Kunstsympathisch #10 – Künstler*innen über Kunst

Ai Moliya über Kintsugi und ein alternatives Schönheitskonzept

Wer erinnert sich noch an die bunten Piraten- oder Tierpflaster, die man als Kind so geliebt hat? Kam man mit aufgeschlagenem Knie und verheulten Augen nachhause gehumpelt, konnte das farbenfrohe Klebeband die schlechte Laune hervorragend verblassen lassen. Wenn auf die zerrissene Hose dann auch noch ein cooler Aufnäher kam, war alle Trauer verflogen. Am nächsten Tag wurde die Schürfwunde, die im ersten Moment so viel Unmut erzeugt hatte, dank wunderschöner Kittung stolz präsentiert. 

Schon klar, es ist nicht ganz unbedenklich zu propagieren, dass Bruchstellen uns stark und schön machen - auch ohne sie könnten wir sicherlich wunderbar leben. Aber die kleine Anekdote zeigt, dass Schönheit nicht mit Perfektion gleichzusetzen ist und im vermeintlich Fehlerhaften auch das Besondere liegen kann.

Die japanische Reparaturmethode Kintsugi verkörpert genau diese Philosophie: Statt Bruchstellen zu kaschieren oder zu verstecken, werden sie mit Goldlack hervorgehoben.  

Neben der Reparatur geht es dabei auch um die Wiederbelebung eines Objekts auf einzigartige Art und Weise. Obwohl dieses Verständnis auf einer jahrhundertealten Tradition beruht, ist der Gedanke ziemlich nachhaltig und lehrt uns ganz nebenbei mehr Wertschätzung und Akzeptanz. 

Juhu, Jubiläum! Für unsere 10. Ausgabe von Kunstsympathisch haben wir uns die Künstlerin Ai Moliya geschnappt. Sie ist im japanischen Okayama geboren, studierte Grafikdesign und Malerei in Kobe und arbeitete später als Grafikdesignerin in Tokio. Nachdem sie 2016 die grundlegende Kintsugi-Technik erlernt hatte, zog sie nach Berlin, wo sie seitdem als Grafikdesignerin, Malerin und Kintsugi-Künstlerin lebt und arbeitet.

Es ist wunderbar, dass zerbrochene Keramik auf so schöne Weise repariert werden kann. Müssen wir uns nun nie wieder um kaputte Lieblingstassen sorgen? 

Die Objekte, die ich mit der Kintsugi-Methode repariere, sind wider Willen zerbrochen, sie sind quasi verunglückt. Obwohl ich Kintsugi-Künstlerin bin und sie reparieren kann, bin ich bei Unfällen von Lieblingssachen sehr traurig. Ich bin der Ansicht, dass sie unter Bruch nicht leiden sollten, besonders wenn sie von jemandem geliebt werden. Versehentlich zerbrochene Keramik reparieren zu können ist schön, die Kintsugi-Methode ist Glück im Unglück. Durch sie kann ich Objekte betrauern, ihnen gleichzeitig aber neues Leben einhauchen. Trotzdem werden die Objekte nie mehr dieselben wie zuvor. Das empfinde ich als Verlust.

Würdest du Kintsugi eher als Kunst oder als Handwerk bezeichnen?

Sowohl als auch – ich fasse es als eine Mischform auf. In Kintsugi sind feinsinnige Handwerkstechnik, einzigartige Schönheit und kulturelle Philosophie miteinander verwoben.

Um eine reine Dienstleistung handelt es sich aber nicht, schließlich fließt ja auch ein Teil deiner Persönlichkeit mit ein, oder?

Das stimmt, alle Kintsugi-Künstler*innen malen ihre eigene Linie. Meine Kintsugi-Werke spiegeln meinen persönlichen Sinn für Schönheit wider.

„In Kintsugi sind feinsinnige Handwerkstechnik, einzigartige Schönheit und kulturelle Philosophie miteinander verwoben.

Du hast dich 2016 zur Kintsugi-Künstlerin ausbilden lassen. Wie sieht eine solche Ausbildung aus? 

Es werden Technik, Materialien und auch die Geschichte von Kintsugi gelehrt. Das Wichtigste, was ich in der Ausbildung erlernt habe, ist aber die Mentalität: Wegen der Materialeigenschaften dauert die Kintsugi-Methode ziemlich lang, daher benötigt man viel Konzentration. Übung ist die einzige Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Ich habe besonders bei der Ausbildung große Geduld gebraucht um viel zu üben.

Mittlerweile lebst und arbeitest du in Berlin, wo deine Gemälde auch ausgestellt werden. Die Kreativität scheint dir in die Wiege gelegt worden zu sein. 

