Kunstsympathisch #9 – Künstler*innen über Kunst

Yasmin Falahat über das Loslassen, Traditionen und den Brexit

Wer die Werke von Yasmin Falahat betrachtet, bekommt sofort einen Eindruck von verschiedenen Traditionen und vielleicht auch ein bisschen Appetit. Die knalligen Keramiken der in London lebenden Künstlerin sind ein Farbklecks im grauen Nieselwetter. Neben der Töpferei beschäftigt sie sich außerdem mit Zeichnung und Fotografie. Wir haben mit Yasmin über Künstler*innen auf Instagram, ihren Umgang mit Misserfolg und das kreative Geschäft in Krisensituationen gesprochen. 

Die letzten Wochen waren sicher auch für dich nervenaufreibend. Umso schöner ist es, mit dir zu sprechen! Wie geht es dir gerade?

Mir geht es gut, ich bleibe zu Hause und bin gesund, zumindest soweit ich weiß! Eigentlich mache ich das gleiche wie alle anderen und versuche, mich an die plötzliche Veränderung unseres Alltags anzupassen. In der letzten Woche habe ich mir große Sorgen gemacht: Es war unfassbar, jeden Tag in den Nachrichten vom Coronavirus zu hören. Die von Tag zu Tag wachsende Eskalation war überwältigend. Im Moment können wir nichts tun, außer zu Hause zu bleiben und uns sozial zu distanzieren. London ist aktuell eine Geisterstadt, sie hätte schon viel früher abgeriegelt werden sollen.

Kannst du als Künstlerin auch von zu Hause arbeiten?

Ich habe viele Teile aus meinem Studio mit nach Hause genommen, um daran zu arbeiten. Ich werde also einfach weitermachen. Allerdings bin ich nicht sicher, wann ich zum Brennofen komme und ob die Post und damit der Versand irgendwann betroffen sein werden. Ich kann nur abwarten und sehen, was die Zukunft bringt. Die Gesundheit hat natürlich absolute Priorität. Neulich musste ich in den Supermarkt und es war der Wahnsinn – zu dem Zeitpunkt ist mir erst bewusst geworden, wie sehr sich unser gesamter Lebensstil in kürzester Zeit verändert hat. 

Sprechen wir über deine Kunst: Wie kommt es, dass du dich sowohl mit Keramik, als auch mit Zeichnung und Fotografie beschäftigst?

Ich mache gerne von allem etwas, die Techniken hängen ja auch miteinander zusammen. Eigentlich habe ich Textildesign studiert, aber Zeichnung und Fotografie haben mich schon immer interessiert. Sie beeinflussen meine Keramik sehr. Seit Letztere sich so gut verkauft, habe ich aber leider nicht mehr viel Zeit für andere Kunstformen.

Kannst du deine Erfahrungen im Textildesign denn noch anwenden?

Wir haben zwar in der Uni nur am Stuhl gewebt, ich finde das manuelle Weben aber viel spannender. Meine Mutter hat früher viel gewoben und mir die Grundlagen beigebracht. Es ist eine unglaublich meditative Tätigkeit, daher praktiziere ich es lieber in meiner Freizeit als zum Geldverdienen. Ich könnte mir aber vorstellen, Workshops dazu anbieten. 

Bietest du denn bereits Workshops an?

Noch nicht aber ich habe vor, dieses Jahr Keramikworkshops in London zu organisieren. Laut einer Umfrage auf Instagram schienen viele Leute interessiert (lacht). 

„Ich habe so viele Jahre drei bis vier Jobs gleichzeitig gehabt.“

Ist ja auch eine Frage des Timings. Arbeitest du Vollzeit als Künstlerin?

Mittlerweile ist es tatsächlich ein Fulltime-Job geworden. Bis vor kurzem habe ich Teilzeit in einem kleinen Laden hier in London gearbeitet. Wenn sie mich dringend brauchen, springe ich noch ein. Aktuell nimmt die Keramik sehr viel Zeit in Anspruch, aber meine Chefin unterstützt mich sehr. Ich habe so viele Jahre drei bis vier Jobs gleichzeitig gemacht – jetzt möchte ich mehr Zeit in die Kunst investieren. Besonders um Weihnachten herum habe ich nonstop gearbeitet. 

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Hat sich denn der Stress minimiert?

Na ja, es ist noch immer Stress aber eine andere Art von Stress. Es ist eine Arbeit, die ich gerne mache. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, da ich bei meiner Familie wohne. London ist unglaublich teuer und viele Leute genießen nicht dieses Privileg. Das Studio, das ich zurzeit miete, könnte ich mir sonst niemals leisten. Ich baue jetzt langsam mein Business auf und dann will ich auch irgendwann ausziehen. 

