Interior: Statussymbol oder Trendobjekt? – Das Interview mit Roche Bobois

Schnelligkeit, Digitalisierung, Corona-Krise! Die Interior-Welt ist im Umbruch und auch bei dem Traditionsunternehmen aus Frankreich ändert sich gerade viel

Hay kooperiert mit Ikea. Ikea kooperiert mit Virgil Abloh und Virgil Abloh kooperiert mit Vitra. Die Interior-Welt ist im Umschwung. Klassische Möbel aus dem Einrichtungshaus oder dem Showroom heraus verkaufen? Das scheint immer schwieriger zu werden. Klar, ich selbst kenne niemanden, der sich ohne vorherige Onlinerecherche spontan eine Couch kauft. Stattdessen holt man sich auf Instagram vorab reichlich Inspiration, vergleicht Preise und Materialien und bestellt dann online. Die Lieferung? Bequem nach Hause. Das Haus verlassen? Auch bei Möbeln längst keine Notwendigkeit mehr.

Designernamen überzeugen viele mehr als das Produkt an sich, hippe Kooperationen müssen her, das sieht man am Verkaufsschlager Virgil Abloh, der bald für jedes Einrichtungshaus dieser Welt entworfen hat. Warum machen das große Brands wie Vitra und Ikea? Weil sie News brauchen. Auch am Interior geht die Schnelllebigkeit der vernetzten Welt nicht spurlos vorbei. Trends, Kooperationen, immer neue Kollektionen. Was eigentlich als eine Investition für ein ganzes Leben gedacht war (man denke an die Schrankwand aus Eiche), ist heute zum trendy Objekt für ein paar Jahre geworden, das nach Lust und Laune ausgetauscht wird.

Für junge, neu gegründete Brands scheint das kein Problem zu sein. Kein Wunder, sie wurden ja auch in diese verrückte, konsumsüchtige Welt hineingeboren und haben es nie anders kennengelernt – entweder halten sie als neue nachhaltige Brands dagegen oder geben sich der Schnelligkeit mit Leidenschaft und viel Geld hin. Doch wie ergeht es einem Traditionsunternehmen, das in den 1960er-Jahren gegründet wurde?

Genau das habe ich mich gefragt und mit Mark Cheret, dem Germany Manager bei Roche Bobois, über den Wandel von einem Traditionsunternehmen hin zu einem immer digitaler denkenden Brand gesprochen. Haben Möbel noch den gleichen Stellenwert wie vor 50 Jahren? Wie kann man 2020 ohne Onlineshop bestehen? Und wie hat die Corona-Krise das französische Unternehmen getroffen? Die Antworten darauf erfahrt ihr jetzt.

Für was steht Roche Bobois?

Roche Bobois ist ein klassisches Familienunternehmen, das in den 1960er-Jahren gegründet wurde. Es entstand aus zwei Familien, den Roches und den Chouchans, denen das Möbelgeschäft Au Beau Bois gehörte. Daher auch der Name Roche Bobois. Wir stehen für drei Dinge: Kreativität, Innovation und Qualität. Kreativität, weil wir mit vielen verschiedenen Designern arbeiten. Innovation, weil wir mit den neuesten Materialien und Technologien arbeiten und Qualität, weil wir einen hohen Anspruch an unsere Produktionen in Europa, genauer gesagt Italien und Frankreich haben.

Euer Slogan ist ja Art de Vivre. Was bedeutet das eigentlich?

Das ist ein sehr interessantes Konzept, sehr französisch ehrlich gesagt. Es ist die Kunst des Lebens, es geht darum, wie man das Leben genießen kann. Dazu gehört nicht nur das Interieur, sondern auch Mode, Architektur, die Gastronomie. Essen ist in Frankreich ja auch sehr wichtig.

Das heißt, ihr versteht euch schon sehr stark als französisches Label und lebt diese Seite aus. Aber wie sieht typisch französisches Interior denn aus?

Das ist eine schwierige Frage. Anders als beim italienischen oder skandinavischen Stil, wo jeder sofort ein Bild vor Augen hat, geht es bei französischem Interior eher um Inspirationen aus den verschiedenen Jahrhunderten. Es ist wohl eine Mischung aus klassischen und modernen Stücken. Roche Bobois hat ja auch zwei Kollektionen, die Contemporains und die Nouveaux Classiques. In jeder Stadt, in jedem Land gibt es eine Kundschaft für die eine oder andere Kollektion.

