Routine, Wein und Einsamkeit - Wie sich queeres Leben im Lockdown verändert hat

Beziehungen im Lockdown, das distanzierte Dating Game und kleine Freuden im Alltag

Queeres Leben, was ist das eigentlich? Wenn ich seit einem Jahr nur noch im Homeoffice gammele, fast niemanden sehe und nirgends zu schlimmer Popmusik tanzen kann? Mein ganzes Leben lang wurde mir das Gefühl gegeben, mein Schwulsein sei ein so prominenter Teil von mir, dass ihn die Welt sofort sieht, mich dafür liebt oder hasst. Und nun, ohne nennenswerte Interaktion mit der Gesellschaft oder meiner Community, bekomme ich das Gefühl, meine eigene Queerness verlasse langsam aber sicher das sinkende Schiff meiner neo-heteronormativen Existenz. Denn das Besondere, das Aufregende, das Queere ist zwangsweise dem Routinierten, dem Absehbaren und Konservativen gewichen.

Der Februar ist LGBT History Month, in Gedenken an die Stonewall Riots in New York City im Jahr 1969. Sie sind der Ausgangspunkt vieler Errungenschaften wie die Ehe für alle, die formale Einführung des dritten Geschlechts und eine steigende Akzeptanz für non-binäre und trans Menschen. Hinter dem ersten geworfenen Stein vor der Stonewall-Bar sowie allen folgenden Schritten der queeren Bürger*innenrechtsbewegung standen stets Schwarze und Frauen of Colour, weshalb der Februar jedes Jahr gleichzeitig Black History Month ist. Das Stichwort: Intersektionalität.

Wir alle nutzen diesen Monat, um die Lage unserer Gemeinschaft und unseren eigenen queeren Platz in der Welt zu reflektieren. Trotzdem fällt es seit einem Jahr besonders schwer, ein bleibendes Gefühl von Community und Glück zu kreieren, denn unsere Orte des Zusammenkommens, die Bars, Cafés und Clubs, sind zu. Zwar haben Organisationen wie clubquarantine ein Online-Universum geschaffen, um auch von Zuhause aus raven zu können, doch das Zusammensein mit Freund*innen und Fremden ist just not the same. 

Per Zoom, Telefon und Treffen im Park habe ich deshalb Freund*innen und Bekannte gefragt, wie sie ihr Sozialleben in der Quarantäne gestalten, wie sich ihre Beziehungen verändert haben und ob sie sich einsam fühlen. 

Phenix (sie/ihr)

Phenix

Drei Wörter, die dein aktuelles Sozialleben beschreiben?

Ausgewählt, intim und liebevoll.

Wie hat sich dein Singleleben im letzten Jahr verändert?

Ich date deutlich weniger und ausgewählter als früher. Weil es für mich andere Prioritäten gibt.

Wie bist du deinen Freund*innen im Moment nah?

Ich versuche, einfach anzurufen. Wenn die Leute Zeit haben, mit mir zu sprechen, dann werden sie rangehen und wenn nicht, dann nicht. Alles ok. Aber das spontane Anrufen haben meine Freund*innen und ich in den letzten Jahren verlernt. Und sich das zurückzuholen, ist schön. Das ist es, was ich in letzter Zeit anders mache.

Sind Freund*innen weggebrochen?

Es gibt sehr wenige Leute, die ich regelmäßig sehe. Keine Handvoll. Denn es sind auf jeden Fall Freundschaften durch Corona weggebrochen. Besonders durch die Wintermonate, in denen man sich nicht mal auf Abstand in den Park setzen und so in einer größeren Gruppe treffen kann.

Lernst du aktuell neue Menschen kennen?

Im Real Life ganz wenig, außer beruflich. Auf Instagram bin ich aber immer wieder an tolle Menschen geraten, die auch aktivistischen Content machen. Und ich freue mich auf eine riesige Party, wenn Corona vorbei ist und ich sie alle einladen kann!

Was fehlt dir?

Freiheit, so richtig leben. Ich vermisse es am meisten, in einer Bar zu sitzen, man bekommt eine Nachricht und schreibt „Wir sind hier, komm doch dazu!“. Die Art und Weise, wie sich Abende ergeben. Und das ist auch der Grund, glaube ich, warum so viele Freundschaften auf Eis gelegt wurden. Ich hoffe, dass das alles wieder aufblüht, im Frühling.

