Wir müssen über deutschen Kolonialismus reden! Im Gespräch mit Simone Dede Ayivi von der Initiative Tear This Down

Wie macht man deutschen Kolonialismus in unserem Alltag sichtbar und kämpft gegen die Verherrlichung von Verbrechen gegen die Menschheit?

Die #Blacklivesmatter-Bewegung hat viele von uns an die Grenzen gebracht – im positiven Sinne. Denn endlich wurden wir wirklich aufgefordert, uns mit unserem eigenen Verhalten, unserem täglichen Rassismus auseinanderzusetzen und unsere Privilegien zu identifizieren und zu überdenken. Es ist ein unangenehmer Prozess, gerade für Weiße, die sich bisher keiner Schuld bewusst waren und ich nehme mich da auf gar keinen Fall heraus.

Ein besonderer Augenöffner war in meinem Fall die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus, angestoßen von Alice Hasters Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten“. Kolonialismus? Das Narrativ, das wir in der Schule vermittelt bekamen, war eher so „lief nicht so prall für Deutschland, einige Ungerechtigkeiten gab's auch und so 1919 war's das auch wieder gewesen.“ Von Genoziden, Ausbeutung und Verschleppung keine Rede.

Entsprechend wenig wurden bisher auch problematischen Straßennamen oder gar Staturen hinterfragt, die vermeintliche deutsche Kolonialhelden im öffentlichen Raum ehren. Bilder aus Bristol, wo im Rahmen von BLM-Demonstrationen die Statue eines Kolonialherrschers von Aktivist*innen im Fluss versenkt wurde, stießen etwas an. Wer waren diese Menschen, die wir hier ehren? Was sind ihre Leistungen – oder besser gesagt: Verbrechen? Warum geht eine Gesellschaft, die sich ihrer Erinnerungskultur rühmt mit anderen Flecken der Vergangenheit so ignorant um?

Ich stieß auf die Initiative Tear This Down, ein Projekt des ISD – Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.v. Die ISD setzt sich seit Jahren für die Umbenennung der M*straße in Berlin ein und hat mit Tear This Down ein partizipatives Projekt geschaffen, das aufklärt, Informationen zusammenträgt und Anleitungen gibt, wie man aktiv werden kann.

Ich habe mit der tollen Simone Dede Ayivi, Performerin, Aktivistin und Sprecherin von Tear This Down, über gesellschaftliche Verantwortung, die unermüdliche Arbeit der Aktivist*innen und die Frage, was eine Gesellschaft formt, gesprochen.

© Juliane Kremberg

Simone Dede Ayivi von Tear This Down im Interview

Seit wann gibt es eure Initiative und wie seid ihr organisiert?

Die ISD, die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, gibt es schon seit Mitte der Achtzigerjahre. Seitdem kämpfen wir unter anderem auch um einen kritischen Umgang mit den Kolonialverbrechen und kämpfen seit 15 Jahren um die Umbenennung der M*straße in Berlin-Mitte. Der ISD ist die älteste Schwarze Initiative in Deutschland, das Projekt „Tear This Down“ ist in Zusammenarbeit mit dem Peng! Kollektiv entstanden. 

Die M*straße ist nur ein Teil unserer Arbeit. Ein großer Erfolg ist zum Beispiel die Umbenennung von drei Straßen im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding, die nun auf den Weg gebracht werden. Die Lüderitzstraße, der Nachtigalplatz und die Petersallee sollen umbenannt werden, da es sich bei allen drei Männern, die durch diese Straßennamen geehrt werden, um Kolonialverbrecher handelt.

Ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Umbenennung ist das May-Ayim-Ufer im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Bis zur Umbenennung 2009 hieß es Groebenufer, benannt nach Otto Friedrich von der Groeben, Leiter einer Westafrika-Expedition 1683, deren Ziel es war, eine neue Kolonie im heutigen Ghana zu gründen. May Ayim war eine Dichterin und wichtige Aktivistin der afrodeutschen Bewegung. 

Viele Menschen nehmen durch die Black-Lives-Matter-Bewegung unsere Arbeit jetzt erst wahr. Das medienwirksame Stürzen von Statuen von Kolonialverbrechern in Belgien, Großbritannien oder den Niederlanden haben unserer Bewegung und unseren Anliegen endlich die Öffentlichkeit gegeben, die sie verdienen. 