„Wir verbringen nicht weniger Zeit zu Hause, als es unsere Eltern getan haben. Im Gegenteil, wir können viel mehr von zu Hause machen: arbeiten und shoppen zum Beispiel.“

Und sind die Franzosen eher klassisch oder contemporary?

Also die richtigen Franzosen sind eher klassisch. Auf jeden Fall klassischer als die Deutschen, das kann man durchaus sagen. Bei meinen Großeltern – und da kenne ich viele andere französische Familien, bei denen das auch so ist – stehen zum Beispiel alte Bergère Stühle. Das gibt es bei uns irgendwie in jeder Familie. In Deutschland habe ich das noch nie gesehen.

Und wie sieht das in Deutschland aus? Was ist der typisch deutsche Wohnstil?

Hm, auch eine schwierige Frage. Je nach Stadt oder Land variiert das extrem. Wir merken aber durchaus, dass die Deutschen modernes Design bevorzugen. Manchmal auch sehr sehr sehr modern, fast schon puristisch.

Bei euch dreht sich viel um das Sofa. Das Mah Jong ist bei euch DER Bestseller. Viele Leute wissen gar nicht, dass ihr auch andere Sachen macht, Lampen, Tische und Stühle zum Beispiel. Aber ist das Sofa nicht eigentlich ein altmodisches Möbel? Heutzutage kann ich mit Laptop und Smartphone ja überall fernsehen. Warum ist das Sofa trotzdem so wichtig für euch?

Ich glaube, ich bin die richtige Generation, um diese Frage zu beantworten. Wir verbringen nicht weniger Zeit zu Hause, als es unsere Eltern getan haben. Im Gegenteil, wir können viel mehr von zu Hause machen: arbeiten und shoppen zum Beispiel. Das Sofa ist heutzutage immer noch der zentrale Punkt der Wohnung. Die meisten unserer Kunden wollen, wenn sie sich ein Haus gekauft haben, als Erstes ein Sofa kaufen.

Also sind Sofas euer absoluter Bestseller?

Das ist so! Das Sofa ist heute noch die große Stärke von Roche Bobois. Wir versuchen auch immer mehr unsere anderen Produkte in den Fokus zu rücken, da sehen wir noch viel Potenzial, aber klar, das Sofa ist unser Highlight.

Wie erklärst du dir denn den massiven Erfolg des Mah Jongs?

Das Mah Jong Sofa ist meiner Meinung nach so erfolgreich, weil es aus der prägenden Zeit der 70er-Jahre, also der Hippie-Welle, stammt. Des Weiteren gibt es so viele Stoffe, man kann das Sofa zu 100 Prozent personalisieren, das erwarten die Kunden heutzutage auch. Und weiter glaube ich, dass die Modularität eine große Rolle spielt. Es passt sich den Räumen und Kunden an.

Du sagst es, es gibt unfassbar viele Stoffe für das Mah Jong. Sind manche Kunden nicht auch schlicht weg überfordert mit der großen Auswahl?

Da sind die Kunden unterschiedlich. Manche wissen genau, was sie wollen und haben zu Hause schon recherchiert. Wir haben aber auch Architekten, die mit einem Projekt zu uns kommen. Am allerwichtigsten ist und bleibt aber die Beratung im Showroom. Hier finden wir gemeinsam raus, was die Kunden wollen und welche Farben sie bevorzugen. Ansonsten kommen wir auch zu den Kunden nach Hause, nehmen ein paar Musterteile mit und können so eine richtige Probe machen. Wir haben auch ein 3D-Programm für das Mah Jong, dort kann man seine Konstellation aufbauen, die Stoffe zusammenstellen und sie mit VR direkt bei sich zu Hause besichtigen.

Die Ikone aus dem Hause Roche Bobois: Das Mah Jong Sofa

Ihr seid also sehr auf die Beratung im Store angewiesen und habt noch keinen Onlineshop, richtig?

