„Dieses 'Never Not Working' ist furchtbar!“ – Ein Gespräch mit Eike König

Wir haben den Künstler und Grafiker in seinem Hort in Berlin-Kreuzberg besucht ... und gefilmt.

Wer den Weg durch den dunklen und verwinkelten Kreuzberger Hinterhof und das kahle, schmucklose Treppenhaus hinauf in den zweiten Stock findet, steht plötzlich vor einer roten Tür, auf der scheinbar zufällig angeordnete Buchstaben das Wort „HORT“ ergeben. Geht man durch diese Tür, findet man sich in einem großen, von Tageslicht erhellten Fabrikloft wieder, das in kreativem Chaos zu etrinken scheint. Überall stehen und liegen Bücher, Papiere, Arbeitsmaterialien, Holzkisten und Kleinkram herum. Auf einem Regal, das vor Bildbänden fast platzt, stehen Figuren, Tassen, Schnitzereien, kleine Wimpel und noch mehr Bücher. Die Couch wird beherrscht von unzähligen Skateboard-Decks, auf dem Boden stapeln sich Tüten, Holzlatten und Schaumstoffreste, daneben steht ein Gasbrenner.

Mitten in diesem systematischen Chaos sitzen Eike und seine Studio-Managerin Lizzy und arbeiten konzentriert an ihren iMacs. Im Hintergrund rappt Iggy Azaela, irgendwo brennt eine Duftkerze von Dypitque – meine Sinne wissen gar nicht, wohin mit sich. Und trotzdem – oder vielleicht genau deswegen? – fühle ich mich direkt wohl. Es ist wie damals, als man mit dem dauerkiffenden, besten Kumpel in seinem chaotischen Jugendzimmer gechillt hat.

#beigetrifft Eike König

Als Hort bezeichnet man dort, wo ich herkomme (und wo zufälligerweise auch Eike herkommt) eine Kindertagesstätte. Im Hort wird zusammen gespielt, gelernt und gebastelt. Bei Eike gibt es zwar keine Kinder, aber lauter junge, unabhängige und kreative Menschen aus der ganzen Welt. Eike Königs Hort ist Begegnungsstätte und Playground für ein Künstler- und Designkollektiv, das sich seit Bestehen mit seinen lauten, grafischen Arbeiten erfolgreich im internationalen Wettbewerb behauptet. Insofern passt der Name für das Büro, das Eike 1994 in Frankfurt am Main gründete und mit dem er 2007 nach Berlin umzog, ganz wunderbar. Eike selbst ist für seine Mitarbeiter*innen Lehrer, Vorbild und Kumpel – und sich selbst stets treu und eine richtig coole Socke geblieben. Wie schafft man es, internationale Kunden wie Nike, das Bauhaus Dessau und diverse europäische kunst- und kulturschaffende Institutionen zu den eigenen Kunden zu zählen, dabei aber entspannt und zugänglich zu bleiben und niemals die Lust auf ordentlich Schabernack zu verlieren?

Darüber und über die Entwicklung des Hort, über die Arbeit mit großen und kleinen Kunden und seine zukünftige Rolle als Vater haben wir mit dem Künstler und Grafiker gesprochen:

Hallo, Eike. Beschreibe deinen Hort.

Unser Hort Berlin ist durch seine Lage und die große Dachterrasse eine gute Mischung aus Sozial- und Arbeitsraum. Und das war auch unsere ursprüngliche Idee, als wir mit zehn Leuten damals hier hergezogen sind. Zu Anfang war der Hort auch unser erster Kontaktpunkt, da wir alle noch keine Freunde in Berlin hatten. Wir haben also hier gearbeitet, hatten aber auch Leisure and Pleasure. Es gab viele Filmabende und BBQs, doch das hat sich mit der Zeit verändert.

Inwiefern hat sich der Hort verändert?

Zum einen das Team. Einige haben ihr eigenes Büro aufgemacht, andere sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt, um dort zu arbeiten. Inzwischen sind wir eine Art Kollektiv aus sieben Leuten, in dem jede*r selbstbestimmt und eigenverantwortlich an den jeweiligen Projekten arbeitet, und zwar auch von dort, wo die Person das möchte. Das muss dann nicht hier sein. Wir treffen uns zwei, dreimal im Monat, um die laufenden und kommenden Projekte zu besprechen. Somit hat sich der Hort auch als Ort verändert, denn ich arbeite mehr und mehr an meinen eigenen, künstlerischen Projekten und daher habe ich vor, das Büro eher in eine Art Atelier umzubauen.

Denn du bist nicht nur Grafikdesigner, sondern auch Künstler. Das kann man schon sagen, oder?

