Nachgefragt! Wie geht es unseren deutschen Lieblingslabels gerade?

Zwischen Galgenhumor, Erleichterung und Rückschlägen – so erleben die deutschen Designer*innen die Krise

Die Corona-Krise hat die Modebranche auf den Kopf gestellt. In Interviews und Artikeln gehen wir in unserer Themenwoche der Frage auf den Grund, wie die Zukunft der Mode aussehen kann. Entschleunigt? Lokal? Oder sind es genau die Marken, die bisher ohnehin auf nachhaltiges Design, lokale Produktion und Abstand vom Fashionkalender gesetzt haben, die nun den höchsten Preis zahlen müssen?

Wir wollten von unseren liebsten deutschen Designer*innen wissen, wie sie die Krise bisher erleben – finanziell und emotional? Im Kurzinterview stehe und Lara Krude, Janina Waschkowski von Nove und Jale Richert und Michele Beil vom neuen Star-Label Richert Beil ganz ehrlich Rede und Antwort!

Lara Krude, Lara Krude

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Ganz ehrlich: Wie sehr hat Corona dich unternehmerisch und finanziell aus der Bahn geworfen?
Teils, Teils. Leider ging die Corona-Krise genau dann los, als die Einkäufer die Ordern für den Herbst/Winter 2020/21 platzieren wollten. Viele Läden mussten plötzlich schließen, wussten natürlich nicht für wie lange und haben sich mit dem Ordern neuer Ware verständlicherweise zurückgehalten. Dadurch habe ich einige große Ordern, mit denen ich fest gerechnet habe verloren. Zum Glück haben andere Kunden in den USA und in Japan trotzdem geordert. Und meine Onlineshop ist gut angelaufen diese Saison.

Wie seid ihr vorgegangen, nachdem der erste Schock überwunden war? Was war euer Plan X?
Während wir mit der neuen Kollektion in Paris waren, ging das langsam los, wir waren von Anfang an recht aufmerksam und haben schon vor Paris beobachtet, ob wir fahren können oder nicht. Auch in Paris selbst war es das große Thema, einige internationale Einkäufer waren nicht da, es herrschte eine Mischung aus Galgenhumor und Unsicherheit. Dadurch war es für mich aber auch kein großer Schock. Wieder zurück in Hamburg haben wir hauptsächlich versucht, die Produktion für den Winter zum Laufen zu kriegen. Stoffe zu bestellen, Ordern zu bestätigen und alles zu meiner Produktion in Polen schicken zu lassen.

Kam euch die Art und Weise, wie ihr eure Kleidung produziert stellenweise sogar zugute?
Dadurch, dass wir lokal produzieren und keine langen international vernetzten Lieferketten haben, sind wir natürlich recht glimpflich davon gekommen. Aber auch wir haben die Auswirkungen deutlich gespürt. Die Webereien waren zunächst in Italien komplett geschlossen, später dann auch in Großbritannien. Beide Länder sind wichtige Lieferanten für mich, wenn es um Stoffe geht. Und normalerweise mache ich immer persönlich eine Abnahme der Produktion in Polen. Das ging plötzlich auch nicht mehr, ich hätte gar nicht mehr einreisen können. Das war mit das seltsamste Gefühl. Vor wenigen Wochen bin ich noch zu Fuß in Frankfurt / Oder über die Grenze gelaufen zu einem Treffen mit meiner Produktion. Und plötzlich sah man Bilder im Fernsehen, von genau dieser Grenze an der das Militär den Übergang versperrt…

Welche großen Änderungen habt ihr vorgenommen? Welches sind die größten Einschnitte in eurem regulären Arbeitsablauf?
Ich habe auch viel von zu Hause gearbeitet in den letzten Wochen. Die ganze Organisation der Produktion, die Bestellung der Stoffe etc. funktioniert gut aus dem Homeoffice. Die Kollektion für den Sommer 2021 wird sicherlich kleiner ausfallen als zu normalen Zeiten.

