Stück für Stück zurück zur „Normalität“

Wie ich mich von meinem Burn-out erholt habe

Nachträgliche Anmerkung: Diese Schilderung von Burn-out Erfahrung ist absolut persönlich und nicht systematisch auf die Erkrankung anzuwenden. Jeder hat ein Burn-out in einer anderen Form. Bei manchen dauert es Jahre, sich davon zu erholen, bei anderen Wochen oder Monate. Manche können sich alleine aus dem Dreck ziehen, andere brauchen Coachings oder Therapien. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Und dieser Artikel kratzt auch nur an der Oberfläche einer komplizierten Erfahrung bzw. einer Krankheit. Bitte bedenkt das immer! Und wenn ihr Hilfe braucht, sucht sie euch! Fragt Freund*innen und Familie, Coaches, Supervision, Psychotherapeut*innen oder auch eure*n Hausärzt*in!

Unfassbar. Was waren das für sechs verrückte, emotionale letzte sechs Monate. Am 30. November brach ich mein Schweigen hier auf Beige und erzählte euch von meinem Burn-out in diesem Artikel. Die Resonanz darauf und auf meine Instagram-Story (in den Highlights) war unfassbar. So viele von euch schrieben mir, dass sie ebenfalls ein Burn-out haben oder hatten – oder befürchteten kurz davorzustehen – und dass sie die Ehrlichkeit, die unverblümten Worte und das Eingestehen von Schwäche dazu inspiriert hatten, ebenfalls offen damit umzugehen. Noch nie habe ich so ein starkes Community-Gefühl auf Instagram gehabt, wie nach diesem Geständnis. Mir haben Arbeitskolleg*innen, aber auch Kooperationspartner*innen und ganze Marken ihre Unterstützung zugesichert. Sie sind teilweise für mich eingesprungen und haben Kooperationen in meinem Namen gepitcht, mir lange E-Mail-Pausen kommentarlos verziehen und mich gefragt, wie sie mich in Zukunft unterstützen können. Ich bin so unfassbar dankbar, dass ich mit so tollen Menschen und Unternehmen zusammenarbeiten darf.

Neben der Erkenntnis, dass darüber sprechen und Fehler zugeben ein wichtiger Teil des Heilungsprozesses war, kündigte ich in dem Artikel auch an, dass ich euch bald darüber berichten würde, wie ich es aus dem schwarzen Loch wieder hinausgeschafft habe. Tja, das „Hinausschaffen“ hat noch ein paar Wochen länger gedauert, als ich es zugeben wollte. Daher kommt dieser Artikel erst jetzt, wo ich mit genug Zeit und Abstand besser beurteilen kann, was mir in der Situation wirklich geholfen hat.

Wie kann man sich in einem Burn-out helfen?

Denn nach so einem Burn-out einfach wieder so weitermachen wie vorher, ist nicht drin. Das funktioniert nicht. Zwei Monate hatte ich mich komplett von Beige und dem Daily Business zurückgezogen, um wieder zu Kräften zu kommen und mir vor allem Gedanken zu machen: Was will ich eigentlich in meinem Leben? Was sind meine Ziele? Wie konnte es zu dem Burn-out kommen und was muss ich ändern, damit das in Zukunft nicht mehr passiert?

Denn mein geistiger und körperlicher Erschöpfungszustand hatten einfach ALLES infrage gestellt: Machen mich meine 357345 Jobs glücklich oder würde ich mich lieber auf eine Aufgabe richtig fokussieren und davon dann auch leben? Ist Beige das Richtige für mich? Bin ich glücklich mit einer Geschäftspartnerin oder möchte ich lieber wieder alleine und ohne Team arbeiten? Ist es okay, dass ich meinem Privatleben so wenig Zeit einräume? Warum habe ich nur noch so „wenige“ Freund:innen? Was muss ich tun, damit ich morgens wieder motiviert und gut gelaunt aufstehe und mich abends beim Einschlafen auf den nächsten Tag freue? Ich hatte so viele Fragen. Und keine Antworten.

