Auf Konfrontationskurs – Wie lernt man, für seine Meinung einzustehen?

Im Alltag geht Ragnhild Konfrontationen aus dem Weg. Ein Versuch, nicht immer klein beizugeben

Ich bin ein Mensch mit vielen Meinungen. Ich bin halbwegs belesen, bilde mich zu bestimmten Themen weiter und versuche, so gut es geht, weltpolitisch auf dem Laufenden zu bleiben. Und gerade weil ich all diese Dinge tue, bilde ich mir logischerweise auch zu vielen Themen eine eigene Meinung. Zugegeben, zum neuesten Musikvideo von Nicki Minaj und Ariana Grande oder dem Eurovision Song Contest fehlen mir dann meistens doch die Worte. Dennoch hätte ich viel Zündstoff, um in einer Konversation für Konfrontation und Diskussion zu sorgen. 

Aber genau dieser Zündstoff verflüchtigt sich zu einem Aschehäufchen, sobald ich wirklich in die Situation komme, in einem Gespräch gegensteuern zu können. Das fängt bei ganz lapidaren Sachen an, wie Gesprächen beim Arzt. Zum Beispiel wollte ich am Anfang meiner zweiten Schwangerschaft meinem Frauenarzt zu verstehen geben, dass ich nicht bei jeder Vorsorgeuntersuchung einen Ultraschall brauche und möchte. Einfach, weil ich meinem Körper- und Bauchgefühl so vertraue, dass ich nicht jedes Mal ein Bild meines ungeborenen Kindes in Händen halten muss, um zu wissen, dass es ihm gut geht. Mein Arzt sagte: „Na ja, der Ultraschall ist ja kein großer Aufwand, schadet dem Kind nicht und kostet Sie nichts.“ Anstatt ein einfaches „Ich möchte das aber trotzdem nicht“ entgegenzubringen, sagte ich kleinlaut: „Ja, stimmt eigentlich. Okay, dann machen wir es so, wie Sie sagen.“ Und mein Arzt ist keiner von der angsteinflößenden, autoritären Sorte, wie man sie manchmal in der Chefetage von Krankenhäusern antrifft. Er ist ganz normal: freundlich und nett. Und dennoch konnte ich dort nicht meine Frau stehen und auf etwas beharren, was ich für mich als richtig empfand. Dieses Nicht-Beharren zieht sich durch mein Leben. Von Lappalien bis hin zu Auseinandersetzungen mit Familie oder Freunden. Bevor es brenzlig wurde, habe ich meistens eingelenkt. 

Ich brauche einen Konfrontationscoach!

Inzwischen stelle ich mir die Frage, ob man Konfrontation lernen kann. Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch, habe mich schon immer selten gestritten und vor allem nie besonders laut. Ich bin eher Marke Beleidigt-ins-Zimmer-nebenan-gehen-bis-ich-mich-beruhigt-habe. Aber ab und zu doch noch einen Satz zum Gespräch beitragen, der eine Diskussion entfachen könnte, würde ich mir schon gern zutrauen. Und die Frage ist ja auch, warum ich überhaupt solche Panik vor einer eventueller Konfrontation habe. Es kann ja auch sein, dass durch meine Einwürfe oder Argumente andere Leute zum Nachdenken kommen und nicht alles gleich im Streit endet. 

„Wer will, kann mich ja als die Bekloppte aus Berlin abstempeln - no hard feelings.“

