Die Papa-Kolumne Teil 3: Die Geburt

Es wird ernst! Eine Geschichte von geplatzten Fruchtblasen, grünen Wellen, Kaffeeplörre und der letzten Nacht zu zweit

Ach ja, wo fange ich am besten an? Vielleicht beim errechneten Geburtstermin. Meine erste Tochter, mein erstes Kind, sollte am 10.02.2015 zur Welt kommen. Ein Dienstag. Also hatte ich ab dem neunten Februar Urlaub eingereicht. Insgesamt für zwei oder drei Wochen, so genau weiß ich das nicht mehr. Ich glaube aber, es waren drei. Am Sonntag vor dem Termin war aber irgendwie alles ziemlich entspannt und es sah nicht so aus, als würden wir in den nächsten 48 Stunden stöhnend und schwitzend in einem Kreißsaal sitzen. Daher fragte ich bei der Arbeit, ob ich am Montag vor dem Termin doch noch arbeiten kommen könne – ich wollte ja keine Urlaubstage mit Däumchen drehen verplempern!

Das war kein Problem und auch nach der Arbeit war alles cool. Wir speisten noch schön und schauten eine Folge the Big Bang Theory. Ganz normaler Kram eben, den man 2015 so gemacht hat. OK, Speisen tun wir heute auch noch, nur nicht mehr schön.

Gegen 22 Uhr gingen wir nichts ahnend ins Bett; zumindest ich. Anderthalb Stunden später weckte meine Freundin mich und sagte, sie glaube, es gehe jetzt los, ihre Fruchtblase sei ihr gerade im Bad geplatzt – oder im Flur? Eins von beidem. Ich hatte ja nur eineinhalb Stunden gepennt. Wenn ich normalerweise nach einem solch kurzen Nickerchen erwache, zum Beispiel nach einem Mittagsschlaf, bin ich erstmal zu nichts zu gebrauchen. Im Halbschlaf fragte ich sie, ob es eine dieser Situationen sei, bei denen man sofort ins Krankenhaus müsse, oder eine von jenen, bei denen sich der werdende Vater nochmal umdrehen könne. Letzteres war nicht der Fall. Zielstrebig schritt ich Richtung Badezimmer. Ich kippte mir eine Ladung eiskaltes Wasser ins Gesicht und schaute in den Spiegel. Ich blickte tief in meine Augen und sagte mir: „Jetzt geht's los, jetzt musst du funktionieren.“

Hallöchen, wir bekommen ein Baby

Wir schmissen die dank meiner Freundin seit zwei Wochen gepackte Tasche ins Auto und fuhren Richtung Krankenhaus. Wahrscheinlich die bedeutendste Fahrt mit unser damaligen Volvolette. Die Straßen waren leer und der Weg war kurz. Einer der Gründe, warum wir uns für dieses Krankenhaus entschieden. Geburtswannen gab es auch. Man weiß ja schließlich nie, wonach einem plötzlichen der Sinn steht. Während der Fahrt war meine Freundin super entspannt, ich irgendwie nicht, aber ich habe versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Ich habe keinen Plan, worüber wir gequatscht haben. Vielleicht über die grüne Welle, den Döner an der Ecke oder aber über das SEZ und ob es noch offen sei. Auf jeden Fall über belanglosen Kram, der uns ablenkte.

Vor dem Geburtshaus war direkt ein Parkplatz frei, man hat halt auch mal Glück. Rein ins Gebäude und ab an den Tresen zur Anmeldung. Hallöchen, wir bekommen ein Baby. Alles klar, aber erst das hier ausfüllen. Während wir alle Unterlagen ausfüllten, hörten wir die anderen Frauen auf Station ihre Wehen veratmen, Aaaaahhhs und Ooooohs drangen durch geschlossene Türen. Andere pressten bereits. Vielleicht war meine Nervosität nun auch außen sichtbar. Meine Freundin wurde dann erstmal untersucht: Wehenschreiber ran, Öffnung des Muttermunds checken und bestimmt noch einiges mehr. Alles war vorbildlich.

Es wird ernst – es geht los

An dieser Stelle sind meine Erinnerungen etwas verschwommen. Auf jeden Fall waren wir nicht draußen spazieren. Es war Nacht, tiefster Winter und die kleinkindgroßen Volkspark-Ratten machten sich draußen wahrscheinlich gerade über organische Abfälle her. Drinnen hingegen war es schön warm und es gab Kaffeeplörre aus diesen braunen Plastebechern. Kann sein, dass wir noch ein-, zweimal den Gang auf und ab gelaufen sind. Dann ging es ab in den Kreißsaal. Viele Geräte, ein verstellbarer riesiger Entbindungsstuhl und eine Palette verschiedenster Terrakottatöne erwartete uns.