Welche ökonomischen Lehren habt ihr bisher aus der Krise gezogen? Hat eine Neuausrichtung stattgefunden?
Ich habe nicht wirklich Lehren daraus gezogen, eher eine Bestätigung, dass unsere Ausrichtung lokal und fair zu produzieren und Kleidungsstücke zu entwerfen, die länger als eine Saison spannend sind, genau der richtige Weg ist. Es ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch absolut richtig sich auf „Qualität statt Quantität“ zu fokussieren. Ich hoffe sehr, dass das ein Ruck in die richtige Richtung für die gesamte Branche sein wird.

Welche Erfahrung habt ihr in Sachen Konsumbereitschaft der Menschen gemacht? Wart ihr bereits online erhältlich? Seid ihr durch Corona digital(er) geworden?
Meinen Onlineshop gibt es seit Beginn meines Labels. Die Konsumbereitschaft in Deutschland habe ich in den letzten Wochen noch recht zurückhaltend erlebt. Dafür hatte ich viele internationale Ordern. In den letzten Wochen haben wir nach Japan, in die USA, nach Neuseeland und Dubai versendet.

Welche Erfahrungen habt ihr zwischenmenschlich gemacht? Hat Corona euch auch privat verändert?
Privat gesehen hat mir diese Krise, die zu einer Zwangspause geführt hat, gutgetan. Die letzten Jahre waren wahnsinnig schnell und wild, es wurde immer mehr, anstatt dass sich mal etwas Ruhe abzeichnete. Diese Erfahrung, dass man jahrelang wie verrückt arbeitet und dann kann durch so ein Ereignis alles ins Wanken geraten, hat mich aber auch gelassener gemacht. Man kann nicht alles kontrollieren, muss Dinge auch loslassen und darf sich vor allem nicht selbst aus den Augen verlieren. Mehr „trust the flow“ würde ich sagen.

Wie denkt ihr, wird die Modebranche aus dieser Krise hinausgehen? Wird sie digitaler, nachhaltiger, durchdachter und bewusster sein, wie viele es sich erhoffen? Oder heißt es bald: everything back to normal?
Ich hoffe sehr, dass diese Zwangspause bei vielen Firmen und Labels zu einem Umdenken führt. Nicht immer mehr, immer schneller, immer was Neues. Sondern lieber wieder zurück zu wahrer Qualität. Und Qualität braucht Zeit, das funktioniert nicht mit zig Kollektionen im Jahr. Nur wenn die Macher (Designer, Weber, Schnittmacher, Produzenten) sich Zeit nehmen können, um ein Produkt wirklich gutzumachen, wird der Käufer es auch lange bei sich haben wollen.

Zum Schluss: Habt ihr eine Forderung an die Politik? Die Konsument*innen? Und wie wird es bei euch weitergehen? 
An die Politik: Danke für die Soforthilfe. Das war wirklich schnelle und unbürokratische Hilfe, wie man sie als junges Unternehmen braucht. An die Konsument*innen: Buy less, buy better.

Jale Richert & Michele Beil, Richert Beil

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Ganz ehrlich: Wie sehr hat Corona dich unternehmerisch und finanziell aus der Bahn geworfen?
Natürlich hat es uns insofern unternehmerisch getroffen, das wir gerade im Vorfeld unserer Show am 6. März mit Einkäufern und Läden in Gespräch waren und kurz danach alles zum Erliegen kam und pausiert wurde. Dadurch, dass der Einzelhandel gerade nichts Neues bestellt und verkauft, sind wir froh über die schnellen staatlichen Zuschüssen gewesen. Mit unseren Masken und anderen Artikeln wie T-Shirts haben wir auch in den letzten Wochen Umsatz gemacht, aber so richtig freuen wir uns, wenn es jetzt langsam wieder losgeht und wir unseren neuen Onlineshop präsentieren können.