Wie hat sich dein queeres Leben durch Corona verändert?

Ich hab einen ganz tollen Freundeskreis aus schwulen Männern, das ist mein queeres Leben. Und die habe ich super selten gesehen.

Und das queere Leben insgesamt?

Ich bin nicht so die Partymaus aber allgemein fehlen der Queer Community einfach die Partys, das Zusammenkommen, sich frei fühlen, sich sicher fühlen und sich ausleben. Ich persönlich vermisse das nicht allzu stark, da ich diese Räume nicht so gesucht habe. Aber trotzdem fehlt es mir und den queeren Menschen.

„Es darf einer*einem auch mal scheiße gehen.“

Wie queer ist man überhaupt, wenn man gerade gar nichts Queeres machen kann?

Für mich persönlich ist das auch so eine Sache: Ich date leider meistens weiße, heterosexuelle Cis-Männer, also den Teufel (lacht). Und die sind mir oft schlichtweg nicht queer genug. Für mich bedeutet das, dass meine queere Welt meine Freund*innen sind. Da ist also dieser Bruch zu meinem Dating-Leben, das sehr hetero ist.

Ist Einsamkeit ein Thema für dich in der Pandemie?

Auf jeden Fall. Für mich persönlich kommen da drei Sachen zusammen: Quarantäne, Lockdown. Winter, dunkel, immer scheiße. Und dann auch mein Beruf: Ich bin ein Ein-Personen-Team, ich kämpfe mich alleine durch und wenn ich beruflich unterwegs bin, will man oft was von mir. Ich gebe Interviews wie heute, die Leute wollen, dass ich etwas erzähle. Und wenn dann mal ein Wochenende kommt, an dem ich komplett freihabe, merke ich, wie schwierig das für mich ist. Das Begehrtsein durch meine Arbeit macht es schwer, mich bei Ruhephasen zu akklimatisieren.

Du verdienst ja auch dein Geld damit, deine Persönlichkeit, dein Wissen, deine Gefühle mit allen zu teilen. Das stelle ich mir teils hart vor.

Absolut. Sobald ich Instagram öffne, ist das für mich eigentlich Arbeit. Und dann kommt bei mir noch der Aktivismus dazu. Viele Interviews, die ich führe, drehen sich um mich, meinen Weg, meine Gender Identity usw. Es ist immer wie Therapie mit einem unausgebildeten Therapeuten! (lacht)

Wie gehst du mit der Einsamkeit um?

Ich versuche, meinen kleinen Kreis an Freund*innen noch näher an mir zu haben. Und darüber zu sprechen, wenn man das möchte. Mit den Leuten, die mir nahe stehen, gehe ich im Moment viel offener um, was meine Gefühlslagen angeht. Man ruft sich einfach an und sagt, dass es einer*einem gerade scheiße geht. Es darf einer*einem auch mal scheiße gehen.

Worauf freust du dich am meisten in den kommenden Monaten?

Einfach Frühling und Sommer. As simple as that.

Thesis (they/she/he, sortiert nach Präferenz)

Thesis

Drei Worte, die dein derzeitiges Sozialleben beschreiben?

Durchgeplant, unter Druck, arbeitsbezogen.

Hat sich deine Beziehung durch die Quarantäne verändert?

Zu Beginn der Pandemie lebten mein Partner und ich mit einer dritten Person zusammen und unsere Beziehung war in Ordnung. Aber nach einer Weile der Abriegelung hatten wir alle durch unsere eigenen emotionalen Achterbahnen und es kam letzten Sommer zu dem Punkt, an dem wir glücklicherweise in die Wohnung eines Freundes alleine umziehen konnten. Und ich denke, der Umzug hat unserer Beziehung wirklich geholfen. Aber wir haben im Moment nicht viele der Möglichkeiten, die wir hier in Berlin so gewohnt sind. Man kommt nicht so viel raus und hat selbst drinnen oft nur wenig Platz. Wir kommen jetzt an einen Punkt, an dem es schön wäre, wenn wir auch mal in separaten Wohnungen übernachten könnten. Denn es kann schädlich füreinander sein, wenn man kein eigenes Leben, eigenen Zeitplan und den eigenen Rhythmus hat.

Ist eure Beziehung offen?

