Warum Verzichten glücklich macht

Ein Plädoyer für mehr Trennungen

Seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich Dinge um- und aussortiert. Meine mehr als hundert Hörspielkassetten waren stets fein säuberlich nach Thema und Nummer geordnet. Schon immer hatte alles bei mir einen zugedachten Platz. Ordnung halten und Aussortieren fallen mir also nicht sonderlich schwer. Eigentlich. 

Unerklärlicherweise sammelten sich im Laufe der Zeit dennoch mehr Dinge an als mir lieb war. Und plötzlich war ich so überwältigt von meinen ganzen Besitztümern, dass ich mich lieber gar nicht mit ihnen auseinandersetzte. Geschweige denn anzufangen zu überlegen, was ich davon eigentlich wirklich noch brauche.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich war unglücklich mit meinen Bergen an Sachen, aber zu faul, um mich darum zu kümmern. Bis ich vor einigen Wochen einen Blogeintrag von Karla Paul, die den Blog Buchkolumne führt, gelesen habe. Darin ging es um Minimalismus. Ein Tipp, den sie in ihrem Text gab, hat sich seitdem in mein Gehirn gebrannt: Sortiere jeden Tag drei Dinge aus. Dabei ist die Größe der aussortierten Gegenstände vollkommen egal. Nur drei Dinge sollen es täglich sein. Ich dachte mir: Das kann ich auch!

Also bin ich durch die Wohnung getapert und habe Dinge gesucht, die ich nicht mehr brauche. Am ersten Tag waren es ein Holztablett, das ich in der Hoffnung angeschafft hatte, irgendwann mal Frühstück ins Bett serviert zu bekommen. Auch ein unbenutzter Rouge – ich benutze beinahe nie Rouge – und eine alte Metalldose habe ich aussortiert. So weit, so gut. 

An Tag zwei durften zwei Turnbeutel (die ihren modischen Zenit schon lange überschritten hatten) gehen, außerdem noch die DVD „Nosferatu“ mit Klaus Kinski. Es reicht, diesen Film einmal gesehen zu haben. 

Am dritten Tag habe ich Schubladen sortiert – über den sich darin befindlichen Kleinkram muss ich sicher nichts erzählen. Krimskrams und herrenlose Dinge durften gehen.

Auch am vierten Tag habe ich eher Krempel ohne emotionalen Wert weggetan. Eine Pflanze, die nicht überleben wollte, samt nicht liebevoll geknüpftem Makrameehalter. Ein Buch von Sartre, das ich bereits gelesen hatte und nicht nochmal in die Hand nehmen würde und ein Stück Papier, mit einem Spruch, der immer nichtssagender wurde, dafür aber ewig an einer Wand im Wohnzimmer hing. 

An Tag fünf habe ich in meine Unterwäscheschublade geguckt und musste mir eingestehen, dass mir seit Schwangerschaft und Stillzeit einiges nicht mehr passte, also durften drei BHs gehen. 

Dem sechsten Tag fielen eine antike Zitronenpresse, eine Bluse (die ich noch nie getragen hatte) und ein zweites Buch zum Opfer. Bei Büchern fällt mir die Trennung schwer, dazu später mehr. 

An Tag sieben durften ein Notizheft (davon habe ich genug), eine DVD-Serie und ein Spielfilm vom Freund ausziehen. DVDs sind übrigens so eine Sache. Natürlich gibt es Netflix! Aber wer nicht immer Superblockbuster oder Serien gucken will, muss sich ab und zu einen Independent Film als DVD anschaffen, unterstützt ja auch die kleinen Filmemacher und Schauspieler jenseits von Hollywood. Also no harm done

Am achten Tag habe ich das Buch „Magic Cleaning“ von Marie Kondo begonnen. Sie ist professionelle Aufräumerin. Ja wirklich, sie wird bezahlt, um in anderer Leute Wohnungen auszumisten und aufzuräumen. Das Versprechen ihrer Methode: einmal richtig aufräumen, um danach nie wieder aufräumen zu müssen. Schon die ersten Sätze inspirieren mich. Vor allem sagt Kondo, man solle sich bei jedem Gegenstand fragen, ob er einem Freude bringt (so lange er keinen Nutzen hat). Das hat mir enorm geholfen.

Und plötzlich platzt bei mir der Knoten bei Büchern. Dazu muss ich sagen, ich lese schrecklich gern, aber sehr langsam. Und ich kaufe regelmäßig Bücher auf Flohmärkten, was heißt: drei Bücher für fünf Euro oder noch günstiger, sodass mein Buchwurmherz schnell jeglichen Bezug zur Realität verliert. Schon jetzt sind meine Bücher in der ganzen Wohnung verteilt und ich weiß, dass ich nicht alle lesen werde. Bücher sind mir sozusagen in die Wiege gelegt worden, meine ganze große Familie sammelt sie, sodass immer genügend Exemplare für mich abfallen, weil – oh Wunder – meine Mutter, Tante oder Großvater das Bedürfnis haben, auszusortieren. 