Wie hat sich deine Karriere in den letzten Jahren entwickelt?

Anfang 2018 habe ich einen Keramikkurs gemacht. Der ging allerdings nur vier Wochen, man hat also nicht viel gelernt in so einer kurzen Zeit. Davor habe ich mit Lehm gearbeitet, damals aber auch schon Granatäpfel und Feigen hergestellt. Im Sommer desselben Jahres habe ich meine erste eigene Ofenladung produziert. Viele Erfahrungen musste ich selbst machen, zum Beispiel bezüglich der Glasur oder wie man Sachen brennt. Meine erste Produktion war grauenhaft, also wollte ich davon nichts verkaufen. Ende des Jahres waren die Ergebnisse dann so gut, dass sie sich sehen lassen konnten.

Ist Instagram eine wichtige Plattform für dich als Künstlerin?

Ich bin schon eine Weile auf Instagram und habe irgendwann angefangen meine Produkte zu fotografieren und hochzuladen. Die Leute mochten sie sehr und sie bekamen viele Likes und Shares. Fremde Leute schrieben mir und fragten, wann ich noch mehr produzieren würde. Diese Reaktion hatte ich nicht erwartet! Da die Leute vor Weihnachten natürlich auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken sind, war es die perfekte Zeit zum Verkaufen. Ich habe also immer mehr und mehr produziert und jedes Mal wurden die Ergebnisse besser. Es war ein richtiger Schneeballeffekt: Immer mehr Leute gefielen meine Sachen. Plötzlich ging alles ganz schnell: Ein wichtiger Instagram-Account für Keramik hat meine Produkte gepostet und es kamen immer mehr Follower. Pinterest und Etsy sind zwar auch wichtige Plattformen, aber Instagram ist meine Hauptquelle.

Verkaufst du deine Produkte nur online oder auch in Läden?

Ich habe bei Kitchen Provisions in London mit dem Verkauf begonnen. Die Produkte waren unglaublich schnell ausverkauft. Danach ging alles auf Bestellung und ich habe ein paar kleinere Handwerksmärkte bespielt. Die Bepreisung meiner Ware ist für mich immer noch sehr schwierig. Es ist nicht ganz einfach für mich, herauszufinden, wie viel ich verlangen kann oder sollte. 

Woher kommt deine Faszination für Feigen und Granatäpfel?

Ich war immer schon interessiert an Obst und Dingen, die seltsam oder alienmäßig aussehen, mit interessanten Texturen und Farben. Bei Granatäpfeln ist es so: Wenn du nicht wüsstest, dass es Früchte sind, würdest du sie vermutlich für etwas Außerirdisches halten. Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob ich an einer Ausstellung teilnehmen möchte, die Aktivistinnen zeigt. Der Fokus lag dabei auf ethnischen Minderheiten. Ich bin zur Hälfte Iranerin, zur Hälfte Zyperntürkin, spreche aber die Sprachen nicht flüssig und weiß nicht viel über die Traditionen. Stattdessen fühle ich mich an irgendeinem seltsamen Ort in der Mitte. Meine Hauptverbindung zu den Kulturen sind das Essen und die Kunst: Ich bin mit persischen Teppichen und türkischer Keramik im Haus aufgewachsen und das Essen ist ein wichtiger Teil unserer Kultur. Feigen erinnern mich an den Feigenbaum im Garten meiner Eltern. Meine Keramiken verbinden mich also mit meinen Ursprüngen und ich möchte sie auf die Weise teilen, wie wir das Essen auch teilen würden. 

 „Es fühlte sich richtig an, diese Seite meiner Identität in den Vordergrund zu stellen, weil es so viele Narrative gab, die sie für falsch erklärten.“

Kommen noch andere Früchte für dich infrage?

Ich habe schon oft gehört, ich könne doch mal Drachenfrüchte oder Papayas herstellen. Die würden sicherlich gut aussehen und sich prima verkaufen, aber ich habe keine persönliche Verbindung zu diesen Früchten. Daher fühle ich mich damit nicht besonders wohl. Nach der Sache mit Trump und dem Brexit fühlte es sich richtig an, diese Seite meiner Identität in den Vordergrund zu stellen, weil es so viele Narrative gab, die sie für falsch erklärten.

Apropos Brexit: Inwieweit wird der EU-Austritt Großbritanniens deine Arbeit als Künstlerin beeinflussen?

