Was ist deine eyegenart? Ein Gespräch über Selbstwahrnehmung und die Illusion vom perfekten Körper

Das Projekt eyegenart möchte Akzeptanz und Selbstliebe fördern – und das ausgerechnet auf Instagram. Wir haben eins ihrer Fotoshootings begleitet

Vor kurzem erzählte mir eine Freundin, sie leide seit ihrer Kindheit an großen Komplexen wegen ihrer Ohren. Diese seien ihrer Meinung nach unverhältnismäßig klein, weswegen sie sie immerfort unter ihren Haaren verstecke und sich schon sehr auf die kommende Mützensaison freue. Eine Kurzhaarfrisur käme für sie unter keinen Umständen infrage, dann würden ja alle nur noch auf ihre Ohren starren. Ich war überrascht. Nicht nur, weil ich bis dato nie auf ihr Hörorgan geachtet hatte, sie schien mir auch immer so selbstbewusst zu sein. Dieses Gespräch zeigte mir mal wieder, dass jede*r von uns Unsicherheiten hat, die er oder sie eben nicht offen vor sich herträgt. Und auch, wie sehr uns unsere vermeintlichen Makel oft einschränken, während anderen nicht mal auffällt, was uns jahrelang quält.

Social Media wirkt diesem Phänomen oft unterstützend entgegen: Körper sehen wir auf Instagram zwar viele, divers sind sie hingegen selten und über Unsicherheiten und vermeintliche Makel in Verbindung mit dem eigenen Körper wird wenig gesprochen. Stattdessen wird die vollkommene Perfektion angestrebt, eifrig retuschiert und verglichen. Lene, Fabienne und Mara möchten das ändern. 2019 haben sie ihr Projekt eyegenart gestartet, das Akzeptanz und Selbstliebe auf Instagram fördern möchte. Auf ihrem Kanal kommen Menschen zu Wort, die ihre Unsicherheiten zeigen und darüber erzählen möchten.

Das wollten wir uns mal genauer ansehen und haben Lene, Fabienne und Mara in ihrem Fotostudio in Berlin-Pankow besucht, wo wir sogar eins ihrer Shootings begleiten durften. Würde dieser Tag ein Motto tragen, dann wäre es wohl „Verlust“, genauer gesagt der Verlust von Körperteilen. Zu Gast sind nämlich Christine Knauff und Björn Roth, die den Podcast Über das Verlieren ins Leben gerufen haben. Mit wechselnden Gäst*innen gehen die beiden dort der Bedeutung von Verlust und dem Umgang damit auf den Grund. Mit Mara, Lene, und Fabienne haben sie ebenfalls gesprochen, die betreffende Folge findet ihr hier. Bei dieser Gelegenheit kamen Christine und Björn auf die Idee, auch selbst mal vor die eyegenart-Kamera zu treten und über ihre Körperwahrnehmung zu sprechen – eine gute Entscheidung!

Die Atmosphäre während des Shootings ist entspannt und offen - schnell wird klar, dass sich hier alle wohlfühlen. Lene, Mara und Fabienne geben gute Tipps, halten sich aber sehr zurück und stellen sich ganz auf das Tempo der Fotografierten ein. Es ist schön, zu beobachten, wie schnell das Vertrauen innerhalb unserer kleinen Gruppe wächst und wie anfängliche Unsicherheiten verfliegen.

Danach wollen wir natürlich ganz genau wissen, wie und warum die drei eyegenart ins Leben gerufen haben:

Ihr wirkt schon so professionell und routiniert! Wie hat das Projekt eyegenart eigentlich angefangen?

Lene: Mit einem Ausstellungsbesuch bei c/o Berlin! Fabi war sehr berührt von einer Fotografie und hatte große Lust, ein Fotoprojekt zu starten, bei dem das Thema Körperwahrnehmung thematisiert wird. Sie war es auch, die total hinterher war und das Projekt ins Rollen gebracht hat. Irgendwann haben wir dann Mara als Support und drittes Auge ins Boot geholt. Unsere ersten Shootings haben bei mir zu Hause stattgefunden, mit improvisierter Leinwand, die vom Hochbett hing.

