Wandern, Jause, Kaspressknödel – Unterwegs im Kaisertal in Tirol

Wir müssen das Wort „Aktivurlaub“ aus der Schmuddelecke holen!

Der Trick, das Beste aus der aktuellen Covid-19-Pandemie herauszuholen, lautet: Mindshifting. Wenn die Dinge so sind, wie sie nun mal sind und man sie nicht ändern kann, ist es nur vergeudete Energie, dagegen zu arbeiten. Was also tun? Damit arbeiten! Klar, Verreisen ist wieder (wenn auch im kleineren Umfang) möglich, aber ich verstehe jede*n, dem*der der Sinn gerade nicht nach Fliegen steht.

Unser Trip nach Tirol war somit eine Win-win-win-Situation. Warum? Wir sind nachhaltig mit dem Zug gereist, ich konnte meinen Freund endlich mal in Multifunktionshosen bestaunen und endlich wurde der lange auf der Bucket-List stehende Wanderurlaub in die Tat umgesetzt. Denn wenn ich ehrlich bin, waren die Strände dieser Welt in den vergangenen Jahren doch immer verlockender als vermeintlich unsexy Aktivurlaub vor der Haustür. Nun weiß ich aber: Aktivurlaub ist Beste! Wandern ist eine Droge für das Belohnungszentrum! Bergjause ist besser als jedes 5-Gänge-Menü! Um 22 Uhr Schlafengehen rockt!

Also, dann schnallt mal eure Wanderschuhe an, packt den Tagesrucksack und kommt mit mir in die österreichischen Berge!

© Sophie Kirchner

Look, mum: No Car!

Ich habe es nie angezweifelt, war aber dennoch überrascht, in welche Winkel Europas man es mit der Bahn schafft. Wir haben für eine Hochzeit einen Schlenker über meine Heimatstadt Mainz gemacht und sind von dort dann via München nach Salzburg gefahren. Mit viel Platz für ausgestreckte Beine und den schönsten Bergpanoramen inklusive. Was ich am Bahnfahren, so denn alles nach Plan läuft und Sitzplatzreservierung, Klimaanlage und sanitäre Anlagen auch funktionieren, am meisten mag: Man kann sich während der Fahrt die Beine vertreten, sich recken und strecken, lesen, ohne dass der Magen sich meldet und sich von der am Fenster vorbei jagenden Landschaft in den Schlaf lullen lassen.

Außerdem waren wir dieses Jahr so zeitig und top vorbereitet, dass wir sämtliche Strecken sehr früh gebucht haben einen Appel und ein Ei für die Strecken Berlin - Mainz - Salzburg - Prag - Berlin gezahlt haben. Der Umweg über Mainz war einer Hochzeit geschuldet und wir entspannten nämlich noch zwei Tage in Prag, bevor wir nach nach Berlin zurückkehrten.

Da wir mit Wiener Freund*innen verreisten, legten wir einige Zwischenstrecken zwar mit dem Auto zurück, insgesamt wäre der Urlaub aber auch komplett ohne PKW möglich gewesen. Übrigens: Die Bahn hat laut Umweltbundesamt mit 32 Gramm Treibhausgas-Emissionen pro Personenkilometer den Kopf weit vor Flugzeug (230 Gramm bei Inlandsflügen) und PKW (147 Gramm). Am Umwelt-effizientesten reist ihr allerdings mit Fernlinienbussen (29 Gramm) - dafür geht aber auch viel Komfort flöten.

Vom Salzburger Land ...

Die erste Station unseres Wandertrips war die (sehr) kleine Gemeinde Flachau. Der Ort liegt ganz kuschelig im Trogtal der obersten Enns (genau, das ist ein Fluss) und ist umgeben von saftig grünen Almen und reichlich Bergen. Die morgendliche Aussicht von unserer Terrasse hat mich schon ab dem ersten Tag so zur Ruhe kommen lassen, als hätte ich der Großstadt bereits seit einem Monat den Rücken gekehrt.

