Adieu, Jean-Paul Gaultier! Ein Enfant, das ganz und gar nicht terrible war

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist

Es gibt diese Menschen, die alles mit einem Lachen machen. So ein Mensch ist Jean-Paul Gaultier. Dabei lacht er nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes, herzlich, mit offenem Mund und viel Zähnen. Auch seine Mode lacht – sogar die Haute Couture. Jean-Paul Gaultier, oder JPG, wie er der Einfachheit gerne abgekürzt wird, hat fast ein halbes Jahrhundert die Modewelt zu einem Ort gemacht, an dem sich Humor, Revolution, Sex, Gleichheit und Respekt die Klinke in die Hand gegeben haben. Bis er sich am 22. Januar von der Modewelt verabschiedete – natürlich stilecht mit einem äußerst amüsanten Video auf Twitter. Und nein, das hier ist glücklicherweise kein Nachruf, sondern ein Abschied. Denn Jean-Paul Gaultier hängt nach 50 Jahren seine Karriere als einer der bedeutendsten Modedesigner unserer Zeit an den Nagel und sagt: Adieu! Stilecht mit einem Querschnitt durch sein Schaffen auf seiner letzten, über 200 Looks starken Haute-Couture-Show auf der Fashion Week Paris. Ein Rückblick.

Geboren wurde der Mann, der später von Business of Fashion als „erstes Enfant Terrible der Mode“ bezeichnet werden wird, am 24. April 1952 in Arcueil, einem Vorort von Paris. Und wenngleich er geografisch bereits den Herzschlag der damaligen Modehauptstadt der Welt fast hören kann, sind es nicht die Kreativen und Modeverrückten der französischen Metropole, die ihm das Designhandwerk schmackhaft machen. Es ist seine Oma Marie Garage. Mit einem Buchhalter als Vater und einer Sachbearbeiterin als Mutter hätte sein Leben ohne grand-maman Garage eventuell eine ganz andere Wendung genommen und die Welt wäre niemals in den Genuss des Schaffens Gaultiers gekommen. Vielleicht, vielleicht wäre seine Rolle auch jemand anderes zugefallen – wir können nur wild spekulieren, also zurück zum Thema.

Seine Großmutter Marie beeindruckt den jungen Jean-Paul mit ihrer Exzentrik (ein Wort, das als Schlagwort für die folgende Karriere Gaultiers herangezogen werden kann) und ihr Haus wird für ihren Enkel zu einer Art Safe Space und Testlabor. Das geht so weit, dass Jean-Paul ihr eines Tages gar die grauen Haare blau färbt. Bei Oma Garage entdeckt er seine Leidenschaft für Mode und Stift und Papier als Ausdrucksmittel und Möglichkeit, der Fantasie freien Lauf zu lassen.

Ohne große Umwege aber mit viel Getöse

Eine formelle Ausbildung hat Gaultier nicht, als er Zeichnungen seiner Entwürfe Anfang der 1970er-Jahre an den Modeschöpfer Pierre Cardin schickt. Der Cardin, der mit seinen futuristischen Entwürfen das Space Age der Mode ausrief und sich auch mal mit dem Chambre Syndicale de la Haute Couture anlegte, ist begeistert und stellt Jean-Paul als Assistenten ein. Der Beginn einer Karriere, die Gaultier über erstaunlich wenige Umwege schließlich zu seinem eigenen Maison führt. Es folgen Stationen bei Jacques Esterel und Jean Patou, bevor Jean-Paul Gaultier 1976 seine erste eigene Kollektion entwirft. Mit wenig Geld, den geringsten Mitteln und aus Alltagsgegenständen wie Fußmatten und Polsterstoff (wir denken an Balenciaga!). Es ist der Beginn des Gaultier-Spirits. Was diesen ausmacht? Unendliche Fantasie, viel Humor und die Einstellung, dass es keine Hindernisse gibt, dass einem immer alle Möglichkeiten zu Füßen liegen – man muss sie nur erkennen und sich zunutze machen.

„{...} to appreciate different kinds of beauty, that people are different.“

Jean-Paul Gaultier auf die Frage, was er mit seiner Revue-Show Fast Fashion Freak aussagen möchte

Für seine Mode inspiriert sich JPG vom Alltag, der Straße, der Szene. Zeit seiner Karriere ist er tief verwurzelt in der Popkultur. Zwischen 1993 und 1997 moderiert er gar die Serie „Euro Trash“ auf dem britischen TV-Sender Channel 4. Hallo? Ein französischer Couture- und Kult-Designer, der regelmäßig in einer total überdrehten Pop-Sendung auftritt? Wie cool ist das? Sehr cool. Vor seiner Karriere als TV-Host enterte Jean-Paul aber 1989 aber mir nichts dir nichts noch mit seinem für heutige Ohren zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftigen Hit „How to do that“ die Charts.

Das nennt man wohl einen Tausendsassa, non? Bei all dem Spaß ging es Gaultier jedoch bei allem, was er tat um eine wichtige Botschaft: Schönheit ist universell. Alles ist machbar.

Schubladen gab es bei dem französischen Designer nie. Wir applaudieren berechtigterweise Designer*innen und Modehäusern wie Eckhaus Latta oder Chromat für die Diversity, die sie in allen Belangen über den Laufsteg schicken. Doch die 2020-Saison ist laut dem berühmten Diversity Report von The Fashion Spot leider bisher eine herbe Enttäuschung. Nun, hätte die Branche heute auch nur einen Funken der Kreativität und der Weltanschauung von Jean-Paul Gaultier, sie wäre ein Ort, an dem Vielseitigkeit das Maß aller Dinge ist. Bereits Mitte der Achtziger präsentierte Gaultier Männer in Röcken – sogar die altehrwürdige New York Times setzte sich damals mit dem exzentrischen Trend auseinander, der historisch gesehen gar nicht mal so außergewöhnlich ist. Die Römer, die Samurai, Männer im asiatischen Raum ... sie alle trugen Gewänder und rockartige Kleidung. Es ist nur irgendwie in Vergessenheit geraten.

