Sein oder nicht sein, darf man das noch fragen?

Der Mythos Cancel Culture im Kreuzverhör

Viel ist schon über dieses Thema geschrieben und gesagt worden, das paradoxerweise für die Unterbindung einer freien Diskussionskultur verantwortlich sein soll. Auch ich komme nicht umher, mich täglich damit auseinanderzusetzen. Gibt es eine Cancel Culture? (Hier die Definition von Cancel Culture: [dt. Absage- oder Löschkultur] ist ein negativ konnotierter Begriff, mit dem übermäßige Bestrebungen zum Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet werden, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden.) Ist unsere Redefreiheit bedroht? Und was darf man überhaupt noch sagen? Fragen über Fragen, die ich in diesem Artikel beantworten oder zumindest kommentieren werde.

Wie sich herausstellen sollte, war meine Non-Stop-Konfrontation mit dem Thema gar nicht so ungünstig, schließlich wurde vor ein paar Tagen wieder heftig über die Macht der Cancel Culture in Deutschland diskutiert. Im ZEIT-Magazin sagte der SPD-Politiker und frühere DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Thierse, er sei zu einem Symbol der „normalen Menschen” in Deutschland geworden, die von Political Correctness verunsichert seien und damit nichts anfangen könnten. Grund für seine ritterliche Positionierung sei eine Cancel Culture, die sich auch in Deutschland breit mache.

Das Interview zeigt, worum es in der Debatte um Cancel Culture bzw. öffentliche Kritik geht: recht haben wollen. Und die Macht, die damit einhergeht.

Links, grün, cancelling-versifft

Was war eigentlich das letzte Thema aus der linken Szene, über das sich alle aufgeregt haben? Das Gender-Sternchen? Rassismuskritik? Das dritte Geschlecht? Neben den eigentlichen Inhalten steht hierbei immer eine Sache im medialen Vordergrund: die allgemeine Aufregung und der Irrglaube der Konservativen und Rechten, man könne alles so lassen, wie es gerade ist. Als ob die Welt heute schon optimal und gerecht sei und sie zudem nicht täglich neue Justierungen bräuchte. Und auf diese Weise werden sämtliche Debatten um gesellschaftlichen Fortschritt geführt. Immer geht es um die Angst vor Veränderung, bis sie dann mühsam im Mainstream angekommen ist und sich über etwas Neues aufgeregt werden kann. 

Und das ist doch das Erstaunlichste an der Einführung der Cancel Culture: die Effektivität, mit der sämtliche Themen, die den Menschen und der Welt guttäten, auf einmal abgebügelt werden können. Egal, ob antisemitische Comedians, absurd besetzte Talk-Runden oder non-binäre Menschen, die sprachliche Erwähnung finden sollen – jegliches konservatives Unwohlsein wird nun mit dem Begriff Cancel Culture zusammengefasst und abgetan. Fies, aber nicht ganz ineffektiv.

Alte Männer, die die Welt nicht mehr verstehen (wollen)

Bei vielen Diskussionen gäbe es heute Sprachverbote, so beschweren sich viele Leute. Jüngstes Beispiel wäre z.B. „Die letzte Instanz” zum Thema Rassismus, die für ihr verletzendes Vokabular und meinungsstarke Unwissen aller Gäste kritisiert worden war. Auch hierüber schrieb ich einen Artikel. Die massive Kritik am Sender WDR, die Wut Betroffener und die mehr schlecht als rechten Entschuldigungen der Verantwortlichen wurden ins Licht einer Cancel Culture gerückt, die den sonst so schönen Diskurs in den Öffentlich-Rechtlichen unterbinden würde. Außerdem habe ja niemand mit Absicht Schimpfworte benutzt und jahrzehntealte Ignoranz reproduziert. Und nun dürfe man bestimmte Sachen gar nicht mehr sagen. Menno!

Der Ablauf solcher Vorfälle ist immer derselbe und bildet seine Retourkutsche mit der Anschuldigung, es gäbe eine Sprachpolizei: „Was darf man überhaupt noch sagen?!” Dabei ist die Frage nicht, warum man etwas nicht sagen DARF, sondern warum man es denn sagen WILL. Warum WILLST du denn einen Begriff aus der NS-Zeit benutzen? Und warum WILLST du dafür keinerlei negative Rückmeldung einstecken müssen? Scharf schießen und dabei nichts abbekommen, funktioniert im Zeitalter der sozialen Medien schlichtweg nicht mehr. Während sich die meisten damit arrangiert zu haben scheinen, geht es beim Thema Antidiskriminierung weiterhin rund – und das in wunderbar arroganter wie selbstgerechter Art und Weise.

