Nicht anstecken lassen vom Tamtam! – Das Video-Interview mit dem Dogs of Berlin Star Langston Uibel

Wir haben mit dem Schauspieltalent über Netflix, Gleichberechtigung in der Branche und das gute, alte Prinzip gesprochen.

Geboren wurde Langston Uibel 1998 zwar in London, 2006 jedoch zog das junge Schauspieltalent in die kleinere, aber nicht weniger spannende Metropole Berlin. Ein Glück für uns! Denn vielleicht hätte er ohne diesen Umzug nie seine Leidenschaft für die Filmbranche entdeckt. Nur ein Jahr später stand Langston nämlich für seinen ersten Kinofilm Speed Racer vor der Kamera. Heute, 2018, kann der 20-Jährige bereits auf eine stattliche Film- und Fernseh-Biografie zurückblicken und hat doch diesen Dezember mit der zweiten deutschen Netflix-Produktion Dogs of Berlin das ganz große Los gezogen. In der Rolle des aufstrebenden Fußballtalents Raphael Bou’Penga wird er in der jetzt schon gefeierten Serie in die düsteren Machenschaften der kriminellen Berliner Unterwelt hineingezogen und brilliert neben großen Namen der Branche wie Anna-Maria Mühe oder Fahri Yardim.

#beigetrifft Langston Uibel

Zu Kopf gestiegen ist Uibel sein Erfolg indes nicht – vielmehr hatte ich beim Interviewtermin mit ihm einen reflektierten, bescheidenen und unglaublich smarten Gesprächspartner an meiner Seite, mit dem es noch so viel mehr zu bereden gab, als nur die tägliche Arbeit vor der Kamera. Als Ort für unser Treffen wählte der Westberliner, der sich vom hippen Trubel der Hauptstadt gerne fernhält und in Charlottenburg seine Heimat gefunden hat, das wunderschöne Bocci79 in der Kantstraße. Das ehemalige Gerichtsgebäude erstrahlt in jedem Raum im Licht von einzigartigen Lampendesigns und ich möchte jetzt nicht das Wort „magisch“ in den Mund nehmen – aber einen so entspannten und sympathischen Interviewtermin hatte ich lange nicht mehr.

Das Gespräch über die Arbeit mit Netflix, Vergleiche, die Frage, wie politisch man heutzutage sein sollte und wie man es schafft, auch bei großem Erfolg am Boden zu bleiben, könnt heute auf Beige lesen – und zum zweiten Mal auch sehen! Die Kamera war nämlich den ganzen Tag live dabei. Viel Spaß!

Langston, du hattest, wie oft in der Branche, nie den Plan Schauspieler zu werden. Wie bist du da hineingerutscht?

Meine Familie ist sehr eng mit einem Kostümbildner befreundet und bei einem Projekt für einen Kurzfilm hat ein Mitarbeiter Bilder von mir und meiner Familie bei diesem Kostümbildner gesehen. Er hat sie dann kurzerhand dem Regisseur gezeigt und mich für die Rolle eines Kindersoldaten vorgeschlagen. Ich habe die Rolle dann tatsächlich bekommen. Das waren meine ersten Berührungspunkte mit der Branche und es hat mir unglaublich gut gefallen. Nach dem Ende der zehnten Klasse hat sich der Berufswunsch dann konkretisiert.

Es gibt gerade eine spannende Riege an neuen, jungen Schauspielern*innen im deutschen Film. Kennt man sich und ist man befreundet?

Wir sind alle eigentlich ganz gut vernetzt und stehen in ständigem Kontakt. Natürlich kommt es aber auch ganz natürlich, man geht schließlich oft auf die gleichen Castings und trifft sich alleine deshalb immer wieder. Es gibt ohnehin selten Castings, wo man nicht fast jeden kennt. Es herrscht aber absolut kein Wettkampfklima, das ist cool.

Wie bist du denn bei Dogs of Berlin gelandet und wie waren die Dreharbeiten?

