Kunstsympathisch #5 – Künstler*innen über Kunst

Enzo Zak Lux über die Inszenierung von Räumen

In unserer Serie Kunstsympathisch ist der Name Programm: Wir treffen junge Künstlerinnen und Künstler, die etwas zu erzählen haben. Über ihre Arbeit, ihre Ideen und ihre Vorbilder. Wo ist die Grenze zwischen Kunst und Design? Wie trifft man den Zahn der Zeit? Und was kann Kunst eigentlich aushalten?

Diesen Fragen und noch vielen mehr möchten wir auf den Grund gehen und bitten zum Gespräch. Mit Kunstsympathisch möchten wir Hemmschwellen überwinden und ohne unnahbares Geschwafel über Kunst reden.

Über Enzo Zak Lux

Zu Beginn ein Rätsel: Betritt man die Kunsthalle Bielefeld, kann man die Arbeit von Enzo Zak Lux betrachten. Sein Werk „Pico Balla“ kann man sich an die Wand hängen. Trotzdem ist Enzo Zak Lux kein Künstler im klassischen Sinne. Aber was dann?

Nachdem er in Karlsruhe sein Vordiplom als Produktdesigner absolviert hat, studiert er nun an der Berliner Kunsthochschule Weißensee. In seiner Arbeit setzt er sich intensiv mit Farbe, Raumwirkung und -inszenierung auseinander. Durch Farbgestaltung kreiert er das passende Ambiente für die in Museumsräumen ausgestellte Kunst. So auch in Bielefeld, wo die Besucher*innen nach der letztjährigen Jubiläumsausstellung nun bereits die zweite von ihm gestaltete Raumpräsentation bewundern können. Wir haben Enzo Zak Lux in einem Café in seiner Heimatstadt Berlin getroffen und mit ihm über weiße Wände, die Inszenierung von Räumen und kunterbunte Smartie-Welten gesprochen.

Wie dürfen wir dich denn nun nennen – Künstler oder Designer?

Mich als Künstler zu bezeichnen, ist mir nie in den Sinn gekommen, schließlich habe ich keine Freie Kunst studiert, sondern Produktdesign. Den Begriff Design kann ich allerdings nicht sonderlich leiden. Alles ist heutzutage Design und eine „Designerwohnung“ oder „Designerklamotten“ werden eher als Schimpfworte benutzt. Mir gefällt der Begriff Gestaltung, da in ihm eine Offenheit mitschwingt und er sich auf unheimlich viele Bereiche übertragen lässt. Insofern würde ich mich als Gestalter bezeichnen.

„Ich muss nicht noch einen x-ten Stuhl machen.“

Trotzdem beschäftigst du dich ja, ähnlich wie Künstler*innen, auch mit Ästhetik. Im Bauhaus waren die Mitglieder zugleich Künstler*innen und Gestalter*innen. Wo ist da die Grenze?

Ebenso kann man diskutieren, ob Design auf einen Sockel gehört und ob es dann automatisch zur Skulptur wird. Kunstgeschichtlich hat die Gestaltung eine große Relevanz, da hast du absolut recht. Ein Großteil der Kunst ist aus dem Handwerk entstanden. Klar, wenn ich in der Kunsthalle großflächig Wände gestalte, ist der Übergang fließend. Würde man keine Bilder mehr davor hängen, könnte man meine Arbeit wohl als minimalistische Intervention bezeichnen (lacht).

Was fasziniert dich an der Gestaltung von Räumen?

Das Spannende ist, mit dem Gegebenen umzugehen. Anders als Künstler*innen habe ich nicht den Drang, noch etwas hinzuzufügen. Ich muss nicht noch einen x-ten Stuhl machen. Vielmehr gefällt mir die Vorstellung, für das bereits Vorhandene ein würdiges Ambiente zu schaffen. Ich versuche also, den Raum zu inszenieren, ob Wohn- oder Ausstellungsraum, oder auch dieses Café hier. Es hängt viel mit Komposition zusammen und dem Zusammenführen von Dingen, die zueinander passen. Auf jeden Fall ist es ein spannendes Feld, an dessen Anfang ich mich erst befinde.

