Bonnie und Clyde der Mode

Raf Simons und Miuccia Prada – Wie zwei Designer gegen die widrigen Umstände einer Branche kämpfen

Ich bin keine Modedesignerin. Aber ich möchte in der heutigen Zeit auch keine sein. Den Zeitpunkt, wenn man nach jahrelanger harter Arbeit bei anderen Brands endlich sein eigenes erfolgreiches Label gründet oder als Creative Director bei einem international anerkannten Fashion Brand angestellt wird, erleben viele, ja sogar die meisten Designer*innen einfach nie. Und sollte es doch dazu kommen, dann ist das Burn-out quasi schon vorprogrammiert. Mit zusätzlichen Cruise- und Resort-Kollektionen – dazu kommen noch andere Sonderkollektionen und Designkooperationen – landet man als Designer*in schnell mal bei sechs Kollektionen pro Jahr, Läden bekommen bis zu 24 (!) Lieferungen an Kollektionen im Jahr.

Ist die eine Kollektion auf dem Laufsteg, sitzen die Designer*innen schon wieder am Zeichenbrett und entwerfen die nächsten Drops. Angekettet ans Atelier, bleibt kaum mehr Zeit für Reisen, Ausflüge und Begegnungen, die inspirieren. Kreativität muss auf Knopfdruck abgeliefert werden, am besten ohne Recherche, möglichst kostengünstig und zeitsparend. Ein Albtraum für jede*n Künstler*in.

Jemand, der sich gegen das wahnsinnig schnelle Tempo der Modebranche schon lange sträubt, ist Raf Simons. Der Designer, der seit 1995 sein gleichnamiges Menswear-Label betreibt und von 2005 bis 2012 ein mehr als ehrwürdiger Nachfolger für die hanseatische Designerin Jil Sander bei ihrem eigenen Label war, hatte in den letzten Jahren seine Stationen bei Christian Dior (2012 bis 2015) und zuletzt bei Calvin Klein (2016 bis 2018). Glücklich wurde er bei keinem der großen Modehäuser.

Warum? Weil Raf kein Modedesigner ist. Studiert hat er Industriedesign, es folgte ein Praktikum bei Walter von Beirendonck, während dem er für das Design der Showrooms verantwortlich war. Anschließend machte er sich als Möbeldesigner selbstständig. Wie die Jungfrau zum Kind, so kam Raf Simons in die Mode. Nämlich als Walter ihn mit zu einer Modenschau in Paris nahm, wo er 1991 von einer Martin-Margiela-Show so begeistert war, dass Linda Loppa, damalige Direktorin der Antwerp Royal Academy, ihm dazu riet, sich doch selbst einmal am Entwerfen von Männermode zu versuchen. Raf Simons, das Modelabel, war geboren.

Wer sich schon einmal mit dem Designen von Möbeln beschäftigt hat, der weiß, wie zeitaufwendig und detailreich die Arbeit vom Entwurf bis zum fertigen Produkt ist. Auch heute, in Zeiten von Fast Fashion, sind die meisten Möbelhersteller im Vergleich zu riesigen Modeketten langsam. Zwei Lookbooks und Kollektionen im Jahr? Das schaffen nur die ganz Großen. Raf Simons musste beim Wechsel in die Modebranche Perfektion gegen Schnelligkeit eintauschen – und das auf Kosten seiner Gesundheit. „Ich habe mich selbst nie offiziell als Designer bezeichnet, vielleicht, weil ich es nicht studiert habe“, so Raf Simons in einem Interview. Als 2015 das kollektive Mode-Burn-out der Designer*innen um sich griff, Alber Elbaz verließ Lanvin und Alexander Wang verabschiedete sich von Balenciaga, so räumte auch Raf Simons bei Dior den Thron. Diagnose? Zu viel Druck und akute Erschöpfung.

