Winzerinnen braucht das Land! Im Gespräch mit Nelly Fischer, Gründerin des Start-ups Wyne

Eine elitäre, verstaubte Männerdomäne? Falsch: Das Winzertum erfährt gerade eine spannende Verjüngungskur!

Das Thema Wein begleitet mich, seit ich denken kann. Ich bin in Mainz aufgewachsen und wenn hier eines hochgehalten wird (außer der Fassenacht), dann ist es der Weinkonsum. Hier wird ordentlich gebechert, aber natürlich mit Gusto und Stil, was denkt ihr denn. Der Weinbau der Region, also vor allem Rheinhessen und der Rheingau, hat das Leben hier geprägt – von Traditionen bis hin zur Architektur der Stadt. Kein Wunder also, dass mein erster Alkoholrausch nicht dem Korn, sondern Rotwein mit Cola geschuldet war – ich weiß, furchtbar. Nicht verwunderlich, dass mir bei einem guten Riesling direkt Heimatgefühle kommen und ich ein Glas Rotwein immer jedem Longdrink vorziehen würde.

Wein ist einfach mehr als nur ein alkoholisches Getränk – Wein ist Kultur. Eine Kultur, die sehr lange Zeit sehr elitär war und vor allem: eine Männerdomäne. Quasi alte weiße Winzer, wenn man es überspitzt sagen wollte. Doch es tut sich was. Junge Winzer und vor allem Winzerinnen und Weinproduzent:innen übernehmen langsam das Ruder. Die traditionelle Branche erfährt eine Verjüngungskur und damit auch neue Vertriebswege, Social Media, moderne Etiketten und Gestaltungen, mutige Bouquets und frische Konzepte. Der Wein ist der Benjamin Button der Genussbranche und es beginnt sich erst zu zeigen, wie viel Potenzial und Bodenständigkeit im Rebsaft steckt.

Er verliert das Elitäre, ohne dabei an Qualität oder Glaubwürdigkeit einzubüßen. Das junge Start-up Wyne ist eine dieser treibenden jungen Kräfte. Nelly Fischer hat Wyne mit gerade einmal 30 Jahren gegründet und stößt nicht nur in eine Domäne vor, die bisher von traditionellen Winzer-Familien beherrscht wurde. Sie reißt als Frau auch das Ruder von tradierten Geschlechterrollen herum.

Ein Wein für Millennials

Wyne möchte mit seinen Weinen gezielt Millennials (also euch!) ansprechen, der Vertrieb erfolgt ausschließlich online und über Social Media. Ein mutiges Konzept in einer Branche, die ihre Flaschen und Fässer noch immer in dunklen, jahrhundertealten, Spinnennetz-behangenen Gewölben lagert. Das Ziel? Weine für jede:n, nicht nur Kritiker:innen. Wo und wie Nelly angefangen hat, was sie mit Wyne erreichen will und wie man auch ohne eigenes Weingut durchstarten kann, verrät sie uns heute im Interview!

Liebe Nelly, woran erkenne ich einen guten Wein?

Ich denke für diejenigen, die sich nicht alltäglich mit Wein beschäftigen, sind die Anhaltspunkte Preis und Herkunft besonders wichtig. Qualitativ hochwertigen sowie nachhaltigen Wein für jeden Tag findet man meiner Meinung nach in der Preisrange acht bis zwölf Euro. Natürlich gibt es darüber hinaus auch höherpreisige Weine für den besonderen Anlass. Ich finde es auch immer wichtig, zu gucken, wer den Wein in den Vertrieb bringt. Steckt ein richtiges Weingut dahinter oder doch eher nur eine große Genossenschaft. Diese Information findet man meist auf dem Rückenetikett.

Wie bist du dazu gekommen, Winzerin zu werden?

Ich komme ursprünglich aus Celle, einer kleinen Fachwerkstadt in der Nähe von Hannover, also alles andere als eine Weinbauregion und viel Wein wird da auch nicht getrunken. Meine Leidenschaft zu Wein hat dennoch früh angefangen. Mit zirka 15 Jahren habe ich den Film „Ein gutes Jahr“ im Kino gesehen, der auf einem französischen Château in Frankreich spielt, mitten in den Weinbergen und natürlich sehr romantisch. Das hat mich fasziniert und um mehr über Wein zu erfahren, habe ich dann eine Ausbildung zur Winzerin in Süddeutschland gemacht. 