Das ist ein Diskussionspunkt in unserer Beziehung, der durch den Lockdown größtenteils pausiert wurde. Es ist auch interessant, es gibt eine Menge Gespräche, die man normalerweise in einem HIV-Kontext führt, die man jetzt in einem Covid-Kontext hat. Wie viele Menschen wirst du treffen? Was habt ihr vor? Welches Maß an Intimität werdet ihr teilen? Covid ist natürlich auf einer viel oberflächlicheren Ebene, aber es bringt die gleiche Art von Gefühlen und Entscheidungen hervor. Mein Partner und ich haben schon früh entschieden, dass wir uns vorerst nicht alleine mit neuen Menschen intim treffen werden, aufgrund der damit verbundenen Risiken und unseres Zusammenlebens.

Was tust du, um deinen Freund*innen nahe zu sein?

Das kommt auf den Tag und meine Stimmung an und auch darauf, wie ängstlich ich mich in Gesellschaft fühle. Normalerweise melden sich meine Freund*innen und fragen, ob wir uns treffen wollen, und wir machen Pläne, treffen uns draußen oder gehen essen. Was immer die Einschränkungen erlaubt haben, war ich bereit zu tun. Ja, ich vermisse es, Leute umarmen zu können oder ihnen nahe zu sein, obwohl ich nie wirklich ein Gruppenmensch war. Aber ich denke, man kann trotzdem ein soziales Leben haben, man muss es nur nach den Regeln organisieren.

P.S.: Wenn es nach mir ginge, würde ich einen richtigen Winterschlaf machen. Ich wäre einfach den Winter über nicht erreichbar und würde dann Mitte März wieder zurückkehren. Wenn es gesellschaftsfähig wäre, würde ich das definitiv machen.

Lernst du im Moment neue Leute kennen?

Meistens durch die Arbeit. Im letzten Sommer auch durch Gigs und Bars. Aber die meisten Leute, die ich getroffen habe, habe ich virtuell kennengelernt. Ich betrachte es immer noch als eine ernsthafte Bindung, aber ich glaube, dass sie nicht wirklich geerdet ist, bis man die Person physisch trifft.

„Es gibt jetzt Dinge in meinem täglichen Leben, die mehr auf der heteronormativen Seite sind als vorher.“

Was vermisst du?

Die Zufälligkeit. Ich vermisse die Zufälligkeit des Lebens. Die einfachen täglichen Entscheidungen, die man trifft und die zu einer Vielzahl von Ergebnissen führen können. Die Einschränkungen führen meist zu Wiederholungen, wenn es um Intimität geht, um Freundschaften, aber auch, im Sinne von Gemeinschaft, um die Menschen, die man noch nicht kennt, um die Fremden auf der Straße. Es ist sehr verschlossen geworden. In den Notizen, die ich für das Interview vorbereitet habe, habe ich aufgeschrieben: „Es gibt Tage, an denen ich mich völlig verloren fühle, in diesem kommerzialisierten Strudel der faden Wiederholung. Arbeiten, kaufen, essen, schlafen.“

Was am queeren Leben hat sich durch Covid verändert?

All diese Zeit für uns selbst zu haben und sie außerhalb der gewohnten Community-Räume zu verbringen. Wir haben sie fast als selbstverständlich angesehen. Und jetzt stellt sich die Frage nach der Queerness im persönlichen Sinne: „Was ist für mich queer, wenn ich nur auf der Couch sitze? Was ist daran oder an mir jetzt gerade queer?“ Das herauszufinden, war Recherche und eine Reise. Es gibt jetzt Dinge in meinem täglichen Leben, die mehr auf der heteronormativen Seite sind als vorher. Aber in meinem täglichen persönlichen Leben, ohne den Rest der queeren Community, gibt es immer noch ein starkes Gefühl von Queering – in der Art und Weise, wie ich meine Gedanken navigiere, zum Beispiel. Für mich wird es immer offensichtlicher, dass ich mich nicht nur stärker in der queeren Community engagieren muss, sondern dass ich auch im täglichen Leben sehr queer sein muss. Dieser Unterschied ist mir jetzt stärker bewusst geworden.

Fühlst du dich einsam in der Pandemie?