Fabienne: Wir waren selbst unsere ersten Models, haben unsere Hände, Füße und Rippen aufgenommen und mit Licht experimentiert. Shootings waren für uns ein total neues Terrain - wir haben wirklich bei null angefangen.

Mara: Am selben Tag haben wir dann unsere Instagram-Seite eingerichtet. Nachdem gleich zu Beginn verschiedene Schauspieler*innen den Account geteilt haben, waren wir schnell bei 500 Follower*innen. Wir hätten gar nicht gedacht, dass wir so viele Menschen in so kurzer Zeit erreichen.

Habt ihr dann auch direkt Anfragen geschickt bekommen?

Fabienne: Ja, wir schreiben nämlich niemanden von uns aus an. Es wäre schwierig, jemanden aktiv darauf aufmerksam zu machen, dass er oder sie eine Eigenart hat.

Lene: Tatsächlich kommen alle Menschen auf uns zu. Am Anfang mussten wir viele Anfragen ablehnen, weil es so viele waren und wir natürlich auch auf Diversität achten wollen. Fünfmal die gleiche Eigenart ist für die breite Masse auf Instagram natürlich nicht so spannend, obwohl sie für jede*n individuell belastend sein kann.

Mara: Wir möchten verschiedene Menschen ansprechen und ganz verschiedene Dinge am menschlichen Körper beleuchten. Und uns auch mit emotionalen und psychischen Thematiken auseinandersetzen, die mit der Selbstwahrnehmung einhergehen.

Und wen oder was hättet ihr in Zukunft gerne vor der Kamera?

Lene: Wir würden gerne Menschen aus der älteren Generation fotografieren. Unsere Altersspanne ist bisher zwischen 18 und 40. Außerdem hatten wir bisher wenige POC oder Menschen mit Behinderung vor der Linse und würden uns wünschen, auch diesen Menschen mit unserem Projekt Mut machen zu können, sich proaktiver und der Öffentlichkeit zu zeigen: Hier bin ich, ich sollte in der Öffentlichkeit genauso präsent sein dürfen wie normschöne Menschen.

Mara: Oft hören wir den Vorwurf, dass wir überwiegend weibliche Modelle shooten. Mehr Männer wären also auch toll! Außerdem wird manchmal kritisiert, dass es sich bei unseren Modellen um sehr normschöne Menschen handelt. Viele sagen: Das sind ja eigentlich wunderschöne Menschen und wir sehen die Eigenart nicht. 

Fabienne: Das heißt natürlich nicht, dass sie nicht auch Eigenschaften haben können, die sie persönlich belasten. Darum geht es uns ja. Die Menschen kommen eben auf uns zu, wir suchen die Leute nicht aus. Dadurch ergibt sich unsere Auswahl. Hinzu kommt, dass viele Dinge, die für uns persönlich ganz groß und schlimm wirken, für Außenstehende gar nicht ersichtlich sind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir alles an uns blöd finden können, weil es auf Plakaten anders aussieht. Oft nehmen wir diese vermeintlichen Fehler aber nur an uns selber, nicht an anderen, wahr.

Dann erfordert es ja erst recht großen Mut, die eigene eyegenart von euch fotografieren zu lassen, oder?

Lene: Absolut! Manche nutzen das Shooting als Therapie und wollen bewusst diese Hürde überwinden. Andere haben mit ihrer Eigenart schon Frieden geschlossen. Viele sind sehr aufgeregt und wir finden es sehr bemerkenswert, wenn sie sich trauen!

Vielen Dank für das offene Gespräch und eure spannende Arbeit!

Noch mehr Fotos von diesem spannenden Nachmittag und vor allem die Geschichten dazu findet ihr bei eyegenart.

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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