Wir hatten dank unserer Österreich-Connection das Glück, bei Freunden unterzukommen, sodass ich keine konkreten Übernachtungstipps geben kann. Mit unter 1000 Einwohnern ist Flachau aber so übersichtlich, dass ihr eure Suchmaschinen sicherlich nicht lange strapazieren müsst. Im Winter lohnt sich ein Besuch auch, denn die Gemeinde ist Teil des Skiverbund Ski amadé, einem der größten Skigebiete Österreichs. Im Sommer könnt ihr hier Wandern, Radfahren, Reiten, Kajaken, Klettern ... ach, alles. Wir haben es solide gehalten und sind beim Wandern geblieben. Je nach Schwierigkeitsgrad und Höhenmeter ist das erstaunlich fordernd und die wandernde Generation 50+ hat sich für immer meinen tiefsten Respekt abgeholt. Nie zuvor war ich so glücklich darüber, mit dem Rauchen aufgehört zu haben, wie während dieses Urlaubs. Zwischenzeitlich habe ich sogar meine Eitelkeit verflucht, denn ich war mir zu cool für Wanderstöcke. Meine Knie sind noch heute leicht beleidigt mit mir.

Zwei Wanderungen haben wir bei Flachau absolviert. Einmal den super gemütlichen und ein bisschen kitschigen Weg der guten Wünsche. Am Wegesrand finden sich immer wieder kleine Sprüche und Wünsche, mal mit Aufforderung zum Zeitnehmen und Anhalten, mal kleine Denkanstöße. Die ein oder andere Inspiration für das nächste Wandtattoo ist in jedem Fall dabei. Aber Spaß beiseite: Kitsch kann ja auch ganz lieb sein und man wandert hier in ca. drei bis vier Stunden eine schöne und anfängerfreundliche Route von 7 km Länge und etwa 400 Höhenmetern ab. Durch Wald, Wiesen und mit einem Radler-Stopp im urigen Sattelbauer.

Am nächsten Tag wurde es direkt alpin aka steil! Die Route vom Zauchensee auf den Großen Bergstaffl startet entspannt und führt durch wunderschönen Almboden mit tausenden tollen Pflanzen und Blumen, deren Namen ich mir leider nicht merken konnte. Man hat das Ziel immer vor Augen. Heißt: Man sieht den unglaublich hohen Berg, den man erklimmen muss. Die Wanderung ist zwar „nur“ 6 km lang, hat aber rund 700 Höhenmeter und ist zu großen Teilen alpin. Also teilweise weglose Routen, die nicht gewartet, aber an gefährlichen Stellen gesichert sind. Ausrüstung ist nicht notwendig, aber ihr solltet trittfest sein, das richtige Schuhwerk tragen und ggf. schwindelfrei sein. Die Belohnung? Ins Gipfelbuch eintragen, die unfassbare Aussicht genießen und stolz darauf sein, dass man es wirklich den ganzen Weg bis hier hoch geschafft hat (sieht von oben direkt noch eindrucksvoller aus). Anstatt den gleichen Weg wieder hinabzusteigen, solltet ihr über den Gipfel in südwestlicher Richtung die Hafeichtscharte hinuntersteigen und in der Scharfetthütte richtig Jause machen. Das dauert noch mal etwa eine halbe Stunde bis 45 Minuten, je nach Kondition. Dafür werdet ihr mit einem ordentlichen Hüttenbrunch und einer tollen Aussicht auf die Almen belohnt. Zurück zum Zauchensee? Kommt ihr via Kaltenstein Hafeichtalmweg Richtung Tauern Autobahn, wo ihr einfach in den Salzburger Sportwelt-Bus steigt. Die Fahrt kostet nur Einen Euro und bringt euch einmal um den Berg wieder an euren Startpunkt.

... nach Tirol!

Nach zwei Tagen ging es dann zum nächsten und längsten Stopp unseres Urlaubs: Ebbs in Tirol. Genauer gesagt mitten in das beeindruckende Kaisergebirge. Hier kann man von einem festen Standort auf Tagestouren gehen oder (und das ist mein Plan für das nächste Mal!) mit leichtem Gepäck von Gipfelhütte zu Gipfelhütte im Rundweg wandern und jeweils nur eine Nacht am gleichen Ort bleiben. Übrigens ist es mit dem Zug von München nur eine Stunde bis nach Kufstein, von hier kommt ihr in einer Viertelstunde nach Ebbs. Easy!

