24 Jahre Larry Clarks „Kids“ – Teenage-Riot im Kinderzimmer

Am 28. Juli vor 24 Jahren kam „Kids“ in die Kinos – Grund genug für einen modisch-nostalgischen Rückblick

Es gibt Filme, die einen für immer begleiten. Schon beim Intro-Song weiß man, dass man gleich etwas ganz besonderes zu sehen bekommt. Diese wissende Aufregung auf etwas, von dem man noch überhaupt nicht weiß, was es ist. Aber es fühlt sich verdammt richtig an. Beim Abspann dann sitzt man mit offenem Mund vor dem Fernseher (damals) oder dem Mac (heute) und muss erst mal verdauen, was man da gerade gesehen hat, während die Namen der Beteiligten dieses Meisterwerks Richtung Himmel über den Bildschirm flimmern.

Es gibt zwei Filme, die mich in meiner Jugend exakt so zurückgelassen und die ich immer wieder geschaut habe: „Trainspotting“ und „Kids“. Obwohl beide Filme einen Plot haben, der mit allem, außer Wohlfühlgekuschel um die Ecke kommt, war unser Identifikationsgrad damals bei 10 von 10 Punkten.

Jung, genervt, unverstanden

In „Kids“ ist es die Clique um Casper, Jenny, Ruby, Steven und Telly, denen wir 91 Minuten dabei zusehen, wie sie im Prinzip ihr Leben wegschmeißen. Sie klauen, sie nehmen Drogen, sie rauchen und kiffen und – sie haben ungeschützten Geschlechtsverkehr. Aber da ist noch die andere Seite: Sie sind frei, sie machen, wonach ihnen der Sinn steht. Sie skaten, sind bis spät nachts unterwegs, leben in New York und irgendwie hat man das Gefühl, die Stadt gehört ihnen.

Das kann ein 12-jähriges Mädchen aus Mainz, das es gerade einmal schafft mit einem Skateboard geradeaus zu fahren und das Küssen nur aus der Bravo kennt, schon beeindrucken. Der große Konsens zwischen mir und diesen fremden Verbündeten? Niemand versteht uns, unsere Eltern sind peinlich, nerven und haben keine Ahnung und ich wir die Nase voll von Verboten. Teenage-Riot im Kinderzimmer, jawoll!

Harmonie Korine, Chloë Sevigny und Punkrock

Nach „Kids“ verehrte ich Chloë Sevigny und bin bis heute ein wenig traurig darüber, dass ich mich nie an ihren Pixie-Cut herangetraut habe. Der Zug ist nämlich endgültig abgefahren. Ich hörte Green Day (Dookie und Nimrod, nicht American Idiot, OK?), Nirvana, Die Ärzte und zockte Tony Hawk Pro Skater (und war unglaublich schlecht darin). Es war zwar nur eine Phase, die dann bald von Hip-Hop, dann von Indie, dann von einer Mischung aus allem abgelöst wurde, aber irgendwie kommt mir diese Phase, die genau so vielleicht maximal zwei Sommer in meinem Leben eingenommen hat vor, als wäre sie unendlich lang gewesen. Vielleicht, weil es eine Zeit ist, in der man sich gerade ausprobiert und mutig wird, in der alles so intensiv und wichtig erscheint, dass es sich ins Hirn brennt.

Larry Clark castete fast alle Schauspieler*innen für „Kids“ auf der Straße. Alle hatten bis dahin keine Erfahrung vor der Kamera und spielen sich im Prinzip selbst. Für Furore sorgten die expliziten Erotik-Szenen, da die Jungschauspieler*innen knapp volljährig waren, jedoch teilweise eindeutig jünger aussahen. Aus heutiger Sicht sind die Dialoge und die Charaktere sehr klischeebeladen und folgen klaren Rollenverteilungen, wie sie damals in den Köpfen eben existierten. Die Jungs bauen am laufenden Band Scheiße, die Mädchen reden über Sex und die große Liebe und sind, wenn es drauf ankommt, ordentlich naiv. Und wenn der Plot schließlich ins Desaster driftet, weiß man bei aller Genervtheit seine strengen Eltern und behütete Kindheit plötzlich wieder zu schätzen.

Vor allem, wenn man liest, das von den sechs Hauptdarstellern zwei, nämlich Justin Pierce und Harold Hunter, jung starben. Für Sevigny und Rosario Dawson hingegen war der Film der Start einer großen Karriere vor der Kamera. Larry Clark drehte mit „Ken Park“ 2002 so etwas wie denn inoffiziellen Nachfolger von „Kids“. Harmonie Korine blieb sich mit Filmen wie „Gummo“, „Trash Humpers“ und ganz aktuell „Beach Bum“ treu.

„I wanted to present the way kids see things, but without all this baggage, this morality that these old middle aged Hollywood guys bring to it. Kids don't think that way. ... they're living in the moment {...}.“

Larry Clark

2019 ist modisch wieder 1995

Niemals hätte ich gedacht, dass ich mit Anfang Dreißig mit wenigen Klicks meine Looks von damals fast eins zu eins nach shoppen kann. Einerseits ist es Wasser auf meine Nostalgie-Mühlen, andererseits fühle ich mich irgendwie alt. Hilfe, wer kennts? Wie oft ich den Satz „Das haben wir damals schon so getragen" innerlich zitiert habe, kann ich nicht sagen und ich werde mich aus Gründen der Ehre auch hüten, ihn laut auszusprechen.

Ups, zu spät. Na gut, dann ist es jetzt auch egal. Willkommen in eurer modischen Vergangenheit!

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