Wie seid ihr vorgegangen, nachdem der erste Schock überwunden war? Was war euer Plan X?  
Uns traf der Lockdown direkt nach der letzten Modenschau, sodass wir die Zeit genutzt haben uns zu erholen und aufzuräumen. Danach haben wir ziemlich normal weitergearbeitet und auch wenn gerade zum Beispiel die Produktion in Italien still steht, gibt es für uns viel zu tun. Wir sind froh, dass wir uns schon im letzten Sommer entschieden haben, unabhängig von Institutionen und offiziellen Kalendern zu arbeiten, so sind zwar einige Prozesse verlangsamt, aber es geht insgesamt weiter.

Kam euch die Art und Weise, wie ihr eure Kleidung produziert stellenweise sogar zugute?
Tatsächlich profitieren wir von unseren ausgewählten Produktionsbeziehungen - die deutsche Produktion arbeitet weiter, unsere Schneiderin in Berlin ebenso, auch in Portugal und Polen wird produziert.

Welche großen Änderungen habt ihr vorgenommen? Welches sind die größten Einschnitte in eurem regulären Arbeitsablauf?
Es gab und gibt terminliche Verzögerungen, aber da wir unabhängig von Fashion Weeks und Saisons arbeiten, trifft uns das glücklicherweise weniger schwer und wir konnten so weitermachen, wie bisher.

Welche ökonomischen Lehren habt ihr bisher aus der Krise gezogen? Hat eine Neuausrichtung stattgefunden?
Unsere Neuausrichtung liegt nun schon einige Monate zurück und hat mit der UTOPIA Show ihre öffentliche Premiere gefeiert und hat uns viel Aufmerksamkeit verschafft, von der wir auch in der aktuellen Lage profitieren. Wir schaffen Kleidung, die über ihre hohe Qualität und zeitloses Design über viele Jahre Freude bereitet, die aktuelle Stimmung begrüßt so eine Herangehensweise, sodass wir mehr Zuspruch denn je erfahren.

Welche Erfahrung habt ihr in Sachen Konsumbereitschaft der Menschen gemacht? Wart ihr bereits online erhältlich? Seid ihr durch Corona digital(er) geworden?
In den vergangenen Wochen haben wir Instagram verstärkt als Verkaufskanal genutzt und das funktioniert gut. Der Start unseres Onlineshops wurde etwas verzögert, aber wir freuen uns darauf, ihn nun sehr bald zu launchen.

Welche Erfahrungen habt ihr zwischenmenschlich gemacht? Hat Corona euch auch privat verändert?  
Wir empfinden den Austausch innerhalb der Branche als stärker, Probleme oder Bedürfnisse werden direkter angesprochen und offener diskutiert. Das bleibt uns allen hoffentlich erhalten. Privat hatten wir mehr Gelegenheit runterzukommen, Sport zu machen und uns auch einfach wieder Zeit für uns zu nehmen.

Wie denkt ihr, wird die Modebranche aus dieser Krise hinausgehen? Wird sie digitaler, nachhaltiger, durchdachter und bewusster sein, wie viele es sich erhoffen? Oder heißt es bald: everything back to normal?
Es ist nicht zu erwarten, dass sich das allgemeine Konsumverhalten nun grundsätzlich  verändert, aber wir denken, dass der Einkauf doch bewusster und länderübergreifender im digitalen Bezug wird: Die Käufer bringen eine höhere Bereitschaft mit sich zu informieren und besondere Label zu entdecken, die bestimmte Werte in ihrer Produktion und Ästhetik vereinen. Dadurch dass es digitaler wird, wird sich der saisonale Mode-Zyklus stärker aufheben. Auch die Vermarktung ändert sich, Labels shooten momentan eigenständiger und mit einfachen Mitteln. Gleichzeitig wird die Nachfrage schneller zu beantworten sein - es wird neue Lösungen zur Präsentation und Verkauf geben.

