Algo Rítmo – Pats neue Playlist für Juni

Nach einer einmonatigen Pause meldet sich Pat heute endlich wieder mit den spannendsten Musik-Empfehlungen für den Monat zurück

Nach einem Monat Pause meldet sich Pat heute endlich mit seiner Musikkolumne zurück!

Mit einem ganzen Monat Verspätung melde ich mich zurück mit meinen musikalischen Empfehlungen. Nach meiner Elternzeit gab es nämlich einige familiäre Turbulenzen, die es erstmal zu umschiffen galt. Unter anderem ist mein Großvater im Alter von knapp 102 Jahren auf seine letzte große Reise gegangen. Das hat viel Zeit gefressen, von der emotionaler Aufarbeitung meinerseits ganz abgesehen. Außerdem viel Planung mit der Familie, was wiederum wenig Zeit für Algo Rítmo gelassen hat. Nun ist aber alles wieder in mehr oder weniger geregelten Bahnen und ich kann mich wieder auf Musik konzentrieren. Ich bitte euch vielmals, meine Verspätung zu entschuldigen und hoffe, dass gefällt, was ich euch in diesem Monat auftische.

Neuzeitliche Bodenbeläge – Leben (21.03.2019, Themes For Great Cities)

Bands mit lustigen Bandnamen sind ja gerade wieder total à la mode, nicht erst seit Lo-Fi-House und seinen Interpretinnen und Interpreten wie DJ Fart In The Club, Ross From Friends oder Nelson Of The East. Dem schließt sich auch das Rheinland-gone-Neukölln-Duo mit dem Namen aus einem Teppichhaus-Prospekt an, deren Album Leben laut Eigenangabe „krisenresistente Musik für die Hauptstadt und angrenzende Wohnbezirke“ sein soll. Der Erfolg der absurden Texte von Niklas Wandt (bekannt aus dem Erfolgsalbum „Instrumentalmusik Von Der Mitte Der World“ mit Wolf Müller), die in funky 80s-Instrumentarium gebettet sind, beigesteuert von Joshua Gottmanns, gibt den beiden recht: die erste Vinyl-Pressung ist bereits komplett vergriffen und die Konzerte werden immer zahlreicher und besser besucht. Also: grab ’em while you can!

Mr. Ray – Interior (03.05.2019, Bym Records)

Mr. Ray ist das neue und sehr schöne Projekt von Jari Altermatt, der in einem früheren Leben vor rund zehn Jahren Sänger und Gitarrist der einst sehr hoffnungsvollen Rockgruppe Navel war. Ihrem Debüt Frozen Souls von 2008 wollte man gleich ein aus der Luft gegriffenes Grunge-Revival andichten und nach ein paar mehr Alben und literweise Blut, Schweiß und Tränen war Schluss mit der Band, aber noch lange nicht mit der Musik. Für Mr. Ray hat sich Jari mit Freunden zusammengeschlossen, um auf dem Album-Debüt der Band, Interior, leichten und echt guten Psych-Rock zu machen, der an die Allah-Las oder die Growlers erinnert und den perfekten Soundtrack für den anstehenden, hoffentlich entspannten Sommer bietet.

Solar Corona – Lightning One (03.05.2019, Lovers & Lollypops)

Und erneut eine Empfehlung aus dem Hause Lovers & Lollypops, dem vermutlich beliebtesten Label in dieser Rubrik. Es ist aber auch schon erstaunlich, was die kleine Plattenfirma aus Porto so heraus haut. Diesmal hochenergetischen und rein instrumentalen Psych-Stoner-Rock auf dem neuen Album Lightning One von Solar Corona. Einer quasi All-Star-Band des Labels, bestehend aus Musikern von Killimanjaro, einer Stoner-Band aus Barcelos, und dem Drone-Saxophonisten Julius Gabriel, dessen Solodebüt ja erst in dieser Kolumne besprochen wurde. Und der im Song Rebound ein herzzerreißend-bombastisches Solo hinlegt, als gäbe es gar keinen Grund, die Gleichung Hardrock + Saxophon zu hinterfragen. Und wenn die Songs nicht gerade das Tempolimit gelangweilt angaffen, dann grooven sie ungemein und reißen uns in einen Abgrund voll Freude und Tanz, in dem man alles und alle kurz vergessen kann.

Datura4 – Blessed Is The Boogie (05.04.2019, Alive Naturalsound)

Und wo wir gerade bei Groove sind: Der australische Vierer Datura4 hat mit seinem jüngsten Album dem Boogie ein Denkmal gesetzt, indem es dieses kurzerhand Blessed Is The Boogie getauft hat. Nun, wie wir alle wissen, groovt Boogie ja schon von Haus aus, also kann man sich bei den zehn Stücken zwischen Stoner, Hardrock, Blues und Boogierock auf dem mittlerweile dritten Album sicher sein, dass man sich seinem Rhythmus wird nicht entziehen können: Kopfnicken, Fußtippen, Klatschen, Hüftschwingen und das volle Programm der rhythmischen Bewegungen des menschlichen Körpers werden auf Blessed Is The Boogie voll ausgelotet.

