CO2-frei durch Europa

Meine klimafreundliche Eurotrip Extravaganza

Mit großem Getöse verabschiedet sich das Jahr 2019 in die Abgründe der grotesken politischen Belanglosigkeit. Schlecht gelaunt fahren die Menschen in ihren SUVs durch die absoluten Halteverbotszonen Berlins und auf Facebook wirken die Postillon-Artikel wie Hintergrundinformationen zur Tagesschau. Klimakrise, Mobilitätschaos, unfähige Politiker*innen – leider kein Scherz, leider gar nicht.

Und ich bin an dieser Misere nicht ganz unschuldig, stellte ich nach einer Analyse meines eigenen Lifestyles fest, der dem von Kim Kardashian in keinster Weise nachsteht. Genau wie die Königin der nichtssagenden Hyper-Prominenz pflege auch ich mein Gesicht ausschließlich mit importierter Schafsplazenta, bereise täglich einen neuen Kontinent und tue beides exklusiv in meinem Privatjet. Doch damit ist jetzt Schluss! Um einen persönlichen Beitrag zu leisten, dass die Welt bis zu meiner Midlife-Crisis noch nicht vollends untergegangen ist, entschloss ich mich dazu, meinen diesjährigen Urlaub ausschließlich mit dem Zug zu organisieren. Und so stiegen mein Boo und ich vor einigen Wochen in Berlin in die Bahn und erkundeten Westeuropa ausschließlich mit diesem Verkehrsmittel. Ja, ganz CO2-frei ist das nicht, aber ohne Clickbait kann ich den Klimawandel nun mal auch nicht stoppen. Hier ist also mein Reisebericht zu drei Wochen Europa mit dem Zug. Holland, Frankreich, Spanien, Portugal und ich. Mit trekking-rucksack-induzierter Ästhetik-Krise.

Planung is everything

Tut, tut, hier kommt die Orga-Maus. Trotz einschlägiger Office-Experience in jungen Jahren hasse ich es, Termine und Fahrten zu koordinieren. Obwohl ich laut meines Lebenslaufs natürlich eine ganz wunderbare Gabe hierfür in die Wiege gelegt bekommen habe. Trotzdem muss es sein, auch, wenn man mit Interrail reist. Über Interrail bucht ihr Pakete, mit denen ihr z.B. 7 oder 14 Tage mit dem Zug fahren könnt, wo immer ihr in Europa hin wollt. Und das ist extrem günstig: Ich zahlte für 11 Reisetage gerade einmal 230€. Leider Gottes machten mir die Zuggesellschaften in Frankreich und Spanien dennoch einen Strich durch die Rechnung, einfach spontan fahren zu können. Denn in beiden Ländern braucht man kostenpflichtige Reservierungen, um überhaupt in den Zug einsteigen zu dürfen.

Insbesondere sollte man in Frankreich für den TGV-Hochgeschwindigkeitszug auf jeden Fall im Voraus reservieren. Der Té-Gé-Vé (das ist Französisch) wird in la France zwar hochgehalten, ist letzten Endes jedoch nur eine in die Jahre gekommene Version des ICEs. Wer hätte gedacht, dass man mal stolz auf die Deutsche Bahn sein würde? Anyway, fein säuberlich plante ich meine Stationen für die Reise – Amsterdam, Paris, Bordeaux, Biarritz, Bilbao, Madrid, Porto und Lissabon. Alles mehr oder weniger schnell zu erreichen aber in jedem Fall spart man sich Stunden um Stunden in Boarding-Schlangen und Taxfree-Shops am Flughafen.

Weil du es dir wert bist: Kauf keinen Trekking-Rucksack

Tja, was nimmt man mit auf so eine Reise, wenn man nicht fliegt? Über 23 Kilo Kleidung auf jeden Fall, Wasserflaschen mit Wasser darin, dazu etwas weniger Todesangst. I like. Obwohl klar war, dass wir uns ausschließlich in europäischen Metropolen aufhalten würden, überzeugte mich mein Freund, ich müsse unbedingt einen patenten Trekking-Rucksack anschaffen…

… Wo fange ich mit meiner Beschwerde an? Gibt es Labels, die weniger scheußliche solche Rucksäcke herstellen? Gibt es in diesem Segment andere Farben als altes Aubergine, quälendes Khaki oder welkes Weinrot zur Auswahl? Tell me where. Ich entschied mich nach erfolgloser Suche und einem traumatisierenden Besuch im Karstadt Sport am Kudamm für ein Modell von North Face. War dies die ultimative Wahl? Keine Ahnung. War es weniger hässlich als die Modelle, die ich sonst gesehen hatte? Ich weiß es nicht. Hatte ich keinen Nerv mehr, mich in Geschäften mit aktiven Outdoor-Menschen darin aufzuhalten? Gekauft.

