Lisas Bali-Kolumne Teil 5 – Alltag leben lernen

Wie ist das, wenn man nach drei Wochen im frei gewählten Exil wieder in den Alltag entlassen wird? Lisa findet es gerade heraus

Hmm ... wo war ich stehen geblieben? Ich habe das Gefühl, dass die letzten vier Tage eigentlich vier Wochen im Schafspelz waren. Drei Wochen habe ich mich fast nicht vom Fleck bewegt, hatte einen festen Tagesablauf und immer die gleichen (tollen) Menschen um mich herum. Am Sonntag war der Zauber dann aber vorbei und das ging irgendwie schneller, als ein Mäuschen „piep“ sagen kann. Mein Kopf hat da meinen Körper tatsächlich noch nicht eingeholt.

Drei Wochen lang habe ich auf ein Ziel hingearbeitet und das wirklich mit Leib und Seele. Mehrere Stunden Yoga am Tag, dazwischen Philosophie, Alignment, Anatomie – und das alles auf Englisch. Es gab einige Tage, an denen mein Körper mir den Vogel gezeigt hat. Für die Abschlussprüfung habe ich über mehrere Tage meine Klasse vorbereitet, alles auswendig gelernt und geschaut, dass die Sequenzen aufeinander aufbauen, Sinn machen und musste gleichzeitig auch sicherstellen, dass mein Flow innovativ und persönlich ist. Was bei mir soviel hieß wie: 50 Minuten Powerflow und danach alle auf „Neverending Story“ von Limahl abhotten lassen. Ach, dazwischen noch business as usual und für die schriftliche Prüfung lernen. Ich sage nur: Ciao, das war ein Workload!

Am Abreisetag machte ich mich mit einigen aus unserer Yogagruppe in Herrgottsfrühe noch mal auf zum Vulkan Mount Batur, um den Sonnenaufgang anzuschauen. Für uns war das irgendwie der perfekte Abschluss, quasi die letzte zu besteigende Hürde nach diesen drei intensiven Wochen. Um zwei Uhr nachts ging es los und was soll ich sagen? Wir waren wirklich in allerbester Gesellschaft. Eine einzige Taschenlampenparade war das, die sich da mitten in der Nacht auf den erstaunlich beschwerlichen Aufstieg auf den 1700 Meter hohen Vulkan machte, um pünktlich um halb sechs Uhr morgens den Sonnenaufgang zu bestaunen. Der war unbezahlbar und man konnte sich die Menschenmassen ganz gut wegdenken. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, aber ich mache es nicht nochmal, das steht fest. Meine Knie waren nach drei Wochen Daueryoga und dem Auf- und Abstieg nämlich ganz schön im Eimer. Mit geschrotteten Gelenken begab ich mich also auf den zweiten Teil meines Bali-Abenteuers: das Reisen!

Am Sonntag ging es ein drittes Mal nach Ubud. Diesmal für eine Nacht und ich muss sagen, dass es mir diesmal ein klein wenig besser gefiel, als die beiden Male davor. Ich weiß nach wie vor nicht, was man mehr als zwei Tage am Stück in der Stadt anstellen möchte. Tatsächlich waren wir aber unheimlich gut Essen (La Pacha Mama!) und hatten eine super Nacht im Puri Garden Hotel & Hostel, das ich euch für eure Reise nach Bali sehr ans Herz legen kann. Ebenso deren Ableger Arya, das moderner und eher boutiquiger ist, bei dem aber leider kein Zimmer mehr frei war. Nach langem Überlegen habe ich mich spontan noch vor unserer Abreise nach Ubud gegen den Norden und für Uluwatu und Canggu als Ziele entschieden. Warum? Warum nicht? Den Norden erkunde ich einfach beim nächsten Bali-Besuch (na, Marie, wie wäre es mit ein wenig Workation??).