Was wäre denn dein Ziel im Bereich Rauminszenierung?

Spannend wäre, wenn mal jemand zu mir käme und sagen würde: „Mach mir doch eine Wohnung“. Die Gestaltung des Rückzugs- und Erholungsortes in fremde Hände zu geben, ist ein riesiger Vertrauensbeweis.

Lass uns über Farbe reden!

Gerne. Ich habe oft das Gefühl, dass es die Tendenz gibt, sich vor dieser Thematik zu drücken. Es findet noch viel zu wenig Austausch über Farbe statt, obwohl sie ein Teil von allem anderen ist. Man muss sich mit Farbe auseinandersetzen, egal auf welchem Weg.

In deiner Arbeit ist Farbe ein wiederkehrendes Motiv. Was fasziniert dich so sehr an ihr?

Mit dem gezielten Einsetzen von Farbe im Gestaltungsprozess kann man die Leute begeistern. Für die Inszenierung von Räumen ist die Farbe ein sehr wichtiges Element.

„Was kann Kunst eigentlich aushalten?“

Die kommende Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld ist nun schon eure zweite Kooperation. Wie läuft die Zusammenarbeit ab und was für Vorgaben hast du?

Dieses Mal ist es ganz anders als beim ersten Mal. Letztes Jahr, zum 50. Jubiläum der Kunsthalle, sollte die Gestaltung sehr expressiv sein. Der Grundgedanke war, dass die Besucher*innen die Kunsthalle auch nach all den Jahren neu wahrnehmen sollen. Durch bestimmte Anordnung von Farben entstand das Gefühl von Einzelräumen.

Prinzipiell ist es eine gemeinschaftliche Entwicklung, Titel und Thema sind natürlich vorgegeben und die gezeigten Kunstwerke stehen mehr oder weniger fest. Letztendlich gibt es einen großen Ideenaustausch. Zuerst einmal muss man sich auf die Tonigkeit einigen. Sollen es Erdtöne oder knallige Farben sein?

Und wie geht es dann weiter?

Wenn die Kunstwerke an die Wände gehängt werden, fragt man sich unvermittelt: Was kann Kunst eigentlich aushalten? Kunst wird ja nicht für den White Cube, also komplett weiße Räume, gemacht. Gerhard Richter vor einem Türkisgrün? Ja, das knatscht ganz schön – aber gleichzeitig passiert auch etwas mit dem Bild. Die Wirkung kann sich durch den Hintergrund komplett verändern. Dieses Experimentieren finde ich sehr spannend.

Sich dann letztendlich festzulegen, ist sicher nicht einfach.

Es fließen unheimlich viele Komponenten mit in die Entscheidung ein, zum Beispiel der Ausstellungstitel und die vorherrschenden Materialien. Aber auch das Licht, ob Kunstlicht oder echtes Licht, spielt eine wichtige Rolle und beeinflusst die Farbwahl. Die eigene Idee von ein paar Zentimetern auf 40 Quadratmeter zu übertragen, dazu gehört viel Mut. Manchmal probiert man es aus und es funktioniert überhaupt nicht. Das ist ein spannender Moment, in dem man viel lernen kann. Man kann nicht in einem Berliner Café die Farbe für die Ausstellung in Bielefeld auswählen, das funktioniert einfach nicht. Am Ende sieht es immer anders aus, als man es sich vorgestellt hat. Farben können einen wirklich zum Verzweifeln bringen.

Wie ist es bei der kommenden Ausstellung?

Der Titel lautet „L‘homme qui marche - Verkörperung des Sperrigen“. Das schreit natürlich nicht unbedingt nach Zartrosa. Gezeigt werden Werke von wichtigen Künstler*innen wie Baselitz, Sintenis oder Rodin, die Kunst steht also im Vordergrund. Ich bin froh, dass diese Ausstellung nicht wieder so „poppig“ ist wie beim letzten Mal. Nicht, dass man mich irgendwann nur noch mit dieser bunten Smartie-Welt verbindet. Ich kann auch sachte und zurückhaltend. Die jetzige Ausstellung ist auf eine ganz andere Art und Weise farbig, die die Leute hoffentlich überraschen wird. Wir haben uns zum Beispiel für einen schönen Gelbton namens „India Yellow“ entschieden. Der wird ursprünglich wohl aus dem Urin von Kühen hergestellt, die ausschließlich Blätter von Mangobäumen zu fressen bekommen.