The Shrine – Cruel World (03.05.2019, Eliminator Records & Skateboards)

Es ist nie einfach, am Ball zu bleiben. Erst recht nicht, wenn man schon seit einigen Jahren around ist und sich der echte Durchbruch nie so recht einstellen mochte. The Shrine haben das Problem gehabt, einige echt tolle Platten rausgehauen zu haben, damit aber größtenteils unter dem Radar geflogen und nur einigen Expertinnen und Experten ein Begriff gewesen zu sein. Was macht man also, wenn man das ändern möchte? Namen ändern? Und etwa alles aufgeben, was man sich schon erarbeitet hat? Gut, dann die Band auflösen? Hallo, geht’s auch etwas weniger dramatisch? Dann ein paar frische Spielerinnen und Spieler aufs Feld schicken – das hat es offenbar gebracht, denn mit der Verpflichtung von Corey Parks (ehem. u.a. Nashville Pussy) am Bass und ein paar killer ass riffs spielt sich das Trio um Frontmann Josh Landau wieder ganz nach vorne und bekommt hoffentlich endlich die Aufmerksamkeit, die es schon so lange verdient hat. Denn diese kleine EP strotzt vor Kraft und Gefahr, wie so schon lange nicht mehr gehört.

Feel old yet?

Geil vor 10 Jahren: Javelin – No Mas (2009, Luaka Bop)

Luaka Bop ist das Label von Talking Heads-Sänger David Byrne, der da schon seit 1988 abstruse Musik aus aller Welt mit Fokus auf Südamerika und Afrika veröffentlicht. Beispielsweise auch das verjazzte Debütalbum des britischen Elektronik-Produzenten Floating Points, Elaenia, von 2015. Vor zehn Jahren erschien da eine ganz besondere Platte, die auf waghalsige Art Folk, Hiphop, Elektro und Pop zu vereinen wusste und dies zu einer fröhlichen und humorvollen Mixtur kombinierte, wie man sie immer noch viel zu selten hört: No Mas vom amerikanischen Produktionsduo Javelin erzählte mit gepitchten Rap-Vocals, Synthies, Scratches und kuriosen Samples kurzweilige Geschichten, denen zuzuhören euch ganz leicht ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Würde auch dieses Jahr locker als Sommerplatte taugen.

Geil vor 20 Jahren: Blur – 13 (1999, Parlophone)

Was war das Geschrei groß, als Blur – nachdem sie mit ihrem Song 2 die Welt erobert und den Battle Of The Bands mit Oasis für sich entschieden hatten – 13 veröffentlichten! Mit Tender oder Coffee + TV gab es nur komische Singles, die nicht radiotauglich waren und ansonsten war die große Experimentalplatte auch nur Bockmist und zunächst ein großer Flop. Jedoch manifestierte sich mit diesem Album auch das Checker-Image der Band, die keinen Bock mehr hatte, Erwartungen zu erfüllen und lieber nun in alle Richtungen schwamm, um Neues auszuprobieren – gleichzeitig! Dabei entstanden, von den natürlich hervorragenden Singles abgesehen, wunderschöne Stücke wie dystopisch-dubbige Battle oder die verkrachte Ballade 1992. Und während die selten gewordenen Blur-Konzerte über die Jahre zu richtigen Happenings wurden, kann man sich auch heute nicht mehr wirklich erinnern, was Liam oder Noel da gerade Belangloses von sich gegeben haben.

Geil vor 30 Jahren: Neneh Cherry – Raw Like Sushi (1989, Virgin)

Noch so eine Künstlerin, die – zugegeben ungewollt – mit unliebsamer Charts-Musik und Superstardom angefangen hat und schnell gelangweilt von diesem Zirkus bald ins Experimentallager wechselte. Gleichwohl ist das Debüt der schwedischen Rapperin und Stieftochter von Jazz-Legende Don Cherry, Raw Like Sushi von Neneh Cherry, ein starkes Zeugnis von female empowerment im Pop-Business Ende der 80er, das neben dem erwartbaren Girl-Power-Single-Hit Buffalo Stance auch beispielsweise die Schwäche des „starken Geschlechts“ (Manchild, an dem auch Robert Del Naja von Massive Attack mitschrieb) selbstbewusst anzusprechen weiß, anstatt sich in dieser Männerdomäne Hiphop nur als weiteres Beiwerk zu verstehen. Das Album toppte die europäischen Charts und war sogar in den USA ein kleiner Hit, zudem reiste Cherry als Model um den Globus und vermittelte in der ganzen Welt ein Lebensgefühl, dass man auch als unabhängige, weibliche POC im Pop-Zirkus durchaus mit einer Madonna mithalten kann. Bis man keine Lust mehr darauf hat.

Wer außerhalb seiner Musikkolumne auf Beige nicht genug bekommen kann, sollte unbedingt seine Facebook Seite Riskodisko liken.

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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