„Es gibt eine Kontinuität in unserer Geschichte, die zu verschiedenen Verbrechen geführt hat.“

Der deutsche Kolonialismus wird in der Schule lückenhaft bis gar nicht aufgearbeitet. Woran, meinst du, liegt das?

In Deutschland setzt man sich intensiv mit den eigenen Verbrechen der NS-Zeit auseinander. Aber die deutsche Geschichte beginnt für viele Menschen, die hier leben, schon früher. Die Menschenrechtsverletzungen, die im Zuge deutscher kolonialer Politik schon vor dem Nationalsozialismus von Deutschen begangen wurden, stehen in einer Kontinuität zum Faschismus und dürfen nicht verschwiegen werden. Der Völkermord in Namibia etwa. Wir müssen in Deutschland lernen, uns mit der Kontinuität und dem Fortwirken nationalsozialistischer Politik auseinander zu setzen. Auch schon vor der Machtergreifung hat ein rassistisches und imperialistisches Weltbild das deutsche Denken und Handeln geprägt. Es gibt eine Kontinuität in unserer Geschichte, die zu verschiedenen Verbrechen geführt hat. Dabei müssen wir Rassismus, Antisemitismus und den Anspruch auf Weltherrschaft, wie Deutschland ihn einst pflegte, als Teil einer sich kontinuierlich und aufeinander aufbauenden deutschen Geschichte sehen und uns entsprechend damit auseinandersetzen.

Das ist gerade ein Wachmacher, weil ich so nie darüber nachgedacht habe, dass die Basis für die NS-Zeit schon früh gelegt wurde.

Ja, durch Kolonialismus, Rassifizierung und die Inanspruchnahme anderer Kontinente.

Welche Gefahr seht ihr in der Verharmlosung von deutschem Kolonialismus und der Verehrung von Kolonialverbrechern? Ein Argument vieler ist sicherlich, dass man doch ohnehin nicht mehr weiß, wer Person XY war und eine Umbenennung der Straße daher nicht nötig ist.

Wir wollen Geschichte nicht unsichtbar machen, sondern argumentieren und die Leute dazu bringen, darüber zu reden, was sie umgibt. Wir machen die Geschichte durch einen Perspektivwechsel sichtbar, weil es wichtig ist, zu hinterfragen, was uns täglich umgibt. Die Gefahr ist, dass Verbrechen an der Menschheit als selbstverständlich wahrgenommen werden. Wenn eine Straße nach einem Menschen benannt wird, ist das eine Ehrung. Wollen wir, dass in unserer Gesellschaft Mörder, Rassisten und Herrscher verehrt werden, die teilweise sogar für ganze Genozide verantwortlich sind? Genau deswegen ist ein selbstkritischer Umgang mit dem Thema notwendig.

Wie kann Erinnern so gelenkt werden, dass die Gesellschaft davon profitiert und daraus lernt?

Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Deutschland war eine Kolonialmacht. Wir fordern nicht, dass diese Zeit unserer Geschichte gelöscht wird, das wäre auch der falsche Weg. Wir wollen, dass umbenannte Straßen mit Tafeln und Informationen ergänzt werden, mithilfe derer sich jede*r informieren kann. Wir wollen, dass man sich mit den Verbrechen dieser Zeit auseinandersetzt und erinnert. In Gedenken an jene, die sich gegen die Verbrechen gestellt haben und mit ihrer Arbeit Aufklärung geleistet haben wie etwa May Ayim. Es sind Leute, die durch die Benennung der Straßen nach Kolonialverbrechern oder schlimmer noch M*straße unsichtbar gemacht werden. 

Es gibt eine afrodeutsche Geschichte seit dem Kaiserreich – und sie wird unsichtbar gemacht. Der Name M*straße bezieht sich auf die verschleppten Kinder, die sich etwa die preußischen Höfe haben bringen lassen. Zur Unterhaltung, als Kammerm*ren oder die im Militär dienen mussten. Natürlich ist die transatlantische Versklavung und der Umgang mit Sklaven in den Amerikas größer gewesen und weiterreichender, aber es gab auch afrikanische Sklaven und Menschenhandel in Deutschland.

