„Europa hat offenbar den Verstand verloren“

#LeaveNoOneBehind – Moria ist kollektives Versagen, aber wir alle können etwas tun

Das Zitat von Erik Marquardt, Mitglied des Parteirats von Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied des Europäischen Parlaments, trifft die Lage leider sehr gut und streng genommen muss auch ich mir an die eigene Nase fassen. Ich möchte auch gar nicht mit Ausflüchten kommen, warum ich persönlich die Lage in Moria nur am Rande und immer in Wellen (entsprechend der empörten Berichterstattung bei wieder einem schrecklichen Vorfall / Versagen) mitbekommen habe.

Ich habe, wie Europa, wie Deutschland, gepennt. Ich weiß, ich bin hier sicher nicht allein: Corona, die #BlackLivesMatter Bewegung und allgemeine Überforderung vom Leben haben mir oft genug Scheuklappen verpasst. Scheuklappen, die nun ebenso zu Asche geworden sind, wie die unwürdigen Unterkünfte im größten Geflüchtetenlager Europas.

Was und wo ist Moria?

Das Geflüchtetenlager Moria wurde Mitte Oktober 2015 auf der griechischen Insel Lesbos als Registrierungs- und Aufnahmezentrum für in Europa Asylsuchende eingerichtet. Benannt ist das Lager nach dem Dorf Moria, das sich in der Nähe befindet. Ursprünglich wurden die Asylsuchenden, nachdem sie in Moria registriert wurden, nach kurzem Aufenthalt auf Lesbos auf das griechische Festland gebracht.

Dieses Vorgehen wurde mit dem EU-Türkei-Abkommen (vielen sicherlich besser bekannt unter den fragwürdigen Begriffen Flüchtlingsdeal oder Flüchtlingspaket), das am 18. März 2016 in Kraft getreten ist, ausgehebelt. Das Abkommen sah, ganz grob zusammengefasst, unter anderem folgenden Deal vor: Die EU würde die Türkei mit der Auszahlung von Hilfsgeldern bei der Bewältigung der Masse an Geflüchteten unterstützen. Außerdem standen zeitweise gar Gespräche im Raum, nach denen türkische Staatsbürger*innen sich Visumsfrei für bis zu 90 Tage in der Europäischen Union aufhalten dürfen und es wurde und es wurde eine Dynamik in den Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU gebracht. Im Gegenzug solle die Türkei die Grenzen Richtung EU für Geflüchtete sowie die Balkanroute sichern bzw. schließen und somit als eine Art Türsteher für Europa fungieren. Dieses makabere Abkommen kündigte der türkische Präsident Erdoğan am 01. März 2020 mit der Öffnung der eigenen Grenzen faktisch auf.

„Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union. Ich tu mich mehr als schwer mit deiner Eigenwahrnehmung.“

Hadnet Tesfai

In der Folge strömten Hundertausende Geflüchtete von der Türkei nach Griechenland, auch via Lesbos, wo das Lager Moria, das ursprünglich für rund 2800 Menschen angelegt wurde, sich mit sprichwörtlich Gestrandeten füllte. Höchststand waren 40.000 Menschen im März 2020, zuletzt lebten rund 13.000 Menschen unter unwürdigsten Umständen in Moria. Auf 1300 Bewohner*innen kam ein Wasserhahn. Hygieneartikel oder eine entsprechende Infrastruktur gab es keine, von medizinischer Versorgung ganz zu schweigen. Im Schnitt drei Ärzt*innen, acht Krankenpfleger*innen und zwei Hebammen standen den Geflüchteten in Moria zur Seite.

Was ist in der Nacht auf den 09. September in Moria passiert?

Im Prinzip seit Bestehen des Lagers warnen humanitäre Organisationen, NGOs und freiwillige Helfer*innen vor einer Katastrophe und fordern die Auflösung des menschenunwürdigen Camps. Spätestens nach Ausbruch der Covid-19-Pandemie forderte die Organisation Ärzte ohne Grenzen eine Evakuierung und dezentrale Verteilung der Menschen. Passiert ist: Nichts. Anfang September dann wurden die ersten Covid-19-Fälle in Moria bestätigt. Aufgrund der schlechten Hygienebedingungen und dramatischen Überbelegung des Camps ein Super-GAU mit Ansage. In der Nacht zum 09. September dann legten mutmaßlich Bewohner*innen des Camps, das Feuer.

Mir ist wichtig zu betonen, dass es am Ende keine Rolle spielt, wer das Feuer gelegt hat. Es war ein Desaster mit Ansage und wer die Bilder gesehen hat, versteht sicherlich die Ohnmacht, Verzweiflung und Wut, der mutmaßlichen Brandstifter*innen. Die Folgen des Brands sind erwartbar katastrophal: Das Lager ist fast vollständig ausgebrannt, rund 12.000 Menschen sind nun komplett obdachlos.

Warum haben Deutschland und die EU versagt?

Weder die Europäische Kommission, noch die Bundesregierung oder die anderen 26 EU-Staaten haben in den vergangenen Jahren nach einer nachhaltigen, menschenwürdigen Lösung gesucht. Man hat sich stattdessen von einem Präsidenten Erdoğan erpressen lassen, die Augen verschlossen. Allein über 170 Kommunen in Deutschland haben bereits in der Vergangenheit angeboten, Geflüchtete aufzunehmen. Blockiert wurde das bisher von Horst Seehofer, unserem unrühmlichen Innenminister, der sich hinter dem Wunsche einer europäischen Einigung in dieser Frage versteckt. Tatsache ist aber: Die Europäischen Mitgliedstaaten können sich seit Jahren nicht auf eine gerechte Verteilung der Migrant*innen einigen. Warum? Ich kann nur mutmaßen.

