Kunstsympathisch #8 – Künstler*innen über Kunst

Lukas Liese über Bildhauerei, das Hochstapler-Syndrom und in Stein gehauene Punchlines

Lukas Liese hat Freie Kunst und Bildhauerei studiert. Seit zehn Jahren teilt er sich mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eine Werkstatt in Berlin. Als wir Lukas dort treffen, führt er uns über das verwilderte Areal, das zu großen Teilen unter freiem Himmel liegt. In einem nicht ganz wasserdichten Container, zwischen allerlei Gerümpel und alten Fahrrädern lagern einige seiner Werke. Hier macht sich der Künstler mit Winkelschleifer, Hammer und Meißel an die Arbeit. „Echter wird’s nicht mehr“, lacht er, als wir durch das hohe Gras stapfen und er uns die strahlend weißen Marmorblöcke zeigt, die vor Ort auf die nächste Ausstellung warten.

Direkt neben dem Gelände liegt ein Friedhof, Lukas kann also auch nachts und am Sonntag ungestört arbeiten. Sein Open-Air-Arbeitszimmer ist eine faszinierende Abwechslung zum klinisch reinen Atelierraum. Auf den runden Kalksteinbäuchen seiner Arbeit „Satt“ sitzend, steht der Künstler uns im Interview Rede und Antwort.

Woher bekommst du eigentlich diese fantastischen Steinblöcke?

Eigentlich von überall her. Das Material für diese Bäuche hier habe ich aus den Beständen der Kunsthochschule Weißensee, das ist bulgarischer Travertin aus DDR-Zeiten. Das Steinlager dort ist noch mehr überwuchert als dieses hier. Den Marmor beziehe ich zum Teil aus einem Steinbruch in Südtirol, aber auch über eBay Kleinanzeigen. Oft werden dort Marmorplatten angeboten, die von der Kücheneinrichtung übrig geblieben sind. Preislich zahle ich nur einen Bruchteil von dem, was ich im Steinbruch ausgeben würde. Für einen Kubikmeter Marmor kann man 500 oder 10.000 Euro bezahlen. Ich gucke mir das Material vorher lieber an – einfach irgendwo anzurufen und zu bestellen ist riskant, dann weiß ich nicht, was sie mir schicken. Dafür habe ich auch zu wenig Ahnung vom Material, ich bin eben kein Steinmetz.

Kriegst du nicht mit der Zeit ein Gespür für Qualität?

Man sieht zum Beispiel, ob der Stein Risse hat. Einige meiner Kollegen hier kennen sich aber wesentlich besser aus als ich. Wenn ich mit diesen Menschen zusammen bin, habe ich immer Angst, dass herauskommt, dass ich der totale Scharlatan bin. Ich glaube, dieses Phänomen nennt man Hochstapler-Syndrom, das beobachte ich an mir jedenfalls ziemlich oft. Wahrscheinlich ist das normal, wenn man handwerklich arbeitet und dann auf Profis trifft.

„Ich habe Tag und Nacht im Steinbruch durchgearbeitet und nichts anderes gemacht.“

Wie bist du zum Material Marmor gekommen?

Wir hatten in der Schule mal einen Steinbildhauerkurs, der mir sehr gut gefallen hat. Damals waren wir auch in Carrara (Anm. d. Red.: Carrara ist ein berühmter Steinbruch in der Toskana, aus dem schon Michelangelo seinen Marmor bezog). Nach dem Abitur bin ich nach Berlin gegangen und habe mein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Atelier für Menschen mit Behinderung abgeleistet. Damals war das eine berufliche Perspektive für mich, eine sichere Arbeitsstelle im künstlerischen Bereich. Obwohl ich gemerkt habe, dass mich Kunst interessiert, hatte ich keine Vorstellung davon, was es heißt, freier Künstler zu sein. Im selben Jahr hat ein Freund meiner Eltern das Steinbildhauersymposium an der Salzburger Sommerakademie geleitet, an dem ich auch teilgenommen habe. Dort arbeitet man vier Wochen in einem Steinbruch, am Material und an Skulpturen. Die Sommerakademie war die Initialzündung für mich: Ich habe Tag und Nacht im Steinbruch durchgearbeitet und nichts anderes gemacht.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe mich in Berlin in zwei Anläufen für die Kunsthochschule beworben. Eigentlich wollte ich nach Weißensee, weil man da Bildhauerei studieren kann. Leider habe ich die Bewerbungsfrist verpennt. An der Universität der Künste habe ich mich für „Freie Kunst“ beworben, wurde aber nicht genommen. Nach einem einjährigen Architekturstudium, das ich so dazwischen geschoben habe, habe ich es dann nochmal in Weißensee probiert und es geschafft. Dort bin ich beim Stein geblieben, obwohl es da eigentlich gar nicht unterrichtet wird. Es gibt zwar eine Steinwerkstatt, die liegt allerdings ziemlich weit draußen. Daher habe ich großes Glück, dass ich dieses Atelier hier nutzen kann.

