USA-Reisetagebuch Teil VII: Death Valley und Yosemite

Kontrastreicher kann Natur fast nicht sein. Und das alles in Kalifornien.

Nach drei Tagen Las Vegas waren wir bereit weiterzuziehen. Das helle Klingeln der Automaten, ständige Musikbeschallung auf der Straße, immer und überall das schrille Gelächter von betrunkenen Touristen. Die Natur hat uns in den letzten Wochen, so klischeehaft es klingen mag, gelehrt, Stille zu genießen. Ehrlich gesagt hatten wir weniger Punkte auf unserer To-do-Liste in Nevada als in allen anderen Staaten. Das Ziel vor Augen fuhren wir also aus unserer persönlichen Horrorstadt, die die nordamerikanische Kultur auf so kleinem Raum auf den Punkt bringt wie sonst nichts, hinaus. Schwer ist das nicht, schließlich ist nach dem Verlassen des berühmten Strips nichts mehr da, außer Malls und ein paar Tankstellen. 

Art déco beim Hoover Dam

Gar nicht weit entfernt ist ein weiteres berühmtes Wahrzeichen der USA: der Hoover Dam. Erbaut zwischen 1931 und 1935 dient der Staudamm vor allem zur kontrollierten Wasserabgabe an die Staaten Arizona, Nevada und Kalifornien und hält so Hochwasser und Dürreperioden unter Kontrolle. Der Nachteil an der ganzen Sache: Hochwasser haben auch in der Natur einen Sinn und Zweck, nämlich das Aufräumen des Flussbetts. Durch ihr Fehlen ändert sich das Milieu des Colorado Rivers, Arten sterben aus. Künstliche Hochwasser müssen erzeugt werden. Ein weiterer Zweck des Staudamms: Energiegewinnung. Infos hin oder her, den Hoover Dam kennt zumindest jeder aus „Transformers“ und „James Bond“. Mit Höhenangst ist so ein Staudamm dann auch gleich doppelt so aufregend: Es beeindruckt mich immer wieder, was Menschenhände so erbauen können und wie sie damit Einfluss auf die Natur in der Umgebung nehmen und diese komplett verändern. Gleichzeitig konnte ich das Bauwerk aber nicht so richtig genießen, dafür ist es dann doch viel zu schmal und zu hoch, die Angst begleitete mich auf jedem Schritt. Für kurze Ablenkung sorgten jedoch die architektonischen Highlights im Art-déco-Stil. Bis auf die Mid-Century-Bauten in Palm Springs hatten wir auf der Reise ja viel mehr Natur als Design im Fokus. Fahrstuhltüren in Gold, verschnörkelte Schriften im Stil der 20er-Jahre und für meinen Freund ein weiteres Highlight: ein frei stehendes Pissoir. Amerika überrascht einen doch immer wieder! Für genauso viel Begeisterung auf der männlichen Seite sorgte zudem ein weiteres Gebäude: das Parkhaus. In den Fels geschlagen und aus rot eingefärbten Beton gegossen, verbrachten wir dort mindestens genauso viel Zeit wie auf dem Staudamm. Gut, jedem das Seine, ich renne in jeden Giftshop in der Hoffnung auf ein stilvolles Mitbringsel – sehr erfolgreich bin ich also nicht, wie ihr euch vorstellen könnt – und so muss man den Architekt halt manchmal Architekt sein lassen, auch wenn das bedeutet, dass man eine halbe Stunde in einem Parkhaus rumsteht. 

Die sieben magischen Berge

Als Nervennahrung gab es für mich dann noch ein Eis und schon ging es weiter in Richtung Kalifornien. Einen Halt machten wir in Nevada aber noch und diesen hatten wir Instagram zu verdanken. Übrigens wie viele andere Tipps, die ich vor der Reise durch intensive Scroll-Recherche gefunden hatte. Die Seven Magic Mountains sind ein Kunstprojekt von Ugo Rondinone, einem Schweizer Künstler, der in Harlem lebt. Beim Ankommen dann aber die (vorhersehbare) Enttäuschung, denn was auf Social Media gehypt wird, kann leider kein Geheimtipp mehr sein. Aus der Ferne waren die knallbunten Steinberge nicht zu übersehen, aber genauso wenig die mehreren Hundert Touristen, die sich an den Füßen dieser tummelten – schöne Fotos zu machen war quasi unmöglich. Nachdem dann noch zwei Schulbusse anhielten und zu den Touristen zehn Schulklassen dazukamen, reicht es uns. Schnell weg! 

Keine halbe Stunde später waren wir auf einmal allein. Und auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht. Wieder einmal wurden wir überrascht, denn mitten im Nirgendwo, in einer kleinen Stadt namens Pahrump, hinter den Mauern einer Motelkette, wartete einer der schönsten Sonnenuntergänge unter Palmen, den wir auf der ganzen Reise sahen. Dazu verbrachten wir die Nacht mit Spagetti im hauseigenen Restaurant und lauschten dem Plätschern des Whirlpools. 