„In der Vergangenheit hat ein*e Designer*in eine Kollektion erstellt und sie einem kleinen Publikum von Fachleuten präsentiert. Dann erschien ein Bild in einer Zeitschrift und Monate später kamen die Kleidungsstücke in die Läden. Oh mein Gott, das Verlangen, das man so geschaffen hat! Jetzt sieht jeder die Runway-Show in Realtime und bis die Kleidung dann im Laden hängt, haben die Leute schon wieder etwas anderes im Kopf. Diese schnelle Kommunikation ist aufregend, aber sie kann auch gefährlich sein. Schädlich geradezu!“, so der 52-jährige Designer selbst.

„Wir Designer haben mal als Couturiers angefangen, mit Träumen, Werten, Gefühlen. Dann wurden wir Kreativdirektoren. Heute sind wir für das Image zuständig und dazu da, dass die Bilder gut aussehen. Sie müssen von den Bildschirmen schreien.“

Alber Elbaz

Es wurde in den letzten zwei Jahren etwas ruhiger um Raf Simons. Während seiner Arbeit bei seinem eigenen Label schien er sich von der Akkord-Arbeit der letzten Jahre bei den großen Modehäusern zu erholen und schmiedete neue Pläne. Denn eine Modewelt ohne Raf? Die wäre ziemlich trostlos!

Und so wurde am Samstag vor einer kleinen Runde an Journalist*innen die Mode-News des neuen Jahrzehnts verkündet: Raf Simons fängt bei Prada an. Die Gerüchteküche hatte schon seit Monaten gebrodelt, auch wir berichteten hier.

„Die Modebranche bewegt sich immer mehr in eine Richtung, die Kreative ausschließt. Ich sehe mehr und mehr die Möglichkeit, ein großes Unternehmen ohne große Kreativität zu führen. Doch wir, Miuccia und ich, sehen das anders und ich weiß, dass uns viele Designer*innen zustimmen. Wir denken, dass in unserer Industrie die Kreativität nicht vergessen werden darf“, so Raf Simons in der Pressekonferenz am Samstag.

Was ist an der Zusammenarbeit von Raf Simons und Miuccia Prada so revolutionär?

1. Gleichberechtigung leben

Nun, zum einem wohl der Fakt, dass Miuccia Raf als Co-Creative Director ins Boot geholt hat. Was das bedeutet? Gleichberechtigung an der Spitze und das, obwohl Miuccia Prada das Unternehmen erfolgreich seit 1978 als alleinige Kreativdirektorin führt. Doch Raf gibt sich zuversichtlich, was die gemeinsame Entscheidungsfreudigkeit angeht: „Es ist einfach, wenn es viele Dinge zu besprechen gibt. Es hat mehr Gewicht, wenn zwei Kreative über etwas sprechen und es lieben, als wenn es nur einer tut. Wenn wir beide an etwas glauben, tun wir es. Wenn einer es nicht gut findet, machen wir es nicht.“ Ob das so einfach ist, das werden wir im Laufe der Zeit merken. Vielleicht bedeutet es aber auch, dass der kreative Druck auf beiden Seiten nachlässt – denn wenn der eine mal eine Pause braucht, dann springt der andere ein.

Es ist jedenfalls einmalig in der Modegeschichte, dass sich zwei individuell so erfolgreiche Designer nach einer jahrelangen Karriere zusammentun, um gemeinsam an einem Label zu arbeiten. Joint forces, also gebündelte Kräfte, so kann man diese Zusammenarbeit am besten beschreiben.

Kennengelernt hatten sich die beiden übrigens schon vor 15 Jahren, als Miuccia Prada und ihr Ehemann für Jil Sander, das bis 2006 noch der Prada Group gehörte, nach einer*m Nachfolger*in für Jil Sander suchten, die das gleichnamige Unternehmen für eine mehrjährige Pause verließ. Raf Simons nahm ihren ehrwürdigen Posten ein. Seitdem entwickelte sich zwischen dem Ehepaar und Raf nicht nur eine berufliche Beziehung, sondern auch eine Freundschaft, Raf und Miuccia standen im regen Kontakt.