Da ich die ganze Zeit in einer Beziehung war, kann ich nicht sagen, dass Einsamkeit für mich ein Thema war, eher die Entfremdung. Denn ich bin nicht alleine. Ich denke, dass eher das Nicht-allein-sein-können das Problem ist, mit dem ich zu kämpfen hatte.

Worauf freust du dich in den kommenden Monaten am meisten?

Ich glaube, der letzte Sommer in Berlin war noch ziemlich typisch – alle waren am See, die Leute waren draußen und haben gelächelt, also die Dinge, die die Basis des Glücks sind. Ich erinnere mich an diese ersten warmen Tage, an denen sich die Hasenheide plötzlich wie eine Stadt am Strand anfühlt. Alle gehen vom Elend zur großen Freude über. Ich denke, die Pandemie kann die Natur, das Draußensein und die Sonne nicht wegnehmen. Wenn diese Dinge noch um die Ecke kommen, freue ich mich darauf.

Helen (sie/ihr) & Natascha (sie/ihr)

Helen & Natascha

Drei Wörter, die euer aktuelles Sozialleben beschreiben?

Helen: Digitaler, eingeschränkter und intensiver.

Natascha: Sportlicher (spannenderweise), digitaler. Ich finde nur zwei Wörter.

Wie hat sich eure Beziehung durch Corona verändert?

Natascha: Das teilt sich bei uns in zwei Phasen. Den ersten Lockdown haben wir zusammen in einer Einzimmerwohnung verbracht, was sehr intensiv war aber echt gut funktioniert und uns noch mehr zusammen gebracht hat. Das ist dann ab November anders gewesen, weil wir jetzt eine Fernbeziehung haben und uns länger mal nicht sehen. Und das ist hart, die Beziehung nur noch über Videocalls zu führen.

Helen: Während der geschenkten Zeit durch die Kurzarbeit, konnte ich mich beruflich neu orientieren und reflektieren, wo ich eigentlich hin will. Und dadurch kam es dann zu meinem Ortswechsel, der jetzt unsere Beziehung maßgeblich beeinflusst.

Wie haltet ihr den Kontakt zu euren Freund*innen?

Helen: Ich schicke einfach mal einen Brief. Dadurch wird der Kontakt zu etwas Besonderem.

Natascha: Ich finde es schwierig, weil man sich immer nur über persönliche und nie mehr über gemeinsame Erlebnisse austauschen kann. Trotzdem versuche ich, übers Internet meine guten Freundschaften aufrechtzuerhalten.

Helen: Genau, man schafft keine neuen Erinnerungen. Durch Corona musste man auch wirklich stark aussieben, so schlimm, wie das klingt. Wenn mein Sozialleben ein Haus mit ein paar Zimmern ist, wen lasse ich rein, wer ist im Vorgarten und wem winke ich nur ab und zu mal auf der Straße zu?

„Denn durch die ganzen Querdenker*innen wird uns ja gerade vor Augen geführt, wie sehr unsere LGBTQ-Rechte und auch die Demokratie gefährdet sind.“

Was fehlt euch?

Helen: Sex!”(beide lachen)

Natascha: Die Wochenendtrips. Und die körperliche Nähe. Es ist immer noch ganz komisch, wenn man mit Leuten ohne Umarmung auseinander geht.

Helen: Was ich aber ganz sicher nicht vermisse, ist der Handschlag!

Ist euer queeres Leben durch Corona anders?

Natascha: Wir sind leider keine aktiven Mitglieder in der Berliner Community, weil sich das einfach so entwickelt hat. Ich bin auch während der Pandemie erst nach Berlin gezogen, deshalb kenne ich diese Szene gar nicht richtig. Obwohl ich Fußball spiele! (lacht)

Helen: Dadurch, dass der CSD letztes Jahr gefehlt hat, hat mich das tatsächlich zum Nachdenken gebracht. Denn für mich stand die Party eigentlich nicht im Vordergrund, sondern das Aktivistische dahinter. Ich habe mich wieder darauf besonnen, warum ich eigentlich zu solchen Veranstaltungen gehe und wofür man demonstriert. Denn durch die ganzen Querdenker*innen wird uns ja gerade vor Augen geführt, wie sehr unsere LGBTQ-Rechte und auch die Demokratie gefährdet sind.

Fühlt ihr euch einsam?