Um durch falsch eingesetzten Pragmatismus die Geflüchtetenzahlen zu reduzieren. Um die Anreize für Asylsuchende zu verringern, die über das Mittelmeer nach Europa aufbrechen. Um Schleusern das Handwerk zu legen. Das Problem: Die EU bekämpft seit 2015 erfolgreich die Symptome und blendet die Ursachen einfach aus. Sie hält seit Jahren die Grippe mit Medikamenten in Schach, ohne jedoch daran zu denken, dass Genesung gefragt ist. Es war klar, dass irgendwann das System kollabiert.

Die Einzigen, die wirklich aktiv geworden sind, sind NGOs und eigen- bzw. spendenfinanzierte Organisation wie Sea-Watch oder Mission Lifeline. Allein das ist schon ein Armutszeugnis für einen Länderverbund, dem einige der reichsten Länder der Welt angehören (Hallo, Deutschland!).

Natürlich werden nun freudig die Fähnchen im Wind geschwenkt. Auf Abgeordnetenwatch könnt ihr wunderbar nachvollziehen, wer nun, da die Kacke am Dampfen ist, mit einer plötzlichen Kehrtwende um die Gunst der Wähler*innen und Öffentlichkeit kämpft.

Merkel und Macron gaben an (Stand gestern Abend), 400 unbegleitete Minderjährige aufnehmen zu wollen – gleichzeitig hoffen die beiden, dass sich weitere EU-Staaten beteiligen. Ich wiederhole: 400 geflüchtete Minderjährige. Wenn gleichzeitig 170 Städte und Kommunen Bereitschaft signalisieren, mehr Menschen aufzunehmen. Die Bundesregierung und Bundesinnenminister Horst Seehofer stellen sich hier quer und streben eine europäische Lösung an. Wie gut die bisher anläuft, konnten wir in den letzten fünf Jahren verfolgen.

Es ist eine Mischung aus Unwillen, Untätigkeit, die Angst um Wähler*innen-Stimmen, Überforderung und vor allem: Ignoranz.

Was können wir tun?

Auch, wenn ihr denkt, ihr habt wenig Reichweite: Teilt die Storys und Hilfestellungen zu Moria auf Social Media (Instagram & Facebook), die Masse macht uns sichtbar! Welchen Accounts ihr folgen und wessen Inhalte ihr verbreiten könnt, sage ich euch im nächsten Punkt.

Wir leben in einer Demokratie. Das bedeutet, dass all jene, die im deutschen Bundestag sitzen, euch vertreten. Das ist ihre Rolle, sie sind durch unsere Stimmen dort gelandet. Wir zahlen ihre Gehälter. Das Parlament, egal ob auf deutscher oder EU-Ebene, ist kein Elfenbeinturm.

Kontaktiert die politischen Vertreter*innen eures Wahlkreises!

Schreibt ihnen und fordert sie zur Aufnahme von Geflüchteten auf. Via Leave No One Behind könnt ihr ganz easy eure Vertreter*innen finden und sie direkt über E-Mail kontaktieren.

Spendet Geld, jeder Euro zählt. Wohin? Z.B. hier:

- Aktion Deutschland Hilft

- Ärzte ohne Grenzen

- Caritas International

- Kindernothilfe

- Mission Lifeline

- Sea-Watch

- SOS Kinderdörfer Weltweit

- Stiftungsfonds Zivile Seenotrettung / #LeaveNoOneBehind

- UNICEF

- UNO-Flüchtlingshilfe

Unterschreibt und teilt Petitionen! Etwa diese hier:

- #LeaveNoOneBehind – Jetzt die Corona-Katastrophe verhindern

- Eil-Appell: Menschen aus Moria - evakuieren, aufnehmen, Leben retten! #WirHabenPlatz

- Humanitäre Krise in Griechenland: Deutschland & Europa müssen Flüchtlingen Schutz bieten

Geht mit Maske auf Demonstrationen in eurer Stadt!

Accounts, denen ihr folgen könnt

Es ist schwer, immer den Überblick zu behalten. Aber gerade Instagram ist voll von Menschen, die hervorragende und vorbildliche Aufklärungsarbeit leisten. Auf Augenhöhe und verständlich formuliert – ich merke oftmals selbst, wie verworren manche politischen Konflikte und internationalen Probleme sind. Daher habe ich euch die Accounts hier zusammengestellt, die mir (nicht nur in Sachen Moria) helfen, das politische Geschehen zu Überblicken und einzuordnen und die mir Hilfestellung geben, wenn ich nicht weiß, wo ich anfangen und wie ich helfen kann.

- Erik Marquardt

- Louisa Dellert

- Volksverpetzer

- Sea-Watch

- Seebrücke Offiziell

- Mission Lifeline

- Luisa Neubauer

- Leave No One Behind 2020

Kennt ihr noch weitere Accounts? Dann teilt sie mit uns in den Kommentaren!

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    Agata Szymanska für Sea-Watch & Sea-Watch Media Crew

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