Ikea x Virgil Abloh: Wenn Streetwear auf Interior trifft

Nach der Sneak Peek in Paris: Wir haben die langersehnte Kooperation des Modedesigners mit der schwedischen Möbelkette analysiert. Kaufen oder nicht?

Gerade erst hatte ich die erste Céline Kollektion von Hedi Slimane verarbeitet, da flattern schon wieder die nächsten News ins Haus. Obwohl: Stopp, so richtig neu ist die Nachricht nicht, sie macht schließlich schon seit Sommer 2017 die Runde: Es gibt eine neue Designkooperation auf dem Markt. Die Rede ist nicht von H&M und Jeremy Scott (dazu bald mehr an dieser Stelle), sondern von Ikea x Virgil Abloh. Richtig gehört, Virgil Abloh ist nicht nur erfolgreicher DJ, der Chefdesigner seines eigenen Labels Off-White und seit März 2018 auch von Louis Vuitton Menswear, nein, er ist jetzt auch unter die Interior-Designer gegangen. Während der Pariser Fashion Week durften geladene Gäste nun die ersten Ergebnisse des Projekts seit dem „Keep Off“ Teppich bestaunen. Ikea präsentierte nämlich zusammen mit dem Designer bei dem Event eine exklusive Vorschau auf die kommende „Ikea x Virgil Abloh“ Kollektion. Die glücklichen Geladenen konnten zudem in einem kleine Pop-up eine limitierte Mini-Teppich-Kollektion vorab shoppen. Natürlich war sie schon nach wenigen Minuten restlos ausverkauft. So ein Event gab es bei Ikea noch nie.

Doch wie sieht die Kollektion aus, von der seit über einem Jahr so geheimnisvoll gesprochen wird und deren Bilder die Weltöffentlichkeit nur in Brotkrumen erreichen?

Foto: Ikea

Im Museum gibt es ja immer die Kunst, die man sofort versteht: Mona Lisa, Rembrandt, Andy Warhol. Gesehen und auf den ersten Blick für gut befunden. Und dann gibt es da noch die Art von Kunst, vor der man erstmal steht und sich fragt, was das eigentlich soll. Performance, alltägliche Objekte, seltsame Skulpturen. Ich denke da gleich an Anne Imhof, Erwin Wurm und Dieter Roth.

Wenn ich normalerweise zu Ikea gehe, dann passiert das nicht aus Spaß, sondern aus einem Drang heraus, etwas Lebensnotwendiges zu erwerben. Sei das eine neue Klobürste, ein 100er-Pack Teelichte oder ein neuer Pax-Schrank. Ich brauche es zum Leben; Freude bereitet mir der Besuch im schwedischen Möbelhaus erst dann, wenn ich am Ende auch noch die Selbstscanner-Kassen überlebt habe und fix und fertig meinen 1-Euro-Hotdog verspeise. Aber ich weiß immer, was mich im blau-gelben Container erwartet: Möbel. Praktisch, schlicht, günstig. Leicht aufzubauen, leicht zu benutzen. Keine große Herausforderung für mein Auge. Und erst Recht nicht für mein Hirn.

Und genau das Gleiche gilt auf den ersten Blick auch für die Kooperation mit Virgil Abloh die übrigens den Namen „Markerad“ trägt. Teppiche mit dem Aufdruck: "Grey" und "Blue", eine Wanduhr, auf der "Temporary" steht, Ikea-Taschen, auf denen groß das Wort "Sculpture" prangt. Ein Stuhl mit Türstopper am Bein, ein gläsernes Wandregal, eine Chaiselongue mit aufgesticktem Logo. Abloh hat sich, ähnlich wie Slimane bei Celine, für diese Kooperation ganz und gar nicht verstellt. Im Gegenteil: Er bleibt seinen typischen Statement-Prints treu, wie man an den Teilen seiner letzten Off-White Kollektion sieht:

Wer ist eigentlich Virgil Abloh?

