Felix’ Hochzeitskolumne – Die Party, das sind wir!

Teil 2: Selbst bei einem schwulen Paar, das sich eingehend mit der Bedeutung einer modernen Ehe beschäftigt hatte, schlichen sich konservative Kitsch-Visionen aus der Gala und Sarah Connors Pro7-Hochzeit von 2004 ein. Wer hätt’s gedacht? But also: Wen wundert’s?

Die eigene Hochzeitsfeier: wichtigster Tag im Leben und zugleich das seltsamste Konglomerat an Menschen, die sich noch nie gesehen haben. Es ist die ausklügelnde Mischung aus Liebesbekundung, Mitfreude und zurück gestecktem Familiendrama, die ein solches Zusammenkommen exzellent werden oder im Chaos versinken lässt. Doch wie kreiert man eine perfekte Party und bleibt trotzdem entspannt? Welchen Weißwein gibt es zur Hauptspeise? Und wie umgehe ich Zsa Zsa Gabors Erbe der legendären aber erfolglosen neun Ehen in einer Lebenszeit?

Das performative Tor zur Ehe ist der ultimative Spiegel eines jeden Paares: Was sagt die Art der Feier über die Genese der Beziehung aus? Welcher Stil verbindet die beiden Liebenden? Und hat der Schampus geschmeckt? Es ist ein unendlicher Katalog an Details, an den bei der Planung einer solchen Feier zu denken ist. Dem abstraktesten Umstand überhaupt, der Liebe zweier Menschen, wird mit einem Event Ausdruck verliehen – was kann hier schon schiefgehen?

Zwischen Minimalismus und Kitsch – Wo feiern wir?

Heiraten, das tut man im Grünen, am Wasser, in einem herunter gekommenen Brandenburger Schlösschen. Oder? Nachdem wir Wochen mit dem Jagen einer ostdeutschen Sissi-Fantasie verbracht hatten, kamen mein Mann und ich zu der Einsicht, dass wir Stadtmenschen sind und auch dementsprechend feiern sollten. Obwohl ich 2012 das letzte Mal freiwillig nach Brandenburg gereist war, unterlag ich der fixen Idee einer romantischen Naturhochzeit im Bundesland. Glücklicherweise endete diese in Buchungsmöglichkeiten ab 2024 und der Akzeptanz meiner fehlgeleiteten charakterlichen Selbsteinschätzung. Ein Penthouse aus Beton und Glas buchten wir wenige Tage später.

Es ist erstaunlich: Selbst im Erwachsenenalter unterliegen wir altbackenen Vorstellungen, wie bestimmte Lebensereignisse auszusehen haben. Selbst als schwules Paar, das sich eingehend mit der Bedeutung einer Ehe und der Verortung eines solchen Paktes in der heutigen Zeit beschäftigt hatte, schlichen sich konservative Kitsch-Visionen aus der Gala und Sarah Connors Pro7-Hochzeit von 2004 ein. Wer hätt’s gedacht? But also: Wen wundert’s?

Seit wann kenne ich so viele Menschen?

Die wohl härteste Frage, die sich bei einer Hochzeit stellt: Welcher Verwandtschaftsgrad ist den anwesenden Freund*innen noch zumutbar? Und welche Berliner Nachtleben-Bekanntschaften würden meine Eltern nachhaltig traumatisieren? Es sind die Make-or-Break-Entscheidungen, die jedes angehende Ehepaar zu treffen hat. Ein Balanceakt zwischen Partystimmung und unweigerlicher Enttäuschung jener, die keine Horsd’œuvre am Location-Eingang erhalten werden. Nach eingehender Analyse diverser Chats mehr oder weniger verschlüsselter Nachrichten-Apps einigten wir uns auf die solide Gästezahl von 50. 

Wie pompös wird mein Brautkleid?

Die Kleidung für den Tag aller Tage. Eine Entscheidung, banal wie fundamental, wird mich ein Leben lang auf den Hochzeitsfotos verfolgen. Was. ziehe. ich. an. Bereits unter normalen Umständen verbringe ich gut und gerne eine Stunde vor dem Kleiderschrank, um mich mit meinem modischen Bauchgefühl in Einklang zu bringen. (Wie ich es in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis geschafft habe, ist nach wie vor ungeklärt). Das Scouting nach passenden Hochzeitslooks betrieb ich dementsprechend schon seit Anfang des Jahres: auf keinen Fall Weiß, auf keinen Fall zu viel Kitsch, irgendwie casual aber dennoch festlich. Keine frechen Hüte! Niemand gibt dir einen Gay Knigge mit Outfitempfehlungen. Aber ich gebe mir Acne Studios, GmbH und COS, um schließlich bei einem Secondhand-Anzug zu landen, den ich seit Jahren im Schrank hängen habe. Was soll ich sagen? If the suit fits… wird auch der goldene Ring dazu passen.

Danger: Kecke Spiele und Powerpoints

Wer schon auf einer deutschen Hochzeit war, kennt die Abgründe unserer Leitkultur. Starres Sitzen an zugewiesenen Plätzen, dazu unzählige frivole Spielchen, die Sexualität vollkommen verklemmt reproduzieren. Und selbstverständlich die Powerpoints mit Kinderbildern, die von jedem einzelnen Gast dargeboten werden, bis die Sonne wieder aufgeht. Nein, ich war mir der Gefahren einer Hochzeit in diesem Lande bewusst und habe das Alman-Entertainment-Programm rigoros gedeckelt: eine Präsentation, ein Spielchen. Schließlich soll gegessen, getrunken und getanzt werden. 

Dazu muss man sagen, dass sich in meinem Freund*innenkreis viele künstlerische Köpfchen verbergen, dank derer wir mit einer persönlichen Drag-Show, Live-Musik und jeder Menge unkonventioneller Liebesbekundungen beglückt wurden. Siehe da: Wer die Regie früh in die Hand nimmt, wird mit nachhaltig schöneren Erlebnissen beschenkt. 

Emotionen, in this Economy?

Als jemand, der normalerweise wenig weint, überrascht es mich sehr, wenn es dann doch passiert. Es ist diese typisch männliche Gefühlsunterdrückung, die so oft jegliche emotionale Präsenz unterbindet. Bei der Vorbesprechung mit unserem Trauredner, in dem mein Eheversprechen entstand, habe ich zwanzig Minuten geheult und um Fassung gerungen. Ich habe um das geweint, was ich normalerweise nicht sagen kann. Um alles, für das es morgen schon zu spät sein könnte. Und wie sehr ich meinen Mann liebe. Den Menschen zu heiraten, den man liebt, ist so eine monumentale Angelegenheit, dass sich ihre ganze Größe nur phasenweise offenbart. Anders könnte man es gar nicht aushalten.

Als ich also vor unserem Raum von 50 Menschen stand und meinem Mann mein Herz ausschüttete, hatte sich alles gelohnt, was ich emotional, mental und organisatorisch in unseren Tag investiert hatte. Weil er mein Alles ist, mich zu einem besseren Menschen macht und mein Leben mehr bereichert, als er es sich vorstellen kann.

Und das sind die abschließenden Worte zum Thema Hochzeit: Es ist ein Tag, der für uns beide da ist, für niemanden sonst. Es gibt keine Regeln, nur persönliche Entscheidungen, um der großen Liebe Ausdruck zu verleihen. Wer das im Kopf behält, wird alles richtig machen. Und die Ehe in einem wunderbaren Setting beginnen.

  • Fotos
    William Veder

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