Das Tal des Todes

Am nächsten Morgen brachen wir dann ins Death Valley auf, dem trockensten Nationalpark der gesamten USA in der Mojave Wüste. Am Morgen hatte ich mir noch nichts bei dem Namen des Tals gedacht, aber schon bei Einfahrt in den Park wurde dann klar: das Tal des Todes wird seinem Namen gerecht. Nichts als Wüste, unfassbare Hitze, kein Schatten, keine Pflanzen. Danke, Fortschritt, für das Auto, mit dem Pferd hätte ich hier wirklich nicht durchreiten wollen – nur mit dem größten Sombrero der Welt und einem Wassertank auf dem Karren. Obwohl das Death Valley nur wenige hundert Kilometer vom Pazifischen Ozean entfernt liegt, ist es eine der trockensten Gegenden auf der gesamten Erde – und einer der heißesten Orte, es werden gut und gerne mal 56 Grad. 

Im Hochsommer das Tal des Todes zu besichtigen, ist deswegen vielleicht nicht die beste Idee, wir hatten mit Mitte 30 Grad aber einen angenehm „kühlen“ Tag erwischt. Auch wenn mir das zwischendurch, als der Schweiß in meinen Augen brannte und die Stirn herunterlief, nicht so vorkam. Besonders heiß war es im Badwater Basin, dem tiefsten Punkt der USA mit einer Höhe von 85,5 Metern unter dem Meeresspiegel. Das resultiert in einer Salzwüste mit wunderschönen sechseckigen Strukturen auf dem Boden, vor 3000 Jahren ein tiefer See. Ein unwirklicher Ort, weil man sich fühlt wie auf einer Schneepiste, gleichzeitig aber in Shorts und T-Shirt in unfassbarer Hitze und seinem eigenen Schweiß steht. Solltet ihr nach diesem Reisebericht einmal dort sein, dann packt auf jeden Fall genug Wasser, eine Kopfbedeckung, Sonnenbrille und dünne, luftige Kleidung ein. Gerade nach einem Hut habe ich mich auf dem rund 20 Minuten langen Spaziergang in die Wüste sehr gesehnt, ein halber Wasserkanister war nach dem Ausflug leer, die T-Shirts mussten danach aufgrund von Nässe gewechselt werden. 

Nach diesem Ausflug an den trockensten Ort Amerikas sehnten wir uns nach einer Oase. Einem Ort, der vor Leben grünt, an dem Wasser fließt und es Schatten gibt. Und schneller als wir dachten, waren wir dann da. Denn mitten im Death Valley steht das Luxusresort The Oasis, ein Hotel, in dem ich auf jeden Fall beim nächsten Besuch nächtigen möchte. Bei frischem Salat und einer großen Cola sieht das Leben im Tal des Todes dann auch gar nicht mehr so tödlich aus. 

Danach erwartete uns der zweite schönste Sonnenuntergang auf unserer ganzen Reise. Der zartrosa Himmel brachte uns dazu, schnell am Straßenrand zu parken und dann wird aus Rosa ganz allmählich Koralle, Knallpink, Lila und Schwarz.

Bärenstark im Yosemite Nationalpark

Das darauffolgende Motel erfüllte dann allerdings wieder alle Klischees. Unter geblümter Tagesdecke lässt es sich anscheinend am besten schlafen, Heizung halten die Kalifornier für überflüssig, obwohl es nachts auch kalt wird – und wir dementsprechend immer in Sweatshirts und Jogginghose schliefen. Vielleicht ist das aber auch nur die Vorbereitung auf das, was uns am nächsten Tag erwartete: der Yosemite Nationalpark, bei dem spätestens jeder Apple Besitzer seit der Benennung des Betriebssystems weiß, wie man ihn richtig ausspricht. Nicht „Josemeite“, sondern „Jossemitii“, klar? Der Nationalpark liegt 300 Kilometer östlich von San Francisco und ist der Ort, den ich auf unserer gesamten Reise am meisten fürchtete. Schuld daran ist mein Freund und seine Recherche.

