„Niemand muss gleich Selbstversorger sein“ – So geht entspannter Gemüseanbau auf dem Balkon

Carolin Engwert erzählt, wie sie zur leidenschaftlichen Gärtnerin wurde und was man pflanzentechnisch alles auf seinem Balkon anstellen kann

Noch ein paar Tage und dann bin ich weg. Im großen Haus mit Garten. Den will ich möglichst schnell bepflanzen, leider ohne viel Erfahrung oder Wissen. Deshalb habe ich Carolin Engwert vom Blog Hauptstadtgarten getroffen, die seit einigen Jahren einen Schrebergarten in Berlin hat. Hier habe ich sie euch übrigens schon mal kurz vorgestellt. Sie steht ihren Lesern und Leserinnen jederzeit gerne mit Rat und Tat zur Seite. Gerade ist ihr erstes Buch übers Gärtnern erschienen. Natürlich habe ich bedacht, dass die meisten von euch keinen großen Garten zur Verfügung haben. Deshalb habe ich ihr allerhand nützliche Tipps entlockt, die jeder, der ein bisschen Gemüse anbauen möchte, ganz einfach auf seinem Balkon umsetzen kann.

Wie kamst du zum Gärtnern? 

Meine Tochter, die bald 12 wird, hat als kleines Kind angefangen zu malen. Immer ein Haus mit Garten und einem Apfelbaum. Sie sagte, dass sie sich einen Apfelbaum wünscht. Bei meiner Arbeit hatte ich dann einen Kollegen, der einen Schrebergarten hatte. Das fand ich einen guten Kompromiss zwischen meinem Mann, der unbedingt in der Stadt wohnen will und meinem Kind, das immer diesen Apfelbaum malt. Meine richtige Leidenschaft fürs Gärtnern ist erst währenddessen entstanden. Da habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich auch darüber schreiben will. Ich habe viel Literatur übers Gärtnern verschlungen und mir viel Wissen angeeignet. Besonders schön am Gärtnern finde ich, dass ich immer sofort ein Feedback bekomme. Ich probiere etwas aus und gucke was passiert. Und wenn es nicht klappt, kann ich es noch anders probieren. 

War es viel learning by doing oder hast du dir erst alles angelesen?

Ich habe sehr viele Bücher gelesen, aber auch total viel ausprobiert. Im März mache ich über unseren Kleingärtnerverband eine Fachberaterausbildung. Ich finde es total spannend, da nochmal tiefer reinzugehen und Theorie zu lernen. Über die Gärtnercommunity kenne ich auch viele Leute, die alle ihr Fachgebiet haben und die ich gerne frage, wenn ich etwas genauer wissen will. Oft frage ich auch meine Mutter, die schon immer gegärtnert hat.

Wie fängt man Gärtnern auf kleinem Raum an? Wie sehr und was sollte man planen?

Wenn man Nutzpflanzen anbauen will, sollte man sich immer erst mal fragen, was einem selbst eigentlich schmeckt. Wenn man wirklich Bock auf die Ernte hat, ist die Chance größer, dass man sich gut drum kümmert. Ich sage auch immer allen Gartenanfängern, ihr müsst im ersten Jahr nicht Selbstversorger sein. Viele Leser sind total enthusiastisch und wollen sofort alles machen. Hier besteht aber die Gefahr, dass man den Überblick verliert, frustriert zurückbleibt und denkt, man kann es nicht.

Im ersten Jahr würde ich deshalb mit einigen pflegeleichten Gemüsesorten starten, die keinen Stress machen. Buschbohnen, Zucchini, Salat. Von da kann man sich vortasten. Viele pflegeleichten Sachen muss man auch nicht unbedingt vorziehen, weil die schnell wachsen. Wer aber unbedingt mediterrane Pflanzen wie Tomaten oder Chili anbauen will, kann sich im ersten Jahr auch einfach eine fertige Jungpflanze kaufen.

