. Es wurde zum Beispiel in Deutschland und auf Recyclingpapier gedruckt. Normalerweise kannst du diese Dinge nicht mitbestimmen, sie waren mir aber sehr wichtig.

„Es ist absurd, im eigenen Haushalt Plastik zu vermeiden und dann 1000 in Folie verpackte Bücher zu bestellen.“

Spielt Nachhaltigkeit also auch im Buchhandel eine wichtige Rolle?

Absolut! Wir haben bewusst mit Offsetdruck und nicht mit Digitaldruck gearbeitet, da Kinder alles Mögliche in den Mund nehmen. Außerdem haben wir die Bücher nicht in Plastik verpacken lassen. Es ist absurd, im eigenen Haushalt Plastik zu vermeiden und dann 1000 in Folie verpackte Bücher zu bestellen. Wenn ich für Nachhaltigkeit stehe, muss ich das auch so gut es geht in meinem Verlag umsetzen. Es reicht nicht, sich Ziele zu setzen, man muss sie auch einhalten!

Wie ist das bisherige Feedback zu deinem Buch?

Ich war überrascht, dass die Kinder bei den Lesungen so aufmerksam sind. Ich habe immer Leseverständnisfragen vorbereitet, zum Beispiel „Wie alt wird der Tapir?“ oder „Wie heißt die Freundin?“. Die passen super gut auf! Von Erwachsenen habe ich ebenso viel positives Feedback bekommen, obwohl es ja nicht so der klassische Illustrationsstil ist. Die Darstellungen sind sehr reduziert und clean, eher skandinavisch. Trotzdem kommen die Geschichte und die Illustrationen selbst bei Leuten über 70 gut an.

Schön, dass du dem Tapir zur Salonfähigkeit verhilfst und danke für das Interview.

Den „Tapeten-Tapir“ könnt ihr hier bestellen. Das Buch eignet sich für Kinder ab 4 Jahren. 

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