Tatsächlich ganz klassisch über ein Casting. Ich hatte allerdings keine Ahnung, worum es geht, es war alles super geheim. Das war vor ungefähr anderthalb Jahren, die Dreharbeiten wurden Mai dieses Jahres beendet. Ich habe aber erst im Nachhinein erfahren, dass es eine Netflix-Serie ist. Es wurde schon sehr, sehr, sehr geheim gehalten. Besonders spannend fand ich, dass Dogs of Berlin weltweit ausgestrahlt wird und man beim Dreh schon erahnen konnte, dass das Projekt das Potenzial hat international mitzuhalten, das ist schon super.

Du hast dich im Englischen selbst synchronisiert. Aber wie ist es, sich auf einer anderen Sprache zu hören?

Englisch ist meine Muttersprache, daher hätte alles andere keinen Sinn ergeben. Ich habe ja eine Stimme in dieser Sprache und ich fand es schön, dass ich das selbst machen durfte. Auf anderen Sprachen habe ich mich noch nicht gehört, aber ich freue mich darauf. Wenn es eine Sprache ist, die man selbst nicht spricht, ist es immer ziemlich lustig und absurd, sich sprechen zu sehen und zu hören.

Was macht eine Serie eigentlich zu einer Netflix-Serie?

Der internationale Anspruch. Netflix hat es sich zur Aufgabe gemacht, dass deren Produktionen international mithalten können müssen. Schließlich muss die Plattform einen weltweiten Standard vermarkten, weshalb der Anspruch an Inhalt und Qualität sehr hoch ist. Im Ausland kennt uns als Schauspieler niemand, da gibt es kein Tamtam um die Person herum. Deshalb geht es primär um eine hohe Qualität und eine perfekte Handlung.

Was sagst du zu Vergleichen mit der Serie 4 Blocks?

Hmm, also bei der ersten deutschen Netflix-Serie Dark ging es ja um Sci-Fi. Bei Dogs of Berlin geht es um Menschen und Berlin, da liegt es wahrscheinlich nahe, dass hier Vergleiche gezogen werden. Aber in 4 Blocks geht es vor allem um Neukölln. Bei Dogs of Berlin geht es um die Stadt Berlin und darum, wie alle diese Vernetzungen zustande kommen. Da hat man die Clans, das Sportler-Milieu, die Oberschicht ... das ist sehr spannend.

Hast du dir bei Louis Hofmann Tipps geholt? Er hat ja in Dark mitgespielt und ihr kennt euch von einem früheren Spielfilm.

Wir sind Freunde und hängen oft zusammen ab, daher war es eher auch lustig, dass ich nun in der zweiten deutschen Netflix-Produktion nach Dark mitspiele. Der Dreh von Dogs of Berlin war aber nicht besonders anders, als andere Drehs auch, von daher hatte ich jetzt gar keine Sorgen. Aber es ist einfach cool, dass wir nun beide für Netflix vor der Kamera standen, das freut mich voll. (lacht)

Du fährst auch mal mit dem Moobike zum Deutschen Filmpreis – wie bleibt man auf dem Boden, wenn man erfolgreich ist?

Ich bin total verschwitzt da angekommen, aber es war cool. Aber sonst habe ich einfach unheimlich tolle Freunde. Der Freundeskreis ist hier das Wichtigste, glaube ich. Die meisten meiner Freunde sind auch nicht in der Branche. Man muss einfach Teil des echten Lebens bleiben.

Bist du politisch? Findest du, man muss gerade jetzt politisch sein?

Ich möchte da gar nicht so einen großen Hehl draus machen. Die Leute hängen sich meiner Meinung nach an dem Begriff auf ... „Politik“ ist ja kein externes Ding. Es wird aber oft so behandelt, als wäre es ein Thema, ein Gegenstand. Dabei geht es vor allem darum, wie wir miteinander leben wollen ... und wer möchte da nicht mitsprechen? Die Wenigsten möchten, dass jemand anderes für sie bestimmt. Man muss seine Wünsche formulieren, und zwar klipp und klar. Dann schaut man, welche Parteien das am besten umsetzen. Bürgerpflicht heißt ja nicht: einfach machen. Man muss sich damit auseinandersetzen. Politik heißt nicht Tradition, sondern bedeutet, sich immer wieder damit zu beschäftigen.

