Das Beauty-Verhör mit Jenni Baum-Minkus

Ausgequetscht, ausgefragt und gelöchert – In unserer Interview-Reihe bitten wir echte Beauty-Expert*innen zu Tisch und entlocken ihnen alle Geheimtipps- und Tricks

Jenni Baum-Minkus ist ein echtes Energiebündel. Niemand sprudelt so sehr, hat keine Angst vor neuen Ideen und nimmt jede Herausforderung gut gelaunt in Angriff. Vor zwei Jahren startete wohl das größte Abenteuer ihres Lebens, Gitti, das Jennis Risikobereitschaft zu einem vollen Erfolg erklärte.

Mit Gitti hat Jenni eine Marktlücke gefunden, gefüllt und in den schönsten Farben lackiert: Denn ihre Nagellacke, die eigentlich eher Nagelfarben sind, sind umweltfreundlich und nicht gesundheitsschädigend. Wie das geht? Mit Farben auf Wasserbasis (55 Prozent sind Wasser) – und neuerdings auch einer pflanzenbasierten Formulierung, die bis zu 77 Prozent natürliche Inhaltsstoffe enthält.

Dieses Konzept fand nicht nur raketenhaft Anklang bei Kund*innen, sondern auch bei vier Investor*innen: Auxxo Investments, Caren Genthner-Kappesz, Mirko Caspar und Grace Accelerator glauben an Jenni und verliehen dem Start-up schon früh Flügel im Sinne von finanzieller Starthilfe. Die hat Jenni schlau eingesetzt und sich ein ziemlich großes, sehr professionelles Team an die Seite geholt, mit dem sie Gitti vom kleinen Beauty-Brand zu einer weltweit erfolgreichen Marke ausbauen möchte. Ihr neuester Coup? Das Magazin The Good Good.

Jenni überrascht mich immer wieder und deswegen war ich auch so neugierig, ihr unsere Beauty-Verhör-Fragen zu stellen. Ihr wollt nicht nur einen Blick in ihren Karriereplan, sondern auch in ihren Badschrank erhaschen? Dann seid ihr hier genau richtig!

Wie bist du auf die Idee gekommen Gitti zu gründen?

Ich habe meinen festen Job ja relativ spontan gekündigt, eine totale Bauchentscheidung war das damals. Ich wollte mich umschauen und überlegen, wie es weitergeht, dafür hatte ich durch die letzten Jahre ein kleines Polster angespart. Dann wurde ich bei einem Abendessen gefragt, was ich machen würde, wenn ich keine Angst hätte. Und ich dachte im ersten Moment „Glitzernagellack”. Gesagt habe ich das nicht, aber in der Nacht habe ich mir die Frage gestellt, was eigentlich Nagellack genau ist und vor allem was drin ist. Ich habe stundenlang recherchiert und war geschockt, wirklich sprachlos, wie schädlich herkömmlicher Nagellack für den Mensch ist und auch unseren Planeten. Daraus entstand die Idee zu Gitti.

Was hast du vor Gitti beruflich gemacht?

Ich habe eine klassische Konzernkarriere hinter mir, wenn man so nennen kann. Ich wollte nach meinem Studium und einigen Auslandsaufenthalten unbedingt in einem internationalen Team arbeiten und vor allem auch in anderen Ländern Erfahrungen sammeln. Das hat mir der Konzern ermöglicht. Es war eine tolle Zeit und ich habe sehr viel gelernt in verschiedenen Positionen.

Woher kommt deine Affinität zu Nagellack?

Für mich war es schon immer besonderes Ritual, mir am Sonntag die Zeit zu nehmen und eine Maniküre zu Hause zu machen. Nagellack auftragen hat für mich auch immer etwas Meditatives, das habe ich schon immer sehr zelebriert. Aber ich habe mich nie groß damit beschäftigt, was in dem Nagellack drin ist oder wie dieser hergestellt wird, bis zu der besagten Nacht, die ich schon beschrieben habe.

„Wir haben zu Beginn eine Kollektion gelauncht, von der wir dachten, dass sie bis Ende des Jahres halten würde. Diese war in weniger als zwei Stunden online ausverkauft.“

Früher habt ihr nur mit Drops gearbeitet, mittlerweile habt ihr einen normalen Onlineshop, in dem man jederzeit einkaufen kann. Wie kam die Veränderung?