„Wie lange müssen wir noch Bitte sagen?“

Hat die Black Lives Matter-Bewegung eure Agenda gepusht und ihr geholfen?

Wir beschäftigen uns schon so lange damit, wie Schwarze Menschen Rassismus erleben und die BLM-Bewegung hat strukturellen Rassismus auch in Deutschland sichtbarer gemacht. Ob es wirklich etwas erreicht hat, müsste man in einem Jahr noch mal sehen, es hat ja gerade erst begonnen. Rassismus ist kein Thema nur aus der Schwarzen Perspektive, siehe Hanau und Halle. Dass nun alle Menschen wegen eines spezifischen Falles von rassistisches Polizeigewalt und Mord auf die Straße gehen, zeigt, dass die Menschen die Schnauze voll haben. Seit 15 Jahren streiken die Behörden wegen der Umbenennung einer Straße. Die Initiativen Ban Racial Profiling oder die Oury-Jalloh-Initiative kämpfen seit Jahren für Aufklärung und Gerechtigkeit. Die NSU-Prozesse … es läuft so viel schief und es wird nun nach Aufklärung verlangt. Beim Lesen des Transkripts von der Verhaftung von George Floyd wird einem bewusst, wie oft er Bitte sagt, wie oft er um sein Leben fleht.

Wie lange müssen wir noch Bitte sagen? 

Ich glaube, es konnten sich schon immer viele nicht Betroffene mit dem Problem des strukturellen Rassismus identifizieren und haben ihn gesehen, aber die Dringlichkeit war nicht gegeben. Ich hoffe, dass die Dynamik bestehen bleibt und die Leute auch in Zukunft weiterhin antirassistisch handeln. Denn wenn man die Bilder sieht, dann muss auch jeder weiße Mensch merken, dass er so nicht leben möchte. 

Was mir allerdings in der Black-Lives-Matter-Debatte aufgestoßen ist, ist das Vorgehen der Medien. Da wurden dann einfach Akteur*innen und Schwarze Menschen gefragt, ob sie mal über ihre Erfahrungen mit Rassismus sprechen können. Die Frage war, wie sieht Rassismus denn so aus für euch? Aber wir sind schon lange über den Punkt hinaus, an dem es Beweise braucht. Wir müssen Probleme anerkennen und nach Lösungen suchen und es ist nicht an Schwarzen Menschen zu beweisen, dass es Rassismus gibt. Es ist auch mal gut.

Wie siehst du die Umbenennung der M*straße durch die BVG? Wurdet ihr oder eine andere Initiative in diesen Prozess einbezogen?

Die BVG, die Berliner Verkehrsgesellschaft, hat sich bei keiner der hier agierenden Initiativen gemeldet. Natürlich begrüßen wir die Umbenennung, aber es hat schon einen faden Geschmack, wenn es jetzt so plötzlich und wiederum nicht überdacht passiert. Hätte man von Anfang an mit den Leuten gesprochen, die sich mitunter seit über einem Jahrzehnt damit beschäftigen, dann wäre es nicht so weit gekommen, dass die Haltestelle nun den Namen einer Person bekommen sollte, die antisemitisch war.

Aber es überwiegt nun erst mal die  Erleichterung, das M*-Wort nicht dauernd hören zu müssen. Stell dir vor, wie es Schwarzen Menschen geht, die immer wieder über die Durchsage und auf Karten mit dem M*-Wort konfrontiert werden. Das ist schlimm und unangenehm. 

„Das fängt mit der fehlenden Empathie für Geflüchtete auf dem Mittelmeer an, geht weiter mit rassistischen Grenzkontrollen innerhalb Europas und endet beim Aufreger am Stammtisch, weil man jetzt „Schaumkuss“ sagen soll.“

Was muss sich gesellschaftlich, strukturell und in der Politik unbedingt ändern?

