Es lebe die dänische Opulenz – Im Interview mit Designerin Julie Brøgger

Wir sprachen mit dem dänischen Newcomer Label Brøgger über prüde Blumenprints und den Einfluss, den Mütter auf uns haben können

Ihr kennt Ganni, Stine Goya, Wood Wood, Blanche und Co. in- und auswendig und habt noch nie von dem Label Brøgger gehört? Dann wird es aber höchste Zeit, denn das Label gehört gerade zu den zeitgeistigsten und heißesten Newcomern aus dem kühlen Norden!

Gegründet wurde die Marke schon 2016, doch so richtig tauchte es auf unserem Radar erst mit seiner Spring/Summer-Kollektion 2019 auf, mit der es sein Debüt auf der Copenhagen Fashion Week feierte. Seitdem sind die farbenfrohen, lustigen, weiblichen und verspielten Designs nicht mehr aus unseren Köpfen wegzudenken.

Grund genug für uns, das Scheinwerferlicht mal genauer auf die Frau zu richten, die das Luxuslabel gegründet hat und ihm Saison für Saison neues Leben und neue Designs einhaucht. Julie Brøgger sammelte Erfahrungen bei Preen by Thornton Bregazzi, JW Anderson und Erdem und tat sich, nachdem sie gelernt hatte, was es zu lernen gab, mit ihrer Partnerin Linn Norström Weile (ehemals Net-A-Porter Group) zusammen – ein unschlagbares Duo. Gemeinsam feiern sie auf dem Laufsteg knallbunte Oden an z.B. Königin Margrethe und kreieren eine skandinavische Opulenz, die uns den üblichen Minimalismus vergessen lässt. Wir sprachen mit Julie über Extravaganz, den dänischen Designhype und ihre persönliche Erfolgsgeschichte:

Du hast Brøgger 2016 gegründet. Was war das erste Kleidungsstück, das du für deine eigene Marke entworfen hast?

Den Gurli Blazer. Er ist nach meiner Schwester benannt, das ist ihr Spitzname. Wir haben ihn immer noch in einigen Varianten in der neuen Kollektion, es ist mein Lieblingsschnitt für einen Blazer: gerade, maskulin, aber dennoch sehr schmeichelhaft.

Du hast dein Runway-Debüt vor einem Jahr auf der Copenhagen Fashion Week gefeiert, dein Unternehmen sitzt aber in London. Warum hast du dich für die Fashion Week in Dänemark entschieden?

Es ist meine Heimatstadt und dort habe ich mein Studium absolviert. Daher war es etwas ganz Besonderes für mich – nachdem ich meine ganze Karriere in London verbracht habe – meine erste Show in Kopenhagen zu präsentieren. Es hat sich angefühlt wie eine Heimkehr.

Und dann muss ich der Copenhagen Fashion Week zu ihren Bemühungen um eine international bedeutende Modewoche applaudieren. Als ich vor zehn Jahren nach London gezogen bin, hätte ich nie gedacht, dass das so schnell passieren würde. Es ist wunderbar.

Wie sehr hat Kopenhagen deine Kollektionen inspiriert und wie sehr prägt dich London?

Es wäre nicht dasselbe, wenn ich eines von beiden missen würde. Mein Designhintergrund ist in der dänischen Tradition der Funktionalität und des Minimalismus verankert, aber London ist das komplette Gegenteil dazu. Es ist draufgängerisch, mutig und fast schon unpraktisch. Das Arbeiten und Leben in London hat mir die Augen für eine Vielfalt geöffnet, mit der ich nicht aufgewachsen bin. Ich finde, dass es ein sehr inspirierender Ort zum Arbeiten ist.

„Aber ich habe das Gefühl, dass sich der Stil in Skandinavien entspannt und lockerer wird und die Leute mehr Spaß damit haben.“

In letzter Zeit habe ich immer mehr das Gefühl, dass der minimalistische skandinavische Stil immer mehr verschwindet. Stine Goya, Ganni und du mit Brøgger sind gerade der dänische Zeitgeist und punkten mit farbenfrohen und einprägsamen Designs. Warum verändert sich der skandinavische Stil zurzeit so sehr?

Was du da sagst, ist wirklich interessant und ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort darauf weiß. Für mich kam der Wechsel nicht aus Kopenhagen, sondern eher aus London. Aber ich habe das Gefühl, dass sich der Stil in Skandinavien entspannt und lockerer wird und die Leute mehr Spaß damit haben. Mode wird nicht zu ernst genommen. Das Dänemark, in dem ich aufgewachsen bin, alle Häuser innen in einem sauberen Weiß gestrichen, hat sich ebenso drastisch verändert. Ich denke also, dass es nicht, dass sich der „gute Scandi Style“ nur in der Mode verändert, sondern generell mehr an Farbe und Textur gewinnt.

