Wie entschuldigt man sich für Rassismus? Warum Facebook-Statements nicht genug sind!

Felix hinterfragt die halbherzige deutsche Apology-Kultur, sammelt sinnvollere Läuterungsansätze und fragt Freund*innen, die selbst Rassismus erleben, welche Taten auf Worte folgen müssen

Eine standardisierte, vom PR-Berater vorformulierte Facebook-Erklärung ist nicht die letzte Instanz, nachdem man im Fernsehen mit wirren, rassistischen Statements um sich geworfen hat. Denn nach jedem Rassismus-Skandal im deutschen Fernsehen ist es wie im Kindergarten: Sobald man sich entschuldigt hat, sind die Tat vergessen und der Soll erledigt. „Let’s move on!

Ich halte dagegen und bin der festen Überzeugung, dass weiße Menschen, die in ihrem gesamten Leben keinerlei Notwendigkeit oder Interesse für eine rassismuskritische Selbstreflexion gesehen haben, nicht innerhalb eines Tages geläutert sind. Ganz im Gegenteil: Unser Umgang mit Entschuldigungen nach Diskriminierungsdebakeln in den Medien zeigt, wie gering auch im Anschluss der Bedarf für eine wirksame Beschäftigung mit dem Thema ist.

„Sich kritisch mit dem eigenen Rassismus auseinanderzusetzen, dauert, es tut weh und es ist nie zu Ende.“

Hätten Thomas Gottschalk, Janine Kunze, Micky Beisenherz, Jürgen Milski und Steffen Hallaschka tatsächlich durch den Aufruhr auf Social Media einen Einblick bekommen, wie aggressiv, verletzend und dumm ihre Aussagen sind, hätten sie mit Sicherheit nicht 24 Stunden später eine Komplettabrechnung mit dem Thema auf ihren Kanälen gepostet. Denn so eine Einsicht braucht Zeit und Mut und würde, wenn sie denn authentisch ist, andere Botschaften mit sich bringen. Wie ich mal auf einem Anti-Diskriminierungsworkshop lernte: Sich kritisch mit dem eigenen Rassismus auseinanderzusetzen, dauert, es tut weh und es ist nie „zu Ende”. Dafür lässt es eine*n wachsen, macht emphatischer und reflektierter. 

Rewind: Was ist eigentlich passiert?

Doch gehen wir nochmal einen Schritt zurück: Was ist eigentlich vorgefallen und warum rege ich mich so auf? Am 29. Januar lief im WDR die Wiederholung der Talkshow „Die letzte Instanz“, von der noch nie jemand vorher gehört hat. Umso mehr Aufmerksamkeit gab es, da die fünf Gäste – allesamt weiß – darüber stritten, ob der Name des sogenannten „Zigeunerschnitzels“ (und ich benutze das Wort hier nur einmal!) abgeschafft werden sollte. Es ging aber nicht nur um dieses Beispiel, sondern auch um die Umbenennung rassistischer Straßennamen und weitere Themen, die von Rechtskonservativen und einem Großteil der Deutschen als übersensibles Sprachpolizeigehabe abgetan werden. 

Und genau mit diesem Blickwinkel auf das Topic verlief die gesamte Sendung. Lowlights included: Thomas Gottschalk, der berichtet, wie er sich als Jimi-Hendrix verkleidet habe, inklusive Blackfacing (eine Praktik, bei der sich weiße Menschen das Gesicht schwarz anmalen und rassistische Stereotype performen). So habe er verstanden, „wie sich ein Schwarzer fühlt“ auf einer Party voller Weißer. 

Janine Kunze, die ich das letzte Mal 2004 auf SAT1 gesehen habe, war der Ansicht, man müsse sich beim Schnitzel oder anderem Alltagsrassismus „nicht jeden Schuh anziehen“ und war sichtlich aufgeregt darüber, dass Betroffene ein Mindestmaß an Respekt von der Gesellschaft einfordern, indem sie nicht mit einem Schimpfwort angesprochen werden möchten. Zudem verglich sie den Sexismus, den sie als Frau erfährt, mit dem Rassismus, um den es eigentlich ging bzw. gehen sollte.

Jürgen Milski bestritt, dass sich Personen durch Begriffe wie das M-Wort oder Z-Wort diskriminiert fühlen. Disclaimer: Dem ist nicht so.