„Farben können einen wirklich zum Verzweifeln bringen.“

Ist die bewusste Farbgestaltung in Ausstellungen denn schon Gang und Gäbe oder ist das eher der Einzelfall?

Es wird schon mehr gemacht, als man denkt. Die Inszenierung von Kunst ist schon eine Selbstverständlichkeit geworden.

Wie kam deine Gestaltung denn bei den Besucher*innen an?

Die wurde kontrovers diskutiert und polarisierte stark. Es gab immer wieder Leute, die es ganz furchtbar fanden und auf der anderen Seite auch starken Zuspruch. Aber wenn es alle geliebt hätten, wäre das auch nix gewesen.

Also willst du Diskussion?

Ich lege es nicht darauf an, aber es würde mich sehr wundern, wenn alle die bunten Wände auf Anhieb gut fänden. Dann würde ich mich fragen: Wieso sind denn dann alle Wohnungen weiß? Tatsächlich habe ich eine Mail von einem Ehepaar bekommen, denen zwei Wände in der Ausstellung so gut gefallen haben, dass sie nun ihre Zimmer in diesen Tönen streichen möchten. Wenn ich so einen Anstoß liefern kann, dann freue ich mich sehr. Schön war auch der Moment, in dem die Halle wieder weiß war und Leute mich gefragt haben: „Wie findest du das denn jetzt?“ Da wurde mir klar, dass die Rückführung zum ursprünglichen Zustand und die Entfernung der Farbe auch zum Gesamtprozess der Gestaltung dazugehören. Mir gefällt der Gedanke, dass den Besucher*innen die Farbe erst im Nachhinein auffällt, wenn sie schon wieder verschwunden ist.

Was hat es mit deinem Projekt „Pico Balla“ auf sich? 

„Pico Balla“ war das Projekt zu meinem Vordiplom in Karlsruhe. Auch damals hat Farbe schon eine zentrale Rolle für mich gespielt, es gibt also Parallelen zu meiner heutigen Arbeit. Inspiriert wurde ich dabei von frühen, grafischen Kleidern von Comme des Garçons und Schweizer Posterdesign, zum Beispiel von Felix Pfäffli. Bei „Pico Balla“ verändert sich die Farbwirkung stetig durch Licht und Schatten. Es gibt von dem Regal drei komplett gleiche Ausführungen. Auf der IMM Cologne 2017 habe ich sie nebeneinander gehängt und jeweils um 90 Grad gedreht. Dass sie eigentlich identisch sind, hat man dann nicht mehr erkannt.

Credit: Enzo Zak Lux

Wenn man sich satt gesehen hat, kann man das Regal also alle paar Wochen drehen?

Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Kaufargument ist. Jede*r hat seine Lieblingsrichtung und dass man die Position ändert, kann ich mir nicht vorstellen. Statt um Spielerei ging es mir darum, vergleichend zu zeigen, was die Drehung in Bezug auf die Wahrnehmung bewirkt.

Ich würde mich gar nicht trauen, etwas in dieses Regal zu stellen.

Da sind wir wieder bei der Frage, ob man das Objekt als Gebrauchsgegenstand oder als Kunst wahrnimmt. Eine hängende Skulptur würde man wohl eher nicht mit Gegenständen beladen. Ich sehe „Pico Balla“ aber eher als Vitrine, in der es einzelne Räume gibt, die es zu befüllen gilt. Auch hier geht es mir um die Inszenierung und Kuration.

Credit: Christoph Hauf

Wohin geht deiner Meinung nach der Trend? Entscheiden wir uns bei Design für Unikate oder für Objekte von der Stange?

