Das Mum-Update: Wenn schon alles um den Zustand kreist, wie bleibt man dann man selbst?

Warum (und wie) Lisa sich nicht hinter ihrer Schwangerschaft kleinmachen, sondern erst mal sie selbst – in schwanger – bleiben möchte.

Bevor ich mich nun an diesen Artikel gesetzt habe, habe ich auf Zeit Online gelesen, dass die geklaute Goldmünze aus dem Bode-Museum wohl eingeschmolzen und in lauter kleine süße Falschgeldmünzen gegossen wurde. Exakt so geht es mir nun, Ende 2020 – nur andersherum. Meine Motivation, Kreativität, Power, gute Laune auch manchmal, meine Organisiertheit und sogar mein geliebter Pragmatismus wurden eingeschmolzen und liegen jetzt als unmotivierter, müder und antriebsloser Klumpen im Hinterhof. Wenn ich sagen könnte, dass es wenigstens ein goldener Klumpen ist, ich wäre noch getröstet. Aber nein, der Klumpen ist eher ... grau. Farblos vielleicht.

Ähnlich verhält sich das gerade mit meiner Schwangerschaft. Genießen soll man sie, wird einem dauernd gesagt. Aber ganz ehrlich? Ich halte das für großen Käse. Nicht, dass es mir körperlich nicht gut geht, mir geht es ausgezeichnet, dafür bin ich allen daran beteiligten Entitäten auch dankbar. Ich habe keine Beschwerden, alles wächst nach Plan, ich freue mich wie blöd auf das Küken, habe gleichzeitig natürlich auch Angst um Dinge wie meinen Beckenboden und habe keinerlei Zweifel an unserer Entscheidung.

Wenn der „Zustand“ den Zustand überlagert

Was mich stört ist, dass mir in sämtlichen Texten zu dem Thema suggeriert wird, dass mein Leben jetzt um meinen „Zustand“ zu kreisen hat. „In der Schwangerschaft...“ oder „als werdende Mutter...“ – hmmm. Ganz ehrlich, das Einzige, was sich bisher für mich geändert hat: Ich kann keinen Alkohol mehr trinken, meine Plautze passt in keine Jeans mehr, Joggen fällt mir nun leider doch so schwer, dass ich es lassen muss, ich habe Eisenmangel, meine Brüste fallen aus allen BHs (zu groß), ich ertrinke in Arzt- und Hebammenterminen, To-dos und Briefen von Amt, Krankenkasse usw. Mit viel Tränen und Trara habe ich einen Platz in meinem Traumkrankenhaus ergattert (oder ergattert bekommen, denn wir haben uns zu einem Telefon-Team zusammengerottet) – die Berghaintür ist ein Scherz dagegen und ich wäre nicht verwundert, wenn Sven Marquardt plötzlich im weißen Kittel beim offiziellen Anmeldetermin dasteht. Es ist bisher eher ein Bürokratie-Marathon und sorry, das genießt doch niemand.

Es trudeln außerdem wenige Nachrichten ein, in denen mir bereits jetzt Produktausstattungen angeboten werden. Ein Satz im Rahmen einer solchen Anfrage war, dass ich mich ja bisher wenig zu meiner Schwangerschaft geäußert hätte. Da musste ich dann mal innehalten und nachdenken. War das ein Vorwurf? Eine Feststellung bloß? Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Ich werde mich nämlich auch weiterhin nicht sonderlich groß dazu äußern, ich sehe schlicht keinen Anlass. Ich bin halt schwanger, das waren viele vor mir und werden viele nach mir sein. Das ist auch alles wirklich halb so spannend, wie man als Außenstehende:r eventuell erwartet und weit weniger aufregend, als ich es mir immer vorgestellt habe. Zudem habe ich kein tolles Gefühl dabei, ein Kind zu bekommen, dass dann direkt zu einem lebendigen Stiftung Warentest wird, weil natürlich wird im Gegenzug zum Produkt dann auch Content erwartet, in diesem Falle auf Instagram. Nein, das möchte ich nicht.

„Wenn ich ganz ehrlich bin, vergesse ich manchmal sogar, dass ich schwanger bin. Dann denke ich mir, och, jetzt ein Glas Rotwein.“

Unser Bugaboo Kinderwagen ist die einzige Kooperation, die ich, wie ihr wisst, im Rahmen meines „Zustandes“ bisher eingegangen bin und hier aus voller Überzeugung und weil ich komplett hinter dem Produkt stehe und mich ganz bewusst dafür entschieden habe. Das gute Stück ist übrigens gestern angekommen und macht die ganze Sache auf eine ziemlich abgefahrene Art doch etwas greifbarer. Außer einer Kinderwanne und einem Walkanzug, beides gebraucht im Internet geschossen, habe ich ansonsten nichts besorgt. Wenn ich ganz ehrlich bin, vergesse ich manchmal sogar, dass ich schwanger bin. Dann denke ich mir „och, jetzt ein Glas Rotwein“ und mein Kopf sagt dann „Halt, Stopp! Sorry, aber not happening“.

Sowohl das soziale Umfeld als auch die sozialen Medien erwarten irgendwie, dass man sich also dauernd äußert und sozusagen Content um den Zustand spinnt. Klar, ich könnte euch meine fetzigen Preggo-Looks zeigen. Ich muss sogar gestehen, ich habe das Thema Hemd wieder ganz neu für mich entdeckt und irgendwie eine neuen Stil gefunden. Vielleicht mache ich es ja sogar, also Looks zeigen, vielleicht aber auch nicht. Denn gerade möchte ich mich gerne noch ausschließlich mit mir selbst beschäftigen. Mit meinem Klumpen-Ich, das wieder lernen muss, abzuschalten und kreativ zu sein. Ich möchte mich wieder für Dinge begeistern können, das fällt mir nämlich schwer, wenn jeder Tag wie der andere ist. Ich möchte mehr lesen und nicht nach jedem Satz vergessen, worum es gerade ging. Kurzum: ich möchte, bevor mein Mini-me auf die Welt kommt, nochmal meine Lisa wiederfinden. Die Pre-2020-Lisa, die eben auch kinderlos war. Wenigstens kurz, bis wir uns voneinander verabschieden und ich ihr die Mutter-Lisa vorstellen kann. Auf die freue ich mich nämlich auch, ich glaube, sie ist ganz cool und wird das gut machen.

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