Zum Schluss: Habt ihr eine Forderung an die Politik? Die Konsument*innen? Und wie wird es bei euch weitergehen?
Wir haben unsere Erwartungen an die Politik heruntergeschraubt, das war auch ein Grund, uns unabhängiger zu machen und uns selbst tragen zu können. Die Konsumenten werden hoffentlich weiter große Freude an Mode haben und sich weltweit nach authentischen Brands umschauen - durch die Krise ist unsere globale Vernetzung noch stärker geworden und regionales, bewusstes Einkaufen findet über Ländergrenzen hinaus statt. Wir arbeiten weiter daran, Richert Beil zu einer internationalen Marke auszubauen.

Janina Waschkowski, Nove the Label

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Ganz ehrlich: Wie sehr hat Corona dich unternehmerisch und finanziell aus der Bahn geworfen?
Finanziell zum Glück nicht - da ich Nove erst im Januar gelauncht habe, zahle ich mir momentan noch kein Gehalt aus und lasse alle Umsätze in der Firma. Unternehmerisch war es schon erst mal ein Rückschlag, zehn Wochen nach dem Start erstmal wieder alles herunterzufahren.

Wie seid ihr vorgegangen, nachdem der erste Schock überwunden war? Was war euer Plan X?
Der erste Schock hat etwa zwei Wochen gedauert. In der Zeit habe ich mit meinem Mann das Familienleben organisiert, wir haben zwei kleine Kinder, und einen Plan für Nove gemacht. 

Kam euch die Art und Weise, wie ihr eure Kleidung produziert stellenweise sogar zugute?
Ja. Ich habe einige Produzenten vor Ort, allerdings kommen die Materialien alle hauptsächlich aus Italien. Bis jetzt bin ich mit dem Stock gut hingekommen, jetzt muss ich dringend nachproduzieren und warte auf Lieferungen. Ich habe jetzt einfach noch mehr Stoffe aus Deutschland bestellt.

Welche großen Änderungen habt ihr vorgenommen? Welches sind die größten Einschnitte in eurem regulären Arbeitsablauf?
Der größte Einschnitt ist die fehlende Zeit. Durch die weggefallene Kinderbetreuung kann ich keinen ganzen Tag mehr arbeiten, sondern - wenn überhaupt - einen halben. Dadurch, dass auch alle geplanten Messen, Showrooms und Pop-Up Events in den nächsten Monaten nicht stattfinden, habe ich die Sommerkollektion umgestellt. Es werden Einzelteile gelauncht, und nicht alle gleichzeitig.

Welche Erfahrungen habt ihr zwischenmenschlich gemacht? Hat Corona euch auch privat verändert?
Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind ja so eingeschränkt in der Begegnung, und dadurch viel intensiver - ich erlebe eine große Solidarität aller, viel offenen Dialog über Schwierigkeiten und auch ganz viel Optimismus. 

Wie denkt ihr, wird die Modebranche aus dieser Krise hinausgehen? Wird sie digitaler, nachhaltiger, durchdachter und bewusster sein, wie viele es sich erhoffen? Oder heißt es bald: everything back to normal?
Es wäre wunderbar, wenn es so kommen würde. Allerdings sitzen die alten Strukturen sehr tief, sodass meiner Meinung nach keine absolute Wende stattfinden wird. Aber jedes Label, jeder Store, jede Kundin, die nachhaltiger agiert, ist ein Gewinn!

Zum Schluss: Habt ihr eine Forderung an die Politik? Die Konsument*innen? Und wie wird es bei euch weitergehen?
Ab dem Moment, in dem ich die Krise akzeptiert und mir selbst gesagt habe "Gut, dann geht es mit Nove einfach etwas langsamer voran als geplant", ist etwas Interessantes passiert: Ich glaube, dadurch, dass ich mir selbst den Druck genommen habe, arbeite ich wieder viel freier, kreativer und habe bessere Ideen. Und zusätzlich steigen die Sales wieder an. Diese innere Haltung versuche ich zu bewahren!

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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