Um die Kollektion zu verstehen (ähnlich wie die Mona Lisa), muss man wissen, wer der Mann dahinter ist. Denn ja, Virgil Abloh mag in der Modeszene sehr umstritten sein – für mich war er lange Zeit der Stiefbruder von Demna Gvasalia, der auf den Zug der Logomania aufgesprungen ist – doch er ist nicht ohne Grund in der Pole Position, in der er sich jetzt befindet. Gelernt hat Abloh nämlich eigentlich etwas ganz anderes: Er ist studierter Bauingenieur und Architekt – von der Möbelbranche also gar nicht so weit entfernt. Der Bezug zur Mode liegt aber anscheinend in der Familie, seine in Ghana geborene Mutter war Näherin. Nach seinem Studium lernte er während eines Praktikums bei Fendi Rapper Kanye West kennen, der genauso wie er auch ein Praktikant bei dem Brand war. Die beiden verstanden sich gut und so ernannte West Abloh nur ein Jahr später zum Kreativdirektor seiner neuen Agentur Donda. Danach hörte die berufliche Beziehung der beiden aber noch lange nicht auf. Abloh wurde Artistic Director für das Jay-Z / Kanye West Album "Watch the Throne", daraufhin gründete er sein erstes eigenes Modelabel: Pyrex Vision.

Für Pyrex Vision kaufte Abloh 2012 alte Restbestände von Ralph Lauren und bedruckte diese mit Statements, sehr Abloh-like. Verkauft wurden sie natürlich für ein Vielfaches des Ralph-Lauren-Preises. Danach begann der Aufstieg in die High-Fashion-Liga mit der Gründung des Streetwear-Labels Off-White 2013. Ein Label, das „the gray area between black and white as the color off-white“ füllt. Und das nicht nur farblich, sondern insbesondere im politischen Sinne.

Denn Off-White ist in einer (Mode-)Welt, bei der es Lob hagelt, wenn mal EIN farbiges Model die Chanel Show eröffnet, ein positiver Vorreiter in Sachen Diversität. Zur Pariser Fashion Week schickte der Designer Models jeder Hautfarbe, Ethnie, Größe, Alters und Aussehens über einen regenbogenfarbenen Catwalk – in der Branche (leider) noch alles andere als normal, gerade in der konservativen Modestadt Paris. Überhaupt ist Abloh erst der dritte schwarze Designer an der Spitze eines französischen Traditionshauses. Vor ihm schafften das nur Ozwald Boateng bei Givenchy und Olivier Rousteing bei Balmain. Erschreckend, oder?

Virgil Abloh ist ein Künstler

„You can use typography and wording to completely change the perception of a thing without changing anything about it“

Generell ist Virgil Abloh nicht einfach nur ein Modedesigner, sondern darf sich (als einer der Wenigen) auch wirklich Kreativdirektor oder, wie er es selbst gerne tut, als Künstler bezeichnen. Seine Statements spiegeln weniger Konsum wider, als eher künstlerischen Protest. Der Gebrauch von Anführungszeichen steht dabei im Fokus. So nennt er Schnürsenkel konsequent "Shoelaces" und seine Taschen sind "Sculptures", Boots sind "For Walking", der Onlineshop der Seite heißt "Website". Kein Faible, sondern eine Art von ironischer Anspielung auf das Urheberrecht und die Herkunft eines Wortes. Warum heißt etwas so, wie es heißt? Wer war wirklich zuerst da? Eine Frage, die in Zeiten von Copy-Paste und Fast Fashion wohl kaum noch beantwortet werden kann. Jedes Wort und dessen Herkunft und Bedeutung wird mit den Anführungszeichen also infrage gestellt. Warum sind Handtaschen denn Handtaschen und warum werden sie nicht als Skulpturen gesehen? Gute Frage, bei den kunstvollen It-Pieces, die so manche Frau tagtäglich mit sich herumträgt, oder?

You can use typography and wording to completely change the perception of a thing without changing anything about it”, erklärte Abloh in einem Interview mit 032c. „If I take a men’s sweatshirt and write “woman” on its back, that’s art.

Die ironische Kritik, gepaart mit der Schriftart Helvetica (die auch von Firmen wie American Apparel, Panasonic, Lufthansa, BMW und vielen mehr verwendet wird und eine der wichtigsten Design-Ikonen der 50er-Jahre ist) und seinen Streetwear-Anleihen, machen Off-White gerade zu einem der wichtigsten Labels unserer Zeit. Das ist unumstritten.