2. Tausche Ego gegen kreativen Austausch

Das Designerduo strebt auch eine Revolution für die eigene Riege aus Designer*innen an. Denn bisher war die Modebranche eher eine Industrie, in der sich Kreativdirektor*innen als Alleingänger positionieren mussten. Früher war der Name einer Marke und die Designs wichtig, heute ist der*die Creative Director das Aushängeschild. Der CEO von Gap bezeichnete sie als „falsche Messiasse“. Und ja, so ein Designerwechsel kann viel bringen, man denke z.B. an Hedi Slimane bei Yves Saint Laurent, Phoebe Philo bei Celine, Alessandro Michele bei Gucci und Karl Lagerfeld bei Chanel. Sie alle drückten den Modehäusern ihren ganz eigenen Fingerabdruck auf und sorgten mit ihren ikonischen Designs für Umsätze in Rekordhöhen – Slimane und Philo ließen sogar alle Designs der vorherigen Kreativdirektor*innen entfernen und zerstören, sodass nur noch ihre DNA die Stores füllte.

Geduldet wurde kein anderer Name, kein anderes Design, keine andere Kreativität. Unter oft sehr hierarchischen Strukturen führten die großen Designer *innen ihre Teams und ließen keinen Platz für Zusammen-, sondern nur für Mitarbeit. Am Ende der Runway-Show sieht man oft nur ein Gesicht, das den Applaus erntet, nämlich das des Creative Directors. Als Karl Lagerfeld 2016 seine Näherinnen am Abschluss der Modenschau auf den Laufsteg holte, sorgte dies für Schlagzeilen. Denn normal ist das in der Modebranche nicht.

Raf Simons und Miuccia Prada arbeiten gerade daran, Zusammenarbeit für die Designer-Egos ganz neu zu definieren. Und sie könnten damit eine ganze Egozentriker-Branche lehren, dass geteiltes Leid halbes Leid und geteiltes Glück, doppeltes Glück bedeutet. Und geteilter Druck, tausendfache Kreativität.

3. Voneinander lernen

Was Raf Simons der erfahrenen 71-jährigen Designerin noch beibringen kann? Auf der Website von Raf steht sein Manifest: „I dont want to show clothes, I want to show my attitude, my past, present and future. I use memories and future visions and try to place them in todays world.“ Raf Simons ist einer der bedeutendsten Designer unserer Zeit. Wieso? Er nimmt uns wie kein zweiter bei jeder Kollektion mit auf eine Reise, bekannt ist er für allem für seine Anspielungen aus Pop- und Musikkultur. Bereits ein Jahrzehnt, bevor Streetwear sein Comeback feierte, schickte Raf Simons seine Models mit Anarchie- und Motörhead-Symbolen über den Runway. Er ist der König der Subkulturen, der Visionär der Revivals und der Kunstsammler unter den Designer*innen.

Als zweiter Designer überhaupt gewann er 2017 beim CFDA Award den Preis als bester Womenswear-Designer für Calvin Klein UND bester Menswear-Designer für sein eigenes Label. Noch heute inspiriert er Brands wie Supreme, Valentino Off-White, Sandro und Givenchy mit seinen ikonischen Kollektionen, Highsnobiety präsentiert hier eine tolle Übersicht.

Miuccia hingegen kennt das Business nicht nur von der kreativen Seite, sondern auch als Unternehmerin. Prada ist seit der Gründung als Lederwarengeschäft 1913 ein Familienunternehmen und hat es bis jetzt geschafft, nicht von einem der drei großen Modekonzerne wie LVMH, Kering oder Richemont geschluckt zu werden. Als 28-Jährige übernahm die studierte Politikwissenschaftlerin das Unternehmen ihres Großvaters und führt es seit 1978 zusammen mit ihrem Mann Patrizio Bertelli. Ihr Sohn, Lorenzo, ist seit zwei Jahren Head of Digital Communication. Schon in ihren Studentenjahren setzte sich die Designerin für Frauenrechte ein und blieb seitdem ein Spiegel des gesellschaftlichen Zeitgeistes. Wie das über die Jahre genau aussah, darüber hat die i-D in Form eines Prada ABCs berichtet.

Doch warum braucht Prada einen neuen Co-Creative Director?