Eines Abends schaue ich schon einmal vorausschauend nach Unterkünften im Nationalpark – und davon gibt es viele. So kann man zum Beispiel in einem bereitgestellten Zelt schlafen oder auch in kleinen Hütten inmitten des Parks. „Ich zelte da auf keinen Fall, da gibt es Bären“, ist dann der Satz meines Freundes, der alles verändert. „Kein Essen im Park, alle Beautyprodukte solle man in geruchssicheren Behältern aufbewahren, sonst schlagen die Bären einfach die Scheiben des Wagens ein.“ Super, dachte ich mir, genau meins. Ich stellte mir vor, wie der Bär und ich mich um meine neuen Glossier-Produkte streiten. Der Highlighter in Quartz steht ihm bestimmt gut. Zu meiner Beruhigung las ich mir davor noch schnell den Artikel „Die zehn tödlichsten Unfälle im Yosemite Nationalpark“ durch und fragte dann noch einmal nach: „Wie gerne möchtest du da hin?“ Der Blick auf meine Frage sagte allerdings alles. Mist, ich komme da nicht drum herum. Und so schmissen wir am Morgen all unser Essen weg, ich versuchte meine Beauty-Produkte unter einer Horde Kaschmirpullover zu verstecken, zog meine Sportleggings unter meine gefütterte Jogginghose, setzte meine Mütze auf und schlüpfte in meine (mittlerweile) heiß geliebte Outdoor Jacke – auf in den Tod im Yosemite Nationalpark! Kleiner Tipp: Schaut davor nicht „The Revenant“ mit Leonardo DiCaprio. Der Film schürt nicht unbedingt die Liebe zu Bären, die Bilder wollten mich bei der Einfahrt in den Park einfach nicht loslassen. 

Ein kurzer Blick in die Infobroschüre, die mir der Parkranger in die Hand drückte, ließ mich jedoch aufatmen: die Bären gehen langsam in den Winterschlaf und sind längst nicht so aktiv wie im Sommer. Die geruchsdichten Boxen brauch man nur beim Camping im Tal, bei der Durchfahrt sind sie überflüssig. Als wir beschlossen unsere Mittagspause draußen an einem wunderschönen Bergsee zu machen, verschlang ich aus Angst vor einer hungrigen Bärenmama mein Sandwich aber doch in Eileswinde. Man muss ja kein Risiko eingehen, oder?

Ansonsten bekam ich als Autofahrerin tatsächlich weniger vom Park mit als mein Freund, der als Beifahrer die hohen Berge, tiefen Schluchten, Nadelwälder und Eisbäche ausgiebig bestaunen konnte. Ich genoß dafür die kurvenreiche Straße durch bunte Laubwälder, dabei hörten wir Indie Musik und mir fehlte nur noch das Holzfällerhemd zu meinem Glück. Besonders schön war dann die Einfahrt in das Yosemite Village, was unten im Tal gelegen ist und durch das wunderschöne Flüsse fließen und Wasserfälle strömen – die Pizza schmeckte vor dem Kamin mit Weihnachtsbaum besonders gut und ich bin im siebten Himmel: Ich habe den Yosemite Park überlebt – und das ohne Bärenangriff oder Sturz in die Tiefe. 

Gilmore-Girls-Feeling in Jamestown

Da ich mich aufgrund der risikoreichen Prognosen in Sachen Bärenangriff gegen eine Unterkunft im Nationalpark vehement wehrte, fuhren wir bei Dunkelheit aus dem Yosemite heraus und suchten uns in direkter Umgebung auf halbem Weg nach San Francisco ein schönes Hotel – die beste Entscheidung, wie sich im Nachhinein herausstellt. Denn wir landeten in Jamestown, einer kleinen historischen Stadt in Kalifornien. Und weil ich nach all den Motels keine Lust mehr auf eine Kette hatte, suchte ich uns ein kleines, schnuckeliges Hotel raus – und so landeten wir zufällig im 1859 Historic National Hotel von Jamestown, einem der ältesten der Stadt mit Originaleinrichtung. Was das im Klartext heißt? Es gibt einen Hausgeist, über dem Lichtschalter wird aufgeklärt, dass Elektrizität nicht der Gesundheit schadet und das Klo wird mit Holzspülkasten betrieben. Dass wir eine Nacht vor Halloween genau dort verbringen, ich hätte es mir nicht schöner vorstellen können, denn all die Geschichten und Mythen, die sich um das Hotel ranken, jagten mir kalte Schauer über den Rücken – und natürlich ließ ich es mir nicht nehmen und badete in der einzigen Badewanne im ganzen Hotel, die sich alle Gäste teilen müssen. Danach wärmte mich die rote altmodische Heizlampe im Badezimmer und ich ließ mich selig in das Federbett fallen und träumte von unerfüllten Liebesgeschichten, Gespenstern und früheren Zeiten. 

Und am nächsten Morgen erwachte ich nicht von diesem Traum, denn Jamestown ist das schönste kleine Städtchen, das ich auf unserer Reise kennenlerne. Dass es bestimmt als Vorlage für die Gilmore Girls, inklusive Lebensmittelladen, Stadt-Pavillon und kleinen Häusern mit Veranda und Vorgarten, gedient hat, verstärkt diesen Effekt um ein Vielfaches. Ich wäre am liebsten gar nicht mehr gegangen.

Doch die große Stadt (mit großer Brücke) ruft …

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