Im Laufe seiner Karriere als Modedesigner schöpfte Jean-Paul Gaultier aus dem Vollen und seine Kollektionen sprudelten mitunter nur so über von all den Einflüssen, die offensichtlich auf ihn niederprasselten. Popkultur, Impressionen von Reisen, das Nachtleben, die Schwulenszene. Einige Kollektionen müssten sich heute mit Sicherheit den Vorwurf der kulturellen Aneignung gefallen lassen. Mit 100-prozentiger Sicherheit kann man aber sagen, dass Jean-Paul hier nie aus Profitgier heut gehandelt hat, sondern sein Schaffen als Katalysator für all die Ideen und als Output seiner grenzenlosen Kreativität gesehen hat. In einer Zeit, in der Designer*innen im Schnitt für zwei Kollektionen (war Couture mit dabei, dann vier) im Jahr verantwortlich zeichneten und in der der Wettkampf der Konglomerate um die Verkaufszahlen noch nicht ad absurdum geführt worden war, waren Modenschauen noch ein Happening. Und die Trends und Kleidung, die sie hervorbrachten noch von einer längeren Halbwertszeit.

Jean-Paul Gaultiers größten Modemomente

Dieses „wearable“, das gab es damals nicht, es hatte Gaultier im Keim erstickt

Bereits seit Mitte der Achtziger, seinen Men-Skirt-Zeiten, war Jean-Paul Gaultier ein angesehener Designer mit eigener Boutique in Paris. Doch der internationale Durchbruch und Moment, der ihn unsterblich machte, war sein legendärer Cone-Bra, ein Stück seiner 358 Kostüme zählenden Kollektion für die „Blond Ambition“ Tour von Madonna 1994. Ich kann mich sogar erinnern, wie ich mit acht Jahren Madonna mit ebenjenem „Atom-BH“, wie wir Kinder es damals nannten, im Fernsehen performen gesehen habe (vermutlich in den Nachrichten) und wie hypnotisiert war von diesem sexualisierten Look. Jean-Paul Gaultier, das war immer auch viel Fetisch, viel Sexualität, viel Leder und Lack. Es war einfach viel von allem. Doch wo heute viele Designer*innen die Provokation als Antrieb wählen, lag bei Gaultier immer das Bemühen vor, Eindrücke, die eigene Fantasie, Erinnerungen und das eigene Leben in Mode zu übertragen und für die Besucher*innen der Schauen (und späteren Kund*innen) begreifbar aber nicht zwangsweise tragbar zu machen. Dieses Zauberwort, das bei den Investoren geistig immer schon die Kasse klingeln lässt, dieses wearable, das war damals noch nicht das Maß aller Dinge. Dieses kleine Wort hätte eine Jean-Paul Gaultier im Keim erstickt.

Madonna war seine erste Muse von absolutem Weltrang. Es folgten im Laufe von Jean-Pauls Karriere aber zahlreiche Frauen und Männer abseits jeglicher Ideale oder Normen. In einer Dekade der absoluten Supermodels, hießen Gaultiers Ikonen nicht Naomi, Kate, Linda oder Claudia. Es waren Boy George, Rossy de Palma, Farida Khelfa, Tanel Bedrossiantz und später Beth Ditto oder Conchita Wurst. Normal ... bitte. Was soll das sein?

„... he’s far too innocent and authentic to shock for shock’s sake. He’s very sexual but never dirty. He can be provocative, but he’s not a poseur, trying to be scandalous.”

Pedro Almodóvar über Jean-Paul Gaultier, New York Times 2011

Ich könnte ewig weiterschreiben. Über die Looks, die Jean-Paul Gaultier im Laufe seiner Karriere prägte (Matrosen, Bondage, Korsett, Drag, Unisex, Tüll!), darüber, wie er über gesellschaftliche Konventionen hinweg planierte, wie eine Dampfwalze. Über das niemals endete Lächeln auf seinem Gesicht. Mit Jean-Paul Gaultier nimmt einer seinen Seemannshut, der diesen unnachahmlichen Zoolander-Charme über die Branche kippte, LKW-Ladungen davon. Alles war over-the-top und komplett überzogen. Gleichzeitig aber ganz großes Talent und Handwerkskunst. Nachdem 2015 die letzte Ready-to-Wear Kollektion aus Gaultiers Feder während der Fashion Week Paris gezeigt wurde, ist es doch ein kleiner Trost, dass seine Couture-Linie weiterbestehen soll; unter neuem Konzept. Wie genau das aussehen wird? Das werden wir dann im Herbst sehen. Jean-Paul wäre nicht Jean-Paul, wenn er sich nicht mit einem Knall verabschiedete. Seine letzte Show am 22. Januar in Paris war eine gigantische Fête. In über 170 Looks zollte der Designer sich selbst Tribut und präsentierte in seiner letzten Couture-Show eine Retrospektive seines 50-jährigen Schaffens, die noch immer nachhallt. Er hat alles richtig gemacht und geht, wenn es am schönsten ist. Oder wie er selbst es sagen würde: „Why not?!“

Die Highlights der letzten Couture Show von Jean-Paul Gaultier

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