Kunstsympathisch #2 – Künstler*innen über Kunst

Ekin Su Koç über Kiki Smith und Anselm Kiefer

In unserer neuen Serie Kunstsympathisch ist der Name Programm: Wir treffen junge Künstlerinnen und Künstler, die etwas zu erzählen haben. Über ihre Arbeit, ihre Ideen und ihre Vorbilder. Wie entsteht eigentlich Kunst? Gibt es alltägliche Hürden im Leben von Kunstschaffenden? Und wie groß ist die Angst vor der „brotlosen Kunst“? 

Diesen Fragen und noch vielen mehr möchten wir auf den Grund gehen und bitten zum Gespräch. Im ersten Teil des Interviews dreht sich alles um die eigene Arbeit der Porträtierten. Im zweiten Teil reden wir über Inspirationen durch andere Künstler*innen, Vorbilder und Einflüsse. Mit Kunstsympathisch möchten wir Hemmschwellen überwinden und ohne unnahbares Geschwafel über Kunst reden.

Über Ekin Su Koç

Die Künstlerin Ekin Su Koç wurde 1986 in Istanbul geboren. Nach Lebensstationen, Einzel- und Gruppenausstellungen in der Türkei, Dänemark und Großbritannien lebt sie jetzt, seit einem knappen Jahr, in Berlin. 

Ihre Kunstwerke sind Sammlungen unterschiedlichster Eindrücke, Erfahrungen und Materialien. In Collagen verknüpft sie alte Postkarten, Magazinausschnitte und Malerei, spielt mit Körperformen und Gender und lässt so neue Figuren entstehen, die in den Betrachtenden individuelle Erinnerungen wach kitzeln. Die auf diese Art entstehende Verknüpfung verschiedener Kulturen und Identitäten zeichnet sich in den vieldeutigen, aussagestarken Arbeiten der Künstlerin ab. 

Wir haben Ekin Su Koç in einem kleinen Café nahe ihrem Studios in Berlin Kreuzberg getroffen und mit ihr über Zugehörigkeit, Freiheit und ihre großen künstlerischen Idole gesprochen.

„Hinter jedem Kunstwerk stecken unzählige Geschichten.“

Deine Werke wirken auf den ersten Blick sehr verspielt und bunt, Namen wie „Happy at Nowhere“ oder „AntiBody“ scheinen da erstmal sehr widersprüchlich zu sein. Plötzlich fallen einem Skelettteile auf, die gar nicht zum ersten Eindruck zu passen scheinen. Ist diese überraschende Wendung typisch für deine Arbeit? 

Die Wirbelsäule, die du ansprichst, hatte tatsächlich einen persönlichen Bezug: Ich war gerade in der Türkei und hatte starke Rückenschmerzen. Es fühlte sich an, als würden sich die Probleme in meinem Heimatland auf meinem Rücken auftürmen und mich krank machen. Als ich in einem Magazin diese Abbildung von den fragilen Fischknochen entdeckt habe, wurde ich direkt an meine Wirbelsäule erinnert.

Das Motiv kommt auch in meiner Arbeit „Family Tree“ vor, die einen Stammbaum darstellt. Hier werden die ganzen Lasten und Erinnerungen der vergangenen Generationen dargestellt, die man so mit sich herumträgt. Sie zerren quasi an unserem Skelett, an unserer Haltung. Manchmal macht die Vergangenheit uns krank, manchmal sie uns aber auch aufblühen – das ist der Grund für die Blumen. Blumen sind ja auch ein Symbol der Heilung.

Dann war die Arbeit ja wie ein Selbstporträt für dich. Haben deine Werke häufig einen biografischen Bezug? 

Mir ist es wichtig, dass meine Kunst ästhetisch ansprechend ist und gleichzeitig eine Aussage hat. Dabei geht es mir nicht darum, etwas Offensichtliches hervorzuheben, sondern darum, den Betrachtenden eigene Interpretationen und Gedanken zu ermöglichen. Durch die symbolischen Elemente in meiner Arbeit kann sich jede*r seine eigenen Assoziationen dazu machen. Ich gebe also nur bestimmte Hinweise vor und möchte niemandem eine Interpretation aufzwingen. 