Mein Vater ist Möbeltischler von Beruf und hat die Firma übernommen, die von meinem Großvater gegründet wurde. Auch meine Mutter arbeitet in dieser Firma und malt nebenbei japanische Bilder. Schon als Kind habe ich mich daher für viele kreative Dinge interessiert. Neben meinem Studium und meiner Arbeit als Grafikerin habe ich immer auch Gemälde gemalt und an einigen Ausstellungen teilgenommen. So konnte ich im Internet Kontakt zu einer Kunstagentur in Deutschland knüpfen. Damals habe ich noch in Japan gewohnt, weshalb ich meine Werke per internationalem Paket nach Köln und Berlin geschickt habe um sie dort auszustellen. 2017 bin ich dann endgültig nach Berlin gezogen.

Ist das Interesse an Kintsugi in Deutschland und in Japan ähnlich? 

Ja, ich denke schon. Nur wer in Japan wirklich Liebhaber der Töpferei ist, kennt die Technik und den kulturellen Hintergrund von Kintsugi. Eigentlich gibt es sogar viele Japaner, die keine Ahnung davon haben oder nur den Namen kennen. Wenn sie zum ersten Mal von Kintsugi hören, erkläre ich die Technik allen Leuten genau gleich. Ich bekomme so unterschiedliche Reaktionen, dass ich das auf keinen Fall verallgemeinern kann. Aber ich denke, dass viele Leute Interesse an Kintsugi zeigen, egal ob in Japan oder in Deutschland.

„Man fragt mich bei Ausstellungen oft, ob ich die Keramik extra für Kintsugi zerbreche.“

Viele Menschen sind von Kintsugi fasziniert, weil es schön aussieht. Wie siehst du diesen „Trend“, der die Bedeutung und Traditionen dahinter oft vernachlässigt?

Dafür habe ich ein Beispiel, es ist allerdings nicht meine eigene Erfahrung. Als mein Kintsugi-Lehrer außerhalb Japans einen Kurs geleitet hat – meiner schwachen Erinnerung nach war das in Frankreich - hat ein Schüler vor seinen Augen einen Teller zerbrochen. Seine Erwartung war, dass der Teller nach der Reparatur mit den goldenen Linien schöner werde als vorher. Das ist allerdings nicht die Essenz von Kintsugi. 

Wie würdest du die Essenz stattdessen beschreiben?

Es geht um die Wiederherstellung der Funktion durch schöne Reparatur von Rissen oder Bruchstücken, die unglücklicherweise und trotz sorgfältiger Behandlung passiert sind. Man fragt mich bei Ausstellungen oft, ob ich die Keramik extra für Kintsugi zerbreche. Meine Antwort ist immer „nein”. Die von mir gesammelten Dinge, die ich als meine Werke ausstelle, sind alle versehentlich kaputtgegangen. Es gibt keinen Grund, Sachen nur der Reparatur wegen absichtlich zu zerbrechen. Dieses Missverständnis sollte aus der Welt geschafft werden.

Kann man dir jede Form von Keramik zur Reparatur bringen oder gibt es Dinge, die du prinzipiell nicht reparierst?

Im Prinzip sind alle Keramik- und Porzellanobjekte mit der Kintsugi-Technik reparierbar. Allerdings muss ich mit der Reparatur sehr vorsichtig sein, wenn die Besitzer*innen selbst schon einen Reparaturversuch unternommen haben. Der alte Kleber ist hinderlich, deshalb kann ich sie in so einem Fall möglicherweise nicht perfekt reparieren.

Was hat es mit dem japanischen Ästhetikkonzept Wabi-Sabi auf sich? 

In Japan wird das Gefühl Wabi-Sabi als grundsätzliches kulturelles Schönheitsverständnis definiert. Ich erkläre es meistens so: Zunächst geht es darum, ein Objekt oder einen Raum nur zu beobachten und darin Schönheit zu finden. Danach die eigene Imagination hinzuzufügen und weitere Schönheiten zu entdecken. Dazu gehört auch, zu realisieren, dass solche Schönheit vergänglich ist und nur im Moment existiert. Das ist mein Verständnis von Wabi-Sabi. 

Was können wir daraus lernen? Bräuchten wir nicht in viel mehr gesellschaftlichen Bereichen dieses Selbstverständnis?

Ich bin der Meinung, dass es dieses Konzept nicht nur in Japan gibt. Bevor Wabi-Sabi weltweit bekannt wurde, gab es bereits viele Menschen, die es schon in sich trugen. Nebenbei bemerkt denke ich, dass die Musikwerke von ECM Records dasselbe Gefühl verkörpern. Ich mag sie sehr. Es gibt bereits in vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen diesen Sinn für Schönheit.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Ihr möchtet eure heißgeliebte Lieblingstasse reparieren lassen, eine von Ai Moliyas Ausstellungen besuchen oder mehr über sie erfahren? Dann findet ihr hier alle wichtigen Infos. 

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...