Ich bin Grafikdesigner und habe, wie jeder andere Grafikdesigner heutzutage auch, einen Computer. Aber ich komme ursprünglich aus einer anderen Education. Während meines Studiums in Darmstadt sind Computer zwar langsam aufgekommen, doch der Unterricht fand noch analog statt. Das heißt wir haben gelernt, Design mit der Hand umzusetzen und das ist auch meine ursprüngliche Sozialisation mit Design. Für mich ist die Arbeit daher immer auch eine Art von Erlebnis: Raum, Temperatur, Geruch, Format, Materialien – das nimmt einem die Digitalisierung natürlich alles weg. Deshalb gehe ich mit meiner freien Arbeit wieder zurück zu meinen Ursprüngen. Der Kreis schließt sich also wieder.

Also quasi ein Homecoming.

Ja. In der Art, wie ich künstlerisch arbeite, entschleunige ich komplett, denn meiner Arbeit ruht auch eine gewisse Zeit inne. Wenn ich mit Beton arbeite oder warte, dass Materialien sich verändern, kann ich den Prozess nicht beschleunigen und ich passe mich ihm an. Wenn man so arbeitet, erkennt man auch sofort jeden Fehler. Diese Idee vom Rückgängigmachen, vom undo, die gibt es im Leben ja fast nicht. Das klingt jetzt ein bisschen esoterisch (lacht), aber das suche ich auch. Ich muss so im Moment sein. Wenn ich unkonzentriert oder abgelenkt bin, sieht man das sofort in meiner Arbeit. Heutzutage genau diesen Gegenweg zum Digitalen zu gehen finde ich aber total reizvoll.

„Mir geht es nicht um die Schrift an sich, sondern um die Aussage.“

Du arbeitest mit Beton, Holz oder Leinen – wie kann man sich deinen Arbeitsprozess vorstellen?

Ich nähere mich an. Beim Beton probiere ich so lange rum, bis ich die richtige Mischung für die Masse habe. Ich lerne immer ganz viel, während ich mit neuen Materialien arbeite. Natürlich könnte ich auch die Abkürzung nehmen und mit Profis arbeiten und denen sagen, wie es aussehen soll. Viele erfolgreiche Künstler*innen, die viel für den Markt produzieren, machen das sicher auch, aber für mich geht es im Moment ganz stark um Lernprozesse. Viel mehr als die Ergebnisse interessiert mich etwa herauszufinden, wie sich das Material verhält, wie ich es einsetzen kann, welche Bedeutung es später hat und was ich daraus lerne. Es ist der Gegenentwurf zu meiner digitalen Persönlichkeit.

Die bei dir aber auch sehr stark ist! Fast 65.000 Follower auf Instagram ... not bad!

Das ist die Persönlichkeit, die andauernd erreichbar ist, permanent kommuniziert, sich auch inszeniert. Es ist also immer ein Storytelling mit dabei. Alles, was man auf den Social-Channels sieht, ist eine kuratierte Berichterstattung von einer scheinbaren Privatheit. Dadurch, dass es so kompensiert ist, hat man das Gefühl, dass ich dauernd unterwegs bin. Dabei ist das alles immer nur zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht.

Über Instagram verkaufst du unter anderem auch deine Kunst und lässt dich bewusst nicht von einer Galerie vertreten.

Nein, das möchte ich auch gar nicht haben. Ich möchte da keine Verträge unterschreiben und suche lieber nach Projektmöglichkeiten und versuche, das alles selbst zu organisieren und in meiner eigenen Hand zu haben. Ich möchte selbst entscheiden, was ich wann zeige und wie ich aufzutreten habe. Da brauche ich niemanden, der mir sagt: „Wir müssen jetzt alles künstlich verknappen!“, damit da irgendwelche Preise steigen.

Was macht deine Arbeiten aus?

Meine privaten Arbeiten haben natürlich ganz starke Referenzen zu meiner Disziplin als Grafikdesigner. Ich benutze sehr viel Typografie, untersuche Sprache. Formal-ästhetische Geschichten, die im Grafikdesign stattfinden, finden dann auch bei mir statt. Es gibt manchmal Referenzen zu zeitgenössischen Anwendungen und die Wahl meiner Schrift wiederum ist eine sehr klassische, neutrale. Mir geht es nämlich nicht um die Schrift an sich, sondern um die Aussage. Wenn die Schrift zu prominent wird, dann ist sie erstens verortbar in der Zeit und zweitens zu schnell gesehen und bewertet. Das sieht dann schnell dekorativ aus und Dekoration vermeide ich in meiner Arbeit.

„Ich bin der Meinung, dass Grafikdesign eine Haltung und Position haben muss.“

Nike gehört zu euren größten Kunden. Denkst du manchmal daran, was passieren würde, wenn dieser Account wegfällt?

Wir haben schon auch andere Projekte, aber es ist natürlich eine Gefahr. Ich arbeite eng mit bestimmten Personen bei Nike zusammen und wenn eine davon geht, kann auch der Job weg sein, klar. Ich habe allerdings auch nie um einen kommerziellen Kunden gepitched, die kamen immer zu uns. Kulturkunden wiederum sind in Deutschland etwas anderes, da machen wir öfter mal mit, weil öffentliche Gelder ausgeschrieben werden müssen. Nach der Ausschreibung kommt das Pitch-Verfahren. Eigentlich ist diese Vorgehensweise aber auch furchtbar.