Hier verbrachten wir die nächsten Stunden und waren die meiste Zeit allein. Denn meine Freundin machte das einfach nur mega. Trotz Geburtsvorbereitungskurs handelten wir intuitiv. Wir meisterten die unterschiedlichsten Situationen. Wir lachten über sinnloses Zeug, sie kotze, ich hielt die Nierenschale. Ich machte einfach das, was sie wollte und sprach nur dann, wenn ich gefragt wurde. Das hielt ich für das Beste. Mein Kopf war irgendwie leer, ich dachte nicht nach, ich funktionierte einfach, so wie ich es von mir verlangt hatte. Irgendwann nach dem Morgengrauen wurden die Schmerzen dann doch so heftig, dass sie über eine PDA nachdachte.

„Ich machte einfach das, was sie wollte und sprach nur dann, wenn ich gefragt wurde.“

Doch die Schwester meinte, in einer Stunde sei das Baby eh da. Das war Musik in unseren Ohren. Eine Stunde ist mal eine Aussage und als sie dann anfangen durfte zu pressen, war es wohl wie eine Erlösung. Ich hielt ihre Hand und meine Augen sprangen hin und her: von ihr, zur Hebamme, zum Wehenschreiber. Als würde ich André Agassi beim Grand-Slam beobachten. Dann ging alles ganz schnell. Auf einmal hieß es: Beim nächsten Pressen ist sie da! Und ja, da war sie. Sie schrie. Sie hatte alles. Zwei Arme, zwei Beine, zehn Finger und zehn Zehen. Ich war erleichtert, überglücklich und scheiße müde. Ich hätte die ganze Welt umarmen können und dann friedlich einschlummern. Aber für ein Schläfchen war keine Zeit.

Sie war ein Mittagskind und kam direkt am Termin. Alles in allem dauerte die Geburt genau zwölf Stunden. In ein Tuch eingewickelt wurde sie meiner Freundin auf die Brust gelegt. Sie war zuckersüß. Ihr Gesicht war ganz zerknautscht und ihre kleinen Fingerchen hatten irgendwie schon erstaunlich lange Nägel. Nun war ich Papa – ich war völlig überfordert. Ich fühlte mich wie damals in der siebten Klasse in Französisch. Kein Plan von Gar nichts. Trotzdem schnitt ich die Nabelschnur durch. Ziemlich widerspenstig, diese Dinger.

Ab jetzt gibt es uns nur noch alleine zu dritt

Für ein paar Minuten waren wir nun allein zu dritt. Wir schauten sie einfach nur an und gaben ihr und uns vorsichtig Küsschen. Kurz darauf kam eine Schwester und fragte meine Freundin, ob sie sich bereit fühle, auf die Toilette zu gehen und sich etwas zu waschen. Jetzt war ich mit meiner Kleinen ganz allein. Ich hielt sie im Arm, schaukelte sie ganz leicht und schaute ihr in die Augen. Ich flüsterte ihr zu, wir würden das schon alles hinbekommen und wie lieb ich sie habe. Mit dem hinbekommen wollte ich nur mich beruhigen, sie war super entspannt. Ich empfand nur Liebe für diesen kleinen Scheißer. Als ich später meine Mama anrief und ihr erzählte, sie sei da, musste ich weinen. Es überkam mich, einfach alles.

Am Abend besuchten uns meine Eltern, am Tag darauf die meiner Freundin. Die ganze Zeit über stand ich irgendwie neben mir. Nach zwei Nächten im Krankenhaus durfte ich beide nach Hause holen. Endlich. Nie werde ich ihren Gesichtsausdruck vergessen, als wir aus dem 25 Grad warmen Krankenhaus durch die klirrende Winterkälte zum Auto liefen. Ihre schmalen Sehschlitze wurden zu Riesenglubschern. Die Sitzheizung des Volvos gab alles. Wir fuhren nach Hause, die Straßen waren voll, keine grüne Welle, das SEZ und der Döner an der Ecke hatten geöffnet. Alles wie immer. Nur das wir jetzt zu dritt waren.

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