Es sind alte Männer wie Thierse, die in solchen Kontexten meinungsstark auftreten und stellvertretend für das Volk (wer auch immer das sein mag) sprechen wollen. Weil sie die Welt nicht mehr verstehen. Weil sie sie nicht verstehen wollen. Und sie hoffen, dass die anderen mitziehen. Weil ein Verstehen mit dem Erkennen der eigenen Fehler einhergehen würde. Natürlich sind es nicht nur Männer und nicht nur Alte, es sind große Teile unserer Gesellschaft, die nicht lernen wollen, weil es Fehler aus der eigenen Vergangenheit neu einordnen würde. Es ist ein seit Jahrzehnten währender Prozess, der durch Social Media neue Dringlichkeit aber auch Diffusion bekommen hat. Trotzdem ist die Metapher einer Sprachpolizei falsch: Es gibt keine Sprachpolizei, es gibt nur eine unschuldig tuende aber bewaffnete Bürger*innenwehr, die sich nicht mit Gegenrede auseinandersetzen will.

Wie können wir über etwas sprechen, was es gar nicht gibt?

Aber wenn die Cancel Culture gar nicht existiert, wieso sehe ich sie dann überall? Weil sie zweierlei kognitive Mechanismen vereint, die uns einen rationalen Umgang mit ihr erschweren. Sprache bringt uns der Realität näher, sie kann uns aber auch täuschen: Zum einen funktionieren wir Menschen, indem wir nur über Dinge nachdenken und sprechen können, für die wir auch Worte oder Konzepte haben. Durch Sprache können wir die Welt erst verstehen. Gleichzeitig unterliegen wir der Illusion, dass alles, wofür wir ein Wort haben, auch in gewissem Maße in der Realität existiere. Bestes Beispiel: das Monster von Loch Ness. Niemand hat es bisher wirklich gesehen und trotzdem kennt es jede*r. Es ist ein präsentes Konzept in unserer Gesellschaft, obwohl es keinerlei Beweise für seine Existenz gibt. Es existiert nicht wirklich, aber sein Mythos in unseren Köpfen allemal. 

Hinzu kommt das Baader-Meinhof-Phänomen, mit dem alle bereits vertraut sind und ab jetzt viel stärker wahrnehmen werden. Wenn wir etwas Neues kennenlernen, haben wir oft das Gefühl, es würde uns danach permanent über den Weg laufen. Du hast letzte Woche eine Band aus den Achtzigern auf Spotify entdeckt und plötzlich sprechen alle drüber. Doch das ist keine Magie, sondern lediglich unser Gehirn, das auf Priming anspringt und dadurch bestimmte Dinge stärker wahrnimmt. Auch, wenn wir ihnen vorher schon begegnet sind oder es sie gar nicht gibt und wir sie in die Welt hinein interpretieren.

Das Problem mit der angeblichen Cancel Culture ist also auch eine kognitive Komplexität, die man nur schwer erkennen kann. Es ist wie ein Floh im Ohr, den man nur schwer wieder loswird. Auch, wenn es den Floh gar nicht gibt. 

Hass-Kommentare vs Cancelling

Natürlich gibt es im Internet viel Hass, jede Person kann ihren Unmut mitteilen, dazu kommen Bots, die das Ganze auf ein Vielfaches kopieren und streuen. Beim Ansprechen von Cancel Culture wird oft über negative und gewalttätige Tweets, Posts und Bilder gesprochen, die damit einhergehen und die es zweifelsohne im Netz gibt. Dort haben sie allerdings schon seit Geburt des Internets ihr Zuhause und bisher scheint es wenige interessiert zu haben. 

Seit der Diskurs um Cancel Culture Fahrt aufgenommen hat, sieht das anders aus. Plötzlich sind Vorfälle wie die rechtsextremen Morddrohungen gegen Cem Özdemir, Claudia Roth oder die Moderatorin Dunja Hayali vergessen, in denen es selbstverständlich darum ging, dass alle drei sich aus der Öffentlichkeit fernzuhalten, ihren Beruf niederzulegen und zu schweigen haben. Obwohl Fälle wie diese zu 100 Prozent auf die Kriterien der angeblichen Cancel Culture passen, hat hier niemand den Begriff verwendet. Plötzlich ist es nur Hass aus dem Internet, der nur von Rechtsextremen kommt und entsprechend verharmlost wird. Wo waren hier die Sorgen um die Meinungsfreiheit in Deutschland?

Geradezu ironisch wirken dagegen die Anklagen, mit denen wir es aktuell zu tun haben. Plötzlich geht es um weiße, meistens cis-männliche Personen, die nicht kritikfähig sind, wenn es um ihre sexistischen, rassistischen, transphoben oder anderweitig diskriminierenden Äußerungen und Handlungen geht. Der Unterschied an Presse-Echo ist erschütternd. Hier geht es nicht um Morddrohungen, um rassistischen Terror mit jahrzehntelanger Tradition. Es geht um ein Gefühl, man könne sich nicht mehr frei äußern, weil es beizeiten Kritik hagelt. 

Der Diskurs zur Cancel Culture ist ein Spielfeld, bei dem es um Macht geht. Die Macht auf Meinungshoheit, auf der beide Seiten kämpfen. Mit dem Unterschied, dass es auf der einen Seite um abgesagte Auftritte oder Shitstorms auf Social Media geht, eine befleckte Weste beim Reproduzieren von Schimpfwörtern und altmodischem Denken. Auf der anderen Seite geht es um systematische Diskriminierung und wortwörtlichen Mord, wie bei Walter Lübcke.