Dazu muss ich sagen: ich hatte von diesen typischen Zickenkriegen (wunderbares Wort) in meiner Teenager-Zeit sehr wenige. Heute eigentlich schade, wäre vielleicht eine gute Übung gewesen. Ich habe mich immer eher mit Menschen umgeben, die weder intrigant noch notorische Lügner waren und obwohl die ein oder andere fürs Leben geglaubte Freundschaft natürlich zerbrach, verlief der Bruch immer ohne viel Drama. Heute ist mein Freundeskreis sehr durchmischt. Einen großen Unterschied bemerke ich zwischen meinen Freunden hier in Berlin und meinen Freunden und meiner Familie aus der Heimat. Hier sprechen alle von Plastikvermeidung, Veganismus, Umweltverantwortung. Nun drehen sich die Uhren in meiner Heimatstadt Bonn recht anders oder zumindest langsamer. Dass man nicht unbedingt seine ganze Garderobe bei Primark kaufen muss oder sich mal an Biofleisch versuchen könnte, statt dem abgepackten Fleisch von Netto zu frönen, ist eher noch die Ausnahme. Natürlich könnte ich meiner Familie oder Freunden erzählen, was ich im Haushalt alles durch plastikfreie Alternativen ersetzt habe, aber würde es sie interessieren? Nein, sie hätten wahrscheinlich ein Gegenargument, wie: „Das ist mir alles zu anstrengend“ oder „Man kann auch übertreiben“. Ich würde dann entweder peinlich berührt lachen oder „Ja, stimmt schon, man kann auch übertreiben“ sagen. Anstatt die ganzen Vorteile aufzuzeigen, die so ein Lebensstil mit sich bringt oder schlicht nochmal auf meiner Meinung zu bestehen. Aber vielleicht wäre das manchmal gar nicht schlecht. Und wer will, kann mich ja als die Bekloppte aus Berlin abstempeln - no hard feelings. Und dennoch, viel zu viel von dem, was ich sagen könnte, kehre ich unter den Teppich. Aus Bequemlichkeit und dem Gedanken: „Ist ja auch alles nicht so wichtig, was ich da jetzt noch sagen könnte.“

Warum will ich eigentlich konfrontieren?

Ich möchte dieses Verhalten sehr gerne ändern. Mich öfter dazu zwingen, doch noch etwas zu sagen oder doch noch mal zu widersprechen. Zwar macht mich meine momentane Konfrontationsvermeidung zu einem sehr gelassenen und entspannten Menschen, weil ich mich nie über Leute aufrege. Aber vor allem, wenn ich an die Zukunft denke, halte ich eine gewisse Risikobereitschaft für Konfrontation für ganz schön wichtig. Wenn es zum Beispiel um die Zukunft meiner Kinder geht. Ich werde mich ziemlich sicher mit Ärzten, Lehrern oder Eltern anderer Kindern auseinandersetzen müssen. Wenn ich schon nicht für mich einstehen kann, so muss ich das wenigstens für meine Kinder lernen. Ich kann doch nicht immer perplex oder kleinlaut zurückbleiben, wenn jemand mal unfreundlich oder schroff ist oder auch einfach etwas sagt, mit dem ich absolut nicht übereinstimme. Ragni schießt ab jetzt zurück. 

„Ragni schießt ab jetzt zurück.“ 

Konfrontation durch Achtsamkeit

Dabei frage ich mich wirklich, wie das gehen soll. Ich habe das Wiedereinstecken meiner gerade im Gespräch gefassten Gedanken praktisch perfektioniert. Jetzt fehlt mir vollkommen das Bedürfnis, jemandem zu widersprechen oder auch nur etwas Neues zum Gespräch beizutragen. Vielleicht sollte ich in jedem Gespräch, dass mehr als Smalltalk ist, genau aufpassen, wo ich noch etwas hinzuzufügen hätte. Vielleicht ist es überhaupt keine schlechte Idee, sich vollkommen auf ein Gespräch zu konzentrieren und dabei weder aufs Handy zu starren, noch das Rezept fürs Mittagessen im Kopf noch einmal durchzugehen. Vielleicht liegt meine monoton ruhige Gesprächsteilnahme auch daran, dass ich nicht immer mit ganzem Herzen dabei, sondern noch an tausend anderen Orten bin. Da wären wir doch wieder bei der Achtsamkeit, die in jeder Lebenslage helfen soll. Und vielleicht ist das die Lösung. Ich werde mich bemühen, meinem Gegenüber aufmerksamer zuzuhören, vielleicht löst sich mein Problem mit der Konfrontation dann von ganz alleine und relativ schnell. Zu einem aggressiven Über-den-Mund-Fahrer werde ich sicher nicht, aber konstruktiv diskutieren lernen will ich gern. 

Mal sehen, ob ich euch in einigen Monaten eine Erfolgsgeschichte verkünden kann oder mich vollkommen in der eigenen Wohnung verkrochen habe, um bloß nicht konfrontieren zu müssen – oder weil ich all meine Freunde durch das dauernde Diskutieren verloren habe. 

Wie geht ihr mit dem Thema um? Leidenschaftliche Dispute oder lieber Klappe halten und zuhören?

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...