Das zu pauschalisieren ist unmöglich. Abseits von der Stange ist man schnell in einem sehr kostspieligen Bereich. Die Bereitschaft, für ein Objekt viel Geld auszugeben, ist, glaube ich momentan eher gering.  Die Generation IKEA wird jetzt langsam erwachsen und die Vorstellung davon, was ein Stuhl oder ein Bett kosten sollten, liegt tief im Keller. Wirklich viel Geld lässt man eher beim Autorendesign, also Gestaltung, bei der der Name des oder der Designer*in im Vordergrund steht. Da geht es mehr um den künstlerischen, weniger um den funktionalen Aspekt. Wenn es dann aber heißt „Den Typen kennt keiner!“, kann man es nicht im Freundeskreis vorführen. In diesem Bereich Fuß zu fassen, ist unheimlich schwierig.

Wie trifft man mit Ausstellungsdesign den Zahn der Zeit?

Wir sind so visuell vernetzt wie noch nie. Das spielt eine wichtige Rolle, wenn man sich in die aktuelle Ästhetik einreihen möchte. Eine Ausstellung ist zum Glück immer temporär, also zeitlich begrenzt. Wenn ich einen Raum über Jahre inszenieren muss, ist es schwieriger, den Zeitgeist widerzuspiegeln. Am besten ist man dem Zeitgeist sogar ein bisschen voraus. Allerdings sollte die Gestaltung auch nicht zu modisch sein, schließlich muss sie eine gewisse Zeit funktionieren.

„Ich war noch nie in New York, ich war noch nie in Tokio – Paris it is.“

Wer sind deine gestalterischen Inspirationen?

Es wäre unehrlich, drei oder vier Namen zu nennen. Ich werde ja permanent von meiner Umwelt beeinflusst, meine Liste wäre also endlos.

Für welche Institution würdest du denn gerne mal das Ausstellungsdesign machen?

Gute Frage! Es gibt zwei Räume, die ich spannend finde und die mich nachhaltig beeindruckt haben. Das Centre Pompidou und als Kontrast dazu das Palais de Tokyo. Ich war noch nie in New York, ich war noch nie in Tokio – Paris it is.

Warum ausgerechnet diese Orte?

Das Centre Pompidou ist umgeben von dieser monumentalen, steinernen Stadt und hat trotzdem nichts an Modernität verloren. Auch, wenn die Rolltreppen inzwischen quietschen und die Farben etwas verblasst sind. Gleichzeitig fasziniert mich, dass der Ort weiterhin funktioniert und so tagesaktuell ist, auch das Publikum ist unheimlich gemischt. Im Palais de Tokyo war ich begeistert von der Stimmung, dem zwischenmenschlichen Austausch. Das Museum funktioniert als Begegnungsstätte, dazu gibt es in Berlin kein Äquivalent. Dort kann man Kunst erleben, ohne gleich angeraunzt zu werden, weil man das Werk zu intensiv betrachtet. Die Stimmung dieser beiden Pariser Institutionen hat mich unglaublich fasziniert.

Was macht generell einen Ort für dich spannend?

Die Architektur kann spannend sein, obwohl der Raum an sich tot ist. Das Zusammenspiel von Licht, Geräuschkulisse und auch der Uhrzeit muss einfach stimmen. Ich kam zum Beispiel abends um halb zwölf beim Palais de Tokyo an, eigentlich also viel zu spät. Trotzdem saßen dort die Leute nach einer Performance im Eingangsbereich an rudimentär zusammengezimmerten Holztischen und tranken Rotwein. Der Austausch und die gelassene Stimmung gingen mit einem angenehmen Lautstärkepegel einher, den man in einem Museum nicht erwartet. Später war ich noch einmal dort und an gleicher Stelle war plötzlich ein lebloser Bookshop. Meine Faszination für den Raum war also etwas absolut Temporäres.

Vielen Dank Enzo, für das offene Gespräch!

Am 08.11.2019 eröffnet die Kunsthalle Bielefeld die Ausstellung „L‘homme qui marche - Verkörperung des Sperrigen“. Ab dem 09.11.2019 bis zum 08.03.2020 könnt ihr euch dort Enzos Raumgestaltung und beeindruckende Werke von Lynn Chadwick, Asta Gröting und Joseph Beuys ansehen. 

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