Genau, das stimmt. Wir haben zu Beginn eine Kollektion gelauncht, von der wir dachten, dass sie bis Ende des Jahres halten würde. Diese war in weniger als zwei Stunden online ausverkauft. Jede weitere Kollektion war dann maximal 48 Stunden später ausverkauft. Durch die starke Nachfrage waren wir dann in der Lage, mehr Farben und Produkte zu ordern, sodass der Shop ab Februar diesen Jahres ganz geöffnet werden konnte. Trotzdem haben wir aufgrund der hohen Nachfrage und bei ganz besonderen Farbtönen immer mal wieder „out of stocks”, wir arbeiten aber kräftig daran, diese zu vermindern. 

Wie entscheidet ihr euch für neue Nagellackfarben? Woher nimmst du die Inspiration?

Wir beobachten natürlich den Markt sehr genau, verfolgen allgemeine Trends und wissen, welche Farben zu welchen Jahreszeiten gut passen. Die Natur ist eine große Inspirationsquelle, weil es hier einfach so viele tolle Farben gibt. Wir nutzen Trendforecasts, Statistiken und wir befragen unsere Community. Das ist für uns sehr wichtig, dass unsere Community uns Feedback gibt und bei jedem Schritt mit dabei ist. Wir versuchen immer die Farbwünsche unserer Community zu realisieren. Wir haben einen Mix zwischen Alltime Classics und Trendfarben. Wichtig ist, dass alle Gitti-Farben eigens entwickelt wurden.

Ihr habt in der letzten Zeit auch einen Natural Remover gelauncht? Warum braucht es den?

Die Nachfrage nach einem gesünderen Entferner, der gleichzeitig auch die Nägel pflegt, war sehr groß. Und eine wasserbasierte Nagelfarbe benötigt auch einen besonderen, natürlichen Entferner. Zudem war es für uns ein natürlicher Schritt, da der Remover einfach zum Nagellack oder wie wir sagen Nagelfarbe gehört. Und auch hier waren uns neben den natürlichen Inhaltsstoffen vor allem auch wichtig zu zeigen, dass es anders geht. Zum Beispiel ohne beißenden Geruch. Wir wollen die Beauty-Industrie revolutionieren.

Gitti wird in Frankreich produziert? Warum dort und nicht in Deutschland?

Wie ihr Euch vorstellen könnt, war es eine sehr herausfordernde Aufgabe die Formel für die Nagelfarbe mit 55 Prozent Wasserbasis zu entwickeln. Tatsächlich habe ich mit sehr vielen Laboren und Herstellern gesprochen, ausprobiert und unser jetziger Partner war der einzige, der gesagt hat: Okay, das funktioniert. Daher sind wir in Frankreich mit der Produktion und sehr happy darüber, weil es in Europa ist.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigst du mittlerweile? Wie sieht dein Team aus?

Wir haben ein Team von 13 festen Mitarbeitern, dazu kommen noch Praktikanten, Werkstudenten. Und wir arbeiten auch mit Freelancern zusammen.

Wie wichtig ist euch Diversität?

Wichtig. Wir arbeiten daran, dass auch unser Team diverser wird – wir haben tatsächlich mit einem reinen Frauenteam gestartet, inzwischen sind auch Männer dabei. In einem kleinen Start-up ist es nicht immer möglich, das Team so aufzustocken. Wir sind dankbar für unsere diverse Community und bekommen hier immer wieder wertvolles Feedback.

Kann man Gitti bald auch in seinem Maniküre-Salon vorfinden? Könnt ihr euch auch vorstellen, die Drogerie unsicher zu machen? 

Ich kann so viel verraten, dass wir viele Anfragen erhalten. Aktuell liegt unser Fokus aber erstmal auf unserem eigenen Onlineshop, um der Nachfrage und unserer Community gerecht werden zu können. Für ein junges Unternehmen wie Gitti ist Fokus extrem wichtig – sonst verzettelt man sich zu schnell. Die Zukunft steht uns dann noch offen, so viel ist sicher: Wir haben große Pläne!

„Wenn alles drunter und drüber geht und man das Gefühl hat, wie soll das wohl gehen? Das sind meine liebsten Momente, dann bin ich im Jenni-Modus.“

Was würdest du im Rückblick sagen, war der wertvollste Tipp, den du bei der Gründung von Gitti bekommen hast?

Deine Vision immer vor Augen haben. Sie leitet dich auf dem Weg – wenn auch mal was nicht klappt, sorgt sie dafür, dass man schnell wieder aufsteht und weitermacht. Gitti ist mein Herzensthema, wir wollen was verändern. Wir wissen, dass wir am Anfang stehen und freuen uns über jeden Schritt, den wir machen.

