Kauf(un)lust: Wie steht es um unser Shoppingverhalten?

Die Läden sind wieder auf – und leer. Woran liegt das?

Seit gut zwei Wochen haben die Läden wieder auf – unbegrenzt von ihrer Quadratmeterzahl. Schlangen sucht man allerdings vergeblich, die findet man momentan nur vor Baumärkten, Gartencentern und Fahrradläden. In den kleinen Shops von nebenan wie Mode-Boutiquen, Feinkostläden oder auch in großen Kaufhäusern herrscht dagegen gähnende Leere. Jede zweite Umkleide ist abgesperrt, überall schützen Plexiglasscheiben Käufer*innen und Verkäufer*innen und bezahlt wird am liebsten kontaktlos. Zugegeben, das alles macht eine ausgiebige Shoppingtour nicht gerade attraktiv. Doch wie steht es generell um unsere Kauflust? Sind die Läden leer, weil wir einfach keine Lust mehr auf Shopping haben, weil wir nachhaltiger geworden sind, weil uns das Geld fehlt oder weil wir Angst vor Covid-19 haben?

Auch vor der Corona-Krise ging es der Modebranche nicht gerade gut. Die Business-Reporte vieler Labels sagten für 2020 rote Zahlen voraus, Pessimismus machte sich überall bereit. Nachhaltigkeit ist schön und gut, aber sie ist auch der Feind einer jeden großen Modekette, wenn wir mal ehrlich sind. Aber genau das ist es nun mal, was Konsument*innen 2020 von ihren Lieblingsmarken erwarten: Transparenz, Umweltbewusstsein und Verantwortungsbewusstsein. Doch ist es dieses wachsende Bewusstsein, das dafür sorgt, dass die Läden gerade leer sind? Leider nein.

Beim Blick nach China wurde uns klar: Nur weil die Läden wieder aufhaben, heißt das noch nicht, dass alles wieder beim Alten ist. Als 90 Prozent der Läden in China ihre Türen geöffnet hatten, war ihr Umsatz immer noch 50-60 Prozent unter dem Umsatz vor der Corona-Krise.

In Europa und den USA wird erwartet, dass Kund*innen bis zu 65 Prozent weniger für Kleidung ausgeben werden, während insgesamt nur 40 Prozent überhaupt sparen möchten. Kleidung ist ein Luxusgut, auf das viele als Erstes verzichten. Verständlich. Manche Experten sagen sogar voraus, dass der Konsum nie wieder das Pre-Corona-Level erreichen wird und sich die Ökonomie davon nicht mehr erholen kann und wird.

Was wir aber aus den letzten Krisen unserer Gesellschaft gelernt haben, z.B. die Sars-Pandemie, 9/11 und die Finanzkrise 2008, ist, dass es circa zwei Jahre dauern wird, bis Konsument*innen wieder Vertrauen fassen und normal in den Läden shoppen.

„Der Virus ist eine Repräsentation unseres Bewusstseins ... es zeigt, was mit unserer Gesellschaft Tag für Tag schiefläuft. Es lehrt uns, zur Ruhe zu kommen und unsere Wege zu ändern.“

Li Edelkoort

Ob Li recht behält? Eine Studie von McKinsey besagt jedenfalls, dass 15 Prozent mehr Konsumenten in Europa und den USA in Zukunft nachhaltigere Mode kaufen werden. Was auch Folgen der Krise sind? Der Secondhand-Handel und Mietfirmen für Mode gehen durch die Decke, aber auch Luxusgüter wird man in Zukunft mehr schätzen: Schließlich sind sie sogenannte Investment Pieces, die ihren Wert auch steigern können. Doch stimmen die ganzen Studien wirklich? Wir haben uns mal in unserem Umfeld aka auf Instagram umgehört und euch befragt. Hier kommen die harten Fakten:

  • 50 Prozent von euch hat die Corona-Krise finanziell getroffen
  • 80 Prozent von euch haben gerade keine Lust, shoppen zu gehen
  • 70 Prozent haben während der Corona-Krise eingekauft
  • Die Mehrheit hat 2- 4 mal geshoppt
  • 49 Prozent haben Mode gekauft, 34 Prozent Interior
  • 58 Prozent haben vorrangig bei kleinen Brands gekauft, 42 Prozent haben bei den altbekannten großen Onlineshops zugeschlagen
  • 67 Prozent wurden von der Corona-Krise dazu beeinflusst, weniger einzukaufen, 30 Prozent kaufen nachhaltiger
  • 25 Prozent sind ab sofort bereit dazu, wieder in die Läden zu gehen, ganze 37 Prozent wollen damit noch 3 Monate warten

Die Umfrage zeigt also, dass während der Corona-Krise geshoppt wurde, allerdings online. In die Läden trauen sich die meisten noch nicht, der Großteil will noch ganze drei Monate damit warten. Diese drei Monate könnten der Todesstoß für jedes dritte Geschäft in Deutschland bedeuten. Sind wir also cool und nachhaltig, wenn wir uns jetzt shoppingtechnisch enthaltsam zeigen oder sollten diejenigen, die es sich finanziell leisten können, sofort losziehen und die lokale Wirtschaft stärken?

Marie sagt:

„Puh, das ist eine schwierige Frage und ich bin mir bei der Antwort noch nicht ganz sicher. Auch ich habe die ersten paar Wochen die Füße ganz still gehalten, weil ich nicht wusste, wann ich als Selbstständige das nächste Einkommen haben würde. Nur bei meiner Hautpflege bin ich schwach geworden. Nach und nach, als man feststellte, dass die Welt vermutlich nicht untergehen wird, wurde aber auch mein Shopping-Drang wieder größer. Ich habe allerdings extrem darauf geachtet, nicht bei den ganz großen Ketten zu bestellen – auch wenn die ihre roten Zahlen am Ende leider auf dem Rücken der Näher*innen und Fabriken in den Entwicklungsländern austragen – und nicht an den Geschäftsführer-Gehältern.

Ich habe versucht bei kleinen lokalen Labels oder bei Instagram-Brands zu bestellen – und habe mich auch mal Sachen getraut zu bestellen, bei denen mich kostspielige Rücksendegebühren oder Versandkosten davon abgehalten haben, einfach, weil ich diese Brands unterstützen wollte. Als die Läden wieder aufgemacht haben, bin ich aber am ersten Tag losgezogen. Und habe mir Ohrringe bei meiner Goldschmiedin des Herzens gekauft, die ihren kleinen Laden nur eine Straße weiter hat. Ich hätte mir die Kreolen wahrscheinlich nicht ohne Corona-Krise gekauft, aber ich wollte diesen kleinen Laden einfach unterstützen, weil er mir so am Herzen liegt. Mittlerweile habe ich auch dem KaDeWe einen Besuch abgestattet und genieße die Ruhe, die gerade in den Geschäften herrscht, sehr.

Denn wegen der limitierten Besucherzahlen ist das Personal nicht so überlastet wie sonst, alle sind dankbar, dass sie wieder arbeiten können und sind besonders gut gelaunt. Die Umkleiden sind leer, die Läden sind sauber, warum ist es nicht immer so? Lediglich die Gesichtsmaske nervt, aber auch daran gewöhne ich mich gerade. Wenn es mir aber zu voll in einem Geschäft wird, dann gehe ich schnell auf Abstand und verlasse es umgehend. Viele vergessen leider schnell, dass da immer noch ein Virus in der Luft liegt (na gut, in der Spucke liegt) und auch wenn ich persönlich keine Angst davor habe, möchte ich andere Menschen nicht anstecken oder gefährden.

Meine Meinung? Wer Abstand hält und die Gesichtsmaske trägt, der darf, wenn es ihm finanziell gut geht, ohne schlechtes Gewissen wieder konsumieren. Die Frage ist nur: Was konsumiert ihr? Da muss jeder sein eigenes Maß finden.“

Lisa sagt:

„Meine Kauflaune war schon vor Corona eher ein zartes Glimmen, denn feurig entfacht. Ich überdenke meinen Konsum ja gerade eh und habe am laufenden Band ein schlechtes Gewissen. Meine Bali-Zeit hat gleich zweifach eingeschlagen: Zum einen lernt man bei solchen Auszeiten, dass man gar nicht so viel braucht, um glücklich zu sein. Zum anderen ist man nach einem Monat Bali halt auch einfach pleite. Let's be honest.