Auf dem Balkon ist es wichtig zu berücksichtigen, dass die Pflanzbehälter viel kleiner sind und dadurch weniger Substrat – also Nährstoffe – hineinpassen. Man muss also mehr gießen, weil es schneller austrocknet. Und man muss die Erde öfter austauschen oder aufbereiten mit Dünger, neuer Erde oder effektiven Mikroorganismen.

Für Gemüseanbau auf dem Balkon würde ich auch Gefäße aus Kunststoff empfehlen. Die verdunsten nicht so viel Wasser wie offenporige Tontöpfe, man muss also nicht noch mehr gießen. Für manche Pflanzen muss der Kübel wirklich groß genug sein, damit sie genug Nährstoffe kriegen. Ich habe noch vor Schrebergartenzeiten versucht, Kürbis auf dem Balkon zu kultivieren. Im Blumenkasten. Und mich dann gewundert, warum das nur so ein mickriges kleines Ding ist. Natürlich ist auch wichtig, was für eine Lage der Balkon hat. Salat wächst auch auf einem schattigen Balkon, bei Tomaten sollten mindestens 5–6 Stunden Sonne am Tag auf den Balkon scheinen.

Für welche Pflanze eignet sich ein Großstadtbalkon besonders gut?

Wenn ich mich für drei Sachen entscheiden müsste: Kleine Tomaten – da bleiben auch die Pflanzen klein und man braucht nicht so viel Platz – ein paar Kräuter und Salat. 

Lieber Jungpflanzen nehmen oder selbst aussäen?

Je nachdem, wie viel Sonne man in der Wohnung hat. Perfekt ist eine sonnenbelichtete Fensterbank, die idealerweise nicht über einer Heizung angebracht ist. Dann könnte man das ausprobieren. Aber nicht zu früh anfangen. Ich säe meine Tomaten oft erst Mitte April. Das reicht aus. Es ist wirklich keine Schande, am Anfang Jungpflanzen zu kaufen. Bei Salat oder Bohnen ist es aber mit der Aussaat ganz einfach. Man steckt die Samen einfach in die Erde und der Rest passiert von selbst. 

Gibt es große Unterschiede beim Saatgut? 

Ich kaufe immer viel bei Magic Garden Seeds ein, weil die sehr gut sortiert sind und auch richtige Raritäten anbieten. Das finde ich besonders toll am Gärtnern. Ich kann all die Sorten ausprobieren, die ich noch nie im Supermarkt gesehen habe. Die haben dann eine tolle Farbe oder Form oder schmecken auch ganz anders als das, was man aus dem Laden kennt. Vor ein paar Jahren habe ich mit Magic Garden Seeds ein Garten-Starter-Set mit unkomplizierten Nutzpflanzen zusammengestellt. Ich wurde immer gefragt, was ich denn anpflanzen würde und welche Saatgutmarke gut ist. Jetzt kann ich immer auf mein Set verweisen. Es muss übrigens nicht zwingender Weise Biosaatgut sein. Wer seine Pflanzen immer nur mit Biodünger behandelt, hat am Ende auch eine Biopflanze. Aber auch viele Baumärkte haben inzwischen ganz spannende Jungpflanzen in Bioqualität, da erweitert sich das Sortiment gerade, weil die Nachfrage steigt.

Welche Nutzpflanze ist unverwüstlich?

Bohnen. Die sind echt resistent. Vor allem Buschbohnen. Die muss man weder anbinden noch sonst etwas machen. Die steckt man in die Erde und gut ist es. Und Pflücksalat.

Wie viel Erde brauchen gewisse Pflanzen? 

Es ist immer sehr wichtig, dass die Pflanzen genug Substrat haben. Also den Blumenkasten ruhig eine Nummer größer wählen. Pflanzen in kleineren Gefäßen müssen auch öfter gegossen und gedüngt werden. Auf dem Balkon würde ich übrigens einen Bioflüssigdünger nehmen, das geht am einfachsten.