Unser Onlineportal in Deutschland wird Ende des Jahres 2020 zur Verfügung stehen. Allerdings erhalten wir durch unsere Homepage jetzt schon täglich sämtliche Kundenanfragen und Kontakte und wir hoffen sie schon sehr bald in aufregende Projekte umwandeln zu können. Nichtsdestotrotz empfiehlt sich gerade beim Mah Jong-Sofa ein Besuch im Store, allein wegen der Materialvielfalt.

Ende 2020 erst einen Onlineshop zu launchen, erscheint mir sehr spät. Wie steht ihr zur Digitalisierung?

Den Onlineshop müssen wir jetzt einfach anbieten, weil wir eine neue Zielgruppe erreichen wollen und neue Produkte zeigen möchten. Jüngere Kunden suchen online nach einem neuen Sofa in einer bestimmten Farbe. Wir sind mit unserem 3D-Programm ja schon vorne mit dabei, was Digitalisierung anbelangt, in Deutschland kann man das virtuelle Studio zum Beispiel in Hamburg ausprobieren.

Der Kunde kann dort mit einer VR-Brille seine eigene Wohnung betreten, mit einem Joystick in der Hand Türen öffnen und Kommoden aufmachen.

Du hast es ja gerade schon gesagt. Ihr wollt eine neue Zielgruppe erreichen. Und zwar eine, die es gewohnt ist, bei Ikea Betten für 200 Euro zu kaufen. Stellst du dir das schwierig vor?

Unsere Zielgruppe ist und bleibt im Premium-Bereich, das variiert aber nach Land und Standort. Hier in Berlin messen wir uns auf jeden Fall mit dem Premium-Segment. Ob wir alle Zielgruppen ansprechen wollen? Nein, das geht nicht. Ikea wird immer da sein – und das ist auch gut so. Wir alle haben schon mal ein Stück davon besessen, gerade für Studenten ist das eine preisgünstige Lösung.

Roche Bobois richtet sich eher an den erfolgreichen 35-jährigen Start-up-Gründer, der sich jetzt ein Roche-Bobois-Sofa kaufen möchte. Das ist schließlich ein Statement. Wir wollen jetzt die ansprechen, die in der Zukunft erfolgreich sein werden und dann die Kaufkraft haben, die wir brauchen.

Also sind eure Möbel in gewisser Weise auch ein Statussymbol?

Ja, auf jeden Fall.

„Interior ist nun mal eine Reflexion der Persönlichkeit.“

Ihr arbeitet mit vielen unterschiedlichen Designer*innen. Wie wählt ihr sie aus?

Wir legen viel Wert auf aktuelle Themen. Nicolas Roche ist heute Creative Director von Roche Bobois und er knüpft mit seinem Team viele Kontakte auf Reisen. Wir bekommen auch täglich Anfragen von Designer*innen und jedes zweite Jahr machen wir einen Wettbewerb mit Designschulen, den Roche Bobois Design Award, zu dem Student*innen zu einem Thema ein Produkt gestalten. Der*die Gewinner*in bekommt die Produktion des Prototyps und es kommt in die Showrooms. Das beste Beispiel für den Erfolg des Awards ist der Ava Stuhl, von dem bis heute über 120.000 Exemplare verkauft wurden. Das war das Gewinner-Design vom ersten Wettbewerb vor sieben Jahren, ein Schüler der Peking Design School.

Ihr lasst ja auch oft Designer*innen ganze Schaufenster designen. Wollt ihr das auch mal in Berlin machen?

Ja, wir würden gerne in jeder Stadt ein bis zwei Interior Designer*innen finden, ihm eine Auswahl an Produkten geben und er kann dann das Schaufenster in Farbe, Größe und Einrichtung so gestalten, wie es ihm gefällt.

Wenn man mit so vielen Designern zusammenarbeitet, wie stellt man dann sicher, dass alles trotzdem noch eine klare Designsprache spricht und nach Roche Bobois aussieht?

Das ist das Spiel, das wir spielen. Interior ist nun mal eine Reflexion der Persönlichkeit und wir wollen unseren Kund*innen eine breite Auswahl bieten, damit sie sich individuell ausdrücken können. Der Missoni Mah Jong sieht im Showroom zum Beispiel ganz anders aus als bei manchen Kunden zu Hause.

Apropos Missoni. Wie kam die Zusammenarbeit mit den ganzen High Fashion Designer*innen zustande?