Mein neues Hobby also: Online-Warenkörbe füllen und sie dann vor der virtuellen Umkleide stehen lassen und gehen. Lustigerweise habe ich während Corona gefühlt meinen halben Kleiderschrank auf Kleiderkreisel vertickt. Von dem Geld habe ich, ähnlich wie Marie, ganz ausgesucht und nicht mal eine Handvoll Teile bei nachhaltigen, kleineren Marken gekauft und fühle mich damit unfassbar gut. So gut, dass ich diesen Weg ganz sicher weiter gehen werde.

Schwach geworden bin ich aber ebenfalls, als die ersten Lockerungen kamen. Aber auch hier kontrolliert. Die Pre-Order von Malaikaraiss habe ich genutzt, ebenso wurden virtuelle Trips zu Vestiaire Collective und Paloma Wool von Erfolg gekrönt. Mein Freund hat lokales Olivenöl und Kaffee geshoppt und gemeinsam haben wir uns die letzte Runde Mittagsessen To-go vom Baldon gesichert.

Klar habe ich einen Haufen kleiner Läden, die ich bald aufsuchen möchte, auf meiner Liste. Ich stelle aber fest: Bis ich das tue, wird sicherlich noch etwas Zeit vergehen, denn ich kann mich mit dem Gedanken, jetzt einfach wieder in Geschäfte zu gehen, um andere Dinge als Lebensmittel zu kaufen, nicht anfreunden. Auch ich nehme das Thema noch ernst und besuche außerdem nach fast einem halben Jahr endlich wieder meine Familie. Sich wegen eines T-Shirts oder ein paar Shorts dann was einfangen und meine Liebsten gefährden? Ist es mir nicht wert.“

Julia sagt:

„Mir ist in den letzten Wochen aufgefallen, dass ich mein Online-Shopping-Verhalten stark hinterfrage: Kann ich das Teil auch gebraucht kaufen? Wie halte ich die Lieferkette möglichst gering? Auffällig ist, dass große Konzerne mit der Lieferung kaum hinterherkommen und lange Wartezeiten entstehen. Ich hoffe, dass bei den Kund*innen durch diese Verzögerung zwischen "klicken" und dem letztendlichen in-den-Händen-Halten auch ein Nachdenken einsetzt. Brauche ich dieses Paar Schuhe wirklich? Bin ich bereit, zwei Wochen darauf zu warten? Und kann ich es vielleicht regional kaufen und kleinen Läden damit helfen?“

Ragni sagt:

„Ich war während Corona die typische Baumarkteinkäuferin! Sandkasten, Hochbeet, drei Millionen Liter Erde, Pflanzen. Alles im Einkaufswagen gelandet. Online bestelle ich nur selten Klamotten. In letzter Zeit waren es Geschenke für meine beiden Maikinder, ein Beautypaket für mich und Interior fürs Haus. Grundsätzlich habe ich weniger gekauft, weil es eben nicht die Spontankäufe gab, die man so während des Schlenderns durch die Stadt macht. Nächsten Monat mache ich mal vollkommen konsumfrei!“

Felix sagt:

„Obwohl ich mir ein konsumreduziertes Leben seit Jahren vornehme, scheitere ich damit on a daily basis. Doch dann kam Corona und immerhin sind meine spontanen Anfälle in Mitte oder am Ku'damm auf null gesunken. Hier und da kaufe ich mir noch online Kleidung aber aktuell fast nur über Kleiderkreisel und Ebay. Die gesamtgesellschaftliche Massen-Entrümpelung hat so einige Schätze zutage gefördert, die jetzt in meinem (ebenfalls aussortiert und extrem geordneten) Kleiderschrank hängen. Ohne es mir vorzunehmen, haben sich die letzten Monate bei mir extrem nachhaltig entwickelt. Hoffentlich bleibt das so!“

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