Mal im Ernst: Wenn eh klar ist, dass ihr nicht gerade spirituelle Erleuchtungen in Regenwaldgebieten heraufbeschwören werdet, reist doch einfach mit einem Koffer. Man kann ihn schieben. Man muss ihn nicht tragen. Er ruiniert nicht jedes Outfit. Der Koffer-Gerät kann sogar hübsch aussehen!

Essen gehen in Europa - Ist Hühnchen vegetarisch?

Als langjähriger Berliner Vegetarier hatte ich meinen Bezug zur Realität mal wieder vollends verloren: Nicht jedes Restaurant auf der Welt hat eine vegetarische, vegane, gluten- und antibiotikafreie Option im Angebot. Nicht überall treffen warme helle Farbkombinationen auf in die Jahre gekommenes Holzmobiliar und freche eingerahmte Sprüche an den Wänden. Zum Wohlfühlen. Nein, nein, in anderen Ländern ist Fleisch in praktisch jedem Gericht enthalten. Wie man ja mittlerweile weiß, ist die Fleischproduktion eine der Hauptursachen für den Klimawandel. Deshalb ist es überall ratsam, auf Fleischprodukte zu verzichten und somit ein Mindestmaß an Klimabeitrag zu leisten.

Mithilfe von Google Maps gelang es mir in den meisten Städten, ein paar Veggie-Restaurants ausfindig zu machen und sogar ein paar nachhaltige Stores zum Shoppen. Wenngleich die Küche im Westen und Süden von Europa tausendmal geiler ist als hierzulande, muss man leider sagen, dass Berlin die Nummer eins in Sachen nachhaltige Küche bleibt. Habe ich in den drei Wochen ein-, zweimal ein Stückchen Fleisch zu mir genommen? Möglicherweise. Hat es mir geschmeckt? Vielleicht. Waren die gut aussehenden, gut gekleideten, schönen, charmanten, permanent rauchenden Franzosen schuld? Mais oui! Trotzdem habe ich nach Ankunft in Berlin wieder auf meine übliche Cuisine végétarienne umjestellt.

Reist in Europa, gönnt euch einmal im Leben Kultur

Woher kam eigentlich der Trend, viermal im Jahr nach Bali, Ko Samui und die Seychellen reisen zu müssen? Die günstigen Flüge? Das geile Wetter? Aber vor allem doch unsere kollektive Obsession damit, „well-travelled“ und „worldly“ ins Tinder-Profil schreiben zu können. Nachdenkliche Selfies am Strand, ins weite Meer hinaus starrend, sind auch innerhalb unserer umliegenden Zeitzonen möglich.

Langflugstrecken sind zum guten Ton der gut bezahlten Bevölkerung geworden, die tollen Destinationen um uns herum vergessen wir dabei völlig. Daher plädiere ich für eine intensivere Auseinandersetzung mit dem europäischen Ausland, das neben schönen Panorama-Stränden auch Unmengen an Bars, Restaurants, Clubs, Museen und Englischgrundkenntnissen zu bieten hat. Keine 26 Stunden Reisezeit, deutlich weniger CO2-Abdruck, dazu adrette Menschen. Ich finde das gut.

Ich bin das Role Model dieser Generation

Wie ihr sicher gemerkt habt, habe ich mir meinen Status als CO2-Mutter-Theresa 2019 durch harte Arbeit und eine lupenreine Moral mehr als verdient. Mein Frust über die Untätigkeit unserer Abgeordneten zu relevanten Klimathemen hat mich dazu bewegt, auch meinen Lebensstil ein bisschen ökologisch verträglicher zu gestalten. Das günstige Flugticket mal sausen zu lassen und stattdessen den Zug zu nehmen, kann ich anhand meiner Erfahrung wärmstens empfehlen. Weniger anstehen, tausendmal mehr Komfort während der Reise sowie ein etwas würdevollerer Tod im Falle eines Unfalls wiegen für mich die etwas längere Fahrtzeit mehr als auf. Wer den eigenen CO2-Abdruck reduzieren möchte, nimmt im nächsten Urlaub also ebenfalls den Zug, kauft während des Trips weniger Fast Fashion und ernährt sich vegetarisch oder vegan. Zumindest halbwegs. Denn nach meiner Auffassung ist der neue fancy Lifestyle nicht mehr die notorische Welterkundung á Christopher Columbus, sondern ein bemühtes nachhaltiges Bewusstsein auf dem vielseitigen Kontinent Europa.

Bon Voyage!

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