Vollgas Leben im Standgas

Canggu steht am Freitag an, wenn diese Kolumne bereits online ist. Für Uluwatu sammle ich fleißig Tipps und To-dos für euch. Drei Tage bin ich nun hier und musste feststellen: Wie anders man sich doch verhält, wenn man alleine unterwegs ist! Ich bin VIEL zurückhaltender. Nicht schüchtern oder ängstlich. Aber wer mich kennt, würde denken: Oha, Lisa hat den ersten Gang eingelegt ... oder eher das Standgas. Ich schaue alles in Ruhe an, wäge ab und bin lieber mit mir selbst unterwegs als in Gesellschaft. Mein persönliches Highlight ist der Fakt, dass ich mich alleine bei Linksverkehr mit einem Roller fortbewege, der, würde der Tacho funktionieren, sicherlich auf 70 Sachen kommt. Uluwatu ist das geheime Surferparadies von Bali und hat sich seine alternative Coolness noch bewahrt. Boutiquehotels sucht man hier (fast) vergeblich. Schicke Strandbars, wie es sie in Semiyak zu Hauf gibt, sind eher spärlich gesät. Und das ist genau mein Ding. Mein Hostel ist nicht der Rede wert, aber ich bin zufrieden und cruise nun schon seit drei Tagen durch den Ort und verfahre mich dabei am laufenden Band.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, als ich mit Rucksack und ohne Ansprüche durch Thailand oder Marokko gewurschtelt bin und, wenn ich das sagen darf, ich fühle mich jung. Ja, klingt schlimm, ist aber so. Der ganze Alltagskack, den man sich ja größtenteils selbst auflädt, ist hier einfach nicht existent. Es nervt einfach nichts und wenn ich es an einem Ort nicht mag? Ja, dann gehe ich einfach. Meine To-dos mit Beige erledige ich hingegen mit Gusto (wenn das Internet nicht gerade wieder die Hufe hochreißt). Das iPhone nutze ich dafür eher zur Orientierung denn zum Fotografieren und Whatsappen. Inzwischen schwitze ich auch einfach vor mich hin, dauernd sitzt eine Fliege auf mir und ich teile mit mein Zimmer mit mindestens einer Eidechse. Back to the roots, you guys! Man gewöhnt sich so schnell an das andere Leben hier.

My life is more than a beach

Ihr wisst aber auch: Ich bin keine Freundin von Larifari und ich könnte mich niemals im Easy Living verlieren, das hier viele führen. Als ich am Montag nach langem Suchen und Herumfahren endlich einen Strand gefunden hatte und da so in der Sonne schmorte, wurde mir erst klar, dass ich seit fast einem Monat hier bin und in dieser Zeit noch nicht einmal in der Nähe des Meeres war – und darüber nicht einen Gedanken verschwendet hatte. Mein life is more than a beach, da ist nämlich noch so viel mehr. Und was das ist, das finde ich hier noch weiters heraus und die große Herausforderung wird dann, dieses Gefundene mit meinem Berliner Leben zu verweben.

Die Yoga-Safeplace-Bubble hat mich wieder ausgespuckt und ich bin etwa mit dem Gedanken, einfach ein Bier zu trinken, wenn mir danach ist, noch leicht überfordert (Alkohol und Zigaretten waren natürlich verboten während der Yogalehrer-Ausbildung). Ich wäre sicherlich gutes Sektenmaterial. Das Rauchen habe ich indes komplett an den Nagel gehängt. Was neben diesem Laster ansonsten an der Garderobe baumelt? Zu viel auf die Meinung anderer geben. Meinen Wert an Besitz bemessen. Ich habe meine Süßigkeiten-Sucht besiegt und bin insgesamt einfach so viel positiver. Während unserer Abschiedsfeier habe ich anscheinend so viel gelacht, ich lag am Ende mit Kieferschmerzen im Bett. Sweet Pain nennt man das im Yoga. Der gute richtige Schmerz.

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