Wir sind im Bergkhof abgestiegen, den ich leider absolut nicht empfehlen kann. Zwar ist der Hof perfekt gelegen und das Haus ist schön erhalten und es fehlt im Prinzip an nichts. Aber die Gastgeber waren ab Tag eins so unmöglich und unhöflich, dass wir den Kontakt auf dem absoluten Minimum gehalten haben. Empfehlenswert sind aber der Pfandlhof direkt nebenan und das wunderschöne Hans Berger Haus. Eine List aller gastgebenden Häuser im Kaisertal findet ihr hier. Nun zum erfreulichen Teil des Urlaubs: Dem Wandern!

Das geht im Kaisertal nämlich sowas von gut. Von Anfänger*in bis Spider Man (oder Woman) gibt es hier vom gemütlich Almspaziergang bis zum alpinen Klettersteig alles, was die eigene Fitness und Höhenangst zulässt.

Berge, Berge, Berge!

Das Kaisertal bietet über zehn Gipfel, die man von jedem Startpunkt aus gut erwandern kann. Pluspunkt sind die herrlichen Namen der Berggipfel, die sich so wunderbar in jedes Wandergespräch einbauen lassen. Demo gefällig? Vom Kaisertal sind wir, vorbei am Hinterbärenbad, hinaufgestiegen bis zum Stripsenjoch und weiter über den Klettersteig zum Hundskopf. Belohnt wird man mit einem einmaligen Blick ins Tal und auf südöstlich gelegenen Fleischbankwände. Herrlich klingt das und herrlich war das!

Die Dauer der Aufstiege variiert zwischen unter zwei bis zu neun Stunden mit Auf- und Abstieg. Genügend Wanderrouten sind ebenfalls für Kinder geeignet, sogar Hunde sind erlaubt. Es spricht also nichts gegen einen Familienwanderurlaub, auch die Gasthäuser sind ausnahmslos alle auf Familien eingerichtet.

Unsere Routen durch das Kaisertal

In den insgesamt fünf Tagen, die wir im Kaisertal verbracht haben, haben wir ganze fünf Gipfel abgewandert. Mit der Tour Naunspitze - Pyramidenspitze - Petersköpfl haben wir uns schon direkt am ersten Tag die volle Packung gegeben und waren rund sieben Stunden unterwegs für eine Strecke von zirka 25 km. Doch der Ausblick belohnt für die Strapazen allemal. Von der Naunspitze blickt man hinunter ins Tal bis über Kufstein nach Deutschland. Auf der Pyramidenspitze gibt es den Panoramablick über das Gebirge des Zahmen Kaiser. Wir genehmigten uns einen Nussschnaps am Gipfel. Tipp: Mit den anderen Gipfelbezwinger*innen teilen (unter Corona Schutzmaßnahmen natürlich), um noch einige Geheimtipps abzustauben!

Der Aufstieg auf den Stripsenjoch fängt als nette Waldwanderung an und steigert sich immer mehr, bis die Kondition schließlich ordentlich gefordert wird, denn auf den letzten Metern Richtung Jause im Stripsenjochhaus heißt es: Stufensteigen! Bestes Glute-Workout und top Basis für Kaspressknödel. Wer sich traut, wandert weiter auf den Hundskopf, zu dem nur ein Klettersteig führt. Für mich in Sachen Mut auf jeden Fall das Ende der Fahnenstange. Mal sehen, ob ich mich eim nächsten Wandertrip noch weiter wage.

Meine 8 (Anfänger-)Tipps für den Wanderurlaub!

1. Die Wanderschuhe: Kümmert euch zeitig!

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die richtigen Wanderschuhe das A und O sind. Ansonsten kann es nach der ersten Wanderung schon heißen: Hallo, Blasen. Ciao, Schmerzen. Auf Wiedersehen, Wandern.