Nachdem Miuccia Prada in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren mit der Erfindung der (damals) preisgünstigeren Nylontasche einen echten Coup landete (heute wird die Re-Edition der 2001-Auflage gefeiert), wurde es etwas ruhig um das italienische Familienunternehmen aus Mailand. Während Gucci, Celine und Yves Saint Laurent mit immer neuen Chefdesigner*innen und neuen Stilen punkten konnten, hielt Prada an traditionellen Werten fest – und verpasste so einige massive Trends, wie z.B. den Hype von Streetwear und Sneakern, die sich als wahre Exportschlager auf dem asiatischen Markt bewiesen. Pradas Umsätze sanken stetig.

Auch in Sachen Digitalisierung hatte Prada die Nase leider viele Jahre lang ziemlich weit hinten, erst Sohn Lorenzo, der den oben genannten Posten 2018 übernahm, führte Änderungen ein. So kann man Prada jetzt auch in anderen großen Onlineshops wie Net-A-Porter finden, das Label tat sich als Erstes mit dem hauseigenen Onlineshop von Highsnobietys exklusiven Kooperationen zusammen und öffnete sich so für eine viel jüngere Zielgruppe.

Auch Nachhaltigkeit hat, nachdem dieses Thema von vielen großen italienischen Modeunternehmen komplett ignoriert wurde, mittlerweile einen großen Stellenwert in der Firmenphilosophie. Die Nylontaschen werden jetzt größtenteils aus dem umweltfreundlichen Econyl gefertigt, Pelz ist verboten und im Rahmen des sogenannten Ocean Sustainability Education Programme bieten Prada und die Intergovernmental Oceanographic Comission von Februar bis Mai 2020 Webinars in zehn Großstädten an (darunter Berlin, New York, Shanghai, Paris und Johannesburg). Diese sollen Lehrkräften dabei helfen, die Themen Nachhaltigkeit, Mikroplastik und Verschmutzung der Meere den Schüler*innen nahezubringen (wir haben bereits auf Beige berichtet). Finanziert wird das Projekt über einen Teil der Verkaufserlöse der neuen Re-Nylon-Kollektion von Prada.

„Es ist wahr, wir müssen den kreativen Aspekt im Geschäft stärken. Wir mögen uns, wir respektieren uns und wir werden sehen, wo wir damit landen.“

Miuccia Prada

Robert Burke, ehemaliger Fashion Director von Bergdoof Goodman sagt zu der Zusammenarbeit der beiden Designer: „Es ist ein starker strategischer Schritt, um das Modehaus für die Zukunft zu positionieren. Dieser Schritt wird von Prada-Kund*innen gut aufgenommen werden und er bringt natürlich auch viele neue Kund*innen. Das passt viel besser zu Raf als Calvin Klein. Es könnte auch einen Trend auslösen, einen sehr wichtigen, denn Brands müssen an ihre Zukunft denken.“

Spekulieren könnte man jetzt natürlich auch, dass das ein strategischer Schachzug für die Zukunft von Prada im Hinblick auf Miuccia Pradas Alter sei, obwohl sie hier auf der Pressekonferenz sofort dementiert hat: „Macht mich bitte nicht älter, als ich bin.“ Und wenn man an Karl Lagerfeld denkt, der bis zu seinem Tod im Alter von 85 Jahren arbeitete, dann bleibt ihr ja auch tatsächlich noch viel Zeit. Auf die Frage, auf welchen Zeitraum die Zusammenarbeit denn begrenzt sei, antworteten beide jedenfalls: „In der Theorie für immer!“

Wir wünschen dem Paar, das wie Bonnie und Clyde im Stil von „Wir beide gegen den Rest der (Mode)welt“ handelt, jedenfalls viel Erfolg, eine gute Kommunikation – der Schlüssel einer erfolgreichen Beziehung – und vor allem jede Menge Zeit für Kreativität und Inspiration.

Das Ergebnis der ersten Zusammenarbeit können wir dann im September in Mailand bestaunen, wenn die erste gemeinsame Kollektion, Frühjahr/Sommer 2021 Womenswear, seine Premiere auf dem Laufsteg feiert. Auf dass Raf Simons trotz anderer Gene ein Teil der Prada Familie werde, ein würdiger Erbe ist er!

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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    Courtesy of Prada and Raf Simons

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