Aber an sich ist es doch gut, wenn kleine Agenturen die Chance erhalten, für renommierte Kulturkunden zu arbeiten, oder?

Das ganze Verfahren ist falsch organisiert. Meiner Meinung nach kann man sich treffen, über das Portfolio sprechen, Arbeiten anschauen und sich darauf einigen, ob eine Zusammenarbeit passt oder nicht. Pitchen ist für kleine Agenturen eine riesige Investition. Sie bekommen für den wichtigsten Teil der Arbeit, also kein oder nur sehr wenig Geld – und zu wenig Zeit. Dieses Prinzip setzt sich immer mehr durch. Jetzt pitchen sogar schon Plattenfirmen für ein Plattencover! Mal eben günstig Ideen generieren lassen.

Es ist aber auch dieses „arm aber sexy“ von Berlin. Berlin hat kein Geld, hier leben wahnsinnig viele Kreative, auch ziemlich gute. Das ist hier wie ein Food-Service. Es gibt tausend Fahrer und alle kämpfen darum, die nächste Pizza für zwei Euro auszuliefern. Und das nutzt die Industrie aus: Hier werden ganz andere Gehälter gezahlt, als in München. Bisher waren die günstigen Lebenskosten immer das Totschlagargument, aber das stimmt auch nicht mehr.

Wie wählst du, wählt ihr, Kunden aus?

Ich bin schon immer sehr konsequent gewesen, was die Kunden angeht, die ich ablehne. Über die Jahre ist das eine Art Filter geworden und inzwischen melden sich eigentlich nur noch Leute, bei denen ich das Gefühl habe, dass das passt. Es braucht ein Grundverständnis dafür, wie wir im Hort arbeiten. Wir arbeiten prozessorientiert und ich will auch nicht, dass sich ein Kunde hier etwas aussucht aus unserem Portfolio und sagt „genau so, bitte“. Nein, man geht in ein Projekt rein und dann ist es ein Prozess, in dessen Verlauf viele Fragen gestellt und beantwortet werden und man weiß eben nicht, wie es am Ende aussehen wird. Wir sind da sehr selektiv und wir arbeiten hier auch gar nicht so viel.

Ach, nein?

Nein, wir machen immer nur so viel, wie wir brauchen. Es gibt Höhen und Tiefen, dann ist es einen Monat lang mal eher still. Aber wenn man das weiß, kann man das auch genießen. Wir bekommen keine Panik mehr (lacht). Wir werden dadurch nicht so reich, wie vielleicht andere Agenturen, das war aber auch nie mein Interesse. Umso mehr man möchte, umso mehr muss man wachsen, umso mehr Verantwortung hat man und muss am Ende vielleicht Projekte annehmen, auf die man eigentlich keine Lust hat, damit genug Geld reinkommt. Mit einer Highspeed-Agentur an der Backe könnte ich vermutlich nicht schlafen.

Dir steht etwas ganz Spannendes bevor, denn du wirst bald zum ersten Mal Vater. Wie fühlt sich das an?

Wir haben beide noch gar keine Ahnung, was auf uns zukommt und es entspricht eigentlich gar nicht unserem Lebensentwurf. Wir wollten zwar gerne ein Kind, aber wenn es dann wirklich soweit ist, ist doch etwas ganz Anderes (lacht). Natürlich sind da auch Ängste: Was macht ein Kind mit uns als Paar, was macht es mit uns persönlich, welche Rollen werden wir einnehmen müssen. Man weiß einfach nicht, wie anders diese Welt dann sein wird.

Ich habe mal gehört, dass sich alles ändert und nichts.

Wir freuen uns auch sehr und es ist auch sehr reizvoll. Ich habe so viel erlebt in meinem Leben und schon viel gesehen – was jetzt nicht heißt, dass ich nichts mehr erleben will (lacht). Aber ich möchte dann mit dem Kind viel sehen und viel erleben. Ich möchte die Art und Weise, wie ich lebe, nicht aufgeben, vielmehr möchte ich unser Kind darin integrieren und gucken, was es verändert. Man ist ja auch plötzlich jemand anderes in der Gesellschaft.

Ja, in eurem Fall seid ihr dann Vater und Mutter ...

Genau und es ist ja noch immer so, dass wenn eine Frau schwanger wird, da ist dann in der Arbeitswelt die große Diskriminierung. Es ist sehr schwer, dann wieder Fuß zu fassen. Zum Glück leben wir beide aber keine klassischen Geschlechterrollen. Wir sind ein Team, wir unterstützen uns. Ich Mann und du Frau, das leben wir so gesehen nicht, von daher wird das nun schon spannend.

Wir wünschen euch auf jeden Fall alles Gute und bedanken uns für deine Zeit und das tolle Interview, lieber Eike!

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