Die Designkooperation mit Ikea

Auch bei der gemeinsamen Kollektion mit Ikea greift Abloh wieder auf seine Anführungszeichen zurück und nutzt diese, um bestimmte Themen anzusprechen. Ein Teppich bildet eine Internetseite ab, die noch zur Hälfte verpixelt ist. Name des Designs: "Still Loading". Ein anderer verwirrt die Augen mit der Aufschrift "Blue", dabei ist der Teppich doch rot? Typisch Abloh. Gläserne Schränke, die alle Besitztümer zur Schau stellen. Der Türstopper ist ein wiederkehrendes Element. Warum? Abloh erklärt das so: „It's one of those things that is so pure in a way that it doesn't have a designer. And I know in the context of now we are fixated on the name equating to this. When we were stuck in the beginning thinking about what we wanted to do I had this image of an airplane wheel and two doorstops to stop it. The person who designed the wheel must think he is God but the person who designed the doorstop is equally as impactful because it can stop a plane and a wheel." Der Stopper steht metaphorisch also für die Möglichkeiten, die uns offenstehen und die Macht, die auch die kleinen Dinge im Leben haben können. Den Türstopper findet man an einem Stuhl, sowie als Couchtisch. Wer die Hintergründe und Gedanken hinter den anderen Stücken der Kollektion verstehen möchte, der schaut sich am besten die Tour von Virgil Abloh und Henrik Most, Ikeas Kreativdirektor, an. Darin zeigen sie alle Prototypen:

To Buy or Not to Buy?

Lange Rede, kurzer Sinn: Ist die Kollektion von Virgil Abloh denn nun gelungen oder nicht? Kaufen oder stehen lassen? Ikea hat sich mit Virgil Abloh einen der bedeutendsten – und vor allem einen der einflussreichsten – Designer und Künstler ins Boot geholt, der die Stimme der Gegenwart und Generation Y sein soll. Und die legt nunmal besonders viel Wert auf Design, Nachhaltigkeit und Individualität. Wohlfühlen im eigenen Zuhause ist in einer Welt, die immer schneller und internationaler wird, ein wichtiges Thema. Kein Wunder also, dass sich jemand wie Virgil Abloh, der als Kreativdirektor Einfluss auf unsere Ästhetik und unseren Geschmack nehmen möchte, sich bei dem Möbel-Giganten Ikea nicht zweimal bitten lässt. Wo hat man schließlich sonst die Chance, seine Designs an eine so breite Masse zu bringen und dies so nachhaltig zu tun, wie mit Möbeln – die tauscht man schließlich nicht so oft aus wie die Garderobe.

Wichtig war Abloh dabei vor allem eines: ein günstiger Preis. So kosten der Couchtisch 279 Euro, die Stühle 70 Euro, die Chaiselongue 100 Euro, die Teppiche zwischen 79 und 229 Euro. Die Taschen kann man schon für 10 Euro erwerben. Erreichbarkeit soll also nicht nur ein Marketing-Coup sein, sondern wirklich stattfinden.

Ich würde sagen: Schöner Gedanke Ikea, aber ob eine so spezielle und aussagekräftige Kooperation wirklich die Massen anspricht, da bin ich mir nicht sicher. Ich kann, nachdem ich mich mit jeder einzelnen Geschichte hinter den Objekten auseinandergesetzt habe, nur applaudieren! Aber wer tut das schon, wenn er oder sie bei Ikea hineinspaziert mit dem Gedanken an Duftkerzen, dem 100er-Pack Teelichte und einem neuen Einlegeboden für den Pax. Nicht viele, denke ich. Preislich massentauglich? Ja! Vom Designaspekt her? Nein!

Aber vielleicht ist das auch egal, Performance-Kunst verstehen schließlich auch nicht alle und doch werden die Künstler, die sie betreiben, immer populärer und bedeutungsvoller. Wie sagte einst Christoph Schlingensief: „Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können.

Ich wette jedoch, dass die Kollektion, die im Laufe des Jahres 2019 erscheinen soll, binnen weniger Stunden ausverkauft sein wird. Das liegt dann nicht an der großen Popularität, sondern am wahren Geheimnis einer jeden guten Kooperationen: künstliche Verknappung.

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