Wie läuft die Ausbildung zur Winzerin ab?

Die Ausbildung ist in drei Bereiche unterteilt, in denen man ausgebildet wird. Im Weinberg, im Weinkeller sowie im Verkauf und Vertrieb. Im Weinberg lernst du, wie der Wein wächst, welche Arbeitsschritte wichtig sind, um guten Wein zu produzieren – auch mal bei -20 Grad, was dann nicht mehr ganz so romantisch ist. Im Keller lernst du dann, wie die Trauben zu Wein reifen. Und im Anschluss gilt es diesen natürlich erfolgreich zu verkaufen und zu präsentieren.

„In Wein habe ich ein Naturprodukt gefunden, das mich fasziniert, das jedes Jahr neue Überraschungen bringt und am Ende alle glücklich macht.“

Was bedeutet Wein für dich?

Ich kann sagen: Wein ist meine Leidenschaft. In Wein habe ich ein Naturprodukt gefunden, das mich fasziniert, das jedes Jahr neue Überraschungen bringt und am Ende alle glücklich macht, wenn man ein, zwei Gläschen davon genießt. 

Hast du schon immer gerne Wein getrunken oder kam das später?

Nein, ich habe tatsächlich erst während meiner Ausbildung angefangen, Wein zu trinken und dann auch zu genießen. 

Welche besonderen Hürden / Herausforderungen musstest du auf deinem Weg zu Wyne nehmen?

Als Quereinsteigerin ohne eigenes Weingut siehst du die Dinge in Bezug auf Wein sicherlich anders als diejenigen, die damit aufgewachsen sind. Für mich war Wein nie eine Religion, sondern er soll am Ende einfach schmecken und Spaß machen. Dies hat in der doch noch sehr elitären Weinwelt oft für Unverständnis gesorgt. Natürlich hat man auch den Wunsch, ein eigenes Weingut zu haben und seinen eigenen Wein kreieren zu können, aber da man in Deutschland beides leider nicht so leicht erwerben kann, ist es schwierig, sich in anderen Weingüter entfalten zu können.

Ist das Winzertum eine Männerdomäne?

Längst nicht mehr so, wie es noch vor ein paar Jahren war. Zum Glück passiert auch hier ein Generationenwechsel und immer mehr junge Frauen interessieren sich für das Handwerk und das Produkt. Ich habe das Gefühl, dass Wein auch immer mehr zu einem Lifestyle-Produkt wird und nicht mehr allzu verstaubt interpretiert wird.

Warum, glaubst du, gibt es so wenige Winzerinnen?

Es ist doch ein harter Knochenjob, aber auch hier lassen wir uns Frauen nicht mehr einschüchtern, weswegen es mittlerweile immer mehr Winzerinnen gibt. 

Hast du Vorbilder?

Ja – Juliane Eller von Juwel Weine, wo ich auch zwei Jahre im Bereich Marketing und Vertrieb gearbeitet habe. Sie ist ein großes Vorbild für mich. Meiner Meinung nach hat sie es als Erste in Deutschland geschafft, Wein ein neues Gesicht und auch ein neues Lebensgefühl zu geben.

Was macht die neuen Winzer:Innen in Deutschland aus?

Sie denken über den Tellerrand hinaus. Sie nutzen andere Marketing- und Vertriebskanäle und versuchen damit, deutsche Weine an eine neue Generation von Weinliebhaber:innen zu führen.


Woher beziehst du deine Weine bzw. wo baust du an?

Wyne besitzt keine eigenen Weinberge oder Ländereien. Dafür sind wir aber, im Gegensatz zu Weingütern, viel unbegrenzter in unserer Weinfreiheit. In Zusammenarbeit mit befreundeten Winzer:innen kreiere ich Weine, wie sie dir schmecken und nicht den Kritikern. Dabei ist es uns besonders wichtig, Weine vor allem aus Deutschland und teils aus benachbarten EU-Ländern zu beziehen. Aus CO2-Gesichtspunkten verzichten wir auf Weine aus Überseeländern. Bei der Auswahl der Winzer:innen achten wir stets darauf, dass sie ihr Handwerk verstehen und nah an der Natur arbeiten.