Jede*r findet also etwas von sich selbst darin? Wie im Kino oder in der Musik?

Genau, darum geht es: Es ist wie bei einer Reise. Du siehst ein Kunstwerk und beginnst es auf deine eigene Art zu ergründen. Jeder Mensch verbindet zum Beispiel mit der Fischgräte etwas anderes. Auf den ersten Blick wirkt der Fischknochen auf viele Menschen vielleicht abstoßend oder hässlich. Wenn ich Leuten dann meine damit verbundene Rückengeschichte erzähle, erschließt sich wieder eine ganz neue Ebene und die Sichtweise ändert sich. Das finde ich interessant. Hinter jedem Kunstwerk stecken unzählige Geschichten. Wenn man nicht nachfragt, entgeht einem vielleicht etwas. 

„Mode reflektiert sehr stark die jeweilige Kultur.“

Wie können wir uns den Entstehungsprozess deiner Collagen vorstellen?

Zu Beginn ist es ein sehr freier Prozess. Ich sammle Material, zum Beispiel Blumen bei Spaziergängen in der Natur oder alte Familienfotos auf Flohmärkten. Ich gehe auch in Antiquariate und stöbere in alten Magazinen, in denen Themen wie Alltag, Kultur und Konsumverhalten perfekt abgebildet werden. Wenn ich etwas Schönes sehe, nehme ich es mit. Im zweiten Schritt breite ich alles auf einem Tisch aus und kombiniere. Ich versuche mich hineinzudenken und spiele mit den einzelnen Stücken um etwas Neues zu erschaffen. Durch digitale Bildbearbeitung oder Malerei kann ich nachhelfen, wenn die Teile nicht zueinander passen. Am Ende soll die Collage wie eine Zeichnung wirken. Man könnte sagen, dass ich mit Papier male. 

Spielt Mode auch eine Rolle in deiner Arbeit?

Ja, eine wichtige Rolle sogar. Zuerst habe ich mich nur mit der Malerei beschäftigt, bis ich nach meiner Ausbildung festgestellt habe, dass ich Mode liebe. Durch die Collagen kann ich beides kombinieren: Meine Malerei und die einzelnen Ausschnitte aus Modemagazinen. Außerdem integriere ich Stoffe in meine Collagen. Durch alte, osmanische Stoffe, Stickereien oder Spitze versuche ich, unterschiedliche Identitäten abzubilden. Textilien sehr kulturelle Elemente und Mode reflektiert sehr stark die jeweilige Kultur.

Du bist viel unterwegs und hast an den unterschiedlichsten Orten gelebt. Wo fühlst du dich zu Hause und inwiefern schlägt sich das auf deine Arbeit nieder? Hast du Berührungsängste, wenn es um andere Kulturen geht?

Die letzten Jahre habe ich größtenteils wie eine Nomadin gelebt. Ich mag diese Lebensweise sehr, aber nun scheine ich mich länger in Berlin niederzulassen. Manchmal denke ich, dass ich noch mehr rumkommen möchte. Anfangs vermisst man sein  Zuhause sehr - irgendwann stellt sich das Gefühl ein, dass es gar keine Grenzen mehr gibt und dass man überall zu Hause sein kann. 

Was die Berührungsängste angeht: Wenn man viel reist, trifft man dauernd neue Leute. Oft habe ich das Gefühl, bewertet oder beurteilt zu werden. Aber man kann ja auch nicht immer allein sein! In Kontakt mit anderen Menschen zu treten, hilft mir, diese Ängste abzubauen und neue Perspektiven kennenzulernen. In Kopenhagen habe ich zum Beispiel die minimalistische Design-Kultur lieben gelernt. Jeder Ort, an dem ich Zeit verbringe, inspiriert mich. Die Erfahrung meiner Reisen, aber auch die Frage nach Zugehörigkeit, spiegelt sich stark in meinen Arbeiten wider.