Du hast dir das Handwerk also unabhängig von der Hochschule angeeignet?

Ja, das Handwerkliche habe ich mir im Prinzip autodidaktisch beigebracht. Hier im Atelier treffe ich Leute, die schon 30 Jahre mit Stein arbeiten, von denen hole ich mir auch ab und zu Tipps. Den Rest habe ich durch eigene Erfahrungen und YouTube-Tutorials gelernt. Wie man sich eben heutzutage Sachen beibringt.

Und ins Suchfeld gibst du dann ein: „DIY Steinbruch“?

Ja, wirklich. „Wie poliere ich Stein?“, oder „Wie spalte ich einen Stein?“, solche Sachen. Nebenbei habe ich immer aktiv nach Angeboten gesucht. Zum Beispiel konnte ich während meines einmonatigen Stipendiums vom Skulpturenverein Rheinland-Pfalz im Steinbruch arbeiten. Dort ist meine Skulpturengruppe „It’s a Match“ entstanden.

Ist die Bildhauerei in der zeitgenössischen Kunst ein Nischenthema? Jahrhundertelang gehörte die Bildhauerkunst ja zur klassischen Ausbildung von Künstlerinnen und Künstlern.

Ja, Skulptur gehört zu einer der ersten Kunstformen. Auch ich sehe ein großes Potenzial in dem Material und fand es sehr schade, dass es dazu so wenig Angebot an der Kunsthochschule gab.

„Den Rest habe ich durch eigene Erfahrungen und YouTube-Tutorials gelernt.“

Was hast du stattdessen an der Hochschule gelernt?

Die Reflexion darüber, was man macht und warum man es macht, ist eigentlich das Einzige, was man an der Kunsthochschule noch lernt. Wie in der Gruppentherapie. Das Handwerkliche muss man sich selber aneignen.

Beschäftigt man sich im Studium denn auch mit der Vermarktung des eigenen Produkts?

(Lacht) Ne, das wird auch überhaupt nicht gelehrt. Jedenfalls habe ich das nicht so empfunden. Das erste Mal damit konfrontiert wurden wir eigentlich erst bei der Abschlussausstellung am Ende des Studiums. Die dortigen Kurator*innen haben Leute aus der Kunstwelt eingeladen: Journalisten, Galeristen, Kuratoren. Denen kannst du deine Fragen stellen zu Vermarktung und ähnlichen Themen. Dadurch, dass ich während des Studiums für einen Künstler gearbeitet habe, konnte ich aber gute Einblicke in geschäftliche Themen gewinnen.

Arbeitest du nun als Vollzeit-Künstler?

Zurzeit ja. Ich habe großes Glück, dass das Atelier hier so günstig ist und ich mich durch Stipendien ganz gut über Wasser halten kann. So habe ich zumindest keinen finanziellen Stress. Vor Weihnachten habe ich zwei Werke verkauft und außerdem noch eine Auftragsarbeit bekommen – es läuft also ganz gut.

Du arbeitest viel mit Säure und ätzt zum Beispiel Memes in Marmorfliesen. Ist diese Technik für dich ein kontrollierbarer Prozess oder musst du dich vom Ergebnis ein bisschen überraschen lassen?

Die Reliefs, die durch das Ätzen entstehen, bedeuten für mich maximale Kontrolle. Man muss nur den richtigen Zeitpunkt finden, ähnlich wie beim Belichten im Fotolabor. Zu lang oder zu kurz macht einen großen Unterschied. Wenn ich aber einen Marmorblock tagelang in mit Wasser und Säure gefüllten Aquarien ausstelle, ist die Veränderung nicht wirklich absehbar und der Kontrollverlust größer. Da lernt man nur aus Erfahrungen.