Plötzlich frage ich mich also, wenn ich ein Buch zur Hand nehme: Macht mich das glücklich? Und so trenne ich mich vor allem von schon gelesenen Büchern, aber auch von solchen, bei denen ich mich frage, ob ich sie je lesen werde. Unter uns gesagt, die Antwort lautet meistens nein. So sind schon über zehn Bücher und vor allem auch platzeinnehmende Bildbände auf dem Flohmarktstapel gelandet. Ich fühle mich mit jedem aussortierten Buch leichter – im wahrsten Sinne des Wortes, man denke nur an den nächsten Umzug.

Übrigens gehe ich laut Marie Kondo ganz falsch vor. Man soll, wenn es nach ihrer KonMari Methode geht, nicht einzelne Gegenstände ausmisten, sondern nach Themengebieten gehen und dann so viel wegtun wie nur möglich. Zum Beispiel Kleidung. Man legt alle seine Besitztümer auf das Bett, erschreckt sich über die Massen, die man an Kleidung besitzt und sortiert alles, was nicht niet- und nagelfest ist, aus. Allerdings redet sie immer vom Wegschmeißen, was mir gar nicht gefällt – die Müllberge, die ihre Methode fabrizieren, bereiten mir Bauchschmerzen.

Nun bin ich seit 16 Tagen dabei und ich gebe zu, oft reichen mir drei Gegenstände nicht mehr. Es ist wie eine Droge. Wenn ich wieder mal in ein Fach voller Bücher gucke oder meine unzähligen schwarzen T-Shirts in schlechter Qualität anschaue, kommt auch schnell mal mehr weg als nur drei Sachen. Inzwischen ist das Aussortieren zur Routine geworden. Was mir sehr hilft, ist das Archivieren der Dinge. Ich mache Fotos von allem Aussortierten und lade diese in den Instagram Stories hoch. So habe ich jeden Tag das Ziel vor Augen, noch ein Foto machen zu müssen und sehe außerdem, was ich schon alles aussortiert habe. 

Meine Wohnung ist nun um knapp 45 Gegenstände leerer. Ich merke, dass mein wohnliches Umfeld langsam ruhiger wird und auch ich entspannter werde. Übrigens habe ich am 16. Tag gleich noch ein bisschen Digital Detox gemacht und ganze 100 Facebook„freunde“ aussortiert. War das ein gutes Gefühl! Und ganze Berge von altem Papierkram habe ich auch weggeschmissen. Man denkt ja bei vielen Notizen, Artikeln oder Magazinen: Da guck ich bestimmt nochmal rein. Spoiler Alert: Nein, das wirst du nicht!

Es ist der 22. Tag meines Aussortierfiebers. Langsam fällt es mir schwerer, Dinge wegzutun. Es sind nur noch acht Tage, die ich durchhalten muss. Außerdem habe ich das Buch von Marie Kondo zu Ende gelesen und weiß nun, dass ich besser darin werden muss, feste Orte für Gegenstände zu finden, damit ich sie weniger herumliegen lasse. Ein weiterer Vorteil, den dieses Buch gebracht hat, ist Platz in meiner Kommode. Mit ihrer fabelhaften Falttechnik habe ich nun in vollgestopft geglaubten Schubladen wieder Platz. 

Ich habe noch drei Tage zum Aussortieren. Den Großteil meiner ausrangierten Dinge habe ich bereits auf dem Flohmarkt verkauft. Einiges ist zur Spende gekommen. Nun ist die Wohnung um zwei zum Bersten volle Ikeatüten leerer. 

Ein Nebeneffekt des ganzen Aussortierens war das Umstellen von Möbeln. Die Aufteilung in Wohn- und Schlafzimmer ergibt nun viel mehr Sinn. Das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl.

Und dann ist es endlich so weit: Der letzte Tag meines Aussortierrituals ist angebrochen. Drei Kinderbücher dürfen weiterziehen. Etwas unspektakulär für den letzten Tag, aber egal. Ich habe fertig!

Mein Fazit:

Es fühlt sich großartig an, so viel auszusortieren. Ich hätte nie gedacht, dass ich überhaupt so viele Dinge besitze, die ich gar nicht brauche. Jeden Tag aufs Neue haben die aussortierten Gegenstände ein Stückchen Ballast von mir genommen. Es ist ein bisschen so, wie mit Feel Good Movies. Denn danach fühlt man sich wirklich besser. Ich habe nun für vieles Platz, wofür ich vorher Stauraum mit neuen Möbelstücken schaffen wollte. Zwar ist die Wohnung noch immer nicht ordentlich, aber das ist ein Problem, dem ich mich ein anderes Mal widmen werde. Alles ist luftiger und offener, einfach, weil nicht jedes Möbel zu einem Staubfänger und Sammellager für ungeliebte Dinge missbraucht wird. Ich kann es jedem nur wärmstens ans Herz legen. Und vergesst nicht: Es ist egal, wie groß oder klein der Gegenstand ist und ihr solltet euch immer fragen, ob besagtes Ding noch glücklich macht oder nicht. Übrigens finde ich die 30 Tage für dieses Experiment genau richtig, so wird man mindestens 90 Dinge los, wahrscheinlich eher mehr, weil einen irgendwann die Aussortierwut packt. Im positiven Sinne. Also ihr Lieben: Frohes Ausmisten!

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