Der Boyfriend* Twin – Das Must-have für selbstverliebte Millenials?

*steht natürlich exemplarisch für alle zwischenmenschlichen Beziehungskonstellationen, die es auf dem Planeten gibt

Was geht eigentlich ab, fellow Twenty-somethings? Wir bestellen unsere Dates in Bars und gucken nur aufs Handy. Wir sind einsam, können uns aber gerade keine feste Beziehung vorstellen. Und ganz offenbar tindern wir, bis wir unseren nach der Geburt getrennten Zwilling vögeln können. I couldn’t help but wonder: Ist unsere Generation noch zu retten?

Bereits in der griechischen Mythologie wurde von extremer Selbstverliebtheit berichtet. Vielleicht ohne Instagram, dafür mit einer dynamischen Industrie der Ölmalerei. Die Geschichte des jungen Narzissus erzählt von seiner Schönheit, die sämtlichen Frauen (und vermutlich auch Männern) den Kopf verdreht. Anstatt sich mit einer*einem von ihnen einzulassen, betrachtet Narzissus jedoch Tag und Nacht sein eigenes Spiegelbild, in das er unsterblich verliebt ist.

Genau wie Narzissus, der sein Gesicht manisch in der Oberfläche eines Sees begutachtet, kontrollieren und optimieren wir heute unser Aussehen über die sozialen Medien in der Hoffnung, dass sich die Welt in uns verliebt. Egozentrik, die vom gesunden Selbstbewusstsein bis zum klinischen Hardcore-Narzissmus vorkommt, ist nicht zwangsläufig schlecht, nimmt allerdings bei der Partner*innenwahl auf Insta und Tinder eigentümliche Formen an. So produziert sie ein Phänomen, das in der Gay Community schon lange bekannt ist und durch Social Media immer sichtbarer wird: der Boyfriend/Girlfriend Twin. Paare, die praktisch identisch aussehen, sich jedoch keinerlei Ähnlichkeit bewusst sind. Besonders bei schwulen und lesbischen Couples fallen Beziehungen mit dem verloren gegangenen Zwilling auf, sind aber auch bei heterosexuellen Paaren mittlerweile gang und gäbe, entweder als Zwilling oder plausibles Geschwisterkind (Hallo, Sophie Hunter und Benedict Cumberbatch).

Wer mir nicht glaubt, sollte sich an dieser Stelle den wunderbaren Instagram-Channel bftwins anschauen. Hier können Instagram-Posts von identisch aussehenden schwulen Paaren eingesendet und von judgemental Bitches wie mir begutachtet werden. Während ich mich durch die Bilder klicke, höre ich die Stimmen der Gays regelrecht in meinem Ohr: „Nee, wir sind total verschieden. Er reitet Dressur und ich Vielseitigkeit. Noch dazu hat er blau-grüne Augen. Meine hingegen sind blau!“

Je länger ich mir die Paare anschaue, desto größer wird meine Angst, dass auch ich meinen Zwilling date. Gott sei Dank fällt mir ein: Wir sind zwar gleich groß, schlank und lieben dänische Design-Klassiker – aber seine Augen sind dunkelbraun. Meine hingegen sind blau. Amazing, dass wir überhaupt zusammen passen.

In unserer Zeit, die durch unendliche Möglichkeiten, Meinungen und Individualisierung bestimmt ist, wählen wir unbewusst das eigene Spiegelbild als Partner*in aus. Anstatt unseren Horizont zu erweitern, machen es sich Gleich und Gleich in der gemeinsamen Filterblase des Dating-Kosmos bequem. Sind wir also alle komplette Narzisst*innen? Nein. Trotzdem wird es immer wichtiger, den Gebrauch und Einfluss der sozialen Medien auf unsere Selbst- und Außenwahrnehmung zu reflektieren. Nicht nur normieren Werbung, Serien und auch Pornos unsere sexuelle Identität, der zunehmende selbst-reflexive Gebrauch von Instagram oder Tinder führt dazu, dass wir uns als Selbst, aber auch als angestrebtes Gegenüber wahrnehmen. Wer sich permanent mit dem eigenen Aussehen beschäftigt, wird sich früher oder später das Ebenbild als Partner*in aussuchen wollen.

Mein finales Plädoyer lautet also: Schaut weniger in den Spiegel und eure Handykamera und nehmt die bunte Welt da draußen wahr. Hier warten nicht nur interessantere Sachen als das eigene Gesicht, sondern vielleicht sogar das Gesicht eurer großen (Achtung, Kitsch!) Liebe.

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...