Das kommt auch von unserer Art de Vivre. Schon ganz früh hat Roche Bobois gemerkt, dass Menschen immer wieder das Bedürfnis haben, sich neu einzurichten und immer wieder in den Showroom mit neuen Ideen kommen. Wir wollen natürlich auch Trends mitmachen, daher die Symbiose aus Mode und Interior. So ist es uns möglich, zwei Kollektionen im Jahr zu präsentieren.

Eure Trends brauchen aber länger als in der Mode. Man wartet auf ein Roche Bobois Produkt ja im Schnitt drei Monate. Drei Monate sind in der heutigen Zeitrechnung (leider) eine Ewigkeit. Wie reagieren die Kund*innen auf diese lange Lieferzeit?

Bei Produkten, die Kund*innen nur bei Roche Bobois kaufen können, warten sie gerne. Für exklusive Sachen ist man auch heutzutage noch bereit, lange zu warten, das sieht man ja auch beim Autokauf oder Unikaten im Schmuck. Das ist der Preis der Personalisierung.

Also gibt es kein Lager?

Doch, wir haben ein kleines Lager, bei dem Kund*innen ein bis zwei Module schneller nachbestellen können. Da können wir dann in zwei bis drei Wochen ausliefern, aber die Auswahl ist auch viel geringer.

Das Legend Regal

Wie steht es um das Thema Nachhaltigkeit bei Roche Bobois?

Das ist ein riesiges Thema für uns, aber nicht erst seit gestern, sondern schon vor zehn bis 20 Jahren. Roche Bobois war da sehr früh dran. Wir haben 2005 die erste Eco-Kollektion mit dem Legend Regal gelauncht. Das Legend Regal ist aus Holz, das aus einem ökologischen Wald aus Frankreich stammt. Auch die Klebstoffe, die verwendet werden, sind wasserbasiert. Wir produzieren alles in Europa und haben alle wichtigen Zertifikate.

Und leider kommen wir gerade nicht um das Thema herum, aber Stichwort Corona-Krise. Wie sehr hat sie Roche Bobois getroffen?

Die Schließung unserer europäischen Geschäfte Mitte März kam wie eine große Schockwelle auf uns zu – zuerst Italien, dann Spanien, Frankreich und Deutschland. In der gleichen Woche wurden sehr schnell aus Paris gesteuerte Arbeitsgruppen gebildet, um schnelle globale Maßnahmen zu ergreifen, wie etwa den Schutz unserer Mitarbeiter, die Aufrechterhaltung der Kommunikation mit unseren Kunden, die Fortsetzung von laufenden Projekten, und vor allem wie es nach der Wiedereröffnungen weitergehen könnte.

Die Kultur von Roche Bobois hat sich bis heute sehr stark auf den persönlichen Kontakt mit Kunden fokussiert. Unser Motto Art de Vivre hat wenig gemein mit Social Distancing, daher gilt es jetzt sowohl für uns als auch für unsere Kunden sich an neue Regeln und Beratungswege zu gewöhnen. Das sehen wir allerdings als spannende Chance, neue Methoden auszuprobieren!

Könnt Ihr im Moment noch produzieren bzw. der Nachfrage der Kunden nachkommen?

Eine der großen Stärke von Roche Bobois ist die hundertprozentige europäische Herstellung unserer Kollektionen, ob in Italien, Frankreich oder Portugal. Zwar mussten die Manufakturen ihre Arbeit bis jetzt einstellen, nun wird sie aber langsam wieder hochgefahren und wir können in ein paar Wochen wieder normale Lieferzeiten absehen und ankündigen.

Mit welchen Strategien habt ihr auf die Krise reagiert und wie sieht eure Arbeit in der Zukunft aus? 

Die heutige Krise hat unsere täglichen Gewohnheiten als Einzelhändler im Premium Segment jetzt schon sehr stark verändert. Unsere Einrichtungsberater führen zum Beispiel Beratungen durch Videocalls, wir nutzen die besagte 3D-Software mit einem VR-System, damit sich Kunden virtuell in ihrem neu eingerichteten Wohnraum bewegen können. Außerdem bieten wir nun noch mehr Haustermine an als früher oder privatisieren gern auch unsere Geschäfte für persönliche Kundentermine.

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

  • Fotos
    Roche Bobois via PR

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