Wir müssen damit aufhören, immer von Einzelfällen zu sprechen – und zwar in allen Bereichen. Ich spreche auch von der NSU, von Hanau und Halle. Wir brauchen eine diskriminierungssensible Sprache und am wichtigsten ist eine unabhängige Kontrollbehörde, die die Straftaten der Polizei verfolgen und ahnden kann. Es funktioniert so, wie es gerade ist, einfach nicht. Es sind verschiedene Äste eines rassistischen Baums. Das fängt mit der fehlenden Empathie für Geflüchtete auf dem Mittelmeer an, geht weiter mit rassistischen Grenzkontrollen innerhalb Europas und endet beim Aufreger am Stammtisch, weil man jetzt „Schaumkuss“ sagen soll. 

Wie habt ihr eure interaktive Karte realisiert und wie lange arbeitet ihr bereits daran?

Die Karte ist tatsächlich erst seit zwei, drei Wochen online. Wir haben uns mit dem Peng!-Kollektiv zusammengetan und die Karte partizipativ gestaltet. Angefangen haben wir mit den bekanntesten Straßennamen und Staturen im öffentlichen Raum, die nach Kolonialverbrechern benannt bzw. ihnen gewidmet sind. Unter der Karte findet sich der Button „Melde koloniale Spuren“, über den wir jede und jeden einladen, Straßennamen in den eigenen Städten einzusenden. Wir prüfen sie dann und stellen sie danach online. 

Inspiriert wurden wir durch die Stürze von Statuen von Kolonialherrschern in Belgien, den Niederlanden und Großbritannien. Wir wollten auch für Deutschland eine Aufmerksamkeit für dieses Problem schaffen und einen Sammelpunkt generieren, an dem die Informationen zusammenlaufen. Die Menschen sollen mit offenen Augen durch ihre Straßen gehen und sich bewusst werden und selbst fragen, warum und seit wann heißt diese oder jene Straße, wie sie heißt. Interessant ist hier auch mal, die Verteilung von männlichen und weiblichen Straßennamen nachzuschlagen. Wir laden dazu ein, sich mit der eigenen Erinnerungskultur auseinanderzusetzen und aktiv zu werden. 

Wenn die Symbole des Kolonialismus niedergerissen sind, wie füllt man diese Lücke sinnvoll?

Das kommt auf den Fall an. Ein leerer Sockel etwa kann auch sehr viel aussagen. Im Falle der in der M*straße gewünschten Umbenennung in Anton-Wilhelm-Amo-Straße, wünschen wir uns eine Gedenktafel, die erklärt, wer Amo war. Eine Lösung kann auch sein, Statuen stehenzulassen und von Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent umgestalten zu lassen. So bleibt der Kontext gewahrt, aber mit Respekt und sinnvoll aufgearbeitet. Wir wollen keine falschen Helden im öffentlichen Raum, wir wollen kritisches Erinnern und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, die für eine antirassistische Zukunft eintritt. Einfach alle Symbole wegmachen, als wäre nie was gewesen, ist nicht zielführend.

Welche Verantwortung hat jede*r von uns und wie kann man eure wichtige Arbeit unterstützen?

Jede und jeder sollte mit offenen Augen durch die Straßen und die eigene Stadt gehen und selber recherchieren, was es mit den Namen auf sich hat. Es gibt viele postkoloniale Initiativen, bei denen man sich informieren kann. Ihr findet sie alle unten auf unserer Seite, die Liste wächst auch.

Ansonsten: Aufmerksamkeit schaffen, Straßennamen bei uns melden und per Brief oder E-Mail die lokale Presse, Gemeinde oder sogar das Land kontaktieren und auf Missstände aufmerksam machen. Viele haben Briefe an ihre alten Schulen geschrieben und darum gebeten, dass das Thema Kolonialismus und die deutsche Vergangenheit hier unverklärt aufgearbeitet wird.  Die ISD, zu dem wir gehören, finanziert sich über Spenden. Wenn jemand gar nicht weiß, wo er oder sie anfangen soll, ist Spenden immer eine sehr effektive und gute Art, zu helfen.

Danke für das interessante Interview und für eure wichtige Arbeit!

Wenn ihr die Arbeit der ISD – Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.v. – mit einer Spende unterstützten wollt, könnt ihr das hier tun. Fühlt euch außerdem eingeladen, die Arbeit von Tear This Down zu supporten, indem ihr Straßennamen, Statuen und andere Ehrungen von Kolonialverbrechern in eurer Stadt für die Karte meldet. Das geht ganz einfach hier.

  • Illustrationen
    Tear This Down

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