Warum wollen wir mehr Farbe, Muster und außergewöhnliche Schnitte?

Also erstens ist es sehr ansprechend, denn man kann sich in einem knall pinken, übergroßem Kleid nicht verstecken und außerdem bringen bunte Farben einen öfters zum Lächeln. Aber auch der Einfluss von Social Media und Onlineshops spielt eine große Rolle. Schwarz sieht online einfach nicht so aufregend aus, knallige Farben und Formen lassen sich besser fotografieren.

Du bist mit Brøgger vor allem für deine Blumenprints bekannt und kämpfst mit ihnen gegen das Klischee, dass Blumenmuster immer prüde und altmodisch sind. Warum brauchen wir alle mehr Blumen in unseren Kleiderschränken?

Blumen müssen überhaupt nicht prüde wirken, aber ja, sie können es. Ich versuche immer Prints zu designen, die niemals mit „Bad Taste“ in Verbindung gebracht werden können, wie z.B. helle und knallige Prints. Bei der Spring/Summer 2020 Kollektion habe ich im Vergleich zu sonst sehr kleine, feine Prints verwendet, aber es funktioniert, weil das Muster einfach schmeichelhaft ist. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass man beim Styling von Blumenprints mit starken Kontrasten wie maskulinen Hemden und Blazern kombinieren muss, niemals mit einem prüden Pumps.

Neulich trug Michelle Obama einen Anzug von Stine Goya. Hast du seitdem eine Veränderung für die dänische Modeindustrie gemerkt?

Ich weiß nicht, ob ich es genau auf diesen Moment festlegen würde, aber ich bin mir sicher, dass das sicherlich einen großen Einfluss auf Stine Goya hatte. Die Aufmerksamkeit für dänische Modedesigner wird von Saison zu Saison mehr, das ist einfach fantastisch.

Du hast dein Label ja nicht alleine gegründet, sondern mit Linn Nörstrom. Wie arbeitet ihr zusammen?

Linn lebt jetzt in Berlin und hat sich aus dem Daily Business von Brøgger zurückgezogen. Sie arbeitet immer noch als Berater für uns in Bereichen wie PR- und Marketingstrategien.

War es damals, als ihr noch täglich zusammengearbeitet habt, schwer, sich für deinen Nachnamen als Markennamen zu entscheiden? War es immer klar, dass ihr das Label nach dir benennen würdet?

Nein, das war ein Hin und Her, aber ich mag, dass es dadurch so persönlich ist. Es macht mich als Designer verantwortlich: Gib lieber dein Bestes, denn da steht ja dein Name drauf. Und das gilt für alles im Unternehmen. Eine Marke aus dem Nichts heraus aufzubauen, ist sehr hart und ich denke es hat mich gelehrt, härter zu kämpfen.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass vor allem Langlebigkeit der wichtigste Aspekt ist, um Mode nachhaltiger zu machen.“

Was hast du daraus gelernt? Wie gründet man am besten ein Modelabel?

Mit viel Geduld und Widerstandsfähigkeit. Es braucht sehr viel harte Arbeit, aber auch das eigene Vertrauen, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Beige ist ja ein unisex Onlinemagazin. Warum hast du dich von Anfang an dazu entschieden, nur Frauenmode zu entwerfen?

Ich habe fast ein Jahrzehnt nur in der Frauenmode gearbeitet, da war das eine ganz klare Entscheidung für mich und mein eigenes Brand. Ich denke jedoch, dass viele unserer Designs auch unisex sein können, wie zum Beispiel unsere Blazer und Jacken. Wir betonen das auch in unserer Show, denn obwohl wir ja eigentlich nur Womenswear machen, zeigen wir unsere Mode an männlichen und weiblichen Models.

Nachhaltigkeit spielt bei dir ja auch eine große Rolle. Warum? Und musst du manchmal aufgrund von nachhaltigem Material, höheren Preisen oder längeren Lieferzeiten Abstriche machen?

Ich bin ehrlich gesagt der Meinung, dass Nachhaltigkeit ein wichtiger Teil von jeder neuen Marke sein sollte, aber wir bezeichnen uns selbst auch nicht als streng nachhaltige Marke. Es ist leider noch nicht möglich, vielfältige und extrem kreative Kollektionen nur mit nachhaltigen Materialien zu kreieren. Wir versuchen, eine gute Balance zu finden. Ich bin der festen Überzeugung, dass vor allem Langlebigkeit der wichtigste Aspekt ist, um Mode nachhaltiger zu machen. Ich möchte, dass meine Kunden das Richtige kaufen, mit guter Qualität und dafür weniger – und ihre Einkäufe mehr als eine Saison lieben.