„Doch mein Gedankenchaos konnte niemand klären. Nicht mal ich selbst.“

Und ich habe gemerkt, dass mir diese Fragen niemand beantworten kann. Denn ich habe mit soooo vielen Freundinnen genau diese Themen diskutiert, mit meiner Familie stundenlang besprochen, was ich verändern will, tausende Listen und Pläne geschrieben und tage- und nächtelang Gespräche mit mir selbst geführt. Doch mein Gedankenchaos konnte niemand klären. Nicht mal ich selbst. Denn in einer Situation, in der dein Körper nicht mehr mitspielt, in der du aus purer Erschöpfung nichts mehr tun kannst, da kannst du auch keinen klaren Gedanken mehr fassen. Und Leute, die dich kennen und wahrscheinlich auch lieben und mögen, zeigen einem nicht immer den Weg auf, der am besten ist – sondern oft den, der am einfachsten erscheint. Na klar, sie sind parteiisch, sie wollen dir schwere Situationen und Momente ersparen und einfach nur so schnell es geht wieder dein altes Ich zurückhaben. Wer kann es ihnen verdenken.

Austausch mit anderen hilft – aber nur bis zu einer gewissen Grenze!

Nachdem ich also relativ früh gemerkt hatte, dass mich meine eigenen Selbstgespräche und die Gedankenschleife, aus der ich nicht mehr rauskam, zu nichts führten, bat ich um Hilfe. Und zwar niemanden aus meinem Bekanntenkreis, sondern eine professionelle Coachin (ja, das ist die weibliche Form, der Duden beweist es). Wie ich auf die Idee kam? Ich hatte in meinem beruflichen Lebensweg schon bei anderen Unternehmen öfters mal das Gefühl, dass Hilfe benötigt werden würde. Dass man viele Situationen mit einer*m Mediator*in gut klären könnte, Kommunikation verbessern könnte und auch Fortbildungen in Sachen Mitarbeiter der*m ein oder anderer*n Chef*in guttun könnte. Und schwor mir damals: Ich werde es mal besser machen. Über das Team Beige gab es einen Kontakt zu solch einer Coachin und Mediatorin, also war die Hürde relativ klein.

Und wenn ich nicht mehr klar durchblicke bei den Entscheidungen, die ich treffen muss, um mein Leben wieder in den Griff zu kriegen, vielleicht könnte es ja eine neutrale Person von außen, die meine Gedanken leiten und moderieren könnte. Die Zusammenhänge dort sieht, wo ich sie nicht sehe. Verhaltensmuster durchbrechen kann und mit mir zusammen herausfindet: Ja, wie will ich mich beruflich eigentlich weiterentwickeln? Wie geht es jetzt weiter? Und was für Optionen habe ich überhaupt?

In drei Terminen à 90 Minuten fand ich es zusammen mit meiner Coachin heraus. Mein Ziel für die Sitzungen: Was will ich beruflich machen? Was sind meine Ziele? Und wie kann ich sie am besten kommunizieren? Was mir sehr half, war mir einmal visuell vor Augen zu führen, was ich eigentlich für Optionen habe: „Mache ich Beige weiter und wenn ja in welcher Konstellation? Gehe ich wieder in die Festanstellung in einem Unternehmen? Konzentriere ich mich auf Instagram und setze alles auf diese Karte?“ und so weiter ...

Einmal auszusprechen, was für Vorteile jede Option hat, aber was auch für Nachteile, das half mir, das Chaos in meinem Kopf zu ordnen. Und ich lernte in den Sitzungen auch, wie ich am besten in mich hineinhören kann und herausfinde, was ICH will. Und nicht, was andere wollen oder von mir brauchen.

Während den Wochen des Coachings fand ich langsam zu mir zurück – und auch meinen Appetit, ein gutes Zeichen! Die Selbstgespräche wurden immer weniger, stattdessen konnte ich für mich (und auch für andere) klar kommunizieren, was ich mir für mein Leben vorstelle – und was sich verändern musste, damit ich ohne Erschöpfung und dafür mit Selbstvertrauen und Motivation wieder anfangen könne zu arbeiten.

Was ich gelernt habe:

  • Das Bauchgefühl entscheidet. Immer! Ich hab es viel zu lange überhört und immer versucht logisch und zielstrebig zu denken. Mittlerweile höre ich bei jeder Entscheidung als Erstes auf mein Inneres.
  • Langfristig ist es oft das Beste, wenn man sich für den harten Weg entscheidet, der einen dann aber am Ende doch zu 100 Prozent glücklich macht. Und mit hart meine ich nicht, unendlich viele Arbeitsstunden, sondern dass man auch mal unangenehme oder schwere Entscheidungen treffen muss. Oder risikoreiche!
  • Arbeiten ist nicht alles. Auch wenn man besonders im Lifestyle-Kreativbereich (Journalismus, PR, Werbung) etwas anderes vermittelt bekommt. Vor ein paar Jahren habe ich noch die Augen verdreht, wenn mir eine Kolleg*in erzählt hat, dass sie KEIN Karriere-Mensch ist. Heute finde ich es toll, dass sie*er diese Einstellung so klar kommunizieren konnte und respektiere diese Entscheidung voll und ganz.
  • Pausen zu machen und auch mal einen Gang runterzuschalten, ist kein Zeichen von Schwäche. Sondern eines von Stärke. Denn wer sich seine Energie gut einteilt, kommt weiter als derjenige, der sie nach den ersten 100 Metern gleich wegen eines zu schnellen Starts verloren hat.
  • Kommunikation ist Key! Jeder, der in seinem Beruf mit anderen Menschen zu tun hat, sollte meiner Meinung nach mal lernen, wie man richtig kommuniziert. Wie hält man persönliche Befindlichkeiten aus seinem Job raus? Wie leitet man ein Team? Wie kann ich wichtige Fakten auch mal ohne Emotionen übermitteln? Wie motiviert man andere? Und wie geht man professionell mit Menschen um, die überhaupt nicht kommunizieren können?

Wie war es wieder in den Job einzusteigen? Wie überfordert man sich nicht gleich?

Eigentlich wollte ich mir nur einen Monat Zeit nehmen und aus dem Daily Business aussteigen. So hatte ich das Lisa zumindest gesagt. Doch nach vier Wochen habe ich gemerkt: Ey, das ist eigentlich viel zu kurz, um die letzten fünf Berufsjahre des Durchackerns energietechnisch aufzuholen! Und vor allem wollte ich nicht den großen Fehler begehen und wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Und das ist verdammt schwer! Denn man hat ja schließlich gelernt, dass man in einer Vollzeitstelle (und als Selbstständige überhaupt und sowieso) von morgens bis abends zu arbeiten hat. Am besten nur mit einer kleinen Mittagspause am Tag. Und natürlich nicht nur fünf, sondern sechs bis sieben Tage die Woche.

Mit Burn-out ist aber dieser 8 (in meinem Fall eher 12) Stunden-Tag nach einer Periode der größten Erschöpfung nämlich der größte Fehler, den man meiner Meinung nach machen kann. Ich habe mich jedenfalls wieder ganz langsam an mein Arbeitspensum herangetastet, immer wieder Pausen gemacht, in mich hineingehört und mich gefragt, wie sehr mich welche Aufgabe anstrengt und auch ehrlich vor anderen zugegeben, wenn mir etwas zu viel war. Erst nach vier weiteren Wochen, war ich bereit, wieder Vollzeit zu arbeiten. Und diese Zeit ist ganz individuell. Bei anderen werden es vielleicht sechs Monate sein.

Mein Ziel für 2021 (und die Zukunft):

Jetzt könnte man ja meinen, dass ich mir nach dem Burn-out und meinen ganzen Learnings strikte Regeln setze, damit das nicht noch einmal vorkommt. Habe ich aber nicht! Flexibilität ist mir so wichtig wie noch nie! Mein einziges Vorhaben für 2021 ist es, mein schlechtes Gewissen auszuschalten. Denn das ist es, was mich oft überfordert oder zu Dingen treibt, die ich im Nachhinein bereue. Ich hab keine Lust auf Sport? Fein! Ich schaffe meine To-do-Liste heute nicht? Absolut okay, morgen ist auch noch ein Tag! Dazu gehört als Selbstständige eben auch, dass ich versuche weg von diesem „Du-musst-rund-um-die-Uhr-arbeiten-Denken“ komme und mir stattdessen mehr Freiheiten einräume:

Jetzt trinke ich unter der Woche nachmittags auch mal Kaffee mit meiner Mama oder mache einfach einen Tag unter der Woche frei, wenn ich am Wochenende fleißig war. Das schlechte Gewissen bei unserer Leistungsgesellschaft schwingt nämlich nahezu in JEDEM Aspekt unseres Lebens mit – und da habe ich wirklich keine Lust mehr drauf. Dafür ist das Leben zu kurz.

Also schlechtes Gewissen aus, viel in sich hineinhören und jeden Tag flexibel angehen! Das ist momentan mein Rezept. Und bis jetzt funktioniert es auch ...

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass ich nie wieder ein Burn-out bekomme oder komplett geheilt bin. Denn klar, es gibt immer wieder Situationen, in denen ich mich nicht gut fühle. Aber das ist okay – und das weiß ich jetzt!

Und jetzt möchte ich wissen: Was hat euch beim Burn-out geholfen? Wie habt ihr wichtige Dinge entschieden und vor welchen Herausforderungen steht ihr gerade?

  • Fotos
    Janine Sametzky

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