Was war die wichtigste Erkenntnis, die du mit Gitti gewonnen hast?

Wenn man etwas macht, von dem man wirklich überzeugt ist und das jede Zelle des Körpers einnimmt, dann ergibt sich der Rest von selbst: Man zieht die richtigen Partner, das richtige Team und die richtige Community an – nur gemeinsam kann man was verändern.

Welches Beauty-Produkt hat noch Giftstoffe, von dem wir möglicherweise noch gar nichts ahnen und das Gitti revolutionieren könnte?

Uns beschäftigen Produkte, aber ganz klar auch das Thema Verpackung. Leider ist dort noch sehr viel zu tun in der Kosmetikindustrie. Mit Gitti ist unser Ziel – anhand der Wertschöpfungskette – jeden Schritt zu verbessern: Inhaltsstoffe, Packaging, Produktion. Wir arbeiten sehr intensiv an dem Thema und werden euch ganz bald mehr dazu erzählen können.

Wie ist es deinem Unternehmen in der Corona-Krise ergangen?

Herausfordernd für mein Unternehmen in der Krise waren: vor allem die Produktion und die Logistik, insbesondere, weil wir gerade ein neues Produkt gelauncht haben. Zum Glück haben wir aber professionelle Partner an unserer Seite, die sofort entsprechende Maßnahmen umgesetzt haben. Ansonsten sind wir glücklicherweise sehr gut ins Homeoffice gerutscht. Das liegt vor allem daran, dass wir auch schon vorher mit vielen digitalen Tools gearbeitet haben – diese Arbeitsweise zahlt sich jetzt aus. Einmal am Tag machen wir zudem einen Check-in mit allen 13 Mitarbeitern per Video Konferenz und abends einen Check-out. Der Vorteil? Wir sind sehr effizient und geben uns gegenseitig positive Energie, auch über die physische Distanz hinweg.

Was sind die Momente, in denen du deinen Job so richtig liebst – und was sind die Momente, in denen du ihn verfluchst?

Wenn alles drunter und drüber geht und man das Gefühl hat, wie soll das wohl gehen? Das sind meine liebsten Momente, dann bin ich im Jenni-Modus. Ich liebe Herausforderungen und diese zu lösen. Ich mache etwas von dem ich zutiefst überzeugt bin und daher gibt es keinen Moment, wo ich meine Job verfluche. Ich bin aber kein Fan von Ablage und schiebe solchen unangenehmen Arbeiten dann doch gerne vor mir her.

Das wahre Beauty-Verhör beginnt:

Was ist der häufigste Fehler, den man bei der Home-Maniküre macht?

Bei einer Maniküre mit Gitti sollte man die Farbe nicht dick auftragen. Unsere Produkte müssen ganz dünn aufgetragen werden und für den optimalen Halt und Glanz mit einer Schicht Topcoat versiegelt werden. Danach darf mindestens zwei Stunden kein heißes Wasser an die Nägel kommen – Händewaschen ist okay, aber besser mit kaltem Wasser.

Auf welches Tool kannst du bei der Maniküre nicht verzichten?

Neben Nagelfarbe bin ich ein riesiger Fan von Nagelpflege und benutze wöchentlich ein Serum, um meine Nägel zu pflegen – analog wie mein Gesichtsserum. Dazu ein Öl, um die empfindliche Nagelhaut mit Nährstoffen zu versorgen.

Sich jeden Tag mit Schönheit zu beschäftigen, ist das Fluch oder Segen?

Wir beschäftigen uns ja vor allem mit Nachhaltigkeit und das ist immer ein Segen.

Schönheit kommt ja bekanntlich auch von innen. Inwiefern ist da was dran und was tust du, um deine innere Schönheit zu boosten?

Es geht vor allem darum, im Einklang zu sein: mit sich selbst. Dann strahlt man von innen heraus, davon bin ich überzeugt. Dazu gehört auch Ruhe zu finden und abzuschalten in hektischen Momenten. Ich habe ja eine Ausbildung zur Yogalehrerin gemacht und mache viel Yoga, dazu meditiere ich jeden Morgen. Für mich spielt Ernährung auch eine sehr wichtige Rolle. Ich bin ein absoluter Veggie Fan: Brokkoli und Rote Beete sind meine absoluten Favoriten. Dazu trinke ich jeden morgen Zitronenwasser, das sorgt für einen guten Stoffwechsel.