„Ich komme aus einem Land mit vielen tragischen Geschichten, aber auch bunten, vielfältigen Traditionen und gutem Humor.“

Wie würdest du die politische Ebene deiner Arbeit beschreiben?

Ich komme aus einem Land mit vielen tragischen Geschichten, aber auch bunten, vielfältigen Traditionen und gutem Humor. All diese Facetten würde ich gerne zeigen. Ich möchte natürlich auch Kritik äußern und Missstände aufzeigen. Oft habe ich aber das Gefühl, dass dieses Vorgehen die Ungerechtigkeiten noch verstärkt oder mich traurig macht. Außerdem möchte ich nicht finanziell von diesen Missständen profitieren, sondern den Menschen mit meiner Kunst die schönen Seiten zeigen und sie heilen. 

Jedes Werk hat natürlich auch eine politische Ebene, aber ich möchte niemanden erziehen oder aufklären. Es ist eher eine subtile Nachricht, die unterschwellig mitschwingt. 

Welche Künstlerin oder welcher Künstler inspiriert dich? 

Ich liebe die Arbeit von Anselm Kiefer, auf visueller und plastischer Ebene. Kiefer spielt mit symbolischen Elementen, zum Beispiel mit Sonnenblumen oder Mohn. Das fasziniert mich sehr. Auf die Art werden seine Inhalte nicht direkt thematisiert, sondern beispielsweise durch Material angedeutet.  Man fühlt sich an etwas erinnert, ohne dass es explizit angesprochen wird. Über ihn habe ich damals auch meine Masterarbeit geschrieben und viel recherchiert. Außerdem inspirieren mich Joseph Beuys und Kiki Smith.  

„Massivität hatte plötzlich keine Bedeutung mehr für mich.“

Erinnerst du dich an einen Schlüsselmoment, den du mit einem bestimmten Kunstwerk verbindest?

Ich erinnere mich tatsächlich, dass ich einmal in Prag eine Ausstellung besucht habe, in denen Arbeiten von Kiki Smith zu sehen waren. Ihre Zeichnungen hingen dort einfach so an der Wand, ohne Rahmen. Die Aufmachung war so einfach und friedlich, hatte aber gleichzeitig eine starke Wirkung. Auf einer der Arbeiten waren zwei sehr starke Figuren zu sehen, ohne bestimmtes Geschlecht. Eine mit offenen, eine mit geschlossenen Augen. 

Copyright: Courtesy Pace Gallery

Inwiefern beeinflusst Kiki Smith deine eigene Arbeit?

Diese zurückhaltende Zeichnung, die mit einfachen Mitteln so viel ausgedrückt hat, hat mich wahnsinnig fasziniert. An diesem Tag habe ich beschlossen, dass ich mehr mit schlichten, weißen Hintergründen arbeiten möchte. Wenn man viel produziert, denkt man sich oft: „Ich sollte hier oder dort noch etwas hinzufügen“. Irgendwann wird es dann unübersichtlich. Massivität hatte plötzlich keine Bedeutung mehr für mich – Zurückhaltung hat oft eine viel stärkere Wirkung.

Vielen Dank für das anregende Gespräch!

Über Kiki Smith:

Copyright: Courtesy Chris Sanders

Kiki Smith wurde 1954 in Deutschland geboren und wuchs in Nordamerika auf. Die Künstlerin beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit den unterschiedlichen Facetten des Menschseins: Themen wie Körperlichkeit, Spiritualität, Sexualität und Vergänglichkeit versucht sie in ihrer Beziehung zu Natur und Umwelt darzustellen. Diese Annäherungen wirken suchend, fordernd und beobachtend, niemals plakativ oder exhibitionistisch. Smith bedient sich unterschiedlicher Techniken: von Malerei und Zeichnung über Bildhauerei bis hin zur Fotografie. Dabei wirkt es so, als wolle sie hauptsächlich ihr eigenes Innenleben ergründen, das sie uns bruchstückweise in ihren Ausstellungen präsentiert. 

Mehr wundervolle Arbeiten von Kiki Smith findet ihr hier:

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