Der beste Dünger ist Komposterde, aber kann man auch auf dem Balkon kompostieren?

Wenn man keine Riesenterrasse hat, würde ich es nicht machen. Man kann Wurmkompost auf den Balkon stellen. Die Würmer müssen aber in der Wohnung überwintern, weil sie sonst erfrieren würden. Wer damit kein Problem hat, kann sich eine Wurmkiste anschaffen.

Was pflanzt du am liebsten an?

Wasserspinat. Der kommt aus Asien und hat mit unserem Spinat wenig zu tun. Ich habe den in Vietnam und Thailand kennengelernt. Dort essen die Leute Stängel und Blätter gedünstet als Beilage zu vielen Gerichten. Der Stängel bleibt beim Kochen knackig während die Blätter schlapp werden. Wasserspinat habe ich dann einfach selbst angepflanzt und bin großer Fan. Und eine große Tomatenvielfalt mag ich auch sehr gern. Wenn die Sachen aus dem eigenen Garten kommen, schmeckt auch alles viel mehr nach sich selbst, da muss man gar nicht mehr viel würzen.

Wo kann man sich weiter informieren, um seinen Balkon erfolgreich zu bepflanzen?

Relativ viele Infos zum Balkongärtnern gibt es bei Sylvia und ihrem Blog Gartenfräulein. Ich lese und höre auch viele verschiedene Gärtner als Podcast. Ich finde, Gärtnern ist ein bisschen wie Kindererziehung. Es gibt ein paar Bewegungen. Aber im Detail macht es jeder anders und findet andere Sachen wichtig. Nur, dass es in der Gärtnerwelt kein Gärtnerbashing gibt, das ist sehr angenehm. Bei Erziehung von Kindern redet einem ja jeder rein.

Was erwartet deine Leser in deinem Buch „Abenteuer Garten“?

Das Buch ist nach Monaten gegliedert. Ich teile dort meine Erfahrungen, Tipps und Ideen, die ich im Laufe meiner ersten Schrebergartenjahre gesammelt habe. Wer über einen Schrebergarten nachdenkt, findet dort viele Informationen. Aber auch alle anderen Gärtner begleite ich mit meinem Buch Schritt für Schritt durch ihr erstes Gartenjahr. Von Schneckenbekämpfung bis zur Lieblingstomate kommt alles in dem Buch vor, was im ersten Jahr wichtig ist.

Fünf Tipps von Caro für den Gärtnerstart auf dem Balkon:

  1. Wer etwas Neues mit einer Pflanze ausprobieren will, kann das nur mit der Hälfte des Saatguts oder der Pflanze machen. Wenn der Test dann nicht klappt, hat man immer noch einen Rest, den man weiter kultivieren kann und hat nicht die ganze Ernte verloren.
  2. Mediterrane Pflanzen wie Tomaten oder Chilis müssen vorgezogen werden, da sie eine länger Kulturdauer haben, aber erst Ende Mai (nach den letzten Nachtfrösten) ins Freie gepflanzt werden können. Das Vorziehen kann aber am Anfang schiefgehen, besonders, wenn man eine eher dunkle Wohnung hat. Caros Empfehlung: einfach Jungpflanzen kaufen.
  3. Wer besonders große Pflanzen anbauen will, wie zum Beispiel Kürbis, kann den Samen einfach in einen Sack voll Erde pflanzen. Unten ein paar Abflusslöcher einstechen, fertig. 
  4. Schraubt eure Erwartungen runter! Niemand muss im ersten Jahr Selbstversorger sein. Versucht es mit zwei, drei Pflanzen und tastet euch von da aus vor.
  5. Euer Gemüse wird nicht so wie das aus dem Laden aussehen. Soll es auch gar nicht, also nicht enttäuscht sein.

Carolin Engwerts Buch „Abenteuer Garten – mein erstes Jahr im Schrebergarten“ ist im Kosmos Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

  • Fotos
    Carolin Engwert

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