„Wenn man bei sich ist und weiß, wer man wirklich ist – dann strahlt man von innen – da kann kein Glowing Serum mithalten ...“

Welches Thema wird in der Beauty-Branche noch viel zu selten behandelt?

Die Verpackung oder das Packaging. Da ist noch viel zu tun in Sachen Nachhaltigkeit.

Welches Beauty-Produkt hast du immer in deiner Handtasche?

Natürlich gitti, aber hauptsächlich um sofort zeigen zu können, was ich mache. 

Der wichtigste Beauty-Tipp, den du je bekommen hast?

Wenn man bei sich ist und weiß, wer man wirklich ist – dann strahlt man von innen – da kann kein Glowing Serum mithalten ...

Was ist totaler Irrglaube?

Dass Produkte auf natürlicher Basis keine Alternative sind und nicht funktionieren. Wir haben Kund*innen bei denen unsere Produkte viel besser funktionieren als ein herkömmlicher Nagellack. Es gibt so viele tolle Alternativen im Markt, teilweise fehlt aber das Wissen, das Bewusstsein und vor allem die Information. Bei uns kann man sich ab sofort schlaumachen: Wir haben ein Onlinemagazin gelauncht, das sich genau mit diesen Themen befasst: The Good Good.

Hand aufs Herz: Legst du auch bei Gesichtspflege und Make-up so viel Wert auf clean Inhaltsstoffe? Benutzt du nur Naturkosmetik?

Eine gute und wichtige Frage. Ich nutze tatsächlich sehr viel Naturkosmetik und achte auch auf die Verpackung, je nachhaltiger, desto besser. Das ist in der Beauty-Industrie immer ein großes Thema. Da ich sehr wenig Make-up nutze, tatsächlich so gut wie gar nichts außer Mascara und Lipgloss gibt es da eine sehr schöne Auswahl, zum Beispiel von Und Gretel und Kjaer Weis. Bei der Pflege schwöre ich auf Öle, die spenden Feuchtigkeit und beruhigen die Haut, zum Beispiel von Voyanics.

Was ist deiner Meinung nach das überhöhteste Produkt auf dem Markt?

Lippenstifte, die 24 Stunden halten sollen – ich frage mich immer, wer so lange die gleiche Farbe oder den gleichen Lippenstift  tragen will und welche Stoffe dort wohl enthalten sind, die das möglich machen.

Und was wird absolut zu Recht gehypt?

Hybrid Color Cosmetic, also Farbkosmetik mit Skincare Benefits. 

Wie sieht deine Beauty-Routine aus?

Ich liebe Körperpeelings und mache mir diese meistens selbst: mit Zucker und Kokosölen. Das regt meinen Kreislauf an und die Durchblutung. Ich reinige meine Haut mit unterschiedlichen Ölen: Double Cleansing und dazu benutze ich einen Jade Roller. Mein Lichtschutzfaktor ist immer 50, egal bei welchem Wetter ...

Wie viel Geld investierst du monatlich in dein Aussehen?

Früher bin ich sehr gerne shoppen gegangen und habe auch gerne etwas mehr Geld ausgegeben. Heute bin ich viel bewusster und konsumiere nachhaltiger. Ich finde es spannend, meine Beauty-Produkte selber zu machen und probiere da viel aus, zum Beispiel mit Kokosöl. Der tägliche Umgang mit der Beauty-Industrie durch die Reise mit Gitti hat mein Bewusstsein geschärft. Ich habe meine Essentials und die benutze ich.

Wie stehst du zu kleinen kosmetischen Eingriffen, z.B. Microblading, Botox oder Hyaluron?

Wer Freude daran hat, toll, ist aber nichts für mich.

Was ist deiner Meinung nach der nächste Beauty-Trend?

Wir werden noch mehr Multiuse-Produkte sehen und auch Refill-Reuse-Optionen für Key-Pieces wie zum Beispiel Lippenstifte sehen. Und ich glaube, es wird überall an nachhaltigem Packaging gearbeitet. Das ist noch einiges zu tun.

Was ist das unterschätzteste Beautybrand?

Ich bin ein großer Fan von French Girl – insbesondere dem Eye Serum.

Mit welchem Brand / Influencer / Magazin würdest du für dein Leben gerne mal zusammenarbeiten?

Mit Goop würde ich gerne eine Conscious Nail Polish Edition rausbringen. Das wäre ein Traum! 

Jennis Favoriten im Überblick:

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