Die wahre Wahrheit darüber, warum ich euch auf der Straße hinterherschaue

Es gibt ein wichtiges Detail an Mänteln und Jacken. Spoiler: Euer süßer Po ist es nicht, aber er profitiert davon

Eine kurze Anekdote aus meiner aufregenden Vergangenheit: Während des Studiums habe ich etwa zwei Jahre in der Herrenabteilung eines einigermaßen noblen Kaufhauses gearbeitet. Tagein, tagaus habe ich in einer komplizierten Choreografie Hemden mit tausend verschiedenen Clips und Nadeln auf Pappen gesteckt, damit sie im Regal schön ordentlich aussehen oder besserverdienenden Herren überzeugend darin beigepflichtet, dass das Sakko „aber wirklich eng geschnitten“ sei.

Manchmal gab es auch Warenkunde-Schulungen, in denen man darüber aufgeklärt wurde, wie die perfekte Anzughose zu sitzen und welche Eigenschaften welches Material hat. „Leinen knittert edel“, war da so ein Mantra, das man skeptischen (übersetzt: bügelfaulen) Kunden mit auf den Weg geben sollte. „Leinen knittert edel“, sagte ich also mit süßer Stimme zu einem Ehepaar, das unschlüssig vor einem cremefarbenen Leinenanzug stand. „Papperlapapp, das ist einfach nur scheiß viel Bügelarbeit!“, sagte die Frau. Sie haben den Anzug nicht gekauft. Ein anderer, gut merkbarer Leitsatz war: „Wer den Gehschlitz am Mantel nicht auftrennt, isst auch Bananen mit Schale.“ Wenn mein Gehirn eine Colaflasche war, dann war diese Information das Mentos.

„Wer den Gehschlitz am Mantel nicht auftrennt, isst auch Bananen mit Schale.“

Die Leute sagen, man soll regelmäßig sein Herz-Kreislauf-System trainieren. Einmal am Tag richtig schwitzen! Das geht relativ leicht, wenn man draußen darauf achtet, wie viele Menschen an Mänteln, Jacken und Blazern den Rückenschlitz nicht auftrennen. So viele! Ich bekomme da Puls. Selektiver Wahrnehmung geschuldet, kann ich seit damals nicht mehr anders, als überall auf der Straße die Mäntel zu inspizieren. Ja, vielleicht drehe ich mich manchmal auch dafür um. Ist er aufgetrennt? Nein? Ha! Aber klar, sowas lernt man nirgends und ich wusste es bis zu jenem schicksalhaften Tag in der Warenkundeschulung auch nicht. Vielleicht ist dieser Artikel euer schicksalhafter Tag! Es wäre mir absolut Banane. Äh, eine Ehre. Der Vergleich mit der Banane hinkt unterdessen ein bisschen, wie ich finde. Mäntel kann man ja trotzdem tragen, aber Bananenschale mitessen, na ja, ich weiß nicht.

Es geht dabei übrigens gar nicht um eine Geschmacksfrage. Also bei den Mänteln jetzt, nicht den Bananen. Die Rückenschlitze werden mit einem dünnen Faden zugehalten, damit die Kleidungsstücke beim Transport und im Verkauf nicht knittern und sich flacher verpacken lassen. Den Faden drinzulassen ist demnach keine Stilfrage, eher ein Anwendungsfehler. So, als würde man die Schutzfolie auf dem neuen Smartphone lassen. Kann man schon machen. Funktioniert halt nicht so gut. You get the idea. Es ist natürlich erst einmal komisch, an neuen Kleidungsstücken rumzuschnippeln und leider auch nicht so weirdly satisfying wie Schutzfolie abziehen. Aber keine Scheu: Alles sitzt besser und fällt schöner, wenn der Schlitz aufgetrennt ist. Versprochen.

Gleiches gilt übrigens für zugenähte Taschen an Jacken und Hosen. Schon sehr oft habe ich Leute mit zwei spitzen Fingern und angestrengtem Gesicht in eine mikroskopisch kleine Taschenöffnung greifen sehen mit den entschuldigenden Worten: „Sorry, die Taschen sind irgendwie so klein.“ Nein! Die sind auch produktionsbedingt zugenäht! Und die kleine Öffnung ist da, damit man sie leichter auftrennen kann! Dahinter verbirgt sich eine wundervolle, normalgroße Tasche, in die mehr hineinpasst als nur eine hübsche Muschel und zwei Centershocks. Wobei ich mich da natürlich frage, was man sonst in einer Jackentasche transportieren sollte. Aber das ist dann wieder ein anderes Thema.

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