Als ein Newcomer Brand haben wir uns eine Reihe von Nachhaltigkeitszielen auferlegt, die wir schrittweise erreichen möchten. Diese Saison haben wir unseren Hauptlieferanten endlich dazu gebracht, biologisch abbaubaren Kunststoff zu verwenden, um unsere Kleidung zu verschicken. Aber wir wollen Nachhaltigkeit nicht als Marketingtool verwenden, über das wir uns definieren. Wir wollen einfach das Richtige tun.

Apropos Markenaktivismus. Wie denkst du darüber und wie versucht ihr mit Brøgger Einfluss auf die Umwelt, Menschen und unsere Kultur zu nehmen?

In London ist momentan so viel los in Sachen Aktivismus, die Leute sprechen nicht nur über das Klima, sondern auch über Frauenrechte und mehr Vielfalt in unserer Gesellschaft. Ich versuche mich in die Themen einzubringen, die Frauen und ihre Gleichberechtigung betreffen. Wir unterstützen z.B. den Smart Works Trust, in dem wir Restbestände unserer Kollektionen spenden. Die Organisation ist großartig und sie haben schon so vielen Frauen wieder zurück in die Arbeit geholfen – und sie wissen, dass dabei Selbstvertrauen und auch das Auftreten eine wichtige Rolle spielen. Deshalb spenden wir ihnen Outfits für Vorstellungsgespräche.

Es gibt so viele tolle dänische Brands da draußen. Wie setzt du dich ab? Was macht Brøgger einzigartig?

Ich denke die Tatsache, dass wir nicht nur rein skandinavisch sind. Und im Gegensatz zu vielen anderen Scandi Brands ist Brøgger etwas teurer und wird nicht so sehr von Trends getrieben. Wir wollen organisch wachsen und wir haben auch gar nicht die Absicht das neue Ganni zu werden, obwohl wir ihren Erfolg feiern und von dem Scheinwerferlicht, was von ihnen auch auf uns strahlt, natürlich profitieren.

Kund*innen kaufen deine Designs, weil...

...es sie herausstechen lässt.

Wenn ich mir demnach nur ein einziges Stück von Brøgger leisten könnte, welches soll ich mir kaufen?

Den Gurli Blazer in einer knalligen Farbe. Er wird deine Garderobe zum Strahlen bringen.

„Wenn ich meine Augen zusammenkneife, sehe ich meine Mutter und ihre lauten, wunderschönen und starken Freundinnen in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren vor mir.“

Julie, letzte Saison wurdest du ja vor allem von Königin Margrethe von Dänemark inspiriert. Warum?

Ich war schon immer leicht besessen von ihr. Seltsamerweise glaube ich nicht, dass ihr Stil im Großen und Ganzen in Dänemark geschätzt wird. Dabei ist sie so mutig und hat ein einzigartiges Verständnis dafür, wie sich ihr Aussehen auf eine Situation und die Sicht auf die ganze königliche Familie auswirken kann.

Und welche Frau inspirierte dich in der neuen Kollektion?

Ich behalte meine nostalgische Sichtweise für die Frauen meiner Kindheit und meine Mutter spielt, wie in der letzten Kollektion, auch wieder eine große Rolle. Ich kann es am besten so beschreiben: Wenn ich meine Augen zusammenkneife, sehe ich meine Mutter und ihre lauten, wunderschönen und starken Freundinnen in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren vor mir. Das ist der Kern der Kollektion.

Ich habe auch viel über deine Beziehung zu deiner Mutter gelesen, mein tiefstes Beileid zu ihrem Tod. Wie war und ist sie noch heute mit deinem Modelabel verbunden?

Danke dir. Sie war bis zum Ende meine größte Unterstützerin. Und sie war und ist meine Inspiration für meine Arbeit, sie liebte Mode und sah großartig aus. Sie war eine faszinierende, aber auch schwierige Frau – eine Feministin mit Karriere, die mir Ehrgeiz und Zielstrebigkeit einflößte. Das trage ich jeden Tag bei mir.

Was möchtest du der nächste Generation mitgeben, was deine Mutter dich gelernt hat?

Qualität über Quantität. Immer! Und das gilt für alles im Leben.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Kannst du dir eine Taschen- und Schuhkollektion vorstellen?

Brøgger ist ja ein junges Label, daher wollen wir uns immer noch auf unseren Kern, die Mode, konzentrieren. Aber ich würde gerne irgendwann auch Schuhe entwerfen. Jedes Mal, wenn wir eine Show haben oder ein Lookbook-Shooting haben, suche ich verzweifelt nach den richtigen Schuhen. Das kann manche Outfits komplett verändern. Für die SS20-Show verwenden wir nur Vintage Sneaker, das ist eine großartige Lösung, wenn die Schuhe nicht zur Kollektion gehören.

Vielen Dank für das tolle Interview, liebe Julie!

Die SS20-Kollektion, die gestern in Kopenhagen präsentiert wurde:

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