Natürlich bin ich gegen den Brexit und habe nicht Boris Johnson gewählt, trotzdem muss ich die Sache jetzt ausbaden. Das Thema ist permanent in den Medien, sodass ich es immer im Hinterkopf habe und mir auch Sorgen mache. Ich hoffe, dass die Konsequenzen nicht zu stark zu spüren sein werden und dass die Menschen im Rest von Europa trotz steigender Preise noch meine Produkte kaufen und den Versand zahlen wollen. Es ist schwer, optimistisch zu sein. Der Regierung ist der Durchschnittsmensch egal, wir interessieren sie einfach nicht. 

Abgesehen von der aktuellen Situation in London: Wo verbringst du am liebsten deine Zeit?

Einer meiner liebsten Orte in London ist das Barbican, vor allem im Frühjahr. Es gibt dort ein Gewächshaus, das Barbican Conservatory. Es kostet keinen Eintritt und man fühlt sich, als wäre man in einer anderen Welt. Der Kontrast zwischen Dschungel-Feeling und dem groben Betongebäude ist beeindruckend. Ganz in der Nähe vom Columbia Road Flower Market befindet sich der Shop, in dem ich ab und zu arbeite. Er heißt Artisans & Adventurers. Jeden Sonntag ist dort Markt und es gibt viele andere kleine Läden zu entdecken. Auch die dortige Galerieszene ist sehr spannend. Ich liebe London, weil es ständig viel zu sehen und zu erleben gibt. 

Kurz vor Weihnachten gab es Probleme mit dem Brennofen: Einige deiner Keramiken hatten Risse und Schäden im Lack. 

Es war das erste Mal, dass etwas wirklich schiefgelaufen ist und ich wusste immer, dass es irgendwann geschehen würde. Der Zeitpunkt war leider wirklich unpassend, so kurz vor Weihnachten. Ich war natürlich sehr frustriert und sauer, wegen des Timings und weil ich sehr leicht gestresst bin von solchen Dingen. All diese Leute warteten auf ihre Produkte und ich hasste die Vorstellung, dass ich ihre Erwartungen nicht erfüllen konnte. 

Du hast diese Erfahrung auf Instagram öffentlich gemacht – warum?

Weil ich wusste, dass ich nichts an den Tatsachen ändern konnte. Die Resonanz war toll, die Leute wollten die „unperfekten“ Keramiken sogar zum reduzierten Preis kaufen. Auf die Idee wäre ich von allein gar nicht gekommen. 

Es war schön, deine Gedanken mitzubekommen und die Reaktionen der Leute auf Instagram. Dadurch hat man einen realistischen Einblick in deine Arbeit gewonnen.

Das ist interessant zu hören. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, welchen Prozess so eine Schale in der Produktion durchmacht. Das ist, denke ich, in vielen kreativen Berufen der Fall. Das positive Feedback hat mir sehr geholfen.

Du würdest es also im Nachhinein als positive Erfahrung bezeichnen?

Sobald du sie in den Ofen schiebst, liegen die Keramiken außerhalb deiner Kontrolle. Obwohl das Teil des Prozesses ist, bedeutet es für mich als Perfektionistin eine große Anspannung. Da ich gerne die Kontrolle habe, ist der Brennprozess für mich eine gute Übung zum Loslassen. Bis heute habe ich Schiss, die Keramiken aus dem Ofen zu holen. Besonders dann, wenn es Auftragsarbeiten sind. Erst kürzlich ist eine große Schale, deren Produktion mehrere Wochen gebraucht hat, trotz bestmöglicher Verpackung in der Post kaputtgegangen. Ich muss akzeptieren, dass ich nur bis zu einem gewissen Punkt Kontrolle habe. Wenn so etwas in Zukunft nochmal geschehen sollte, weiß ich, wie ich damit umgehen kann. Daher bin ich froh, dass es passiert ist.

„Mich fasziniert die Tatsache, dass fast alle auf der Welt durch die aktuelle Situation und durch soziale Medien verbunden sind.“

Was sind deine Wünsche für die kommende Zeit?

Ich hoffe, dass meine Freunde und meine Familie gesund bleiben. Immerhin kann ich mich darauf freuen,  dass sich mein Leben verlangsamen wird und ich vielleicht Zeit zum Zeichnen und für andere Dinge finden werde. Allerdings versuche ich gerade, nicht zu viel über die Zukunft nachzudenken, insbesondere in Bezug auf mein Geschäft. Keiner weiß, was passieren wird und es fühlt sich unheimlich an, keine Pläne machen zu können. Mich fasziniert die Tatsache, dass fast alle auf der Welt durch die aktuelle Situation und durch soziale Medien verbunden sind. 

Vielen Dank für das offene Gespräch!

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