Mit welcher Relevanz diese Themenspektren medial behandelt werden, zeigt, wie verschoben unsere gesellschaftliche Wahrnehmung ist. Der Diskurs um die Cancel Culture lässt vermuten, es ginge um das Wohl der Meinungsfreiheit und Schutz vor Gewalt. Doch stattdessen geht es um die Absicherung jener Menschen, die ohnehin schon Privilegien en masse besitzen. Sie wollen weiterhin beleidigen, nicht dazu lernen und schreien bei der kleinsten Wahrnehmung eigener Diskriminierung laut auf. Dass gesellschaftlicher Fortschritt, die Umverteilung von Macht, immer diese Dynamik aufweist, scheint offensichtlich. Schön ist es trotzdem nicht.

Das historische Cancelling von Minderheiten und Frauen

Je länger ich mich in den Mythos Cancel Culture einlese, desto mehr stelle ich Parallelen zu Fake News fest: Fake News werden von den Trumps und AfDs dieser Welt verbreitet und dann das Gegenüber damit beschuldigt. Ein tatsächliches Problem, das erst kreiert und dann anderen in die Schuhe geschoben und dort kritisiert wird. Sie nehmen traditionellen und vertrauenswürdigen Medien die Luft aus den Segeln, indem sie ein banalisiertes Paralleluniversum aufbauen. 

Beim genaueren Hinschauen verhält es sich bei der Cancel Culture ganz genau so. Seit Jahrhunderten wurden Frauen und sämtlichen Minderheiten eine Stimme im öffentlichen Diskurs verwehrt. Sie wurden schlichtweg nicht berücksichtigt, nie für signifikante Stellen in Organisationen vorgesehen und sind deshalb bis heute strukturell benachteiligt. Bis vor wenigen Jahren hörte man sie kaum. Schafften sie es trotzdem in eine mediale Öffentlichkeit oder machtvolle Position, waren und sind sie bis heute mit Respektlosigkeit, Beleidigungen und Gewalt konfrontiert. 

Es ist die Quintessenz des Cancelling-Gedankens: das strukturelle, mediale und endgültige mundtot machen von Personen einer bestimmten Gruppe. Nur scheint es nach wie vor auf relativ wenig Interesse zu stoßen. Das massive Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft ist nach wie vor präsent, eine tatsächliche Cancel Culture und somit ein echtes Problem. Es ist über Jahrhunderte gewachsen, betroffene Personen sind aus gutem Grunde traumatisiert und teils eben sehr sensibel, wenn sie zum 17.000. Mal mit Ignoranz und Gewalt konfrontiert werden. 

Es ist verständlich, dass das nicht alle nachvollziehen können, da nicht alle Menschen Diskriminierung am eigenen Leibe erlebt haben. Trotzdem ist es zumutbar, aus Respekt vor den eigenen Mitmenschen z.B. ein neues Pronomen zu lernen und sie nicht mit Beleidigungen anzusprechen. Zuzuhören. Umzudenken. Diese eingeforderte Sensibilisierung und das einher gehende Kritisieren von Leuten, die aggressiv ins Gegenteilige abrutschen, ist keine Zumutung, kein Irrsinn und vor allem kein Canceln.

Vielleicht sind wir manchmal ein bisschen hart

Ja, die akademische Elite kann manchmal strikt und direkt sein, wenn sie diskriminierendes Verhalten anspricht. Und ja, dieses Ansprechen kommt oft vor. Die Welt ist voller Ungerechtigkeiten und Probleme, falls es noch niemand bemerkt hat. Ich sehe auch, dass viele Politiker*innen auf einem hohen Ross dahin reiten und sich von den Problemen vieler Bürger*innen entfernt haben. Wenn nicht einmal einhundert Jahre nach dem Holocaust wieder Antisemitismus im deutschen Abendprogramm geduldet wird, ist das mehr als ein Treppenwitz der Geschichte. Sich mit dem Begriff Cancel Culture gegen jegliche Bemühungen zu stellen, die weniger Diskriminierung anstreben, löst keins der beiden Probleme. Viele Akademiker*innen haben die Angewohnheit, sich arrogant und zu abstrakt mit sehr realen Problemen auseinanderzusetzen. Ein Reality Check hier und da ist zweifelsohne angebracht. Trotzdem ist all das kein Grund, auf neue Köder der Rechten hereinzufallen und eine angebliche Cancel Culture als wichtiges und vor allem reales Problem anzuprangern. 

Wenn man den Begriff einmal gehört hat, scheint er plötzlich überall aufzutauchen. Er ist aber nur ein Loch-Ness-Mythos, um von tatsächlichen Ungerechtigkeiten und Machtkämpfen abzulenken.

Fallt nicht drauf rein, hört euren Mitmenschen zu und seid beizeiten auch kritisch mit euch selbst. Denn nur so geht demokratischer Diskurs!

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...