Gib uns einen Einblick in deinen Alltag: Was sind deine Daily To-dos, Strukturen, Infrastruktur, wie setzt sich das Team zusammen etc.

Da Wyne wirklich noch so jung ist, muss ich gestehen, dass es noch keinen richtigen Alltag gibt. Aber genau das macht es auch so spannend. Jeden Tag passieren neue Dinge, du lernst neue Leute (zurzeit natürlich digital) kennen. Wichtig ist uns jedoch, dass wir uns immer auf unsere Zielgruppe konzertieren können. Daher haben wir starke Partner an der Hand, die z. B. den Versand für uns übernehmen. Aktuell habe ich eine Mitarbeiterin die mich tatkräftig unterstützt und dank ihr kann die Marke so gut wachsen. Für das kommende Jahr möchte ich mein Team noch etwas vergrößern.

Würdest du sagen, dass das Image von Wein eine Verjüngungskur erfahren hat?

Absolut – das ist das Schöne am Generationenwechsel, dass auch frischer Wind in eine noch eher verstaubte Welt gebracht wird.

Muss guter Wein teuer sein?

Nein, auf jeden Fall nicht über alle Maßen teuer. Wie vorher schon erwähnt, gibt es auch bereits gute Weine ab acht Euro. Es kommt immer darauf an, wie man für sich selbst „gut“ definiert und was einem bei der Herstellung eines Produktes wichtig ist.

Wie setzt sich der Preis eines Weines zusammen?

Aus der Bewirtschaftung der Weinberge (konventionell, biologisch oder bio-dynamisch). Daraus, ob im Weinberg mehr maschinell oder mehr per Handarbeit gearbeitet wird. Aus dem Alter der Reben – alte Reben haben weniger Ertrag. Aus der Herstellung des Weines während der Gärung sowie Reifung und noch viele weitere Punkte, die hier sicherlich den Rahmen sprengen würden.

Wie kann man Wein das Elitäre nehmen, das er noch immer hat – oder passiert das gerade?

Genau das wollen wir mit Wyne erreichen. Eine leichte Kommunikationssprache verwenden, um Wein für alle verständlich zu machen. Wir wollen einfach guten Wein anbieten. Nicht mehr. Nicht weniger. Und vor allem nicht mit kompliziertem Blabla. Dabei ist es wichtig, die richtigen Kanäle zur Ansprache der Kunden, wie z. B. Social Media, zu nutzen und das Produkt im Lifestyle deiner Zielgruppe zu präsentieren.

Wein und Instagram – wie passt das zusammen?

Indem du zeigst, wie du Wein genießen kannst. Du musst dich mit deiner Zielgruppe identifizieren und sie sich mit dir. Wir möchten unsere Follower, wir nennen sie liebevoll unsere Wynehood, in den Entstehungsprozess mit einbeziehen, sie fragen, was sie gerne mögen. 

Denkst du, dass das Winzertum und der Weinanbau in Deutschland ausreichend gefördert und geschützt werden?

Nach meinem Wissen ist da sicherlich noch Luft nach oben, vor allem, was die nachhaltige Bewirtschaftung der Weinberge angeht. 

Dein absoluter Lieblingswein?

Außer Wyne? Kleiner Scherz. Hier entpuppe ich mich vielleicht jetzt doch als kleiner Weinnerd, aber ich bin eine große Liebhaberin von Champagne Bollinger Special Cuvée. Ich habe meine Bachelorarbeit über dieses Champagnerhaus geschrieben, was übrigens von einer starken Frau Madame Bollinger geführt und groß gemacht wurde. 

Welche Produkte planst du noch?

Für das kommende Jahr haben wir tatsächlich noch einige neue Produkte geplant, die unter einer neuen Linie laufen sollen. Etwas bodenständiger, ein Wein für jeden Tag. Genaueres wird aber noch nicht verraten, außer so viel: Es soll auch eine Special Edition geben mit Alkohol-reduziertem Wein.

Danke, Nelly, für das schöne und interessante Gespräch und Prosit!

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