Am besten, ihr lasst euch beraten und das auch früh genug. Es ist nämlich sinnvoll, die neuen Wanderschuhe bereits einige Wochen vor dem geplanten Urlaub einzureiten. Für richtige Bergtouren empfehlen sich für Anfänger*innen knöchelhohe Schuhe, um die Verletzungsgefahr gering zu halten. Außerdem hat man wirklich besseren Halt. Oh und: Bitte Wandersocken kaufen!

2. Don't be like Lisa: Zieht Wanderstöcke in Betracht

Ich wollte nicht aussehen, wie eine Nordic Walking Mum und habe mich deswegen dem Thema Wanderstöcke verweigert. Eine unkluge Entscheidung. Denn die Dinger sehen gar nicht so uncool aus. Außerdem bekommt man beim Wandern gerne mal dicke Hände (und das hat mit dem angekurbelten Kreislauf zu tun, nicht mit dem Alter) und Stöcke können hier vorbeugen. Und zu guter Letzt entlastet ihr eure Knie beim Abstieg. Drei gute Gründe, hm?

3. Nehmt immer genug zu Trinken und einen Snack mit

Dazu direkt der Tipp, dass ihr, wann immer es möglich ist, eure Flasche auffüllt. Sei es an einem Bach oder bei einer Berghütte. Die nächste Trockenstrecke kommt garantiert und wenn die Sonne scheint und man vier Stunden durch unwegsames Gelände klettert, meldet sich der Durst auf jeden Fall. Am besten sind 1-Liter-Flaschen. Als Snack hatten wir Bananen und Cliff-Bars mit. Beides hat viel Energie und hilft locker auch über größere Zuckertiefs hinweg.

4. Packt ein Wechselshirt ein und zwiebelt

Ihr werdet schwitzen, komme was wolle und es ist sehr gut möglich, dass es oben am Berg so frisch ist, dass ihr wirklich anfangt zu frieren. Packt daher immer ein Wechselshirt für den Abstieg ein. Ansonsten achtet darauf, keine Baumwollstoffe, sondern Sportstoffe zu tragen und zwiebelt, sodass ihr je nach Wetterlage Kleidung ablegen oder anziehen könnt. Wichtig: Regenjacke! Das Wetter kann von einer auf die andere Minute umschlagen.

5. Sowieso: Legt euch einen guten Tagesrucksack zu

Idealerweise passt hier alles rein und er hat noch einen Hüftgurt, um die Schultern zu entlasten. Größenmäßig sind wir zu zweit mit 20 Liter gut gefahren. 25 sind auch super. Am Anfang ist er immer schwerer, aber je mehr ihr trinkt und esst, umso leichter wird er.

6. Seid realistisch und schätzt euch realistisch ein

Wandern klingt gemütlich, aber je nach Route und Bergbeschaffenheit wurde es bei uns mitunter richtig steil und nicht nur einmal musste ich schlucken und meinen Mut zusammennehmen. Wenn ihr Panik bekommt, wenn neben euch der Berg fast 1000 Meter abfallt, dann geht die Strecke nicht. Gleiches gilt für alpine Strecken mit Kletterpartien usw. Schätzt eure Fitness und eure Ängste richtig ein und macht im Zweifel lieber einen Rückzieher.

7. Benehmts euch, bitte

Eigentlich klar, aber: Respektiert die Natur, weicht nicht vom Weg ab (nicht nur wegen eurer Sicherheit, sondern auch, um Naturschutzgebiete nicht zu stören), nehmt euren Abfall mit und sammelt Abfall, den ihr seht, auf. Laute Musik ist ebenfalls nicht angesagt. Und, und das wird für alle Berliner*innen unter euch Neuland sein: Man grüßt sich. Mit einem herzlichen Griaß euch oder Griaß dich.

8. Safety First!

Teilt eure Route mit mindestens einem Notfallkontakt und habt euer Handy dabei. Man hat zumindest in Österreich eigentlich immer ganz guten Empfang.

Die Beige Map mit allen Gipfeln und Hütten zum Herunterladen

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