Und Themen wie Diversität, Frauenquote ... wie stehst du dazu?

Mein Ansporn bei allem ist, dass sich nicht nur die Menschen, die von einem Thema betroffen sind, darum kümmern. Sondern, dass jeder Mensch darauf achtet, ob etwas unfair ist. Ob hier ungleich behandelt wird oder etwas ungerecht ist. Jeder sollte sich aufgefordert fühlen, dann etwas zu sagen. Das heißt auch, dass nicht nur Frauen laut werden müssen, wenn es um Ungleichbehandlung geht oder nur Schwarze sich wehren, wenn es um Rassismus geht.

„Bürgerpflicht heißt ja nicht: einfach machen. Man muss sich damit auseinandersetzen.“

Der Trick ist, glaube ich, anzuerkennen, dass Menschen unterschiedlich sind und aussehen und das als Normal anzusehen.

Ja, exakt. Und wenn wir an dieser Stufe angelangt sind, wenn man zum Beispiel 50/50 Männer und Frauen im Film hat, dann wäre es auch gar nicht so schlimm, wenn in einem Jahr nur Männer einen Oscar erhalten. Da müssen wir hin. Und falls Quoten ein Weg zur Normalität sind? Dann auf jeden Fall, her mit den Quoten. Wir sind in einer Zeit, in der es okay ist, Dinge aus Prinzip gerecht zu gestalten, um sie zur Normalität zu machen. Wenn es der Sache hilft, warum nicht?

Wie entscheidest du, ob du eine Rolle aufgrund deiner Hautfarbe annimmst?

Es geht um den Sinn für mich. Warum ist diese Rolle da? Ist sie nur da, weil der Charakter diese Hautfarbe hat? Was ist die Motivation? Und wenn ich dann merke, dass die dort einfach jemanden mit einer anderen Hautfarbe hinstellen möchten, dann mache ich es nicht.

Du kannst ja auch jeden spielen ... da gibt es ja keine Regeln.

Ja, jeder kann jeden spielen, klar. Davon muss man sich freimachen, es gibt alles auf der Welt. Aber ich bin zufrieden, ich möchte das auch nicht so verbittert angehen. Man kann sich immer in die Ecke setzen und weinen, aber dann würde die andere Seite auf eine gewisse Art und Weise gewinnen. Probleme ansagen, sie bekämpfen, Position beziehen? Voll! Aber sich niemals kränken lassen, das ist das Wichtigste. Wenn man es persönlich an sich heranlässt, ist es 2:0 für die – und das darf nicht sein.

Gibt es etwas, was dich in der Filmbranche besonders nervt?

Natürlich, aber ich glaube, das gibt es überall. Ich finde es furchtbar, wenn gesagt wird: „Das macht man halt so“. Und man darf sich nicht anstecken lassen von dem Drumherum. Du musst dich trauen zu sagen: „Hey, worum geht es eigentlich gerade? Können wir auch normal miteinander reden?“ – Ich will mich da aber auch nicht ausschließen. Bestimmt gibt es auch Sachen, die ich mache, die total bescheuert sind. Man sollte aber einfach niemals Sachen rein aus Prinzip machen.

Welche Rollen reizen dich?

Ich mag geschichtliche Sachen. Dinge erzählen, die schon passiert sind. Sie dann wiederzuholen und wieder aktuell zu machen. Auch um zu zeigen, dass gewisse Themen noch immer relevant sind. Wie ein Weckruf: „Hey, das war doch schon mal so, lasst uns hier nochmal schauen, bevor wir die gleichen Fehler noch mal machen.“ Historische Filme finde ich daher sehr interessant, aber ich habe jetzt nicht die eine Rolle, nee. Bei mir ist alles immer per Zufall so gut gelaufen, da möchte ich jetzt nicht frech sein und Forderungen stellen.

Danke für dieses schöne Interview, Langston!

Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle auch an das Bocci79 in der Kantstraße, das uns für das Interview seine Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat.

Die Serie Dogs of Berlin kann ab sofort komplett auf Netflix gestreamt werden.

  • Video & Produktion
    Lia Haubner
  • Besonderer Dank
    Bocci79 in Charlottenburg

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