Neben der generellen Auswahl dieser Talkshowgäste - Worüber hätten diese fünf Personen bitte sinnvoll diskutieren können? - schockierte mich auch die unterirdische Vorbereitung des Moderators Hallaschka sehr. Diese komplette Abwesenheit jeglichen Feingewühls oder kritischer Intervention bei einem so sensiblen Thema während des gesamten Gesprächs. I was shocked aber leider nicht surprised

Was sagen Freund*innen dazu, die selbst Rassismus erleben?

Ich habe für diesen Artikel drei meiner Freundinnen und Freunde interviewt, die selbst Rassismus erleben und möchte sie in diesem Artikel zu Wort kommen lassen. Wie sie die Talkshow rezipiert haben, was sie von den anschließenden Entschuldigungen halten und wie man es besser machen müsste, lest ihr hier.

Wie hast du dich gefühlt, als du vom Diskurs in „Die letzte Instanz“ mitbekommen hast?

Lili: Angeekelt und empört.

Gilbert: Sich dem Gottschalk intellektuell überlegen zu fühlen, ist ja keine Kunst. Die schiere Gier nach größtmöglicher Aufmerksamkeit auf dem Rücken der sozialen und kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft auszutragen, ist zu verachten und sollte eigentlich nicht über unsere Familien und Haushalte finanziert werden.

Naomi: Ich konsumiere bewusst weniger solcher politischen Diskurse auf Social Media, weil ich merke, wie es mich als von Rassismus betroffene Person psychisch belastet, vor allem in der aktuellen Pandemie-Situation. Zudem ist es immer wieder der gleiche Scheiß, es wiederholt sich. Rassismus wird auf so eine ignorante Art reproduziert und dann findet eine komplette Diskursverschiebung statt. Es wird sich entschuldigt, dass mit den falschen Leuten diskutiert wurde. Aber die Frage ist doch, warum dieses Thema überhaupt diskutiert wurde. Es geht nicht darum, dass beim nächsten Mal Betroffene darüber diskutieren, ob ein rassistischer Sprachgebrauch abgelegt werden sollte. Es geht darum, dass es kein nächstes Mal geben sollte, bei dem eine derartige Frage zur Diskussion gestellt wird. Mal abgesehen davon, dass auch Betroffene keinen Bock darauf haben und man ihnen so etwas ersparen sollte.

Entschuldigen: Ja. Daraus lernen? Nein.

Kurz nach dem Online-Eklat postete Janine Kunze auf ihrem Instagram ein Herz-Foto und schreibt, dass ihr die eigenen Aussagen leidtun, dass diese andere verletzt haben und dass sie sich bessern möchte. Micky Beisenherz postete die kürzeste Entschuldigung, räumt Fehler ein und droppt das unglaublich woke Wort „Kartoffel”. Auch Steffen Hallaschka entschuldigt sich auf Facebook, übt aber direkt Kritik am Umgang mit dem Eklat. Er verteidigt das Show-Format und legitimiert das generelle Stellen der Leitfrage der Sendung. Die Entschuldigung des WDRs geht in dieselbe Richtung. Das gesamte Statement des Senders ist hier zu lesen.

Ich frage wieder nach:

Was hältst du von den Entschuldigungen, die von den Verantwortlichen auf Social Media gepostet wurden?

Lili: Ich glaube nicht an die Entschuldigungen. Wenn sie nach so kurzer Zeit zu dieser Einsicht gelangen und dann sogar ihre Privilegien ansprechen können, hätten sie doch von vorneherein anders reagiert. Außerdem sind das nur Worte. Es kam kein Commitment darüber raus, wie sie weiter machen werden, um sicherzugehen, dass ihnen sowas nicht mehr passiert.

Naomi: Das Interview mit der WDR-Unterhaltungschefin ist, wie zu erwarten, enttäuschend. Sie wird defensiv, fordert einen „fairen“ Umgang mit der eigenen Position und betreibt unglaubwürdige Imagepflege. Zudem spricht sie immer wieder von „Sensibilität“ und emotionalisiert so den Diskurs. Es geht bei Rassismus nicht einfach nur um verletzte Gefühle. Es geht darum, dass die Verbreitung solcher Ansichten die Menschenwürde und Lebensgrundlage von BIPoCs (Black, Indigenous People of Colour) bedrohen.

Interessant ist bei diesen Fällen auch immer, dass die Sendung nicht gelöscht wird, man kann sie nach wie vor angucken. Es ist naiv, davon auszugehen, dass ein Hinweis im Sinne von „der Inhalt dieser Sendung ist problematisch“ automatisch zu einer Reflexion aufseiten des Publikums führt.