Natascha: Ich realisiere das immer an den Wochenenden, wo wir uns nicht sehen. Diese Hetzerei mit der Arbeit von Montag bis Freitag, wo ich mich erst am Wochenende mal richtig spüre. Das sind Momente, wo es mich trifft, dass ich alleine in dieser Wohnung sitze, alle zwar digital erreichen könnte aber es einfach nicht reicht, damit man sich weniger alleine fühlt.

Helen: Ich finde Einsamkeit ein krasses Wort. Ich fühle mich manchmal alleine, aber nicht einsam. Und auch das musste man nach dem ganzen aufeinander hocken erstmal wieder lernen, alleine zu sein.

Worauf freut ihr euch am meisten in den kommenden Monaten?

Natascha: Party machen! Die erste Zeit nach dem Lockdown wird bestimmt richtig intensiv.

Helen: In Gesellschaft tanzen und alles drum herum vergessen.

Giuseppe (er/ihn)

Giuseppe

Welche drei Wörter beschreiben dein aktuelles Sozialleben?

Beschränkt, ruhig, ausgewählt.

Wie hat sich dein Single-Life durch die Quarantäne verändert?

Da ging wegen der Auflagen nicht viel. Ich war stattdessen gezwungen, mich mehr mit mir selbst zu beschäftigen und das habe ich auch getan. Ich hab mich um die Dinge gekümmert, die liegen geblieben sind: kreativ sein, Klavier spielen und so mein Single-Dasein beschmücken. (lacht).

Datest du im Moment?

Ich finde es anstrengend, Leute über Apps kennenzulernen. Auch, wenn ich Leute ab und zu auf einen Spaziergang getroffen habe. Ich mag es eher, wenn man sich auf einer Party trifft und schnell herausfinden kann, ob man den gleichen Vibe hat. Daher konzentriere ich mich im Moment einfach auf meine künstlerischen Tätigkeiten.

„Begrüßt werden, mit Leuten schnacken, meinen Trainer sehen, es sind diese vielen kleinen Sachen. Das fehlt mir im Grunde täglich.“

Was tust du, um deinen Freund*innen nahe zu sein?

Zoomen, und sich mit den Berliner Leuten einzeln treffen. Bei mir gab es Phasen, wo es mir damit gar nicht gut ging, insbesondere Anfang diesen Jahres. Weihnachten habe ich gemerkt, wie sehr ich das vermisse, dass man Freund*innen und Familie auf einmal sieht und man Geselligkeit spürt. Aber man lernt, sich wieder aufzubauen und bin gerade wieder auf einem Hoch.

Was fehlt dir?

Dass plötzlich 15 Leute bei mir im Wohnzimmer sitzen.

Wie sieht es mit deinem queeren Leben aktuell aus?

Ich vermisse die Partys, das Zusammensein.

Ist Einsamkeit ein Thema für dich in der Pandemie?

Ja. Ich habe mich teilweise sogar sehr einsam gefühlt. Obwohl eigentlich kein Grund dazu besteht, ich habe ja Freund*innen in Berlin. Aber banale Sachen wie ins Fitness-Studio gehen, was ich teilweise fünfmal die Woche gemacht habe, geht nicht mehr. Begrüßt werden, mit Leuten schnacken, meinen Trainer sehen, es sind diese vielen kleinen Sachen. Das fehlt mir im Grunde täglich.

Worauf freust du dich am meisten in den kommenden Monaten?

Kultur. Ich war eigentlich nie ein Konzertgänger aber jetzt merke ich, dass ich viel mehr auf Konzerte hätte gehen sollen!

Günther (er/ihn)

Günther

Dein momentanes Sozialleben in 3 Wörtern?

Welches Sozialleben denn?! Wenn, dann ruhig, einsam. Und aufregend, weil man neue Hobbys entdeckt.

Dein Single-Life, wie sieht das im Moment aus?

Ich war vor Corona in einer Beziehung und wegen Corona ist sie auseinander gegangen. Die Job-Situation meines Freundes hatte sich auf ihn negativ ausgewirkt und er hatte einfach keine emotionalen Kapazitäten mehr übrig, um eine stabile Beziehung zu führen. Es ist schon komisch, wenn man am Anfang einer Pandemie dann single wird. Normalerweise habe ich vordefinierte Phasen nach einer Trennung, Selbstisolation, Selbstbemitleidung, viel feiern gehen, neue Männer kennenlernen und die alte Liebe mit einer neuen ersetzen. Aber nur die ersten beiden sind im Moment gut möglich.