„Die Reflektion darüber, was man macht und warum man es macht, ist eigentlich das Einzige, was man an der Kunsthochschule noch lernt.“

Sicher passieren dir nach all den Jahren trotzdem noch manchmal Missgeschicke. Wie gehst du damit um?

Ja klar, mir sind schon häufig Sachen kaputtgegangen. Mittlerweile passiert das zum Glück nicht mehr so oft. Ich lasse das dann einfach so.

Über die uralte Tradition von Marmorplastik haben wir ja schon gesprochen. Stellst du mit Arbeiten wie „Punchlines“ bewusst den Kontrast zu zeitgenössischen Themen her?

Nicht bewusst. Das sind einfach Dinge, mit denen ich mich beschäftige und die ich angemessen materialisieren will. Der Punchline-Stein ist ein gutes Beispiel: Zu der Zeit habe ich sehr viel Rap gehört und fand es sehr kreativ, wie mit Sprache umgegangen wird. Inhaltlich sind die Texte natürlich mal mehr und mal weniger toll. Aber für mich war es sehr inspirierend, wie so viel Inhalt und Referenzen in 3 Minuten verpackt werden. Das hat man in kaum einer anderen Kunstform.

Welche Punchline sollte für immer in Stein gemeißelt werden?

Eine Punchline aus dem Song „44 Bars“ von Edgar Wasser, einem Münchener Rapper. Sie lautet: „Ich hab ein Gedicht verfasst und es geht so - verpiss dich!“ Große Musikempfehlung übrigens! Hoffentlich verletzt so eine Marmorpunchline keine Urheberrechte (lacht).

Bist du häufig in den Skulpturensammlungen großer Museen unterwegs?

Ja, absolut. Es gibt eine Arbeit von mir, in der ich mit Stein Haut imitiert habe. Ich habe mich gefragt: Wie lässt sich gezwickte Haut am besten darstellen? Wie muss man den Marmor behandeln? In der Zeit war ich viel im Berliner Bode Museum, habe mir eine Menge Skulpturen angesehen und mich von der Bearbeitung inspirieren lassen.

Wie lauten deine Pläne für dieses Jahr?

Obwohl ich mir mein Jahr ziemlich vollgepackt habe, fühle ich mich selten gestresst. Ich bin relativ stressresistent und schiebe das Gefühl einfach so weit hinaus, bis es sich nur noch auf 1–2 Tage konzentriert. Für mein aktuelles Projektstipendium muss ich 2020 einiges tun: Ich will nach Carrara fahren, vor Ort arbeiten und recherchieren, was heutzutage alles mit Stein möglich ist. Außerdem möchte ich das Dorf Dangcheng in China besuchen, wo Marmorskulpturen der gesamten Kunstgeschichte kopiert werden. Dort fabrizieren sie Statuen in allen Größen und beliefern Einrichtungshäuser und Museumsshops auf der ganzen Welt. Hier gibt es eine tolle Fotostrecke dazu.

Und wie sieht es mit Eröffnungen aus?

Eröffnungen sind nicht so mein Ding. Letztens war ich in München bei einer Eröffnung und kannte niemanden. In Berlin kannst du einfach zu einer Vernissage gehen und wenn du keinen Bock hast zu quatschen, musst du auch nicht. In München nehme ich die Szene als sehr viel kleiner wahr, dadurch kennst du direkt die Hälfte der Anwesenden – oder eben auch nicht. Ich bin dann einfach Schweinebraten essen gegangen.

Vielen Dank für das offene Gespräch!

Wer Lukas‘ Arbeiten live sehen und vielleicht auch mit ihm Schweinebraten essen möchte, hat in Kürze die Möglichkeit dazu: Mitte Februar sind er und andere Künstler*innen Teil der Gruppenausstellung „Da für Dich.“ in der Zentrale Berlin.

Wann? 15. - 16. Februar, Eröffnung am 15. Februar, 19 Uhr.

Wo? Zentrale, Ziegelstraße 5, 10117 Berlin

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