Gilbert: Was für mich entscheidend ist, sind die Generationen, die den vorauseilenden Respekt vor solchen unreflektierten Menschen verloren haben und dazu beitragen, dass eine Auseinandersetzung erfolgt. Mein persönliches Highlight, das für genau dieses Empowerment steht, ist ein Video von @kiki.ja.de auf Instagram.

Wie entschuldigt man sich „aufrichtig“?

Schließlich ging es mir darum, neben dem Kritisieren der Entschuldigungen auch konstruktive Maßnahmen zu sammeln, wie Entschuldigungen authentisch funktionieren können und was eine wirkliche Selbstreflexion zum Thema Rassismus mit sich brächte.

Was sagt ihr, wie sollten Entschuldigungen stattdessen aussehen oder was sollte von den Personen ergänzend getan werden?

Naomi: Solche Entschuldigungen sollten zusammen mit Expert*innen verfasst werden. Bitte von Imagepflege und einer Haltung im Sinne von „Aber das wollten wir doch gar nicht!“ absehen. Und es müssen Folgen sichtbar werden. Der WDR muss zeigen, dass er sich strukturell mit dem Thema beschäftigt und nicht nur ein paar People of Colour ins Programm holt, die an der Politik der gesamten Organisation am Ende nicht viel ausrichten können. Klar, ist es toll, wenn die Belegschaft diverser wird. Aber das ändert nichts daran, dass es die Aufgabe weißer Menschen ist, Rassismus abzubauen.

Ich wünsche mir einen Beleg dafür, dass sich die Mitarbeiter*innen des WDRs weiterbilden und sie in Zukunft schauen, ob die Inhalte des Programms diskriminierend sind und ggf. eine Instanz hierfür einrichten. Auch ein Gegenprogramm wäre möglich, indem man die Dinge aus der Ursprungssendung widerlegt und darüber spricht, warum solche Fragestellungen überhaupt noch gestellt werden. Eine glaubwürdige Reflexion wäre ein Anfang aber ich habe da leider geringe Erwartungen.

Gilbert: Organisationale Dummdreistigkeit besiegst du ja nicht dadurch, dass du um Entschuldigung bittest – da hilft nur Bildung und Vielfalt in der Personalstruktur. Der WDR benötigt, genauso wie viele andere Organisationen, gezielte Maßnahmen auf institutioneller Ebene, um anschlussfähig zu bleiben.

Lili: Shoutout an die Leute, die denen beigebracht haben, wo sie ignorant waren. Ich hätte gerne eine Liste von Taten, die folgen werden, um die verursachten Schäden zu heilen. Ich möchte, dass die Verantwortlichen ihre Plattform konsistent benutzen, um gegen die Strukturen zu arbeiten, die dazu geführt haben, dass so ein Debakel überhaupt stattfinden konnte.

Ein Appell an meine Fellow White People

„Die jetzigen Generationen an weißen Menschen sind nicht schuld daran, dass der Rassismus entstanden ist. Aber wir sind schuld, wenn er weiterhin bestehen bleibt, indem wir ihn dulden.“

Wir müssen aufhören, die weißen Menschen, die rassistischen Mist reden, zu verteidigen. Warum ist es unser erster Impuls, die Aussagen der weißen Person zu relativieren, anders auszulegen und runterzuspielen? Warum beginnen wir nicht damit, für die Personen, die diskriminiert werden, einzutreten?

Wenn ihr euch bei einer Bezeichnung für eine Gesellschaftsgruppe unsicher seid, googelt sie und lernt, wie man es richtig macht. Wenn ihr euch fragt, warum sich Leute aufregen, dass etwas rassistisch war, googelt es und lernt. Educate yourself. Das ganze Internet ist voll mit kurzen Erklärungen bis hin zu akademischen Texten zu all diesen Fragen und Themen. Es ist unsere moralische Pflicht, uns diesen Aufgaben anzunehmen.

Macht den Anfang und beginnt, euer Denken und Handeln kritisch zu hinterfragen. Ihr werdet merken, es führt zu mehr Empathie für andere und wird euer Leben bereichern. Die jetzigen Generationen an weißen Menschen sind nicht schuld daran, dass der Rassismus entstanden ist. Aber wir sind schuld, wenn er weiterhin bestehen bleibt, indem wir ihn dulden.

Lili, Naomi und Gilbert, vielen Dank für die Interviews mit euch.

Und an alle anderen da draußen: Bleibt kritisch, seid emphatisch und setzt euch weiterhin für andere ein!

  • Foto Gilbert
    Ole Sauer
  • Foto Lili
    Phil Kramer

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