Datest du?

Ja, schon, meistens über Tinder, Grindr und Co. Ich treffe schon manchmal Leute aber ich will natürlich Kontakte reduzieren und überlege es mir sehr gut, ob ich die wenigen dann für Grindr-Dates raushauen will. Gerade bei Leuten, die man noch nicht kennt, habe ich schon Bedenken, wie viele Personen die wohl getroffen haben.

Gab es trotzdem gute Erlebnisse?

Also mit einem Date bin ich zu McDonald’s und wir haben im Auto Pommes gegessen. Wir standen offenbar zu lange auf dem Parkplatz und wurden dann von der Polizei verscheucht.

Wie siehst du deine Freund*innen?

Ich zocke gerne online über Playstation mit meinen Freund*innen, das ist fast wie gemeinsam was draußen erleben. Man hat eine gemeinsame Aufgabe, ein gemeinsames Ziel und einen interaktiveren Austausch.

„Mir fehlt die Routine. Ich habe Kolleg*innen, die um sieben aufstehen und direkt duschen und frühstücken, aber ich bin einfach kein Morgenmensch.“

Wie würdest du dein queeres Leben gerade beschreiben?

Ich habe gemerkt, dass einige schwule Freundschaften doch recht oberflächlich sind. Mit manchen trifft man sich echt nur zum Feiern und wenn das wegfällt, hat man eigentlich keine Gemeinsamkeiten mehr. Und diese Kontakte verflüchtigen sich dann schnell.

Fehlt dir etwas?

Mir fehlt die Routine. Ich habe Kolleg*innen, die um sieben aufstehen und direkt duschen und frühstücken, aber ich bin einfach kein Morgenmensch. Ich putze mir die Zähne, mache den Laptop auf und den ersten Videocall im Pyjama. Die Leute im Büro zu sehen, fehlt mir. Die Menschenmengen. Ich habe überfüllte Clubs früher gehasst aber jetzt hätte ich Bock auf Hitze, schwitzende Mengen und einfach fremde Leute küssen. Das wäre im Moment ja undenkbar.

Bist du einsam?

Meine Cousine wohnt bei mir und zusätzlich schläft jetzt mein kleiner Bruder bei uns auf der Couch. Es hält sich zwar im Rahmen, aber auch bei mir macht sich das Gefühl bemerkbar.

Welche Highlights siehst du am Horizont?

Ins Restaurant gehen, sodass nicht mehr eine Person im Freundeskreis verdonnert wird zu kochen. Wenn Normalität zurückkommt, wobei ich glaube, dass das noch lange dauern wird. Deshalb habe ich mir noch eine andere Sache gesucht, auf die ich mich bewusst freue: nämlich das neue „God of War” für Playstation. Sollte das mit der Normalität nicht klappen, habe ich immerhin ein kleines Licht am Ende des Tunnels und kann es alleine in Isolation genießen.”

Der Februar 2021 wird legendär

Nach zwei Wochen voller Interviews schaue ich positiver und auch reflektierter nach vorne. Nicht nur, weil ich viele Leute persönlicher kennengelernt habe als die Monate zuvor, sondern vor allem, weil ich gesehen habe, wie stark die Menschen um mich herum sind. Wir alle sind von den gleichen Beschränkungen betroffen und haben doch ganz unterschiedliche eigene Herausforderungen, die wir bewältigen müssen. Viele von uns fühlen sich einsam. Für manche wäre es ein Luxus, zwischendurch etwas Einsamkeit genießen zu können. Trotzdem ist uns eines gemeinsam: die Kraft zum Durchhalten, gegenseitigen Unterstützen und zum Zelebrieren der Dinge, die eben möglich sind.

Wahrscheinlich wird 2021 in die Geschichte eingehen als das Jahr, das uns gezwungen hat, neue Wege des Zusammen- und Alleinseins zu erfinden und auszuhalten. Egal, wo und wie unsere Treffen stattfinden, so sind wir immer noch eine Gemeinschaft und können aufeinander zählen. Und darauf sollten wir stolz sein. Heute, in Zukunft und besonders im Sommer, wenn wir uns draußen vor einer Bar oder im Park wiedersehen. Ich freu mich darauf!

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